Im Hams­ter­rad der Mi­gra­ti­ons­ge­schich­te

Klaus J. Ba­de zieht Bi­lanz – sein Buch ist sei­ne Waf­fe

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - DAS POLITISCHE BUCH - He­ri­bert prantl

wie die FDP die so­zi­al­li­be­ra­le Ko­ali­ti­on ver­las­sen wer­de. Als es für Hel­mut Kohl we­gen der in­ner­par­tei­li­chen La­ge in der Uni­on nicht op­por­tun er­schien, den Kampf um die Kanz­ler­kan­di­da­tur für 1980 ge­gen den ehr­gei­zi­gen Franz Jo­sef Strauß auf­zu­neh­men, schlug er, der Par­tei- und Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de, den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Nie­der­sach­sens, Ernst Al­brecht, vor. Die­ser ver­lor am 2. Ju­li 1979 in der CDU/CSUBun­des­tags­frak­ti­on sehr klar ge­gen Strauß. Nach ei­ner sol­chen dras­ti­schen Nie­der­la­ge des Par­tei- und Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den wä­ren die meis­ten Po­li­ti­ker gleich­sam wie selbst­ver­ständ­lich zu­rück­ge­tre­ten – nicht aber Hel­mut Kohl. Er konn­te be­reits je­dem Be­su­cher am Tag die­ser ver­hee­ren­den Nie­der­la­ge als Ge­gen­ar­gu­ment den ge­nau­en Zeit­ab­lauf vor­tra­gen, wie er – Kohl – 1982 Kanz­ler wer­de.

Patrick Bah­ners zi­tiert im Schluss­teil sei­nes Bu­ches ei­nen Satz von Fried­rich Heb­bel, den man pas­send als Sum­me der macht­po­li­ti­schen Be­ob­ach­tungs­er­kennt­nis­se zu Hel­mut Kohl an­füh­ren kann: „Das Ge­nie ist ein ge­bo­re­ner Mit­tel­punkt.“So war Hel­mut Kohl in all sei­nen Sta­tio­nen, in all sei­nen Kämp­fen – um die Nach­fol­ge Pe­ter Alt­mei­ers als Mi­nis­ter­prä­si­dent von Rhein­land-Pfalz, um die Nach­fol­ge von Rai­ner Bar­zel als CDU-Vor­sit­zen­der, um die Nach­fol­ge von Hel­mut Schmidt als Bun­des­kanz­ler, bei der Ant­wort auf den Mau­er­fall, bei der Ret­tung Eu­ro­pas aus der Eu­ro­skle­ro­se: Das Macht­ge­nie Hel­mut Kohl stand im­mer im Mit­tel­punkt.

Wer­ner Wei­den­feld ist Di­rek­tor des Cen­trums für an­ge­wand­te Po­li­tik­for­schung der Uni­ver­si­tät Mün­chen. Vor zwan­zig Jah­ren, am Ran­de ei­ner Ta­gung über In­te­gra­ti­on, kam es zu ei­nem Dis­put zwi­schen dem Mi­gra­ti­ons­for­scher Klaus Ba­de und ei­nem äl­te­ren Herrn. Der äl­te­re Herr war ein ehe­mals lei­ten­der Be­am­ter aus dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um des In­ne­ren, der sich mit den Wor­ten vor­stell­te: „Ich ha­be An­fang der Acht­zi­ger­jah­re al­les ver­hin­dert, was Sie da­mals ge­for­dert ha­ben.“Er mein­te die For­de­rung Ba­des an die Po­li­tik, end­lich zu be­grei­fen, dass Deutsch­land auf dem Weg zum Ein­wan­de­rungs­land sei und des­halb Kon­zep­te für ei­ne Ein­wan­de­rungs­und In­te­gra­ti­ons­po­li­tik ent­wi­ckelt wer­den müss­ten.

