Wer ist „Wir“?

War­um mich die Fra­ge um­treibt, ob wir so gut le­ben, weil die an­de­ren so schlecht le­ben.

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - LITERATUR - Von In­go Schul­ze

Wenn es stimmt, dass sich die Lö­sung ei­nes Pro­blems am Ver­schwin­den der Fra­ge zeigt, dann deu­tet das Auf­tau­chen ei­ner Fra­ge auf ein Pro­blem. Ha­ben wir ein Pro­blem mit uns? Wer ist wir? Ich muss ge­ste­hen, ich bin, wie das Kor­rek­tur­pro­gramm mei­nes Com­pu­ters, im­mer wie­der über die­se For­mu­lie­rung ge­stol­pert. Die­ses Stol­pern er­zeugt ei­ne Dis­tanz zur Spra­che. Ver­traue ich mei­nem Ge­hör, so macht „Wer ist wir?“aus dem kor­rek­ten ei­nen „Wer sind wir?“meh­re­re Wirs. Ich kann die Fra­ge auch un­ter­schied­lich be­to­nen: „Wer ist wir?“be­deu­te­te: das Wir hat ei­ne Kon­tur und wä­re be­kannt, nur sein Ver­hal­ten gibt wo­mög­lich Rät­sel auf. Fra­ge ich hin­ge­gen „Wer ist Wir?“wer­den Zwei­fel laut, ob ein Wir über­haupt exis­tiert. Oder ich hal­te mich an das Hilfs­verb, um zwi­schen bei­den Mög­lich­kei­ten hin und her zu schau­keln.

Das Wir, in das ich 1962 in Dres­den hin­ein­ge­bo­ren wur­de, mach­te mich zu ei­nem Kind der DDR. Tas­te ich nach ei­nem ers­ten ei­ge­nen Wir-Ge­fühl jen­seits der Fa­mi­lie, so lan­de ich noch vor al­len Schul­hof-Ban­den bei un­se­ren von den De­fa-In­dia­ner­fil­men in­spi­rier­ten Spie­len. Mei­ne Hel­den­mus­ter be­zo­gen ih­re Kraft und An­schau­lich­keit aus die­sen Fil­men, de­ren Haupt­fi­gur im­mer ein In­dia­ner­häupt­ling war, der im­mer von dem schö­nen, star­ken und cha­rak­ter­lich erst­klas­si­gen Goi­j­ko Mi­tic ge­spielt wur­de. Im­mer kämpf­te Chin­can­gook oder Te­cum­seh oder Ul­za­na ei­nen he­roi­schen Kampf ge­gen gie­ri­ge, hin­ter­lis­ti­ge und bru­ta­le, je­doch mit bes­se­ren Waf­fen aus­ge­stat­te­te Ok­ku­pan­ten. Die Schwie­rig­keit für un­se­re von den Fil­men an­ge­feu­er­ten Spie­le be­stand dar­in, dass kei­ner ein Bleich­ge­sicht sein woll­te, und wenn, dann ein gu­tes, ei­nes, das be­reits die Fron­ten ge­wech­selt hat­te, so­dass wir al­le schnell wie­der im sel­ben Wig­wam sa­ßen. Un­se­rem Spiel haf­te­te al­ler­dings ei­ne selbst Kin­dern zu­gäng­li­che Me­lan­cho­lie an. Auch wenn al­le un­se­re Spie­le sieg­reich en­de­ten, wuss­ten wir doch: Nicht wir, die In­dia­ner, hat­ten ge­won­nen. Dass wir selbst Bleich­ge­sich­ter wa­ren, wie auch Goi­j­ko Mi­tic ei­nes war, kam zu­min­dest mir nicht in den Sinn.

