Der To­des­en­gel und Pu­tin

Ki­rill Se­re­bren­ni­kow macht trotz sei­ner Ver­haf­tung Thea­ter

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Ju­li­an hans

Manch­mal kommt die Ein­ge­bung über den Dich­ter wie ein Über­fall. Zum Bei­spiel in ei­nem rus­si­schen Bahn­hofs­bis­tro. War­te­bän­ke, mü­de Pas­sa­gie­re, in ei­ner Vi­tri­ne Sand­wi­ches in Frisch­hal­te­fo­lie. Da tritt der Se­raph in den Raum, bleich und furcht­ein­flö­ßend wie ein To­des­en­gel, packt ei­nen der An­we­sen­den, schmet­tert ihn zu Bo­den. „Und er schnitt mir die Brust mit dem Schwert auf und nahm das zu­cken­de Herz her­aus und leg­te mir glü­hen­de Koh­le in die Brust.“Was Alex­an­der Pusch­kin in sei­nem „Pro­phet“als Me­ta­pher für die In­spi­ra­ti­on des Künst­lers schrieb, in­sze­niert Ki­rill Se­re­bren­ni­kow 200 Jah­re spä­ter wört­lich und bru­tal. Das zu­cken­de Herz lan­det in der Vi­tri­ne des Bis­tros zwi­schen den Sand­wi­ches. Der Dich­ter zer­schmet­tert, die Um­ste­hen­den teil­nahms­los.

Das ist Pusch­kin, als er noch nicht Russ­lands Na­tio­nal­dich­ter war, son­dern ein jun­ger Au­tor, von der Ge­sell­schaft ver­kannt. Das ist Mo­zart, der Held des ers­ten die­ser vier kur­zen Stü­cke, die am Wo­che­n­en­de am Mos­kau­er Go­gol-Zen­trum Pre­mie­re fei­er­ten. Das ist aber auch Ki­rill Se­re­bren­ni­kow selbst, der Re­gis­seur und Di­rek­tor des Go­gol-Zen­trums, der bei der Pre­mie­re nicht da­bei sein kann, weil er seit drei Wo­chen un­ter Haus­ar­rest steht.

Und der To­des­en­gel kann ge­nau­so­gut die Staats­macht sein. Die Re­pres­si­ons­ma­schi­ne, die sich plötz­lich ei­nen her­aus­greift. Seit Se­re­bren­ni­kows Ver­haf­tung ver­sucht sich Russ­lands In­tel­li­gen­zi­ja ei­nen Reim dar­auf zu ma­chen, war­um es ge­ra­de ihn ge­trof­fen hat und was das für al­le an­de­ren be­deu­tet. Die De­bat­te über Exil oder Wi­der­stand ist in ei­ne neue Run­de ge­gan­gen. Am wei­tes­ten ging der Schau­spie­ler und Dra­ma­ti­ker Iwan Wy­ry­pajew, der da­zu auf­rief, sich nicht mehr mit der Staats­macht ein­zu­las­sen, kein Geld mehr an­zu­neh­men und dem Re­gime kei­ne Lie­der mehr zu sin­gen, son­dern statt­des­sen die Ge­sell­schaft auf sein En­de vor­zu­be­rei­ten.

Die Er­mitt­ler wer­fen Se­re­bren­ni­kow und den Lei­tern sei­nes „Stu­dio 7“vor, För­der­gel­der in Hö­he von um­ge­rech­net et­wa ei­ner Mil­li­on Eu­ro ver­un­treut zu ha­ben. So sei et­wa ei­ne Ins­ze­nie­rung von Sha­ke­speares „Som­mer­nachts­traum“ge­för­dert, aber nie auf­ge­führt wor­den. Dass die An­wäl­te so­wohl Pro­gramm­hef­te als auch Re­zen­sio­nen der Auf­füh­run­gen aus der Pres­se vor­leg­ten, über­zeug­te das Ge­richt nicht.

Se­re­bren­ni­kow darf we­der das In­ter­net be­nut­zen noch te­le­fo­nie­ren. Die Lei­tung der Er­mitt­lun­gen wur­de in der Zwi­schen­zeit der Ab­tei­lung für den Schutz der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung und Kampf ge­gen Ter­ro­ris­mus beim Ge­heim­dienst FSB über­tra­gen, die laut ei­nes ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­ters zu­gleich für die Über­wa­chung der Kul­tur zu­stän­dig ist.

