Tea Par­ty und Cha­rak­ter­mord

Wie ein Kam­pa­gnen-Gu­ru aus Ame­ri­ka der AfD hilft

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Mat­thi­as kolb

An Selbst­be­wusst­sein fehlt es Vin­cent Har­ris nicht. Im Ein­gangs­be­reich sei­ner Fir­ma sta­peln sich Po­ka­le und Pla­ket­ten, dar­über hängt ein Bil­der­rah­men mit Ar­ti­keln über ihn. Ganz oben steht: „Der Mann, der den Re­pu­bli­ka­nern das In­ter­net bei­brach­te“.

Die­ses Por­trät von Bloom­berg Po­li­tics mach­te ihn im Herbst 2014 be­kannt, und seit­her traf sich Har­ris auch gern mit aus­län­di­schen Re­por­tern in sei­nem Bü­ro in Aus­tin. Sei­ne De­si­gner, Pro­gram­mie­rer und Tex­ter sind wie er un­ter drei­ßig und fal­len rein äu­ßer­lich in der li­be­ra­len Hips­ter-Me­tro­po­le nicht auf. Der ein­zi­ge Un­ter­schied: Sie wer­ben für kon­ser­va­ti­ve Po­li­ti­ker wie die Tea-Par­ty-Iko­ne Ted Cruz oder den Ab­trei­bungs­geg­ner Mi­ke Huck­a­bee.

Im Früh­jahr 2015 er­klär­te Har­ris der SZ die größ­te Her­aus­for­de­rung für di­gi­ta­le Wahl­kämp­fe: „Die Leu­te ge­hen nicht on­line, um mit Po­li­ti­kern in Kon­takt zu tre­ten. Sie wol­len sich über Klatsch aus dem Freun­des­kreis in­for­mie­ren und lus­ti­ge Vi­de­os an­schau­en. Es ist schwer, hier ei­ne po­li­ti­sche Bot­schaft zu plat­zie­ren. Wir su­chen Leu­te, die un­ser An­lie­gen oder un­se­ren Kli­en­ten un­ter­stüt­zen und de­ren Bot­schaft un­ter ih­ren Ver­wand­ten und Kol­le­gen tei­len.“

Für Stra­te­gen wie Vin­cent Har­ris glei­chen Par­tei­en und Kan­di­da­ten ei­ner Mar­ke, und da­her ist nichts wich­ti­ger als Auf­merk­sam­keit. Wort­spie­le, Mit­mach-Ak­tio­nen, ex­tre­me Zu­spit­zung und Grenz­über­schrei­tung – al­les ist er­laubt, so­lan­ge es nur Ret­weets bei Twit­ter bringt und auf Face­book ge­teilt wird. Und weil seit Au­gust auch die AfD zu den Kun­den von Har­ris Me­dia ge­hört, er­le­ben vie­le Deut­sche nun erst­mals, wie schmut­zig ein Wahl­kampf durch „Ne­ga­ti­ve Cam­pai­gning“wer­den kann. Die US-Fir­ma steckt hin­ter ei­ner Web­site, die Mer­kel als „Eid­bre­che­rin“be­zeich­net und der Kanz­le­rin die Schuld an den Ter­ror­an­schlä­gen in Eu­ro­pa gibt. Die­se Per­so­na­li­sie­rung ist ty­pisch für die USA, wo die Kan­di­da­ten stets wich­ti­ger sind als die Par­tei­en und in Be­zug auf den Geg­ner re­gel­mä­ßig das Wort „Cha­rak­ter­mord“fällt.

Die rechts­po­pu­lis­ti­sche AfD ist längst nicht die ers­te Par­tei, die auf Kam­pa­gnenGu­rus aus den USA setzt. Die Hoff­nung, durch Tricks und neu­es­te Tech­nik die ent­schei­den­den Stim­men zu be­kom­men, ist glo­bal. Schon 1969 ließ sich Joe Na­po­li­tan sei­ne Er­fah­run­gen aus dem Wahl­kampf von John F. Ken­ne­dy teu­er vom phil­ip­pi­ni­schen Dik­ta­tor Fer­di­nand Mar­cos be­zah­len. „Ge­ra­de in Jah­ren, in de­nen kei­ne Kon­gres­so­der Prä­si­dent­schafts­wah­len statt­fin­den, heu­ern vie­le US-Be­ra­ter im Aus­land an. Sie sind Söld­ner und kas­sie­ren oh­ne viel Auf­wand gu­tes Geld“, sagt Sa­sha Is­sen­berg, Au­tor des Buchs „Vic­to­ry Lab“und Wahl­kampf­ex­per­te.