Der Staat, in dem ich auf­wuchs, gab sich nicht da­mit zu­frie­den, dass ich sein Staats­bür­ger war. Er woll­te si­cher­ge­hen, dass ich es auch blie­be, und for­der­te au­ßer­dem ein ak­ti­ves Be­kennt­nis zu sei­nem Wir, als hät­te ein Kind da über­haupt ei­ne Wahl, was auf­grund der Mau­er gleich zwei­fa­cher Un­sinn war. Um­so mehr wun­de­re ich mich heu­te, wie leicht mir da­mals ei­ne Ant­wort auf die Fra­ge nach mei­nem Wir ge­fal­len wä­re. Denn noch lan­ge über mei­ne Ju­gend­jah­re hin­aus hing ich der Über­zeu­gung an, dass der­je­ni­ge, der es wagt und dem es ge­lingt, die of­fen­sicht­li­che Wahr­heit für al­le hör­bar aus­zu­spre­chen, die Mehr­heit zwangs­läu­fig auf sei­ner Sei­te ha­ben wür­de. Die­se ima­gi­nä­re Mehr­heit be­trach­te­te ich als mein Wir. Wir war of­fen und de­mo­kra­tisch und die freie Ent­wick­lung des Ein­zel­nen die Vor­aus­set­zung für die freie Ent­wick­lung al­ler. Wir kon­sta­tier­ten die ei­ge­nen Miss­stän­de, oh­ne den Ka­pi­ta­lis­mus als Al­ter­na­ti­ve in Be­tracht zu zie­hen.

Noch vor mei­nem 27. Ge­burts­tag durf­te ich er­le­ben, wie zu­tref­fend mei­ne Wir-Vor­stel­lung war: Mein Wir ging auf die Stra­ße und er­ober­te ge­walt­los De­mo­kra­tie und Frei­heit – Vi­sa­frei bis Shang­hai. Ei­ne un­ab­hän­gi­ge Jus­tiz war nicht über Nacht zu eta­blie­ren, aber die Ge­wal­ten­tei­lung wur­de de fac­to prak­ti­ziert. Stel­len Sie sich ei­ne Ge­sell­schaft vor, in der der Pri­vat­be­sitz an Pro­duk­ti­ons­mit­teln kei­ne Rol­le spielt und zum Recht auf Ar­beit, auf ei­ne Woh­nung, auf ei­nen Aus­bil­dungs­platz, auf kos­ten­lo­se me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung die bür­ger­li­chen Rech­te und Frei­hei­ten hin­zu­tre­ten.

In mir steckt noch die Er­fah­rung von ei­ni­gen Mo­na­ten De­mo­kra­tie, die we­der vom Lob­by-Geld noch von Par­tei­en-Hier­ar­chi­en ein­ge­schürt wur­de, die vor al­lem ei­ne un­mit­tel­ba­re Mit­be­stim­mung am Ar­beits­platz be­deu­te­te. Das Volk war im Be­griff, sich das Volks­ei­gen­tum tat­säch­lich an­zu­eig­nen. Zwi­schen der un­blu­ti­gen Ab­dan­kung des vor­mund­schaft­lich-dik­ta­to­ri­schen Ap­pa­ra­tes und der Ein­füh­rung der D-Mark ent­stand für ei­ni­ge Mo­na­te ei­ne Ah­nung da­von, was ei­ne so­zia­lis­ti­sche De­mo­kra­tie sein könn­te. Dass mein Wir da­bei nicht so ho­mo­gen war, wie es sich mir noch bis in den No­vem­ber/De­zem­ber 1989 hin­ein dar­ge­stellt hat­te, drück­te sich zei­chen­haft in der Op­po­si­ti­on der bei­den Slo­gans: „Wir sind das Volk“con­tra „Wir sind ein Volk“aus. Ich war über­rascht und ir­ri­tiert, dass man sich nicht po­li­tisch, son­dern na­tio­nal de­fi­nie­ren woll­te. Das Na­tio­na­le al­ler­dings ließ sich im­mer schwe­rer vom D-Mark-Pa­trio­tis­mus un­ter­schei­den.

