Es war doch nur Sekt

Sie trin­ken, wenn das Kind im Bett, die Ar­beit er­le­digt ist. Erst ein Glas, dann drei. Al­ko­hol­sucht trifft zu­neh­mend auch Frau­en. Zu Be­such in ei­ner Sucht­kli­nik

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - PANORAMA - Von michae­la schwinn

Zwei St­un­den. Län­ger hielt es Es­t­her Blum nicht in ih­rer Werk­statt aus. Zu Fuß lief sie nach Hau­se, es wa­ren nur ein paar Me­ter. Sie öff­ne­te den Kühl­schrank und trank aus der Sekt­fla­sche. Ein gro­ßer Schluck, ein zwei­ter, ein drit­ter. Es pri­ckel­te auf ih­rer Zun­ge. Zwei St­un­den, so lan­ge wür­de der Pe­gel hal­ten.

Ein lan­ger, kah­ler Kor­ri­dor, selbst­ge­mal­te Bil­der an den Zim­mer­tü­ren. Als Es­t­her Blum zum ers­ten Mal den grü­nen Tep­pich­bo­den der Sucht­kli­nik Jo­han­nes­bad in Furth im Wald ent­lan­glief, ras­te ihr Puls. Wie soll­te sie die 15 Wo­chen nur durch­ste­hen? Sie ver­miss­te ihr Mäd­chen, sie ver­miss­te den Sekt. Da stand sie nun in ih­rem neu­en Zim­mer. Die Wän­de weiß, ihr Herz schwer. Ei­ne Frau Mit­te 30, dunk­le Au­gen, lan­ge Wim­pern, Kurz­haar­schnitt. Sie hat als Kfz-Mecha­ni­ke­rin ge­ar­bei­tet, da war ih­re Toch­ter, die sie ab­göt­tisch lieb­te. Ei­gent­lich hat­te sie al­les. Und jetzt war da nur noch Angst.

Am En­de konn­te sie sich nicht mehr kon­zen­trie­ren, die schma­len Fin­ger zit­ter­ten

Al­ko­ho­li­ker, das wa­ren lan­ge Zeit die Män­ner in den Knei­pen, die ein Bier nach dem an­de­ren kipp­ten. Oder die har­ten Trin­ker mit Stroh Rum oder Wod­ka in der Hand. Die Al­ko­hol­sucht galt lan­ge als Män­ner­krank­heit. Jetzt zei­gen Stu­di­en, dass die Zahl der be­trof­fe­nen Frau­en steigt.

Bei Es­t­her Blum, die nicht mit ih­rem ech­ten Na­men in der Zei­tung ste­hen will, fing es mit ei­nem Glas Sekt an, abends beim Fern­se­hen. Eins kann ja nicht scha­den, dach­te sie. Dann wa­ren es zwei, drei. Am En­de konn­te sie sich oh­ne Al­ko­hol nicht mehr kon­zen­trie­ren, die schma­len Fin­ger zit­ter­ten. Mit­tags fuhr Blum zum Su­per­markt. Um die­se Uhr­zeit wür­de sie kei­ne Be­kann­ten tref­fen. Nie­mand wür­de Fra­gen stel­len, wenn sie wie­der vor dem Wein­re­gal stand, sich kurz um­schau­te und dann Fla­sche um Fla­sche in den Wa­gen lud. Sie spür­te die Bli­cke der Ver­käu­fe­rin­nen. Die schon wie­der, das muss­ten sie sich ge­dacht ha­ben.

