Gra­na­ten zu Pflug­scha­ren

Die EU rät­selt, was mit ge­schmug­gel­ten Waf­fen ge­sche­hen soll

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Le­na kampf

Brüs­sel – Das Mo­tor­boot El Mukhtar er­schien am 1. Mai auf dem Ra­dar des deut­schen Ten­ders Rhein, der das Mit­tel­meer vor der li­by­schen Küs­te kreuz­te. Die Bun­des­wehr­sol­da­ten, die im Rah­men der EUMa­ri­ne-Mis­si­on „So­phia“zur See­notret­tung von Flücht­lin­gen auch Waf­fen­schmug­gel nach Li­by­en ver­hin­dern sol­len, schick­ten ein Team los, um die El Mukt­har zu kon­trol­lie­ren. Die Be­sat­zung, un­ter li­by­scher Flag­ge, ließ sich oh­ne Wi­der­stand durch­su­chen. Un­ter Deck fan­den die Sol­da­ten: Ma­schi­nen­ge­weh­re, Mör­ser, Pan­zer­fäus­te, Gra­na­ten und Mu­ni­ti­on. Es dau­er­te St­un­den, das kon­fis­zier­te Kriegs­ge­rät auf den Ten­der zu ver­frach­ten. Die Bun­des­wehr mel­de­te den Fund stolz ans Haupt­quar­tier: Ihr war der ers­te gro­ße Fang ge­lun­gen.

Zum ers­ten Mal wur­de auf dem Mit­tel­meer ei­ne Waf­fen­lie­fe­rung ver­hin­dert, von der Si­cher­heits­be­hör­den ver­mu­ten, dass sie für Kon­flikt­par­tei­en in Ben­gasi be­stimmt war. So schreibt es ei­ne Re­so­lu­ti­on des UN-Si­cher­heits­rats vom Ok­to­ber 2015 der eu­ro­päi­schen Ma­ri­ne im Mit­tel­meer vor. Of­fen­bar war man da­bei auf vie­les vor­be­rei­tet, je­doch nicht dar­auf, was pas­sie­ren soll, wenn man tat­säch­lich Schmugg­ler fin­det. Flücht­lin­ge, die man auf dem Mit­tel­meer vor dem Er­trin­ken ret­tet, bringt man nach Ita­li­en. Wo­hin je­doch mit Ka­lasch­ni­kows? Die­se Fra­ge be­schäf­tigt Brüs­sel seit dem Fund. Ein Dut­zend Pan­zer­fäus­te sind für die EU zu ei­nem Pro­blem ge­wor­den. Es geht um die La­ge­rung und um die mög­lich Zer­stö­rung des Kriegs­ge­räts und dar­um, wer das be­zah­len soll.

Ab­ge­la­den wur­de die Fracht mitt­ler­wei­le im si­zi­lia­ni­schen Ha­fen Au­gus­ta. Doch die Ita­lie­ner wol­len nicht al­lein auf den Waf­fen und den Kos­ten sit­zen blei­ben. Und so ha­ben sich die hoch­ran­gi­gen Sol­da­ten des EU-Mi­li­tär­aus­schus­ses (EUMC) Ge­dan­ken über mög­li­che Lö­sun­gen ge­macht und die­se in ei­nem ver­trau­li­chen Pa­pier prä­sen­tiert, das die Süd­deut­sche Zei­tung und der WDR ein­se­hen konn­ten: Viel­leicht kön­nen

Rhein die Mit­glieds­staa­ten et­was mit dem Kriegs­ge­rät an­fan­gen? Der EU-Mi­li­tär­aus­schuss je­den­falls hält viel da­von, bei den Län­dern mal nach­zu­fra­gen, ob dort In­ter­es­se an den Waf­fen und der Mu­ni­ti­on be­steht. Zu­min­dest aber soll­te man fra­gen, ob sie nicht be­reit wä­ren, die Zer­stö­rung zu über­neh­men, wie es in dem Pa­pier heißt. Die Fran­zo­sen hat­ten das zu Be­ginn der Mis­si­on ein­mal an­ge­bo­ten, 64 000 Eu­ro pro Con­tai­ner Waf­fen. Doch ei­ni­ge Län­der wei­gern sich, fi­nan­zi­ell über­haupt et­was bei­zu­tra­gen. Zu Be­den­ken ge­ge­ben wird auch, dass die Schmug­gel­wa­re in ei­ni­gen Fäl­len vor Ge­richt noch als Be­weis­ma­te­ri­al be­nö­tigt wer­den könn­te – und dass die UN-Ex­per­ten die Waf­fen noch un­ter­su­chen müs­sen. Der Eu­ro­päi­sche Aus­wär­ti­ge Di­enst, kurz EAD, ist nun ge­hal­ten, Vor­schlä­ge zur Pro­blem­lö­sung zu er­ar­bei­ten. Die wer­den noch für die­sen Mo­nat er­war­tet.

Die Fi­nanz­fra­ge je­den­falls dul­de „kei­nen Auf­schub mehr“, heißt es mah­nend in dem Schrei­ben. Von Sei­ten des EU-Mi­li­tär­aus­schus­ses wünscht man sich nun ei­ne Art Ge­brauchs­an­wei­sung da­für, wie man bei zu­künf­ti­gen Waf­fen­fun­den ver­fah­ren soll. Schließ­lich, so war­nen die Of­fi­zie­re des Mi­li­tär­aus­schus­ses, müs­se ver­hin­dert wer­den, was „mög­li­che recht­li­che Kon­se­quen­zen und auch ne­ga­ti­ve Fol­gen für den Ruf der Ope­ra­ti­on“ha­ben könn­te: Auf kei­nen Fall soll­ten die Schif­fe der Ope­ra­ti­on „So­phia“Waf­fen und Mu­ni­ti­on ein­fach im Mit­tel­meer ver­sen­ken. Es sei denn, „hö­he­re Ge­walt“zwin­ge sie da­zu.

Dies wä­re al­ler­dings nicht ein­mal un­ge­wöhn­lich. Schif­fe, die im Auf­trag der EU vor der so­ma­li­schen Küs­te Pi­ra­ten­schif­fe kon­trol­lie­ren, sol­len laut Bun­des­wehr­krei­sen durch­aus ein­mal kon­fis­zier­te Waf­fen und Spreng­stoff über Bord ge­wor­fen ha­ben – weil der Trans­port oft kost­spie­lig und ge­fähr­lich sein kann. In der Ma­ri­ne hat man da­für so­gar ein Wort: „Ozea­ni­sie­ren“. Im Fall der li­by­schen Waf­fen im Mit­tel­meer je­doch sei dies un­be­dingt zu ver­mei­den.

FO­TO: BUN­DES­WEHR/RICARDA SCHÖNBRODT

Im Mai brach­te die vor Li­by­en ein Mo­tor­boot mit Waf­fen auf. Seit­dem wird die Ver­ant­wor­tung für den Fund hin- und her­ge­scho­ben.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.