Müll ver­west nicht

Plas­tik, über­all Plas­tik: Zu Be­such beim Küs­ten­putz­tag

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - PANORAMA - Tho­mas hahn

Mel­dorf – Tan­ja Mat­t­hies steht am Deich von Mel­dorf an der Nord­see und mag nicht, was sie sieht. Die Re­fe­ren­tin für die Schutz­ge­bie­te Wöhr­de­ner Loch und Kro­nen­loch kramt im Spül­saum, dem brau­nen Band aus Treib­gut, das vom jüngs­ten Sturm auf der Deich­wie­se lie­gen ge­blie­ben ist. Und sie fin­det dar­in lau­ter Din­ge, die da nicht hin­ein­ge­hö­ren. „Pa­raf­fin, Plas­tik, Sty­ro­por, wie­der Pa­raf­fin, wie­der Plas­tik.“Sie sam­melt die bun­ten Tei­le ein. Nach we­ni­gen Mi­nu­ten ist ih­re Tü­te gut ge­füllt, vor al­lem mit Plas­tik­müll, Oh­ren­stäb­chen, Luft­bal­lon­res­ten, Fla­schen­de­ckeln, auch Tei­le ei­nes Fi­scher­net­zes sind da­bei. „Ich sa­ge im­mer, bei Sturm kotzt sich das Meer aus“, sagt Tan­ja Mat­t­hies. Die Wel­len tra­gen dann hö­her ans Land, was die See be­las­tet, und ge­währt da­mit ei­nen et­was bes­se­ren Blick auf ein mäch­ti­ges Pro­blem.

Es ka­men nur zehn Leu­te an den Deich, die Lo­kal­zei­tung be­rich­te­te nicht ein­mal

Am Sams­tag war Küs­ten­putz­tag auf der gan­zen Welt, ei­ne Ak­ti­on der ame­ri­ka­ni­schen Mee­res­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on Oce­an Con­ser­van­cy. In Deutsch­land rief der Na­tur­schutz­bund Na­bu da­zu auf, an Küs­ten und Fluss­ufer zu kom­men, um ei­nen klei­nen Bei­trag zu leis­ten im Kampf ge­gen ei­nen Müll aus der Men­schen­welt, mit dem die Na­tur al­lein nicht fer­tig­wer­den kann.

Äl­te­re Küs­ten- und In­sel­be­woh­ner er­in­nern sich noch dar­an, wie sie sich einst als Kin­der dar­über freu­ten, wenn das Meer mal ei­ne Do­se oder ei­ne Fla­sche an Land spül­te und da­mit ei­ne Art Bot­schaft aus der gro­ßen, wei­ten Welt der Städ­te in die Idyl­le brach­te. Heu­te freut sich nie­mand mehr über das un­na­tür­li­che Treib­gut. Die vie­len zer­knautsch­ten Plas­tik­fla­schen und Klein­tei­le sind nicht mehr zu zäh­len. „Trotz in­ter­na­tio­na­ler Ab­kom­men lan­den jähr­lich im­mer noch vie­le Mil­lio­nen Ton­nen Plas­tik in den Welt­mee­ren, ein nicht un­be­deu­ten­der An­teil dar­an auch in der Nord- und Ost­see“, mel­det das Bun­des­amt für Na­tur­schutz. Und die­ser Müll ver­west nicht. Mee­res­säu­ger, Fi­sche und Vö­gel ver­wech­seln ihn mit Nah­rung und ver­en­den mit vol­lem Ma­gen. Win­zi­ge Plas­tik­teil­chen schwe­ben im Was­ser, wer­den von Fi­schen auf­ge­nom­men und kom­men so auch auf den Spei­se­plan der Men­schen. Vö­gel be­kom­men auf der Fi­sch­jagd Plas­tik­fä­den aus Fi­scher­net­zen in den Schna­bel, bau­en ih­re Nes­ter da­mit und ver­hed­dern sich teil­wei­se töd­lich dar­in.