Ja, sie trank zu viel, das wuss­te sie schon da­mals. Aber ei­ne Al­ko­ho­li­ke­rin? Nein, das war sie nicht. Sie trank doch nur Sekt. Am Schluss drei Fla­schen am Tag. So ging es Wo­che für Wo­che, Mo­nat für Mo­nat. Sie trank und fuhr Au­to. Sie trank und hol­te ihr Mäd­chen von der Ki­ta. Dann kam der Winter, 2016, drau­ßen lag Schnee, drin­nen war es warm. Sie lief zum Kühl­schrank, nahm die Fla­sche und trank. Im Au­gen­win­kel sah sie ih­re Toch­ter, sie spür­te, wie ihr die klei­nen Au­gen folg­ten. Und plötz­lich war ihr klar, dass es so nicht wei­ter­ge­hen konn­te. Ih­re Toch­ter brach­te sie zu ih­rer Mut­ter. Erst mach­te sie ei­nen Ent­zug, dann ging sie nach Furth im Wald.

Chef­arzt Rein­hart Schüp­pel läuft durch den Kli­nik­gar­ten. Schüp­pel grüßt die Pa­ti­en­ten, plau­dert. Die Fach­kli­nik Jo­han­nes­bad ist die größ­te ih­rer Art in Bay­ern. Und ei­ne von et­wa zehn Ein­rich­tun­gen in Deutsch­land, die sich auch auf Frau­en spe­zia­li­siert hat. Denn Sucht ist nicht gleich Sucht. Frau­en trin­ken meist heim­lich, dann, wenn das Kind im Bett liegt und die Haus­ar­beit er­le­digt ist. Für Män­ner spielt der Ge­nuss ei­ne wich­ti­ge Rol­le und die Ge­sel­lig­keit. Für Frau­en ist der Al­ko­hol ei­ne schnel­le Lö­sung. Ei­ne Art Me­di­zin. Als das Haus vor 40 Jah­ren er­öff­ne­te, sagt Schüp­pel, gab es hier kaum Pa­ti­en­tin­nen. „Da sa­ßen mal ei­ne oder zwei in den The­ra­pie­grup­pen, der Rest wa­ren Män­ner.“Jetzt sei die Nach­fra­ge groß, die War­te­lis­te für die Frau­en­ab­tei­lung lang.

Erst vor ein paar Wo­chen wur­de der ak­tu­el­le Dro­gen- und Sucht­be­richt der Bun­des­re­gie­rung vor­ge­stellt: Dem­zu­fol­ge nä­hert sich der Al­ko­hol­kon­sum von Män­nern und Frau­en an. Vor al­lem bei jun­gen Frau­en ge­be es kaum mehr ei­nen Un­ter­schied zum Trink­ver­hal­ten der Män­ner. Die Zahl der al­ko­hol­ab­hän­gi­gen Frau­en ist eben­falls ge­stie­gen: „An­fang des 20. Jahr­hun­derts war pro­ble­ma­ti­sches Trink­ver­hal­ten bei Män­nern noch drei­mal so ver­brei­tet wie bei Frau­en“, sag­te kürz­lich Bas­ti­an Wil­len­borg, ein Spe­zia­list für Such­ter­kran­kun­gen aus Ber­lin. „Jetzt lie­gen Män­ner nur noch leicht vor­ne.“Er be­zog sich auf ei­ne Stu­die aus Aus­tra­li­en, die ver­schie­de­ne Län­der um­fasst. Woran liegt das? Wel­che Rol­le spielt die Eman­zi­pa­ti­on, der Stress?

„Mei­ne Mut­ter ist in den Zwan­zi­ger­jah­ren ge­bo­ren, sie trank mal ein Glas Sekt zu Sil­ves­ter“, sagt Schüp­pel, er läuft vor­bei an Zim­mern, die kei­ne Na­men tra­gen, nur Num­mern. „Ei­nen Schwips ha­be ich bei Frau­en ih­rer Ge­ne­ra­ti­on nie er­lebt.“Es war ei­ne Zeit, in der es sich für Frau­en nicht ge­hör­te, zu trin­ken. Wenn sie es ta­ten, dann heim­lich, zu Hau­se. Mit der Eman­zi­pa­ti­on än­der­te sich das. Nun durf­ten Frau­en trin­ken – was, wo und so viel sie woll­ten. Cock­tails ge­hö­ren jetzt zu Frau­en­a­ben­den da­zu, so­wie Ge­trän­ke in Pa­s­tell­far­ben. Und die Zahl al­ko­hol­ab­hän­gi­ger Frau­en nahm zu.

