Fröh­li­ches Fra­ge­zei­chen

Nach­denk­lich wie nie: Kent Na­ga­no di­ri­giert und Achim Frey­er in­sze­niert Richard Wa­g­ners „Par­si­fal“in Ham­burg

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Hel­mut mau­ró

Die ers­ten zar­ten dunk­len Strei­cher­tö­ne, sie könn­ten ein­fa­cher kaum an­ein­an­der­ge­reiht sein zu ei­ner Me­lo­die, die schon die Er­lö­sungs­sehn­sucht und den gan­zen Glau­ben­sirr­sinn in sich trägt. An der Ham­bur­ger Staats­oper, un­ter den Hän­den von Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor Kent Na­ga­no, klingt das Strei­cher-Uni­so­no fast ein biss­chen trot­zig. Es geht in die­sem „Par­si­fal“, Richard Wa­g­ners letz­ter Oper, um Ver­letzt­hei­ten, Irr­we­ge und re­li­giö­se Vi­sio­nen, da­hin­ter aber schlicht­weg um das geis­tig-mo­ra­li­sche Über­le­ben. Im Mo­ment des Hö­rens ist es pu­re Ma­gie, und je mehr ein Di­ri­gent die nun ein­set­zen­den Blä­ser zu­rück­hält, um­so grö­ßer ist die Klang­zau­be­rei.

Man hat die­se sym­bo­lis­ti­sche Klang­mär­chen­welt schon far­bi­ger, pa­cken­der, ero­ti­scher er­lebt als mit dem Phil­har­mo­ni­schen Staats­or­ches­ter Ham­burg, aber sel­ten nach­denk­li­cher – trotz der luf­tig-ver­spiel­ten For­men­welt des in­sze­nie­ren­den Bild­künst­lers Achim Frey­er. Der sorgt da­für, dass man eben­so dis­tan­ziert wie fas­zi­niert in die Tag­traum­welt aus my­thi­scher Ver­gan­gen­heit und un­be­wäl­tig­ter Ge­gen­wart ein­taucht. Und doch ist es die Mu­sik, die al­les steu­ert und die thea­tra­li­sche Sog­wir­kung ent­facht. Das spürt man nach we­ni­gen Tak­ten, und ger­ne wür­de man von den mehr als fünf St­un­den Auf­füh­rungs­dau­er vier mit der Ou­ver­tü­re ver­brin­gen.

Die er­zählt be­reits viel, aber das We­sent­li­che muss dann doch wort­reich ge­sun­gen wer­den. Zu­nächst vom grund­so­li­den ko­rea­ni­schen Bass Kwang­chul Youn, der als Rit­ter Gur­n­emanz über die Grals­burg wacht, die Or­dens­grün­der Ti­tu­rel (Ti­gran Mar­ti­ros­si­an) ge­baut hat. Der Gral, das ist dies­mal ein En­sem­ble von Tisch­lam­pen im Halb­rund der be­spiel­ten Büh­nen­ga­le­ri­en. Da­mit ist die­ser ri­tu­el­le Fix­punkt so­gleich ma­te­ri­ell ent­zerrt und räum­lich tran­szen­diert. Aus die­sem Gral schöp­fen die Rit­ter neue Le­bens­kraft. Ti­tu­rels Sohn Am­for­tas (Wolf­gang Koch) bräuch­te die, denn er wur­de vom ab­trün­ni­gen Rit­ter Klings­ohr (Vla­di­mir Bay­kov), der nun die se­xu­el­le Be­gier­de pre­digt, wäh­rend ei­ner Lie­bes­nacht mit dem hei­li­gen Speer ver­wun­det.