Wie sehr der Fall die Mos­kau­er Ge­sell­schaft er­schüt­tert hat, lässt sich auch am Pre­mie­ren­pu­bli­kum ab­le­sen. Es sind nicht nur Kol­le­gen ge­kom­men, Schau­spie­le­rin­nen, die Lei­ter an­de­rer be­deu­ten­der Thea­ter, son­dern auch Ro­man Abra­mo­witsch und Vik­tor Wech­sel­berg, Olig­ar­chen der ers­ten St­un­de, die kei­nes­wegs im Ruf ste­hen, Kri­ti­ker des Kremls zu sein.

Zur Pre­mie­re er­schie­nen so­gar Olig­ar­chen der ers­ten St­un­de

Sie sei mit ge­misch­ten Ge­füh­len zur Pre­mie­re ge­kom­men, sag­te die Pu­bli­zis­tin und Mä­ze­nin Iri­na Pro­cho­ro­wa. „Ich ha­be kei­nen Zwei­fel, dass wir her­vor­ra­gen­des Thea­ter se­hen wer­den. Aber vie­le sind si­cher auch wie ich hier, um ih­re Un­ter­stüt­zung für Ki­rill Se­re­bren­ni­kow aus­zu­drü­cken. Lei­der le­ben wir wie­der in ei­ner Zeit, in der die Kunst wie­der zwi­schen dem Staat und der Ge­sell­schaft aus­ge­han­delt wer­den muss. Und der Künst­ler muss sein Recht auf Kunst ver­tei­di­gen.“Die Schwes­ter des Mil­li­ar­därs Mich­ail Pro­cho­row hat­te nach der Ver­haf­tung des Re­gis­seurs an­ge­bo­ten, ei­ne Kau­ti­on in vol­ler Hö­he des an­geb­lich ent­stan­de­nen Scha­dens zu hin­ter­le­gen, da­mit er wei­ter ar­bei­ten kann. Das Ge­richt war dar­auf nicht ein­ge­gan­gen.

Par­al­le­len zu Wse­wo­lod Mey­er­hold wur­den ge­zo­gen. Das Thea­ter des so­wje­ti­schen Thea­ter-Vi­sio­närs wur­de 1938 von den Be­hör­den ge­schlos­sen, der Ge­heim­dienst NKWD ver­haf­te­te Mey­er­hold als Spi­on und fol­ter­te ihn, bis er 1940 hin­ge­rich­tet wur­de. Kul­tur­mi­nis­ter Wla­di­mir Med­ins­kij wehr­te sich ge­gen die­se Ver­glei­che. Mey­er­hold sei aus po­li­ti­schen Grün­den er­schos­sen wor­den. Se­re­bren­ni­kow aber sei we­gen wirt­schaft­li­cher Ver­ge­hen in Haft.

Ei­nem Auf­ruf von mehr als 300 Pro­mi­nen­ten aus der rus­si­schen Kul­tur­sze­ne, den „Fall Stu­dio 7“fal­len zu las­sen, er­teil­te Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin ei­ne har­sche Ab­sa­ge: „Sol­len wir jetzt je­den frei­spre­chen, nur weil er in der Kul­tur tä­tig ist?“Pu­tin be­stritt je­den po­li­ti­schen Hin­ter­grund. Se­re­bren­ni­kow ha­be ins­ge­samt ei­ne Mil­li­ar­de Ru­bel (et­wa 14,5 Mil­lio­nen Eu­ro) För­der­geld er­hal­ten. Hät­te der Staat et­was ge­gen sei­ne Ar­beit, „hät­ten wir ihm ein­fach kein Geld aus dem Haus­halt ge­ge­ben und fer­tig“.

Zum Schluss­ap­plaus holt die Trup­pe Se­re­bren­ni­kow im Vi­deo auf die Büh­ne. So sei, sagt Jew­ge­nij Pis­a­rew, der künst­le­ri­sche Lei­ter des Pusch­kin-Thea­ters, zu­min­dest sein Geist spür­bar. Ihm sei zu ver­dan­ken, dass Mos­kau mit dem Go­golZen­trum ei­nen Ort für zeit­ge­nös­si­sche Kul­tur ha­be, der jun­ge Leu­te ins Thea­ter zieht. Die Vor­stel­lun­gen sind über Mo­na­te aus­ver­kauft. „Toll, dass Pusch­kin auf die­se Weise Teil der mo­der­nen Kul­tur ge­wor­den ist.“

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.