Die Er­in­ne­rung an die­se Wo­chen und Mo­na­te ist vor al­lem ei­ne Er­in­ne­rung an ei­ne fürch­ter­lich an­stren­gen­de Zeit. Mein Wir war nicht mehr ima­gi­när, son­dern kon­kret. Die­je­ni­gen, mit de­nen ich nun bei­nah täg­lich zu­sam­men­saß, wa­ren Meis­ter, Ar­bei­ter, In­ge­nieu­re, Kran­ken­schwes­tern, Kir­chen­mit­ar­bei­ter, Bau­ern, Bus­fah­rer. Wie klein war mei­ne Welt zu­vor ge­we­sen. Doch für ein paar Mo­na­te wur­de et­was er­probt und auch hier und da ver­wirk­licht, was heu­te schon das Fas­sungs­ver­mö­gen von Uto­pi­en über­for­dert.

Die­se kur­ze Epi­pha­nie ei­ner so­zia­lis­ti­schen De­mo­kra­tie wur­de durch die ers­ten frei­en Wah­len für zu schwie­rig be­fun­den – kei­ne Ex­pe­ri­men­te! – und ab­ge­wählt. Ich glaub­te zu­min­dest an den sanf­ten Zwang des bes­se­ren Ar­gu­ments, al­so an die Ein­sicht, dass ein Be­trieb nicht im Ju­li je­ne Löh­ne und Ge­häl­ter in D-Mark wür­de zah­len kön­nen, die er im Ju­ni noch in Ost­mark ge­zahlt hat­te. Mit der Ein­füh­rung der D-Mark am 1. Ju­li war der Bei­tritt zur al­ten BRD be­sie­gelt, was ich als ei­nen gra­vie­ren­den Ver­lust an Sou­ve­rä­ni­tät und Selbst­be­stim­mung er­leb­te.

Was ich für mein Wir ge­hal­ten hat­te, schien kei­ne Rol­le mehr zu spie­len. Die Vor­stel­lung ei­nes neu­en Wirs war schwie­rig. Der im Ar­beits­all­tag Wett­be­werb ge­nann­te Kon­kur­renz­kampf führ­te je­den An­satz zu ei­nem Wir ad ab­sur­dum, es sei denn, man fass­te das Wir als ein Un­ter­neh­men auf, das sich ge­gen das Wir ei­nes an­de­ren Un­ter­neh­mens durch­zu­set­zen hat­te. Zu­gleich er­füll­te die D-Mark Wün­sche, die zu­vor au­ßer­halb der Vor­stel­lungs­kraft ge­le­gen hat­ten. Über Nacht ge­hör­te auch ich zum Wes­ten, al­so zu je­nem Teil der Mensch­heit, der – nach Maß­ga­be des je­wei­li­gen Geld­beu­tels – über un­vor­stell­ba­ren Reich­tum ver­füg­te. Ein Gang durch je­den Su­per­markt mach­te das Wun­der er­leb­bar. Im re­al exis­tie­ren­den So­zia­lis­mus such­ten die Kun­den nach Wa­ren, im Ka­pi­ta­lis­mus su­chen die Wa­ren nach Kun­den, die Pro­duk­ti­on schien ei­ne zu ver­nach­läs­si­gen­de Selbst­ver­ständ­lich­keit ge­wor­den zu sein.

Wie ir­ri­tie­rend die Er­fah­rung doch ist, dass un­ser Le­ben ei­nen dop­pel­ten Bo­den be­sitzt

Wä­re ich da­mals zu mei­ner Wir-Vor­stel­lung be­fragt wor­den, so weiß ich nicht, was ich ge­ant­wor­tet hät­te. Ich, ein Bun­des­bür­ger in sei­nen Drei­ßi­gern, der, nach­dem er dem Un­ter­neh­mer­tum oh­ne Schul­den ent­kom­men war, wi­der Er­war­ten von sei­nem Schrei­ben le­ben konn­te, in Ber­lin-Neu­kölln wohn­te, in der Welt her­um­reis­te und sich zu der An­sicht durch­ge­run­gen hat­te, dass es gar nicht hät­te an­ders kom­men kön­nen. Ich war be­müht, die so­zia­le Markt­wirt­schaft, von Ka­pi­ta­lis­mus sprach man da­mals nicht mehr oder noch nicht wie­der, als das klei­ne­re Übel an­zu­er­ken­nen, glaub­te an Rot-Grün und die Ge­werk­schaf­ten als Ga­ran­ten so­zia­ler Ge­rech­tig­keit und öko­lo­gi­schen Den­kens, hoff­te auf den Eu­ro und die EU und wünsch­te, dass es ei­nes Ta­ges al­len so gut oder zu­min­dest fast so gut ge­hen wür­de wie uns. Of­fen­bar hielt ich es oh­ne ein gro­ßes Wir nicht lan­ge aus.