Der äl­te­re Herr stell­te – so er­in­nert sich Ba­de – mit an­hal­ten­der Ge­nug­tu­ung fest, dass er da ganz an­de­rer An­sicht ge­we­sen sei und man des­halb im Mi­nis­te­ri­um auch kei­ne Kon­zep­te ent­wi­ckelt ha­be, um den Irr­weg nicht auch noch zu pflas­tern. Ba­de er­wi­der­te dar­auf, dass die­ser ja mit sei­ner Ver­hin­de­rungs­po­li­tik sehr er­folg­reich ge­we­sen sei. Der Ex-Be­am­te nahm das ver­gif­te­te Lob wohl­wol­lend zur Kennt­nis. Als Ba­de ihn nun frag­te, wer denn nun, rück­bli­ckend be­trach­tet, mit sei­nen Ein­schät­zun­gen wirk­lich recht ge­habt ha­be, das Mi­nis­te­ri­um oder die Mi­gra­ti­ons­for­schung, re­agier­te der Ex-Be­am­te ein­len­kend und ent­rüs­tet zu­gleich: „Sie, Herr Ba­de, hat­ten wohl recht – aber das konn­ten Sie doch da­mals gar nicht wis­sen!“

Das Werk ist fu­ri­os, ful­mi­nant und fa­cet­ten­und um­fang­reich

Klaus Ba­de selbst weiß nicht so recht, ob er über die­se Sze­ne la­chen oder wei­nen soll. „Deutsch­land ist kein Ein­wan­de­rungs­land“: Er hat ja ge­gen die­se Le­bens­lü­ge der deut­schen Po­li­tik an­ge­schrie­ben wie kaum ein an­de­rer da­mals. Da­mals – das war die Zeit, die er als „ver­lo­re­nes Jahr­zehnt“be­zeich­net, es war die Zeit, in der die Re­gie­rungs­po­li­tik von Hel­mut Kohl und das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um mein­ten, es sei die Ein­wan­de­rung nicht exis­tent, wenn man sie ein­fach nicht zur Kennt­nis neh­me. Da­mals, un­ter der Ägi­de des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters Fried­rich Zim­mer­mann (CSU), schrieb wohl der äl­te­re Herr an ei­nem Ge­setz­ent­wurf mit, der da­von aus­ging, dass deut­sche In­ter­es­sen nur ge­gen Ein­wan­de­rer durch­ge­setzt wer­den kön­nen. Deutsch­land war ein Ein­wan­de­rungs­land oh­ne Ein­wan­de­rungs­po­li­tik, aber mit viel ag­gres­si­ver Ge­häs­sig­keit – die bis heu­te im­mer wie­der hoch­kocht. Der ge­nann­te Ge­setz­ent­wurf vom 1. Fe­bru­ar 1988 for­mu­lier­te Sät­ze, mit de­nen man heu­te das Pro­gramm ei­ner Rechts­au­ßenPar­tei schrei­ben könn­te. „Die Zu­wan­de­rung von Aus­län­dern“, hieß es da, sei der „Ver­zicht auf die Ho­mo­ge­ni­tät der Ge­sell­schaft … die ge­mein­sa­me deut­sche Ge­schich­te, Tra­di­ti­on, Spra­che und Kul­tur ver­lö­ren ih­re ei­ni­gen­de und prä­gen­de Kraft.“

Nur lang­sam lös­te sich die Po­li­tik von so na­tio­nal­staat­li­chen Tö­nen – so lang­sam, dass Klaus Ba­de noch in den Nul­ler­jah­ren sei­ne Vor­trä­ge mit der spit­zen Be­mer­kung be­gin­nen konn­te, dass er ei­nen ru­hi­gen Job ha­be – es än­de­re sich näm­lich seit Jahr­zehn­ten nichts, er kön­ne im­mer die glei­chen Vor­trä­ge hal­ten. Aber nach sol­chem sar­kas­ti­schen Ape­ri­tif lie­fer­te er na­tür­lich doch sei­ne Ide­en, sei­ne Vor­schlä­ge, sei­ne Kon­zep­te für ei­ne gu­te Auf­nah­me-und In­te­gra­ti­ons­po­li­tik, um nicht ir­gend­wann spä­ter kon­sta­tie­ren zu müs­sen: „Bei uns kommt al­les in Sa­chen Mi­gra­ti­ons- und In­te­gra­ti­ons­po­li­tik 25 Jah­re zu spät“– so, wie er es im Jahr 2005 kon­sta­tie­ren muss­te, in dem Jahr al­so, in dem das ers­te Zu­wan­de­rungs­und In­te­gra­ti­ons­ge­setz in Kraft trat, das nicht aus­drück­lich „Ein­wan­de­rungs­ge­setz“hei­ßen durf­te. Manch­mal muss man gar fest­stel­len, dass Deutsch­land nicht 25 Jah­re, son­dern 50 Jah­re zu spät dran ist – die An­wer­bung der Gas­t­ar­bei­ter be­gann ja schon 1955, die In­te­gra­ti­ons­kur­se be­gan­nen erst­mals 2005. Ay­dan Özoğuz, Mi­gra­ti­ons­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung, macht die­se Be­mer­kung in ei­ner Fuß­no­te ih­res Ge­leit­worts zum Werk von Klaus Ba­de.