Der größ­te an­zu­neh­men­de Sün­den­fall ist ein­ge­tre­ten: Aus­ge­rech­net Am­for­tas, Ober­pries­ter der hei­li­gen Ge­sell­schaft, hat sich ver­füh­ren las­sen. Se­xua­li­tät als In­be­griff von Schuld und Sün­de und als Grund­la­ge west­li­cher Zi­vi­li­sa­ti­on führt Wa­gner als ab­sur­de Zwangs­vor­stel­lung vor. Die Wun­de des Am­for­tas ist nun als Erb­sün­de ein­ge­führt, sie wird nie wie­der hei­len, und es geht na­tür­lich um die psy­chi­sche Ver­let­zung, die da blu­tet. Kund­ry (stimm­lich her­aus­ra­gend: Clau­dia Mahn­ke), ver­sucht die Wun­de mit Heil­kräu­tern mehr zu über­de­cken als zu schlie­ßen. Spä­ter wird sie mit ih­rem teuf­li­schen Hoch­mut sel­ber zum Schuld stif­ten­den Mons­ter, als sie den Kn­a­ben Par­si­fal in ei­ne ödi­pa­le Bre­douil­le bringt und ihn sei­ner op­ti­mis­tisch un­schul­di­gen Welt­sicht be­raubt. Die­se zi­vi­li­sa­to­ri­sche Initia­ti­on er­mäch­tigt Par­si­fal aber auch zu be­wuss­ter Em­pa­thie. Für die Ver­füh­rungs­sze­ne mit den Blu­men­mäd­chen flie­gen bun­te Bal­lons und leuch­ten­de Ku­geln in den grau­schwar­zen Büh­nen­raum.

Zu­nächst ver­är­gert Par­si­fal die Grals­rit­ter, weil er aus schie­rem Jux ei­nen Schwan ab­schießt und da­mit der Na­tur ei­ne Wun­de schlägt. Da ham­pelt er noch jun­gen­haft über die Büh­ne, aber stimm­lich und spä­ter auch dar­stel­le­risch fehlt Andre­as Scha­ger ju­gend­li­che Fri­sche und Agi­li­tät, am En­de er­lebt man im­mer­hin ei­nen tüch­tig strah­len­den Hel­den­te­nor. Mit der Schwan-Epi­so­de hat Wa­gner ein Trau­ma the­ma­ti­siert. In Ve­ne­dig sah er, wie ei­nem Huhn bei der Schlach­tung der Kopf ab­ge­ris­sen wur­de, und ist die­ses Er­leb­nis nicht mehr los­ge­wor­den. „Es ist scheuß­lich“, schrieb er da­nach in ei­nem Brief, „auf wel­chen bo­den­lo­sen Ab­grund des grau­sams­ten Elends un­ser, im gan­zen ge­nom­men, doch im­mer ge­nuss­süch­ti­ges Da­sein sich stützt!“

Und er hasst je­ne, die das Lei­den der an­de­ren aus dem ei­ge­nen Blick­feld rü­cken, die das Mit­leid ver­wei­gern, das er als zen­tra­le mo­ra­li­sche Qua­li­tät be­nennt und im Par­si­fal ex­em­pla­risch dar­stellt. Die­ses Mit­leid ist na­tur­ge­ge­be­ne Er­kennt­nis­ka­te­go­rie des un­schul­dig nai­ven Par­si­fal, aber es muss in den Zu­stand der Zi­vi­li­sa­ti­on hin­über­ge­ret­tet wer­den als be­wuss­te Hand­lungs­richt­li­nie. Die be­schwo­re­ne „Rein­heit“des Par­si­fal er­scheint da­bei ge­ra­de­zu als Syn­onym der „rei­nen Leh­re“. Denn un­schul­dig rein ist er nach dem Ab­schuss des Schwans nicht mehr. Das ist un­über­hör­bar: Über dem vol­len Strei­cher­satz be­glei­ten drei Kla­ri­net­ten, drei Obo­en, drei Fa­got­te, vier Hör­ner und to­sen­der Trom­mel­wir­bel das Ster­ben des Schwans.