Selbst wäh­rend des neo­li­be­ra­len Ga­lopps in die markt­kon­for­me De­mo­kra­tie gab es ein­zel­ne Ent­schei­dun­gen, wie das Nein zum Irak­krieg, die Ener­gie­wen­de oder die Auf­nah­me von Flücht­lin­gen im Sep­tem­ber 2015, in de­nen sich mein Wir in Über­ein­stim­mung mit dem na­tio­nal­staat­li­chen Wir be­fand. Ent­schei­dun­gen, bei de­nen un­ter­schied­li­che deut­sche Re­gie­run­gen nicht dem Selbst­lauf des po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen bu­si­ness as usu­al ge­folgt wa­ren, weck­ten Hoff­nun­gen auf ei­ne Po­li­tik, die so han­delt, wie wir selbst be­han­delt wer­den wol­len, ei­ne Po­li­tik, die Ar­ti­kel eins des Grund­ge­set­zes glo­bal ver­steht.

Der Ame­ri­ka­ner, der den Ko­lum­bus ent­deck­te, mach­te ei­ne bö­se Ent­de­ckung

Spä­tes­tens als die Fra­ge nach den Ur­sa­chen der Flucht von Mil­lio­nen Men­schen ge­stellt wur­de, konn­te sich das Selbst­bild un­se­res gro­ßen Wirs nicht in den mo­der­nen Sa­ma­ri­tern er­schöp­fen, die schon bald die Ge­stran­de­ten ta­xier­ten, wie brauch­bar sie für Hof und Stall sein könn­ten. Doch bei der Dis­kus­si­on der Flucht­ur­sa­chen ging es vor al­lem um die Schleu­ser und die Si­che­rung der EU-Au­ßen­gren­zen. Die Ärz­te von Lam­pe­du­sa ha­ben im­mer wie­der dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es kaum Frau­en und Ju­gend­li­che gibt, die Eu­ro­pa er­rei­chen, oh­ne miss­braucht wor­den zu sein. Wenn sie über­haupt Eu­ro­pa er­rei­chen. Aber die Ur­sa­che der Flucht sind die Kri­mi­nel­len nicht. Oh­ne Schleu­ser kein Sel­fie mit der Kanz­le­rin. So­lan­ge sie die ein­zi­ge Mög­lich­keit blei­ben, nach Eu­ro­pa zu kom­men, kla­gen wir mit den Schleu­sern auch uns selbst an.

„Der Ame­ri­ka­ner, der den Ko­lum­bus als ers­ter ent­deck­te, mach­te ei­ne bö­se Ent­de­ckung.“Ich wünsch­te, uns ge­län­ge es mit­un­ter wie Lich­ten­berg, die Per­spek­ti­ve zu wech­seln. Un­se­re eu­ro­päi­schen Vor­fah­ren, al­so die Bleich­ge­sich­ter, ha­ben der Welt den Skla­ven­han­del gro­ßen Stils und den Ko­lo­nia­lis­mus ge­bracht. Das liegt noch nicht lan­ge zu­rück. Seit dem En­de der Apart­heid in Süd­afri­ka und Na­mi­bia sind noch kei­ne drei­ßig Jah­re ver­gan­gen. Eu­ro­pa hat im­mer von der Aus­plün­de­rung an­de­rer Kon­ti­nen­te ge­lebt und lebt bis heu­te da­von. Leicht lässt sich ein Bo­gen vom Gold der In­kas und Az­te­ken zum Ko­balt des Kon­go oder der ar­gen­ti­ni­schen So­ja­boh­ne schla­gen. Die ent­schei­den­de Fra­ge da­bei ist: Geht es uns gut, weil es den an­de­ren schlecht geht (Ste­phan Les­se­nich, Ber­lin, 2016)? Ich las­se das Fra­ge­zei­chen ste­hen, ob­wohl ich nach al­lem, was ich durch Lek­tü­re, Be­rich­te und ei­ge­ne An­schau­ung in Er­fah­rung brin­gen konn­te, ein Aus­ru­fe­zei­chen set­zen müss­te. Ich weiß, dass ich Ih­nen da­mit nichts Neu­es ver­kün­de, aber ich weiß auch, wie blind ich selbst lan­ge Zeit da­für ge­we­sen bin und wie ir­ri­tie­rend die Er­fah­rung ei­nes dop­pel­ten Bo­dens un­se­res Le­bens ist, ir­ri­tie­rend bis in die Ver­hin­de­rung des ei­ge­nen Schrei­bens hin­ein, was noch das Ge­rings­te da­bei ist.

