Sze­nen ei­ner Sze­ne

Die 15. Istan­bul Bi­en­na­le hat be­gon­nen und wirft Fra­gen nach dem po­li­ti­schen En­ga­ge­ment der Kunst auf – und nach Ge­hen oder Blei­ben

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Von ca­trin lorch

An so ei­nem Abend sind sie al­le un­ter­wegs: Die Par­ty­gäs­te mit ih­rem Ga­le­rie­plan in der Hand, der Freun­des­kreis des Mu­se­ums, der zur Per­for­mance nicht zu spät kom­men möch­te – und da­nach zum Künst­ler­ge­spräch in ein Bank­foy­er wei­ter zieht. In der Er­öff­nungs­wo­che der Istan­bul Bi­en­na­le blei­ben die pri­va­ten Aus­stel­lungs­häu­ser an der vor­neh­men Fuß­gän­ger­zo­ne bis in die Nacht ge­öff­net. Und wäh­rend Ga­le­ris­ten am an­de­ren En­de der Stadt noch die Ko­jen der Kunst­mes­se Con­tem­pora­ry Istan­bul per­fek­tio­nie­ren, be­spre­chen Samm­ler beim Cock­tail auf der Dach­ter­ras­se ei­nes pri­va­ten Mu­se­ums schon ih­re ge­plan­ten An­käu­fe.

Das so­ge­nann­te

Kunst­wun­der vom Bo­spo­rus wird ge­ra­de wie­der be­schwo­ren

Das „Kunst­wun­der vom Bo­s­pho­rus“– so wur­de das Ent­ste­hen ei­ner vi­ta­len Sze­ne in Istan­bul jahr­zehn­te­lang apo­stro­phiert – wird ge­ra­de wie­der be­schwo­ren. Zur Pres­se­kon­fe­renz der Istan­bul Bi­en­na­le sag­te Bü­lent Ec­za­cıbaşi, er ge­hört ei­ner der gro­ßen In­dus­tri­el­len­fa­mi­li­en der Tür­kei an, dass es gleich zwei Ju­bi­lä­en zu fei­ern ge­be: Die pri­va­te Kul­tur­stif­tung IKSV wird vier­zig Jah­re alt, die von die­ser Stif­tung ins Le­ben ge­ru­fe­ne Istan­bul Bi­en­na­le fei­ert drei­ßig jäh­ri­ges Be­ste­hen; sie gel­te als größ­tes Kunster­eig­nis der Tür­kei und ei­ne der be­deu­tends­ten Aus­stel­lun­gen welt­weit. Doch das Ju­bi­lä­um fei­ert man in Istan­bul weit­ge­hend un­ter sich. Deut­sche, Ame­ri­ka­ner, Fran­zo­sen und Bri­ten, sonst Stamm­gäs­te des Events, sie sind nicht ge­kom­men. Die in­ter­na­tio­na­le Sze­ne ist sich so un­eins wie die Po­li­tik: Ist es Zeit, sich von ei­ner Tür­kei ab­zu­wen­den, die eu­ro­päi­sche und west­li­che Wer­te auf­ge­ge­ben hat und auf dem Weg in ei­ne Dik­ta­tur ist? Die Bi­en­na­le, die von den Mä­ze­nen als un­ab­hän­gig ge­prie­sen wird, ist tat­säch­lich über Spon­so­ren­gel­der di­rekt mit Rüs­tungs­fa­bri­kan­ten, In­dus­tri­el­len und mäch­ti­gen Ban­ken ver­bun­den (SZ vom 13. März 2017). Be­ral Ma­dra – sie ku­ra­tier­te die ers­ten Aus­ga­ben der Bi­en­na­le – weist dar­auf hin, dass es Sei­ten im Netz gibt, auf de­nen die Vor­fäl­le künst­le­ri­scher Zen­sur ge­lis­tet sind, min­des­tens ge­nau­so be­droh­lich sei das Kli­ma der Denun­zia­ti­on jetzt. Sie ha­be im ver­gan­ge­nen Jahr nach An­fein­dun­gen die von ihr ge­lei­te­te Aus­ga­be der Ca­n­ak­ka­le Bi­en­na­le aus­fal­len las­sen. In­ter­na­tio­nal wur­de ge­nau be­ob­ach­tet, dass Va­sif Kor­tun, ei­ner der pro­fi­lier­tes­ten Ku­ra­to­ren der Tür­kei, im ver­gan­ge­nen Jahr die Ar­beit in sei­nem ge­ra­de erst er­öff­ne­ten Kunst­zen­trum SALT be­en­de­te und seit­her kaum noch öf­fent­lich auf­tritt, was di­rekt mit dem För­de­rer, der Ga­ran­ti-Bank, zu­sam­men­hängt, wie Ma­dra sagt. Auch die Schlie­ßung der in­ter­na­tio­nal be­deu­tends­ten Ga­le­rie Ram­pa blieb nicht un­be­merkt. Ma­dra sagt, die Ab­wan­de­rung der Krea­ti­ven set­ze die Mach­tE­li­ten durch­aus un­ter Druck. Aber Kri­tik an ih­rem En­ga­ge­ment kon­ter­ten die Ku­ra­to­ren Michael Elm­green und In­gar Drags­et im Vor­feld ge­wandt: „Wir spra­chen in Istan­bul mit His­to­ri­kern, Jour­na­lis­ten, Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­kern, Aka­de­mi­kern, Künst­lern. Al­le, oh­ne Aus­nah­me, sag­ten: ,Es wä­re ein De­sas­ter, die Bi­en­na­le nicht zu ma­chen. Wir füh­len uns im­mer stär­ker iso­liert.‘“(SZ vom 27. Fe­bru­ar 2017). Auch der als Künst­ler teil­neh­men­de Olaf Met­zel kon­ter­te im Interview mit der Zeit ver­gan­ge­ne Wo­che, man müs­se „ge­ra­de in ei­ner sol­chen Kri­se“im Aus­tausch blei­ben.