Spä­ter zer­bricht Par­si­fal sei­nen Bo­gen, es war ihm nicht be­wusst, was er tat, sagt er in ei­nem un­schul­di­gen Ka­denz­schritt von C- nach F-Dur. Wie soll man sol­che Un­schuld sin­gen. Andre­as Scha­ger klingt schon zu wis­send, aber Kent Na­ga­no lässt das Orches­ter so schlicht auf­spie­len, wie das für er­wach­se­ne Mu­si­ker mög­lich ist. Gleich­zei­tig be­rei­tet er klang­lich schon den Bo­den für dräu­en­des Un­heil, für die gro­ßen Chor­sze­nen mit Am­for­tas, die gro­ße Lei­dens­mu­sik, die die­se Oper aus­zeich­net. Im­mer wie­der sticht die ho­he Trom­pe­te in die of­fe­ne Wun­de, und das Lei­dens­the­ma zieht den Hö­rer hin­un­ter in die schöns­ten Ab­grün­de, ins of­fe­ne Orches­ter­grab. Für die Blech­blä­ser ist es ein Fest, na­tür­lich auch gro­ße An­stren­gung, was sich im Ver­lauf des Abends im­mer we­ni­ger ver­ber­gen lässt. In­to­na­ti­on und Klang­ba­lan­ce lei­den, be­hut­sa­mer Span­nungs­auf­bau ist pas­sé. Da fehlt es hör­bar an Kraft und Prä­zi­si­on. Scha­de, denn ei­nen der Kern­sät­ze, „zum Raum wird hier die Zeit“, ent­wi­ckelt Wa­gner mu­si­ka­lisch so kon­se­quent, mit stän­di­gen Echo-Ef­fek­ten und tief ge­staf­fel­ten Klang­flä­chen, dass al­lein dies al­ler mu­si­ka­li­scher An­stren­gung wert wä­re.

So ge­winnt die Re­gie an Be­deu­tung, viel­leicht zu sehr. Denn Frey­er kom­men­tiert mehr, als dass er er­klär­te oder deu­te­te. Al­les My­thi­sche ist ihm ein Spie­gel, der die mensch­li­chen Pro­jek­tio­nen zu­rück­wirft, und hin­ter dem Spie­gel ist schwar­zes Nichts. Die­ses Schwarz ist hier in­ten­si­ve Büh­nen­far­be. Als ob Frey­er das Nichts ver­sinn­bild­li­chen woll­te: all­ge­gen­wär­ti­ges

Par­si­fal: ein jun­ges Ge­sicht, lä­chelnd, mit strup­pig dor­ni­ger Blu­men­kro­ne – ein Je­sus­mäd­chen

vor­der­grün­di­ges Schwarz, im Span­nungs­feld von Grau und Weiß, im Wech­sel­spiel mit ent­grenz­tem Hin­ter­grund­dun­kel. Der Grund: Er über­trägt die li­nea­re Hand­lung in ei­ne zwei­di­men­sio­na­le Bil­der­zäh­lung, ei­nen be­weg­ten Mo­ment an­stel­le ei­nes rei­nen dra­ma­ti­schen Ablaufs. Die drit­te Di­men­si­on ent­steht durch for­ma­lis­ti­sche Geo­me­trie, Krei­se und Pfei­le, Li­ni­en und mehr­stö­cki­ger kreis­run­der Ein­rich­tung des Büh­nen­rau­mes.

Ein Spi­ra­len­wirr­warr, ei­ne ver­ti­ka­les La­by­rinth, in de­nen Pfeil und Speer nur un­zu­läng­li­che Zeitan­ker sind. „Zum Raum wird hier die Zeit“, die­sen Satz hat Frey­er ernst ge­nom­men, hat das fort­lau­fen­de Ge­sche­hen bild­mäch­tig ein­ge­fro­ren, um es dann stun­den­lang in ly­ri­schen Er­zähl­far­ben wie­der auf­zu­tau­en. Es ist al­les Bild und Bild­sym­bol, funk­tio­niert nur in ei­ner ge­wis­sen Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit und pla­ka­ti­ven Op­tik. Frey­er hat in sei­nen Re­gie­skiz­zen Fi­gu­ren ver­bild­licht, auch Par­si­fal: ein jun­ges Ge­sicht, lä­chelnd, mit ei­ner strup­pi­gen dor­ni­gen Blu­men­kro­ne – ein Je­sus­mäd­chen. Bringt es Er­lö­sung? Oder bleibt es ein fröh­li­ches Fra­ge­zei­chen?

FO­TO: MAR­KUS SCHOLZ/DPA

Kund­ry (Clau­dia Mahn­ke), das ver­fluch­te We­sen, raubt mit ih­ren se­xu­el­len Ver­füh­rungs­küns­ten dem Par­si­fal die Un­schuld.

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