Lan­ge ha­be ich in dem nie ge­kann­ten Wohl­stand un­se­res Lan­des, der höchst un­ter­schied­lich ver­teilt ist, das ent­schei­den­de Plus für den Wes­ten mit sei­ner ka­pi­ta­lis­ti­schen Markt­wirt­schaft ge­se­hen. Lan­ge ha­be ich das, was ich im­mer wie­der aus Ar­ti­keln, Re­por­ta­gen, Bü­chern er­fuhr, als Aus­nah­men ab­ge­tan und die Schuld den kor­rup­ten Re­gie­run­gen und Ge­schäf­te­ma­chern vor Ort zu­ge­scho­ben. Sei es der Ka­kao­bau­er, der noch nie Scho­ko­la­de ge­ges­sen hat, oder die Le­bens- und Ar­beits­ver­hält­nis­se in der vom Ban­den- und Bür­ger­krieg ver­wüs­te­ten Volks­re­pu­blik Kon­go, aus der ein be­trächt­li­cher Teil je­ner Bo­den­schät­ze kommt, die für die Her­stel­lung von Smart­pho­nes und Com­pu­tern not­wen­dig sind, wie Ko­balt oder Col­tan.

Wenn wir Deut­schen heu­te pro Kopf mehr So­ja als Kar­tof­feln kon­su­mie­ren, weil da­mit Schwei­ne ma­de in Ger­ma­ny für den Ex­port auch in afri­ka­ni­sche Län­der ge­mäs­tet wer­den, wo der un­schlag­bar gu­te Preis, oft mit EU-Sub­ven­tio­nen ver­se­hen, die ein­hei­mi­schen Bau­ern zur Auf­ga­be zwingt, setzt sich ei­ne Ver­hee­rung der Le­bens­grund­la­gen fort, die in Ar­gen­ti­ni­en oder Bra­si­li­en mit mas­sen­haf­ten Ro­dun­gen be­gann und die Bau­ern in die Sl­ums der Groß­städ­te ge­trie­ben hat. Es lie­ßen sich sehr vie­le Ge­schich­ten über al­le mög­li­chen Pro­duk­te er­zäh­len, Baum­wol­le, Bau­xit, Ei­sen­erz, Sand, Fisch, Kup­fer, Holz …

Das Ge­fäl­le von Reich und Arm ist im Welt­maß­stab so groß wie in kei­ner ein­zi­gen Na­tio­nal­ge­sell­schaft. Wäh­rend die ein­kom­mens­stärks­ten Län­der den größ­ten öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck auf­wei­sen (der um das Drei­fa­che über der ver­füg­ba­ren Bio­ka­pa­zi­tät der Er­de liegt), kön­nen sie ih­re Um­welt scho­nen und ver­bes­sern und ih­re Lebenserwartung ste­tig er­hö­hen. Hin­ge­gen wer­den Um­welt und Mensch in je­nen Län­dern, die nicht über die Ver­hält­nis­se des Pla­ne­ten le­ben, rui­niert. Die­ses Pa­ra­do­xon er­klärt sich nicht mit der Tech­no­lo­gie, denn die ist teu­er, son­dern da­mit, dass un­se­ren Dreck jetzt an­de­re schlu­cken, an­de­re ih­re Flüs­se rui­nie­ren, ih­re Luft, an­de­re, von de­ren Ar­beits- und Le­bens­be­din­gun­gen wir pro­fi­tie­ren. Wenn wir an­er­ken­nen, dass die von Ko­lo­nia­lis­mus, Skla­ve­rei und Mas­sen­mor­den (bis hin zum Völ­ker­mord an den He­re­ros und Na­mas in Deut­schSüd­west­afri­ka) ge­präg­te Ge­schich­te wie auch un­ser heu­ti­ger All­tag, der von den neo­ko­lo­nia­len Be­zie­hun­gen pro­fi­tiert, zu den Haupt­ur­sa­chen für die Flucht zäh­len, sind wir Mit­ver­ant­wort­li­che.

