Jetzt erst recht

Ka­ta­la­ni­sche Amts­trä­ger be­har­ren auf ei­nem Volks­ent­scheid über die Un­ab­hän­gig­keit. Der Streit mit der Zen­tral­re­gie­rung in Ma­drid spitzt sich zu

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Von tho­mas ur­ban

– Zwei Wo­chen vor dem ge­plan­ten il­le­ga­len Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum in der Re­gi­on Ka­ta­lo­ni­en wird der Schlag­ab­tausch zwi­schen der Zen­tral­re­gie­rung in Ma­drid und der Re­gio­nal­füh­rung in Bar­ce­lo­na im­mer hef­ti­ger. Das Par­la­ment in Bar­ce­lo­na hat­te vor zehn Ta­gen ein Ge­setz ver­ab­schie­det, wo­nach im Fal­le ei­ner Mehr­heit bei dem Re­fe­ren­dum be­reits am fol­gen­den Tag die staat­li­che Un­ab­hän­gig­keit ver­kün­det wer­den sol­le. Das spa­ni­sche Ver­fas­sungs­ge­richt hat­te das Ge­setz in­des um­ge­hend für un­gül­tig er­klärt, wie auch schon zu­vor sämt­li­che Pro­jek­te Bar­ce­lo­nas, die auf die Los­lö­sung der 7,5 Mil­lio­nen Ein­woh­ner zäh­len­den wirt­schafts­star­ken Re­gi­on von Spa­ni­en ab­zie­len.

Das spa­ni­sche Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um stell­te am Wo­che­n­en­de die Über­wei­sun­gen an die ka­ta­la­ni­schen Be­hör­den für die An­ge­hö­ri­gen des öf­fent­li­chen Di­ens­tes ein, sie sol­len ih­re Ge­häl­ter nun di­rekt aus Ma­drid er­hal­ten. Fi­nanz­mi­nis­ter Cris­tó­bal Mon­to­ro er­klär­te, es sol­le si­cher­ge­stellt wer­den, dass die Re­gio­nal­re­gie­rung kei­ne Mit­tel zweck­ent­frem­de. Die Post wur­de an­ge­wie­sen, kei­ne Wahl­be­nach­rich­tun­gen für das Re­fe­ren­dum zu ver­schi­cken. Be­reits in der ver­gan­ge­nen Wo­che hat­te ein Ge­richt die Ab­schal­tung ei­ner In­ter­net­sei­te ver­fügt, auf der die Re­gio­nal­re­gie­rung das Re­fe­ren­dum er­klär­te – al­ler­dings gab we­nig spä­ter Re­gio­nal­prä­si­dent Carles Pu­ig­de­mont über Twit­ter Al­ter­na­ti­va­dres­sen an, die von Ser­vern in Groß­bri­tan­ni­en und Lu­xem­burg be­trie­ben wer­den. Ge­richt­lich un­ter­sagt wur­de auch je­g­li­che Wer­bung für das Re­fe­ren­dum; die Te­le­fó­ni­ca und der bri­ti­sche Kon­zern Vo­da­fo­ne blo­ckier­ten dar­auf­hin meh­re­re In­ter­net­por­ta­le.

Die Po­li­zei­be­hör­den sind an­ge­wie­sen, in Ka­ta­lo­ni­en Wahl­zet­tel und Wahl­ur­nen zu be­schlag­nah­men; Dru­cke­rei­en wur­den un­ter dem Ver­dacht durch­sucht, Ma­te­ria­li­en für das Re­fe­ren­dum her­zu­stel­len. Die Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft in Ma­drid droh­te al­len Un­ter­stüt­zern der il­le­ga­len Ab­stim­mung ho­he Geld­stra­fen an und ver­wies dar­auf, dass der­ar­ti­ge staats­feind­li­che Ak­tio­nen mit bis zu acht Jah­ren Ge­fäng­nis ge­ahn­det wer­den könn­ten.

Bei­de Sei­ten be­schul­di­gen sich ge­gen­sei­tig ei­nes An­schlags auf die De­mo­kra­tie