Mer­kels Blut­spur durch Eu­ro­pa? So ein „Ne­ga­ti­ve Cam­pai­gning“ist doch nur „iro­nisch zu­ge­spitzt“!

Die höchs­ten Ho­no­ra­re gibt es in Latein­ame­ri­ka, Afri­ka und Ost­eu­ro­pa. In der Ukrai­ne kas­sier­te Paul Ma­n­a­fort, der 2016 zeit­wei­se Trumps Wahl­kampf lei­te­te, mehr als 15 Mil­lio­nen Eu­ro. Doch auch in We­st­eu­ro­pa lässt sich ei­ni­ges ver­die­nen: Mehr als 400 000 Eu­ro er­hielt der ehe­ma­li­ge Oba­ma-Be­ra­ter Jim Mes­si­na von Ita­li­ens Pre­mier Mat­teo Ren­zi, um im Herbst 2016 für des­sen Ver­fas­sungs­re­form zu wer­ben. Die Ita­lie­ner stimm­ten trotz­dem mit „Nein“, und Ren­zi trat zu­rück.

Die E-Mail mit der Fra­ge, war­um er für die AfD ar­bei­tet, be­ant­wor­tet der sonst so me­di­en­freund­li­che Har­ris lei­der nicht. Fest steht: Er hat zwei Mit­ar­bei­ter nach Ber­lin ge­schickt, die nun flei­ßig Vor­schlä­ge für Bei­trä­ge in den so­zia­len Netz­wer­ken ma­chen. Die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung trifft die Wahl­kampf­lei­tung der AfD. Ideo­lo­gisch steht der über­zeug­te Christ Har­ris den deut­schen Rechts­po­pu­lis­ten na­he: Er sieht den Is­lam kri­tisch und be­wun­dert den Br­ex­it-Vor­kämp­fer Ni­gel Fa­ra­ge, für de­ren Par­tei Ukip er eben­so tä­tig war wie für Is­ra­els Pre­mier Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu.

Har­ris’ Spe­zia­li­tät sind Gra­fi­ken, die Sach­ver­hal­te ex­trem zu­spit­zen und sich da­her un­ter Gleich­ge­sinn­ten schnell ver­brei­ten. Für die Mer­kel-Geg­ner der AfD hat er fol­gen­des Skan­dal­bild ent­wor­fen: Un­ter der Zei­le „Die Spur der Welt-Kanz­le­rin durch Eu­ro­pa“sind Rei­fen­spu­ren so­wie Blut­fle­cken zu se­hen, da­ne­ben ste­hen die Or­te von Ter­ror­an­schlä­gen in Eu­ro­pa samt To­des­zah­len. Kri­tik an solch wi­der­wär­ti­gen Mo­ti­ven weist Har­ris stets mit dem Vor­wurf zu­rück, dies sei nur „iro­nisch über­spitzt“und als Pro­vo­ka­ti­on ge­dacht. Die all­ge­gen­wär­ti­ge po­li­ti­sche Kor­rekt­heit dür­fe nicht die an­geb­li­che Wahr­heit ver­hin­dern, so das zy­ni­sche Ar­gu­ment. Als di­gi­tal na­ti­ve be­dient sich Har­ris frei­mü­tig im Netz: Auf Twit­ter ver­brei­te­te er im Mai ei­nen Car­toon, in dem Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron von blu­ti­gen Rei­fen platt ge­fah­ren wur­de. Was an­ders­wo funk­tio­niert, wird al­so schlicht ge­klaut.

Dass die Ko­ope­ra­ti­on von Har­ris Me­dia und AfD hier­zu­lan­de für so viel me­dia­les Auf­se­hen sorgt, liegt nicht nur an den dras­ti­schen Bil­dern: Die Texa­ner wur­den mit US-Prä­si­dent Do­nald Trump in Ver­bin­dung ge­bracht. Nach des­sen Wahl­sieg hat­ten Be­rich­te über die Da­ten­fir­ma Cam­bridge Ana­ly­ti­ca vor al­lem in Deutsch­land Ent­set­zen aus­ge­löst, weil an­geb­lich der Wäh­ler­wil­le all­zu leicht zu ma­ni­pu­lie­ren sei. Be­le­ge gibt es da­für kaum, aber den Ame­ri­ka­nern wird seit­her al­les zu­ge­traut.

