Küm­mern ist Lie­be, Geld ist die Norm

Ein neu­es De­bat­ten­buch be­schreibt den wach­sen­den „tie­fen Riss“zwi­schen El­tern und Kin­der­lo­sen in Deutsch­land

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Jo­han schloemann

El­tern sein, das heißt zum Bei­spiel: seit der Ein­schu­lung des ers­ten Kin­des neu­lich zu wis­sen, dass der We­cker in den nächs­ten fünf­zehn Jah­ren je­den Mor­gen um sechs Uhr klin­geln wird. Und trotz­dem na­tür­lich im­mer mög­lichst fröh­lich und ge­las­sen zu sein, un­ter­stüt­zend und zu­ge­wandt, kei­nen He­li­ko­pter krei­sen zu las­sen, aber auch kei­ne Ver­nach­läs­si­gung zu ris­kie­ren, nie­man­den an­zu­schrei­en: „Los jetzt! Wir kom­men sonst zu spät!“, stets lie­be­voll zu sein, ent­spannt und zu­gleich auch un­ge­heu­er kon­se­quent. Und im Be­ruf bit­te kei­nen Är­ger zu ma­chen mit dem El­tern­sein.

Kei­ne Kin­der zu ha­ben, das heißt: ge­fragt zu wer­den, ob man wel­che hat. Ob man wel­che will oder mal woll­te. Im Ver­dacht zu ste­hen, zu ei­gen­sin­nig zu sein und sei­ne Fir­ma mit ei­ner Fa­mi­lie zu ver­wech­seln. Ver­ant­wort­lich ge­macht zu wer­den für die Kri­se der Ren­ten­ver­si­che­rung. Hin­zu­neh­men, dass Freun­de, die Kin­der krie­gen, erst mal vom Erd­bo­den ver­schluckt wer­den. Aus­zu­ba­den, dass sich der Ar­beit­ge­ber neu­er­dings fa­mi­li­en­freund­lich gibt, aber Ar­beit und Per­so­nal nicht so ver­teilt, dass El­tern- und Teil­zei­ten ver­tre­ten und kom­pen­siert wer­den. Von ei­ner Kin­der­lo­sen wird be­rich­tet, die in ei­ner Dis­kus­si­on über Be­ruf und Fa­mi­lie al­len Mut zu­sam­men­nimmt, auf­steht und sagt: „Wis­sen Sie, ich ha­be oft den Ein­druck, ich bin die Ein­zi­ge in mei­ner Ab­tei­lung, die wirk­lich noch ar­bei­tet. Und zwar je­den Tag der Wo­che bis zum Fei­er­abend. Ich bin die­je­ni­ge, die im­mer al­les weg­schafft.“

Die Jour­na­lis­tin­nen Su­san­ne Gar­soff­ky und Brit­ta Sem­bach ha­ben ge­ra­de ein De­bat­ten­buch mit dem Ti­tel „Der tie­fe Riss“über den Kon­flikt zwi­schen El­tern und Kin­der­lo­sen ver­öf­fent­licht (Pan­the­on-Ver­lag, 256 Sei­ten, 15 Eu­ro). Wenn man es liest, ge­winnt man den Ein­druck, dass die­ser Kon­flikt in vie­len The­men des ge­gen­wär­ti­gen Bun­des­tags­wahl­kampfs spukt und schwelt, dass aber al­le Par­tei­en sich tun­lichst hü­ten, ihn zur Spra­che zu brin­gen.

Gar­soff­ky und Sem­bach be­ob­ach­ten, dass je­ner „tie­fe Riss“mit der zu­neh­men­den Ver­grei­sung der deut­schen Ge­sell­schaft grö­ßer wird. Weil aber die so­zia­len Um­brü­che abs­trakt und schlei­chend sind, weil sie je­der an sei­nem Ort da­durch ver­drän­gen kann, dass man – mit Recht – auf in­di­vi­du­el­le Schick­sa­le und lo­ka­le Un­ter­schie­de schaut, wird der Kon­flikt zu­nächst mo­ra­lisch-per­sön­lich aus­ge­tra­gen. Das macht ihn nicht schö­ner.