Die­ses Werk ist jetzt in um­fas­sen­der Form er­schie­nen – fu­ri­os, ful­mi­nant und fa­cet­ten- und um­fang­reich. Klaus Ba­de hat sei­ne Bei­trä­ge, sei­ne Vor­stö­ße, sei­ne In­ter­ven­tio­nen, auch sei­ne Hams­ter­rä­de­rei­en, zu­sam­men­ge­tra­gen und zu­sam­men­ge­stellt – es er­gibt sich auf gut sechs­hun­dert Sei­ten ein pa­cken­des Kom­pen­di­um deut­scher Po­li­tik von der „Gas­t­ar­bei­ter­fra­ge“bis zur „Flücht­lings­kri­se“, wie er im Un­ter­ti­tel sei­nes Bu­ches schreibt. Sein Buch birgt die Fül­le der mi­gra­ti­ons­po­li­ti­schen Er­kennt­nis. Es ist ein Stan­dard­werk, ein Nach­schla­ge­werk, es ist ein Er­in­ne­rungs­bad und ei­ne In­spi­ra­ti­ons­quel­le für je­den, der sich mit Mi­gra­ti­on, Flucht und In­te­gra­ti­on be­schäf­tigt.

Man sitzt mit Re­spekt vor dem Le­bens­werk ei­nes Man­nes, der – so oft als Ein­ze­lund Vor­kämp­fer – da­zu bei­ge­tra­gen hat, dass sich in Deutsch­land ein öf­fent­li­ches Be­wusst­sein für die Not­wen­dig­keit von In­te­gra­ti­on ent­wi­ckelt hat. Ent­wi­ckelt hat sich aber auch ei­ne neue Gif­tig­keit, die in Tei­len der AfD zu Hau­se ist. „Es ist kein gu­tes Ge­fühl“, so hat Ba­de vor ein paar Jah­ren ge­stan­den, „sich im Ziel­fern­rohr ge­walt­be­rei­ter Agi­ta­to­ren zu be­we­gen und bei öf­fent­li­chen Auf­trit­ten po­li­zei­li­chen Saal­schutz oder ge­le­gent­lich so­gar Per­so­nen­schutz auf­ge­drückt zu be­kom­men.“Die Schmä­hun­gen ha­ben auch ei­nen so auf­rech­ten und selbst­si­che­ren Mann wie Ba­de ge­trof­fen. Er hat ei­ni­ges an An­fein­dun­gen, Atta­cken und Be­dro­hun­gen durch­ste­hen müs­sen.

Sein Buch ist sei­ne Waf­fe. Er kämpft da­mit nicht nur die Kämp­fe der Ver­gan­gen­heit. Ba­de at­ta­ckiert die Ver­trä­ge, die neu­er­dings von Deutsch­land und Eu­ro­pa mit bru­ta­len Dik­ta­tu­ren in Afri­ka ge­schlos­sen wer­den. Es han­de­le sich da­bei, schreibt Ba­de, um die dunk­le Kehr­sei­te von Mer­kels „Wir schaf­fen das“-Me­dail­le. Auf die­ser Kehr­sei­te steht: Wir schaf­fen es, die Flücht­lin­ge fern­zu­hal­ten – mit ei­ner Mi­schung aus Zu­cker­brot und Peit­sche.

„Der Men­schen­händ­ler Gad­da­fi lässt grü­ßen“, klagt Ba­de an­ge­sichts des­sen; und er fährt fort: „Wir tre­ten mit den eu­ro­pä­isch-afri­ka­ni­schen Mi­gra­ti­ons­part­ner­schaf­ten schein­bar ein Stück weit sein schänd­li­ches Er­be an.“Klaus Ba­de ist jetzt 73. Al­ters­mil­de wird er nicht.

Klaus J. Ba­de:

Mi­gra­ti­on – Flucht – In­te­gra­ti­on. Kri­ti­sche Po­li­tik­be­glei­tung von der „Gas­t­ar­bei­ter­fra­ge“bis zur „Flücht­lings­kri­se“. Er­in­ne­run­gen und Bei­trä­ge, von Lo­eper Li­te­ra­tur­ver­lag Karls­ru­he 2017, 624 Sei­ten, 32 Eu­ro.

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