Aus­lands­ein­sät­ze von Po­lit-PR-Pro­fis sind ris­kant – das weiß auch die SPD

Trotz al­ler Ta­bu­brü­che ist auch bei den Texa­nern Ge­las­sen­heit an­ge­ra­ten: Vin­cent Har­ris ar­bei­te­te 16 Mo­na­te für den li­ber­tä­ren Se­na­tor Rand Paul und konn­te als Di­gi­tal­stra­te­ge des­sen kläg­li­ches Schei­tern als Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat nicht ver­hin­dern. Für Trump war er nur we­ni­ge Ta­ge als Su­b­un­ter­neh­mer tä­tig; sein An­teil am Sieg des Mil­li­ar­därs ist mi­ni­mal.

Dass die Tricks der ame­ri­ka­ni­schen Wahl­kampf­stra­te­gen nicht im­mer wir­ken, weiß mitt­ler­wei­le auch die SPD. Groß war das Me­dien­echo, als im Sep­tem­ber 2015 beim „Cam­pai­gn Camp“im Ber­li­ner Ga­so­me­ter der be­reits er­wähn­te Jim Mes­si­na prä­sen­tiert wur­de. Der 47-Jäh­ri­ge or­ga­ni­sier­te 2012 mit Hun­der­ten Da­ten­ana­lys­ten und Pro­gram­mie­rern als obers­ter Wahl­kampf­ma­na­ger Ba­rack Oba­mas Wie­der­wahl. „Ein Gu­ru für Ga­b­ri­el“, ti­tel­ten ehr­fürch­tig ei­ni­ge Re­gio­nal­zei­tun­gen, und noch heu­te gibt es auf Youtube ein Vi­deo, in dem Mes­si­na von ei­ner „un­glaub­lich auf­re­gen­den Ver­an­stal­tung“und den Chan­cen der SPD schwärmt.

Zwei Jah­re spä­ter nennt ein Par­tei­spre­cher die mitt­ler­wei­le be­en­de­te Zu­sam­men­ar­beit „sehr frucht­bar“: Mes­si­nas Fir­ma ha­be „beim Auf­bau ei­ner da­ten­ba­sier­ten und dia­lo­gori­en­tier­ten Kam­pa­gne un­ter­stützt“, wo­durch die Wahl­kam­pa­gne an den Haus­tü­ren „viel bes­ser“mit den On­line-Ak­ti­vi­tä­ten ver­knüpft wor­den sei. Ge­hol­fen hat es be­kannt­lich nichts: Im Herbst 2015 lag die SPD bei 25 Pro­zent – ei­nem Wert, von dem Mar­tin Schulz heu­te träumt.

Das Bei­spiel von Jim Mes­si­na, der für Oba­ma einst al­le Pro­ble­me lös­te und „The Fi­xer“ge­nannt wird, zeigt das Ri­si­ko von Aus­lands­auf­trä­gen. In Groß­bri­tan­ni­en war der De­mo­krat für die Kon­ser­va­ti­ven ak­tiv und ver­half 2015 Da­vid Ca­me­ron zum Sieg. Be­reits der Br­ex­it füg­te sei­nem Sie­ger-Image er­heb­li­chen Scha­den zu, und im Früh­jahr 2017 war Mes­si­na auch mit­ver­ant­wort­lich für die de­sas­trö­se Kam­pa­gne von Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May. Der Ame­ri­ka­ner hat­te die Stim­mung auf der In­sel völ­lig falsch ein­ge­schätzt.

Von den jun­gen Ame­ri­ka­nern, die Har­ris Me­dia zur AfD ge­schickt hat, ist be­kannt, dass die­se kaum Deutsch spre­chen. Ob das Kal­kül auf­geht, die Spra­che der Wut und der Frem­den­feind­lich­keit über Län­der­gren­zen zu über­set­zen, zeigt sich am Wahl­abend.

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