Die Aus­stel­lung, die mit 500 000 Be­su­chern rech­nen kann, setzt nun schon im Ti­tel „a good neigh­bour“auf ei­ne pri­va­te Me­ta­pher. Statt ei­nes State­ments ha­ben die Ku­ra­to­ren vier­zig Fra­gen for­mu­liert („Lebt ein gu­ter Nach­bar ge­nau­so wie du?“). Die meis­ten der 56 ge­la­de­nen Künst­ler – vie­le ha­ben zum Ka­ta­log auch Er­in­ne­run­gen an ei­ge­ne Nach­barn auf­ge­schrie­ben – ha­ben dar­auf an den fünf Aus­stel­lungs­or­ten mit sehr stil­len Wer­ken ge­ant­wor­tet. Im Turn­saal der ehe­ma­li­gen grie­chi­schen Schu­le wirkt die auf­wen­di­ge In­stal­la­ti­on „Do­main of Things“von Pe­dro Gó­mez-Egaña bei­spiels­wei­se wie ei­ner die­ser sanf­ten Träu­me, die erst kurz vor dem Auf­wa­chen zum Alb wer­den. Die Büh­ne, auf der Bett, Ess­tisch und Wasch­be­cken lo­se ver­teilt sind, zer­fällt in ein Puz­zle aus tek­to­ni­schen Plat­ten, mal ent­glei­ten dem Tisch die Stüh­le, dann wie­der schwebt das Bett bei­sei­te. Ein Stock­werk dar­über hat Olaf Met­zel ei­nen Raum mit ge­nau dem ge­well­ten Me­tall aus­ge­klei­det, aus dem die­ser Ta­ge Zäu­ne, aber auch Flücht­lings­un­ter­künf­te zu­sam­men­ge­nie­tet wer­den, ei­ne Dreh­tür aus Stahl­stan­gen ist der ein­zi­ge Zu­gang. Das Vi­deo von He­ba Amin wie­der­um nimmt ei­ne Vo­gel­per­spek­ti­ve auf die Welt ein, ih­re Ka­me­ra folgt Stör­chen bei ih­rem Flug über Wüs­ten­städ­te und La­ger. „We will al­ways live on top“, heißt es im Sound­track, „wir wer­den im­mer oben le­ben“. Und dass es klü­ger sei, sich von der De­mo­kra­tie, die von der Par­tei ge­wollt sei, nicht zu dis­tan­zie­ren.

Ei­ne in Istan­bul leh­ren­de Kunst­his­to­ri­ke­rin, die nicht beim Na­men ge­nannt wer­den will, no­tiert sol­che An­spie­lun­gen auf­merk­sam: „Ei­ni­ge der tür­ki­schen Künst­ler und auch die Au­to­ren ha­ben viel ge­wagt.“Und ein Vi­deo wie Er­kan Öz­gens „Won­der­land“zeich­net die Aus­wir­kun­gen des na­hen Krie­ges in Sy­ri­en herz­zer­rei­ßend nach, weil Öz­gen ei­nen taub­stum­men Jun­gen filmt, der in ei­ner end­lo­sen Pan­to­mi­me das Grau­en dar­stellt, das ihm wi­der­fah­ren ist.

Aber auch in der Kunst­sze­ne wird über­legt: Kann man zur­zeit noch in die Tür­kei fah­ren?