In ei­nem Wir kann man et­was ge­mein­sam ver­schwei­gen oder ge­mein­sam über et­was spre­chen. Ein fort­ge­setz­tes Ge­spräch je­doch führt frü­her oder spä­ter zu Schluss­fol­ge­run­gen, die ein Han­deln er­zwin­gen kön­nen. Wenn wir tat­säch­lich wün­schen, dass es an­de­ren bes­ser geht und sie nicht ge­zwun­gen sind, sich auf den Weg in den Nor­den zu ma­chen, kann das nicht al­lein Sa­che von nicht­staat­li­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen sein. Sol­len tat­säch­lich Flucht­ur­sa­chen be­kämpft wer­den, ist über Kre­dit- und Han­dels­ver­ein­ba­run­gen zu spre­chen, über den Ab­bau von EUAgrar­sub­ven­tio­nen, über Ge­set­ze, die nicht den Markt zum al­les ent­schei­den­den Maß­stab neh­men. We­ni­ger Aus­plün­de­rung be­deu­tet auch we­ni­ger Ge­winn. Die­se For­de­run­gen sind nicht oh­ne ei­ne spür­ba­re Ein­he­gung des ka­pi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaf­tens oder, wenn das Recht zur Er­zie­lung von pri­va­tem Pro­fit über die Men­schen­rech­te ge­stellt wird, gar sei­ne In­fra­ge­stel­lung denk­bar.

Ein Vor­bo­te in­ter­na­tio­na­ler staat­li­cher Be­mü­hun­gen war die zu Be­ginn der Acht­zi­ger­jah­re von Wil­ly Brandt mit­in­iti­ier­te Nord-Süd Kom­mis­si­on bei der Uno. Seit dem letz­ten Jahr gibt es ei­nen von der Bun­des­re­gie­rung be­schlos­se­nen Na­tio­na­len Ak­ti­ons­plan 2016 – 2020, der die Leit­prin­zi­pi­en der Ver­ein­ten Na­tio­nen für Wirt­schaft und Men­schen­rech­te um­set­zen soll. Dar­in heißt es: „Ziel ist es, dass min­des­tens 50% al­ler in Deutsch­land an­säs­si­gen Un­ter­neh­men mit über 500 Be­schäf­tig­ten bis 2020 die in Ka­pi­tel III be­schrie­be­nen Ele­men­te men­schen­recht­li­cher Sorg­falt in ih­re Un­ter­neh­mens­pro­zes­se in­te­griert ha­ben.“

Wenn man aus die­ser Be­schrei­bung auf den Ist-Zu­stand schließt, dann ha­ben heu­te deut­lich we­ni­ger als die Hälf­te al­ler gro­ßen deut­schen Un­ter­neh­men die Ele­men­te men­schen­recht­li­cher Sorg­falt in ih­re Un­ter­neh­mens­pro­zes­se in­te­griert. Ver­bind­lich ist an die­sem Ak­ti­ons­plan nichts, von Sank­tio­nen oder Stra­fen kein Wort. In sei­nem der­zei­ti­gen Zu­stand ist die­ser Ak­ti­ons­plan nicht viel wert. Aber er könn­te trotz­dem zu dem Spalt in der Tür wer­den, in den sich ei­nen Fuß schie­ben lie­ße, wenn der öf­fent­li­che und po­li­ti­sche Druck dem­ent­spre­chend stark wür­de. Es geht im­mer noch um die Fra­ge: Le­ben wir so gut, weil die an­de­ren so schlecht le­ben?