Die Di­men­sio­nen des Ren­ten­und Pfle­ge­pro­blems will im Wahl­kampf kei­ner be­nen­nen

Je­der und je­de ver­tei­digt näm­lich sehr emo­tio­nal den ei­ge­nen Le­bens­ent­wurf, ob laut oder im Stil­len. Und weil je­de Le­bens­ent­schei­dung im­mer mehr aufs In­di­vi­du­um ab­ge­scho­ben wird, er­scheint sie auch als ei­ne ganz pri­va­te, be­wuss­te Wahl aus di­ver­sen Mög­lich­kei­ten – wie wenn man sich nach Ab­wä­gung al­ler Tri­pad­vi­sorEmp­feh­lun­gen end­lich für ei­nes von un­zäh­li­gen Ho­tels ent­schie­den hat. Als die bei­den Au­to­rin­nen des Bu­ches sel­ber Kin­der krieg­ten, stell­ten sie bald fest, „dass wir kaum noch Be­rüh­rungs­punk­te mit Kin­der­lo­sen ha­ben“. Schnell wür­den sich „un­be­stä­tig­te An­nah­men über­ein­an­der“fest­set­zen: „Wir ver­mu­ten, den ei­nen sei­en nur noch ih­re Kin­der wichtig, den an­de­ren aus­schließ­lich der Job – und viel­leicht ih­re Frei­zeit­ver­gnü­gun­gen.“

Und so ent­steht im­mer mehr Dis­tanz, Ver­zer­rung, An­fein­dung. El­tern sind al­le über­be­hü­ten­de, rück­sichts­lo­se Kin­der­wa­gen­bull­do­zer, die ih­re Klei­nen zu Nar­ziss­ten auf Psy­cho­phar­ma­ka er­zie­hen. Kin­der­lo­se sind aus­schließ­lich he­do­nis­ti­sche Ego­is­ten, für die sich an­de­re auf­op­fern. Das ist al­les grob un­fair; die ei­nen kön­nen sich in den Stress der Fa­mi­li­en nicht hin­ein­ver­set­zen, und die an­de­ren ver­ges­sen, dass es (wie auch Stu­di­en be­le­gen) sehr sel­ten ge­zielt ge­plant und ge­wollt ist, kei­ne Kin­der zu ha­ben, es viel­mehr meist an ver­zö­ger­ten Ent­schei­dun­gen und ver­stri­che­nen Ge­le­gen­hei­ten liegt, dar­an, dass es hier und da nicht ge­passt hat, so­wie an vie­len äu­ße­ren Hin­der­nis­sen. Hil­fe, aber auch wei­te­ren Druck bringt der Fort­schritt der Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zin, das „Dik­tat der Frucht­bar­keit“, das Andre­as Ber­nard in sei­nem Buch „Kin­der ma­chen“un­ter­sucht hat.

Es sind al­so wirk­lich kei­ne Vor­wür­fe und kein Tri­um­pha­lis­mus in die ei­ne oder an­de­re Rich­tung an­ge­bracht. Ge­nau die­ser Geist aber, sa­gen Su­san­ne Gar­soff­ky und Brit­ta Sem­bach, muss über­wun­den wer­den, be­vor bö­se Ver­tei­lungs­kämp­fe dar­aus wer­den. Denn es gibt ja ein struk­tu­rel­les Pro­blem, das kann man nicht weg­re­den, wenn man die zweit­äl­tes­te Be­völ­ke­rung der Welt hat. Wir sind im Durch­schnitt schon 44,1 Jah­re alt. Äl­ter als hier sind die Men­schen nur noch in Ja­pan, wo ler­nen­de Ro­bo­ter den Pfle­ge­not­stand und die Ein­sam­keit mil­dern sol­len. Vier­zig­jäh­ri­ge füh­len sich su­per­jung in Deutsch­land. Wer aus an­de­ren Län­dern kommt, merkt, wenn er nicht ge­ra­de in Mün­chen oder Prenz­lau­er Berg ge­lan­det ist, dass we­nig La­chen und Lärm von Kin­dern zu ver­neh­men ist.