Kunst­stoff ist ein wich­ti­ger Baustein der heu­ti­gen Welt, weil er so bil­lig, sta­bil, leicht und viel­fäl­tig ein­setz­bar ist. Ein plas­tik­frei­er All­tag ist in ei­ner mo­der­nen Ge­sell­schaft mit höchs­ten An­sprü­chen an Hy­gie­ne und er­schwing­li­che Pro­dukt­qua­li­tät nicht mehr zu be­kom­men. Aber muss wirk­lich so viel Plas­tik in der Welt sein? Und vor al­lem: im Meer? Zahl­rei­che Ver­ei­ne und Initia­ti­ven küm­mern sich um das Pro­blem. Das re­gio­na­le Mo­dell­pro­jekt „Plas­tik­frei wird Trend“, wel­ches der Bund für Um­welt und Na­tur­schutz auf Föhr an­ge­sto­ßen hat, knüpft zum Bei­spiel Netz­wer­ke mit Fi­schern, Tou­ris­mus-Schaf­fen­den, Na­tur­schüt­zern, Ein­zel­händ­lern und Ma­te­ri­al­ent­wick­lern, um neue Lö­sun­gen zur Plas­tik­müll­ver­mei­dung zu ent­wi­ckeln. Der Küs­ten­putz­tag ist ei­ne wei­te­re Ak­ti­on ge­gen den unka­putt­ba­ren Un­rat im Meer.

Dass ei­ne klei­ne Auf­räum­ak­ti­on nicht nach­hal­ti­ge Sau­ber­keit bringt, weiß Tan­ja Mat­t­hies selbst. „Es geht um ein Be­wusst­sein da­für, wie viel Plas­tik in un­se­rer Um­welt schon vor­han­den ist“, sagt sie. Sie hät­te des­halb auch ger­ne ein paar mehr Leu­te als nur un­ge­fähr zehn be­grüßt, als sie am Sams­tag­vor­mit­tag zum Müll­sam­meln auf der frü­he­ren Hal­lig Helmsand auf­brach. Zum ers­ten Mal nahm ihr Team vom Na­tio­nal­park­haus Watt­wurm in Mel­dorf am Küs­ten­putz­tag teil. Die Lo­kal­zei­tung be­rich­te­te nicht. Tan­ja Mat­t­hies nimmt es als klas­si­sche An­lauf­schwie­rig­keit und hofft auf mehr Leu­te im nächs­ten Jahr.

Was tun ge­gen das Plas­tik im Meer? „Das Kon­sum­ver­hal­ten ver­än­dern“, ant­wor­tet Tan­ja Mat­t­hies schnell. „Wenn ich nicht mehr kau­fe, was in Plas­tik ver­packt ist, dann wer­den die Her­stel­ler ih­re Ver­pa­ckung än­dern.“Sie glaubt an die Kraft des Kun­den. Sie hat selbst er­fah­ren, dass Ge­schäf­te nach Be­schwer­den un­sin­ni­ge Ver­pa­ckun­gen aus dem Sor­ti­ment nah­men. Aber ei­ne durch­schla­gen­de Ein­sicht fehlt noch in der Welt der Su­per­märk­te. Da­ni­el Achen­bach, der wie Je­li­sa Obum­ne­me den Bun­des­frei­wil­li­gen­dienst im Na­tio­nal­park­haus leis­tet, hat ein Bei­spiel aus Spa­ni­en mit dem Han­dy fo­to­gra­fiert. Ei­ne ge­schäl­te Oran­ge in Plas­tik­ver­pa­ckung. Tan­ja Mat­t­hies ver­steht die Welt nicht, wenn sie so was sieht.

FO­TO: IM­A­GO

Un­rat aus der Men­schen­welt, mit dem die Na­tur nicht al­lei­ne fer­tig­wird: See­ster­ne und ein Hand­schuh.

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