Mich macht oft die Hilf­lo­sig­keit de­rer fas­sungs­los, die glau­ben, mit der Pro­kla­ma­ti­on von Welt­of­fen­heit und Will­kom­mens­kul­tur oder gar mit Be­fürch­tun­gen zum Stand­ort­fak­tor ir­gend­et­was zum Bes­se­ren wen­den zu kön­nen. Ei­ne Hal­tung, die nur wünscht, dass die AfD-Wäh­ler wie­der ver­schwin­den und der frü­he­re Sta­tus quo zu­rück­kehrt, ver­schlim­mert die Si­tua­ti­on nur. Die­se Kli­en­tel, die laut­stark, teils na­tio­na­lis­tisch bis rechts­ex­trem, pro­tes­tiert, hat Angst um den ex­qui­si­ten Sta­tus, den die deut­sche Staats­bür­ger­schaft ih­nen ge­währt. Kein Wun­der, dass je­ne, die noch nicht so lan­ge da­zu­zäh­len und häu­fig das Ge­fühl hat­ten, Deut­sche zwei­ter Klas­se zu sein, nun be­son­ders auf­fal­len.

In die­ser Angst um ih­re Ex­klu­si­vi­tät aber tref­fen sie sich mit ei­nem gro­ßen Teil der Be­völ­ke­rung. Jetzt rächt sich die Po­li­tik der letz­ten Jahr­zehn­te, die der Ge­sell­schaft nicht viel mehr als Markt­gläu­big­keit an­zu­bie­ten hat­te, in der Pri­va­ti­sie­rung, be­triebs­wirt­schaft­li­che Ef­fi­zi­enz und Wachs­tum die Kri­te­ri­en nicht nur für die Öko­no­mie, son­dern die ge­sam­te Ge­sell­schaft wur­den und die ei­ne Ver­ein­ze­lung und so­zi­al-öko­no­mi­sche Po­la­ri­sie­rung be­wirkt ha­ben, die ein Wir nur noch als Sen­ti­men­ta­li­tät er­trägt. Als ich vor­hin be­haup­te­te, ein Wir ent­stün­de, in­dem ich et­was tue, ging ich von der An­nah­me aus, dass ich, wenn ich et­was be­gin­ne, da­mit nicht al­lein blei­ben muss. Des­halb las­sen Sie mich zum Schluss be­ken­nen, dass ich ei­nem Wir an­ge­hö­ren will, das die Dop­pel­bö­dig­keit der ei­ge­nen Exis­tenz und Le­bens­wei­se nicht hin­nimmt, auch wenn wir tag­täg­lich dar­in mit Haut und Haar ver­strickt sind, ein Wir, das es leid ist, zu den bö­sen Ent­de­ckun­gen ge­zählt zu wer­den, und des­halb nicht auf­hört, der ei­ge­nen Ge­sell­schaft wie sich selbst Fra­gen zu stel­len, wie je­ne, ob wir gut le­ben, weil die an­de­ren schlecht le­ben. Des­halb kann mein letz­ter Satz ei­gent­lich nur lau­ten: Und was mei­nen Sie?

In­go Schul­ze, ge­bo­ren 1962 in Dres­den, lebt in Ber­lin. Vor Kur­zem er­schien sein Ro­man „Pe­ter Holtz. Sein glück­li­ches Le­ben er­zählt von ihm selbst“(S. Fi­scher). Dies ist die Er­öff­nungs­re­de, die er zum Darm­städ­ter Ge­spräch „Wer ist Wir?“am Wo­che­n­en­de hielt, in ei­ner ge­kürz­ten Fas­sung.

FO­TO: DPA

Leip­zi­ger Mon­tags­de­mo, 12. März 1990: Aus den ers­ten frei­en Volks­kam­mer­wah­len der DDR am 18. März 1990 ging die CDU als stärks­te Par­tei her­vor.

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