Der kon­ser­va­ti­ve Pre­mier­mi­nis­ter Ma­ria­no Ra­joy er­klär­te zu den Maß­nah­men: „Un­ter­schät­zen Sie nicht die Kraft der spa­ni­schen De­mo­kra­tie!“Sei­ne Stell­ver­tre­te­rin Sora­ya Sáenz de Santa­ma­ría, die ei­gent­lich für den Dia­log mit der ka­ta­la­ni­schen Füh­rung zu­stän­dig ist, be­schul­dig­te die­se des „An­schlags auf die De­mo­kra­tie“, wie er „nur in to­ta­li­tä­ren Staa­ten“mög­lich sei. Hin­ge­gen wie­sen Ver­tre­ter der links­al­ter­na­ti­ven Grup­pie­rung Po­de­mos die­se An­schul­di­gun­gen zu­rück: Es sei die Zen­tral­re­gie­rung, die ei­nen schwe­ren An­schlag auf die De­mo­kra­tie ver­übe, wenn sie die Be­völ­ke­rung Ka­ta­lo­ni­ens dar­an hin­dern wol­le, in ei­nem de­mo­kra­ti­schen Ver­fah­ren über ih­re po­li­ti­sche Zu­kunft zu be­fin­den. Ver­tre­ter von Po­de­mos nah­men an ei­ner So­li­da­ri­täts­kund­ge­bung für die Ka­ta­la­nen in Ma­drid teil.

Der li­be­ral­kon­ser­va­ti­ve Re­gio­nal­prä­si­dent Carles Pu­ig­de­mont gab ei­nen Emp­fang für mehr als 700 ka­ta­la­ni­sche Bür­ger­meis­ter, die we­gen ih­rer Un­ter­stüt­zung für das Re­fe­ren­dum Vor­la­dun­gen von der Staats­an­walt­schaft be­kom­men hat­ten. Nur rund 200 Bür­ger­meis­ter hat­ten er­klärt, den An­wei­sun­gen Ma­drids Fol­ge zu leis­ten. Pu­ig­de­mont er­klär­te bei dem Emp­fang in of­fen­kun­di­ger An­spie­lung an die Dro­hun­gen Ra­joys: „Man soll­te nicht die Kraft des ka­ta­la­ni­schen Vol­kes un­ter­schät­zen!“Ein Rück­schlag für die Zen­tral­re­gie­rung war es, dass sich die links­al­ter­na­ti­ve Ober­bür­ger­meis­te­rin von Bar­ce­lo­na, Ada Co­lau, nach lan­gem Zö­gern nun of­fen auf die Sei­te der Ver­fech­ter des Re­fe­ren­dums ge­stellt hat. Auch sie kri­ti­sier­te, dass Ra­joy bis­lang je­den Dia­log über die Zu­kunft Ka­ta­lo­ni­ens ver­wei­gert ha­be und nur auf ju­ris­ti­sche so­wie ad­mi­nis­tra­ti­ve Re­pres­si­on set­ze. Erst am Mon­tag hat­ten in Bar­ce­lo­na meh­re­re Hun­dert­tau­send Men­schen für das Recht auf Ab­stim­mung de­mons­triert.

Pu­ig­de­mont und wei­te­re Mit­glie­der der ka­ta­la­ni­schen Füh­rung er­klär­ten in ei­nem of­fe­nen Brief an Ra­joy ih­re Be­reit­schaft, in Ver­hand­lun­gen ei­nen Aus­weg aus der schwe­ren Kri­se zu su­chen. Wäh­rend Ma­drid mit der spa­ni­schen Ver­fas­sung ar­gu­men­tiert, führt Bar­ce­lo­na zur Recht­fer­ti­gung des Re­fe­ren­dums das Selbst­be­stim­mungs­recht der Völ­ker laut UN-Char­ta an, so­wie die Ent­schei­dung des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs zum Kon­flikt um die staat­li­che Un­ab­hän­gig­keit des Ko­so­vo.

Ei­nen der Haupt­streit­punk­te zwi­schen Ma­drid und Bar­ce­lo­na stellt tra­di­tio­nell der Fi­nanz­aus­gleich zwi­schen den Re­gio­nen dar, bei dem sich die Ka­ta­la­nen stark be­nach­tei­ligt se­hen. Die Mit­tel wer­den von Ma­drid nicht, wie et­wa in der Bun­des­re­pu­blik, nach ei­nem von al­len Be­tei­lig­ten ge­mein­sam aus­ge­han­del­ten Schlüs­sel ver­ge­ben; viel­mehr müs­sen die Re­gio­nal­po­li­ti­ker für ei­nen Groß­teil der Haus­halts­mit­tel in Ma­drid an­ti­ch­am­brie­ren.

FO­TO: AP/EMI­LIO MORENATTI

So vie­le Fin­ger wie ro­te Strei­fen auf der Flag­ge: Am Sams­tag ver­sam­mel­ten sich mehr als 700 der 948 ka­ta­la­ni­schen Bür­ger­meis­ter in Bar­ce­lo­na, um für die Un­ab­hän­gig­keit von Spa­ni­en zu de­mons­trie­ren.

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