Doch po­si­tio­niert sich die Aus­stel­lung sehr ge­schickt in zwei Per­spek­ti­ven, die bei­de glei­cher­ma­ßen ent­fernt sind vom ak­tu­el­len Ge­sche­hen in der Tür­kei: ei­ner­seits dem ganz Pri­va­ten, an­de­rer­seits in ei­ner Rhe­to­rik des All­ge­mein­mensch­li­chen. Was fehlt, das sind die Zo­nen da­zwi­schen – Wer­ke wie das „Home­land“-Vi­deo von Ha­lil Al­tın­de­re, das bei der 13. Aus­ga­be vor vier Jah­ren rap­pen­de Ro­ma-Te­enager vor der Ku­lis­se ei­ner sich ra­di­kal gen­tri­fi­zie­ren­den Stadt auf­tre­ten ließ. Oder die Lec­tu­re Per­for­mance, in der Hi­to Stey­erl da­mals die Ver­wick­lun­gen des Haupt­spon­sors Koç als Waf­fen­her­stel­ler dar­stell­te. Die Sze­ne, die sich frü­her an sol­chen Wer­ken fest­hielt und wei­ter­hin hofft, dass die Kunst ihr ein Fens­ter in die po­li­ti­sche und so­zia­le Be­find­lich­keit der Tür­kei lie­fert, sie soll­te sich durch die zahl­lo­sen in­ti­men, lei­sen Mo­men­te der Bi­en­na­le ma­ni­pu­liert füh­len.

Denn ge­ra­de die Be­schwö­rung der Nor­ma­li­tät ist das Ge­fähr­li­che: Wer im Wes­ten von Ga­le­rie-Schlie­ßun­gen und der Ab­wan­de­rung von Künst­lern nach Ber­lin in den Me­di­en liest, ist er­staunt, wie vi­tal die Sze­ne in Istan­bul wirkt. Tat­säch­lich hin­ter­las­sen die Künst­ler, die Ga­le­ris­ten, die Kri­ti­ker und Ku­ra­to­ren, die ab­wan­dern, kaum ei­ne Lü­cke. Kann sein, dass vor SALT die Roll­git­ter erst ein­mal run­ter­ge­hen, der zwei­te Kunst­stand­ort der Ga­ran­ti-Bank lädt da­für zu ei­nem Ar­chi­tek­tur-Sym­po­si­um, ein paar Me­ter wei­ter hat die Ya­pı-Kre­di-Bank ge­ra­de ein Kunst­de­pot er­öff­net. Es gibt we­ni­ge Mo­men­te, in de­nen Kri­tik in all dem Tru­bel über­haupt ge­hört wor­den wä­re – die 15. Istan­bul Bi­en­na­le wä­re ei­ne Ge­le­gen­heit ge­we­sen.

Für Istan­bul gilt es, die Fas­sa­de zu wah­ren, wäh­rend die Ge­sell­schaft um­ge­baut wird. Sich als funk­tio­nie­ren­de Me­tro­po­le zu zei­gen, die, wenn die Eu­ro­pä­er weg­blei­ben, eben für an­de­re at­trak­tiv ist, für die das mul­ti-eth­ni­sche Istan­bul so et­was ist wie New York für die west­li­che Welt. So kann die re­gie­rungs­treue Ta­ges­zei­tung Sa­bah zur Er­öff­nung stolz dar­auf hin­wei­sen, dass die Bi­en­na­le „An­fang des Jah­res in der US-Zeit­schrift News­week als ei­ne der fünf Kunst­ak­ti­vi­tä­ten der Welt ge­lis­tet wur­de, für die es ei­ne Rei­se lohnt“.

Die Kunst hät­te es bes­ser ma­chen kön­nen. Künst­ler ha­ben die Ge­zi-Pro­tes­te und den zi­vi­len Wi­der­stand um wich­ti­ge Bil­der – wie den „Stan­ding Man“– be­rei­chert. „Nicht die Kunst lei­det, son­dern die Künst­ler, je­der, der po­li­tisch ak­tiv war“, sagt die jun­ge Ku­ra­to­rin, die an den Ge­zi-Pro­tes­ten be­tei­ligt war. Die Do­zen­tin an der Kunst­hoch­schu­le bei­spiels­wei­se, die ge­ra­de um ih­ren Job fürch­tet, weil sie de­mons­triert hat. Die Ar­chi­tek­tin, die Pe­ti­tio­nen un­ter­schrie­ben hat, weiß nicht, ob sie dem­nächst noch Auf­trä­ge be­kommt oder ob ihr wo­mög­lich Ge­fäng­nis droht. Die Kunst hät­te in die­ser Si­tua­ti­on in Istan­bul mehr leis­ten müs­sen – oder dem Kunst­wun­der am Bo­spo­rus fern­blei­ben. Doch die Bi­en­na­le hat sich lie­ber ein­ge­rich­tet, bleibt lei­se wis­pernd in gu­ter Nach­bar­schaft.

A good neigh­bour. 15. Istan­bul Bi­en­na­le. 12. No­vem­ber.

Bis

FO­TO: KA­TA­LOG

Ein taub­stum­mer Jun­ge spielt sei­ne Er­fah­run­gen aus dem Sy­ri­en-Krieg nach: Aus dem Vi­deo „Won­der­land“(2016) von Er­kan Öz­gen.

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