„The­re­sa May ist ei­ne po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne“

Chef der Li­be­ral­de­mo­kra­ten setzt wei­ter auf Exit vom Br­ex­it

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Interview: cath­rin kahl­weit

Die Li­be­ral De­mo­crats, die der­zeit ih­ren Par­tei­tag in Bour­ne­mouth ab­hal­ten, sind die ein­zi­ge bri­ti­sche Par­tei, die sich ein­deu­tig ge­gen den Aus­tritt aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on po­si­tio­niert hat­te und nach dem Re­fe­ren­dum bei ih­rem Nein ge­blie­ben ist. Ihr Par­tei­chef Vin­ce Ca­ble er­klärt, war­um ein wei­cher Br­ex­it für ihn kein Aus­weg ist – und Au­ßen­mi­nis­ter Bo­ris John­son ein Fan­tast.

SZ: Bo­ris John­son hat ge­ra­de mal wie­der be­tont, der Br­ex­it wer­de ein tol­ler Er­folg. Wie ernst ist das zu neh­men?

Vin­ce Ca­ble: Das ist lä­cher­lich. Der Br­ex­it wird wie ein Au­to­un­fall wer­den, die Fra­ge ist nur, wie schlimm die­ser Un­fall aus­geht. Das hängt von den Um­stän­den ab, von Kom­pro­mis­sen. John­son lebt in ei­ner Fan­ta­sie­welt; er glaubt, er kön­ne die Be­din­gun­gen be­stim­men und Ver­trä­ge mit Län­dern wie Neu­see­land aus­han­deln, die dann je­ne Aus­fäl­le kom­pen­sie­ren, die wir im Han­del mit der EU er­lei­den. Er ver­steht, wie vie­le To­ries, nicht, was der ge­mein­sa­me Markt be­deu­tet; was sich in 30 Jah­ren an Ver­knüp­fun­gen und Re­gel­wer­ken ent­wi­ckelt hat und wie viel es braucht, um all das zu er­set­zen – von der zi­vi­len Luft­fahrt über Eu­ra­tom bis hin zu Blut­kon­ser­ven.

Was könn­te denn The­re­sa May am Frei­tag in Flo­renz sa­gen, um die Ver­hand­lun­gen zu er­leich­tern oder zu be­schleu­ni­gen?

Ich bin mir nicht si­cher, ob sie noch für sich selbst spricht. Sie ist ei­ne Ge­fan­ge­ne der Grup­pe, die sich dem har­ten Br­ex­it ver­schrie­ben hat; wenn sie zu weit aus der Rei­he aus­schert, wer­den sie ihr den Tep­pich un­ter den Fü­ßen weg­zie­hen und ihr die Füh­rung strei­tig ma­chen. Sie ist ei­ne po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne, sie hat viel Ver­trau­en ver­spielt. Sie kann sehr kon­fron­ta­tiv re­den oder eher kon­zi­li­ant, bei­des wird ihr rie­si­ge Pro­ble­me ma­chen.

Ih­re Par­tei ist ge­gen den Br­ex­it, aber der ist wohl nicht auf­zu­hal­ten. Sie sind aber auch ge­gen ei­ne Über­gangs­pe­ri­ode nach 2019, al­so ge­gen ei­nen wei­chen Br­ex­it. Wä­re der nicht das klei­ne­re Übel?