Sie wur­de nicht miss­braucht, sie wur­de nicht ge­schla­gen – war­um sie dann trank?

„In den nächs­ten Jah­ren er­war­ten wir noch ei­ne Stei­ge­rung“, sagt Schüp­pel. Er zeigt ein Wand­bild: ein Krie­ger und ein Dra­che. Der Fur­ther Dra­chen­stich, da­für ist die Stadt be­kannt. Und ir­gend­wie pas­se das doch ganz gut, sagt Schüp­pel. Die Sucht sei wie ein Mons­ter, viel grö­ßer und stär­ker als man selbst, der Kampf scheint aus­sichts­los. Bis der ei­ne Schwert­hieb ge­lingt und man merkt, dass man das Mons­ter be­sie­gen kann. Er läuft wei­ter den Flur hin­un­ter, dann bleibt er ste­hen. Für ihn ist hier Schluss. Hier be­ginnt die Frau­en­sucht­ab­tei­lung. Nur The­ra­peu­tin­nen und die et­wa 30 Pa­ti­en­tin­nen ha­ben hier Zu­tritt.

Hier wohnt Es­t­her Blum. Ihr Zim­mer ist jetzt bunt, sie malt seit ei­ner Wei­le: Ele­fan­ten und fleisch­fres­sen­de Pflan­zen, was ihr so ein­fällt. Im­mer, wenn sie trau­rig ist, wenn sie frü­her den Sekt ge­holt hat, nimmt sie ei­ne Lein­wand. Nun sitzt sie hier, der Rü­cken ge­ra­de, die Hän­de im Schoß. Sie über­legt lan­ge, be­vor sie ant­wor­tet, ih­re Sät­ze sind kurz. Es fällt ihr schwer, ih­re Ge­schich­te zu er­zäh­len.

Auch in den Grup­pen­sit­zun­gen saß sie oft da und hör­te nur zu. Da wa­ren Frau­en, die von se­xu­el­lem Miss­brauch in der Kind­heit er­zähl­ten, oder von Schlä­gen. Sie wur­de nicht miss­han­delt, nicht ver­prü­gelt, auch ih­re El­tern tran­ken nicht. War­um sie dann trank, frag­te sie die The­ra­peu­tin. „Mir wur­de al­les zu viel“, sag­te sie. „Ich muss­te in der Ar­beit funk­tio­nie­ren, als Mut­ter und Part­ne­rin. Ich hat­te kaum mehr Zeit für mich.“Vie­len Frau­en hier geht es ähn­lich. Zu­erst kam der Mann, die Kin­der, der Bü­ro­job, die Wä­sche, und zu al­ler­letzt ka­men sie selbst. Man­che Frau­en wa­schen auch in der Kli­nik die Ho­sen an­de­rer Pa­ti­en­ten, bü­geln die Hem­den frem­der Män­ner. Es ist wie mit der Sucht. Al­te Ge­wohn­hei­ten wird man nicht so schnell los.

15 Wo­chen ist Es­t­her Blum nun hier. In ein paar Ta­gen wird sie die Kli­nik ver­las­sen. Sie weiß selbst: wer ein­mal süch­tig war, kann es schnell wie­der sein. Sie wird in ei­ne an­de­re Stadt zie­hen, weg von der Werk­statt, ein neu­er Be­ruf. Die al­ten Ge­wohn­hei­ten sol­len sie nie mehr ein­ho­len.

FO­TO: IM­A­GO

Die Sucht der Frau­en: Ge­trun­ken wird heim­lich, wenn der Tag zu lang und al­les zu viel ist.

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