Nicht di­rekt hilf­reich ist das AfD-Pla­kat: „Neue Deut­sche? Ma­chen wir sel­ber.“

War­um aber ha­ben di­ver­se Me­thu­sa­le­mBest­sel­ler und De­mo­gra­fie-Scho­cker dar­an we­nig ver­bes­sert? Weil das Land noch nicht be­reit ist, so die bei­den Au­to­rin­nen, Pri­vat­le­ben und So­zi­al­po­li­tik zu­sam­men­zu­den­ken, oh­ne dass sich al­le ir­gend­wie an­ge­grif­fen füh­len. Im Wahl­kampf ge­ra­de traut sich tat­säch­lich kaum ein Po­li­ti­ker, die wah­ren Di­men­sio­nen des Pfle­ge- und Ren­ten­pro­blems der nächs­ten Jahr­zehn­te zu be­nen­nen. „Die rea­li­sier­ten Kin­der­zah­len blei­ben im­mer noch stär­ker als in an­de­ren Län­dern hin­ter den Kin­der­wün­schen zu­rück“, heißt es nüch­tern im neu­en Fa­mi­li­en­re­port der Bun­des­re­gie­rung. Aber Be­völ­ke­rungs­po­li­tik war eben, his­to­risch miss­braucht, lan­ge ta­bu; und zur sach­li­chen Dis­kus­si­on trägt es auch nicht di­rekt bei, wenn die AfD Pla­ka­te mit Schwan­ge­ren­bauch auf­hängt und dar­über­schreibt: „Neue Deut­sche? Ma­chen wir sel­ber.“

Lan­ge war der Ge­dan­ke do­mi­nant, den Mi­chel Fou­cault aus­ge­ar­bei­tet hat, dass Kör­per­po­li­tik ei­ne im­mer wei­te­re Dis­zi­pli­nie­rung von Ge­schlecht und Ge­sell­schaft er­zeu­ge; heu­te gilt die Sor­ge eher dem Man­gel an Bin­dung, dem Auf­sich­ge­stellt­sein. Hier ma­chen Gar­soff­ky und Sem­bach in „Der tie­fe Riss“ei­ni­ge kon­kre­te Vor­schlä­ge zur Re­form der So­zi­al­ver­si­che­rung, der Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on und zur Auf­wer­tung von bis­her nicht ent­lohn­ten Tä­tig­kei­ten, denn sie stel­len bit­ter fest: „Küm­mern ist Lie­be, Geld ist die Norm.“Und sie er­wär­men sich für die Idee des be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens. Sehr vie­les muss sich wan­deln, der So­zi­al­staat, aber auch For­men des Zu­sam­men­le­bens.

Man muss nicht all­dem fol­gen, aber es klärt den Blick in­mit­ten von Ver­schleie­rung und Moral­stress. Und ei­nes lässt es in je­dem Fall er­le­digt er­schei­nen: die et­wa von Eli­sa­beth Ba­d­in­ter und Bar­ba­ra Vin­ken ver­tre­te­ne The­se, es sei das über­höh­te deut­sche Mut­te­ri­de­al, das die Frau­en vom Kin­der­krie­gen ab­hal­te. Dies ist selbst ei­ne Idee von ges­tern und ei­gent­lich ei­ne Be­lei­di­gung der Frau­en: zu sa­gen, sie lit­ten bloß un­ter fal­schem Be­wusst­sein und nicht un­ter po­li­ti­schen Be­din­gun­gen, die man än­dern könn­te.

FO­TO: DPA

Al­bert Speer wird oft als „Star­ar­chi­tekt“be­zeich­net. Er war al­les an­de­re als das, ein Meis­ter des Mit­ein­an­ders.

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