Die Kon­ser­va­ti­ven ver­ste­hen un­ter Über­gangs­pe­ri­ode et­was völ­lig an­de­res als die EU. Es ist die Sa­che mit dem Ku­chen, den sie be­hal­ten und zu­gleich es­sen wol­len: Die To­ries wol­len um­ge­hend ei­nen Ein­wan­de­rungs-Stopp, aber sie wol­len, ir­gend­wie, im ge­mein­sa­men Markt und der Zoll­uni­on blei­ben. Wir wis­sen, dass das nicht mög­lich ist. Au­ßer­dem sind vie­le To­ries gar nicht be­reit für ir­gend­ei­nen Kom­pro­miss, sie wol­len ein ra­di­ka­les Er­geb­nis und ver­su­chen das zu er­rei­chen, in­dem sie Stim­mung ge­gen Eu­ro­pa ma­chen. Sie hal­ten das für die bes­se­re Lö­sung als je­den Kom­pro­miss. Stimmt. Ich hal­te die­sen Weg für Selbst­be­trug. Die ein­zi­ge Lö­sung wä­re ei­ne, die La­bour vor­ge­schla­gen hat: al­le Vor­ga­ben der EU ak­zep­tie­ren – und kei­ne Kon­trol­le dar­über be­an­spru­chen. Aber das Pro­blem da­mit ist, dass La­bour nicht klar sagt, was am En­de die­ser Pe­ri­ode ste­hen soll: raus­ge­hen oder drin­nen­blei­ben. Sie ki­cken da­mit die Do­se nur ein Stück wei­ter die Stra­ße hin­un­ter. Wir leh­nen den Br­ex­it be­kannt­lich grund­sätz­lich ab. Wir kön­nen uns kei­ne Lö­sung vor­stel­len, bei der ein Br­ex­it für Groß­bri­tan­ni­en bes­ser wä­re.

Sie for­dern ein zwei­tes Re­fe­ren­dum, das Sie aber ein „neu­es ers­tes Re­fe­ren­dum“nen­nen. Wor­um geht es da­bei?

Wir wol­len ei­ne Volks­ab­stim­mung über das Ver­hand­lungs­er­geb­nis. Die Wäh­ler sol­len über das ent­schei­den, was die Re­gie­rung am En­de an Fak­ten vor­legt, und wenn das ge­fällt, soll der Br­ex­it um­ge­setzt wer­den. Wenn nicht, gibt es ei­nen Exit vom Br­ex­it. Idea­ler­wei­se soll­te die­ses Re­fe­ren­dum vor dem 29. März 2019 statt­fin­den.

Vie­le Bri­ten wa­ren nach der Ab­stim­mung über den Br­ex­it scho­ckiert. Trotz­dem hat Ih­re Par­tei bei der letz­ten Wahl da­von kaum pro­fi­tiert. War­um?

Vie­le Leu­te hat­ten den Ein­druck, wir woll­ten das Re­fe­ren­dum noch ein­mal ab­hal­ten, weil es schief­ge­gan­gen war, und das war den Wäh­lern nicht ver­mit­tel­bar. Wir ha­ben nicht deut­lich ge­nug ge­macht, dass wir ein an­de­res Re­fe­ren­dum wol­len – ei­nes über das Wie, nicht das Ob. Zu­dem kam die Wahl im Ju­ni zu früh für uns. Die ne­ga­ti­ven Fol­gen des Br­ex­it wa­ren noch nicht deut­lich, und sind es bis heu­te nicht.

Das klingt, als glaub­ten Sie dar­an, dass Ih­re Par­tei zu­le­gen wird, wenn die wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Fol­gen des Br­ex­it in al­ler Dra­ma­tik ein­ge­tre­ten sind.

Ja, die­se Chan­ce se­he ich tat­säch­lich.

La­bour und Je­re­my Cor­byn wer­den hier auf dem Par­tei­tag häu­fig als der ei­gent­li­che Geg­ner dar­ge­stellt. Sind sie das?

Nun, sie sind mit po­li­ti­schem Ver­rat durch­ge­kom­men. Sie wa­ren ei­ne An­ti-Br­ex­itPar­tei, dann wa­ren sie har­te EU-Geg­ner, jetzt la­vie­ren sie. Sie ha­ben vie­le Stim­men auf der Ba­sis fal­scher Be­haup­tun­gen be­kom­men. Und sie sind sehr links, wie Die Lin­ke in Deutsch­land. Wir da­ge­gen sind nun mal ei­ne de­zi­diert li­be­ra­le Par­tei.

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