Raus aus der Mi­se­re

Ver­schwur­belt, un­be­deu­tend, zu vie­le Stu­den­ten – die Ger­ma­nis­tik kaut an im­mer den­sel­ben Vor­wür­fen. Statt sich zu recht­fer­ti­gen, soll­te sie ih­re Pro­ble­me selbst ana­ly­sie­ren

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - SCHULE UND HOCHSCHULE - Ro­nen stein­ke von gi­an­na nie­wel

„va­ge“. Das kön­ne „da­zu füh­ren, dass Stu­die­ren­de zwar viel über das Rö­mi­sche Recht und Ci­ce­ro er­fah­ren, aber nichts von Freis­ler und den Nürn­ber­ger Ras­sen­ge­set­zen. Wir soll­ten prä­zi­sie­ren und klar­stel­len, dass zu den ge­schicht­li­chen Grund­la­gen das deut­sche Jus­ti­z­un­recht des 20. Jahr­hun­derts ge­hört, ins­be­son­de­re die Ge­scheh­nis­se in der NS-Zeit.“

Die Re­dak­ti­on der FR hat­te Maas’ Ar­ti­kel als Plä­doy­er für ein neu­es „Pflicht­pro­gramm“im Stu­di­um be­ti­telt. Tat­säch­lich ließ Maas aber of­fen, ob das The­ma Na­zi­zeit nur ins An­ge­bots­sor­ti­ment auf­ge­nom­men wer­den soll – oder ob die Stu­die­ren­den auch zwin­gend dar­in ab­ge­fragt wer­den sol­len. § 3. Das ge­sun­de Volks­emp­fin­den wird vom zu­stän­di­gen Gau­lei­ter fest­ge­legt.“Nach dem Krieg ist an ju­ris­ti­schen Fa­kul­tä­ten noch lan­ge dar­über ge­strit­ten wor­den, ob Ju­ris­ten sol­chen Pa­ra­gra­fen Ge­hor­sam schul­de­ten oder nicht.

Von Ju­ra­stu­den­ten wird heu­te viel ver­langt, die Stoff­men­ge ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ge­wach­sen, und vor die­sem Hin­ter­grund äu­ßer­ten Kri­ti­ker von Maas’ Re­form­idee beim jüngs­ten Ex­per­ten­tref­fen im Mi­nis­te­ri­um auch Skep­sis ge­gen­über dem zu­sätz­li­chen his­to­ri­schen Lern­stoff. Der Ver­fas­sungs­recht­ler Joa­chim Le­ge von der Uni Greifs­wald sag­te, er be­fürch­te ein „Ein­falls­tor für ei­ne Po­li­ti­sie­rung des Ju­ra­stu­di­ums“.

Es soll­te um „Eu­ro­pa im Über­gang“ge­hen, um Flücht­lings­ro­ma­ne und trans­na­tio­na­les Thea­ter, 180 Ger­ma­nis­ten aus der gan­zen Welt wa­ren nach Flens­burg ge­kom­men. Ta­gung der Ge­sell­schaft für in­ter­kul­tu­rel­le Ger­ma­nis­tik (GiG). Dann ging es doch auch um die Kri­se, in der das Fach an­geb­lich ge­ra­de steckt. Be­zie­hungs­wei­se um das, was von dem Kri­sen­ge­re­de zu hal­ten ist.

Die Dis­kus­si­on hat­te An­fang des Jah­res der Mar­tin Do­er­ry mit sei­nem Ar­ti­kel „Schil­ler war Kom­po­nist“an­ge­sto­ßen. Sei­ne Kri­tik: Die Ger­ma­nis­tik kön­ne kei­ne re­le­van­ten In­tel­lek­tu­el­len mehr vor­wei­sen, ih­re For­schung zer­fa­se­re, ih­re Leh­re lei­de un­ter ei­ner Über­zahl von Stu­den­ten. Nach wie vor gel­te, „wer nicht so recht weiß, was er mal wer­den soll, stu­diert eben gern mal Ger­ma­nis­tik“. Do­er­ry, das nur am Ran­de, hat selbst Ger­ma­nis­tik stu­diert. Es ist al­so auch ei­ne Kri­tik an sei­nem Fach.

Die Wi­der­re­de kam re­flex­haft. Ger­ma­nis­ten mel­de­ten sich zu Wort, um zu sa­gen, dass sie sich sehr wohl zu Wort mel­den. Dass sie wis­sen­schaft­li­che Tex­te nicht ver­schwur­belt schrei­ben wür­den, son­dern in ei­ner Wis­sen­schafts­spra­che – wie auch Ju­ris­ten, Me­di­zi­ner, Phy­si­ker. Und dass die Ger­ma­nis­tik na­tür­lich ei­nen Wert für die Ge­sell­schaft ha­be. Wie­so sol­le sich ein Fach, bei dem der Mensch im Zen­trum steht, wenn auch als li­te­ra­ri­sche Fi­gur, über­haupt recht­fer­ti­gen?

Die­ter Heim­bö­ckel, 56, ist stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der GiG, er hat in Flens­burg den Vor­trag ge­hal­ten, der im Pro­gramm­heft auf­fiel: „Kri­sen­rhe­to­rik und Le­gi­ti­ma­ti­ons­ri­tu­al“, er re­det auch ein paar Ta­ge spä­ter noch dar­über. Er re­det über die „so­ge­nann­te Kri­se“und sei­ne Wort­wahl zeigt, was er da­von hält.

Die Ger­ma­nis­tik lös­te im 19. Jahr­hun­dert Latein ab als Fach, an dem die Na­ti­on sich bil­de­te. Sie wur­de ideo­lo­gi­siert in den 1930er Jah­ren, in den 1960er Jah­ren ar­bei­te­te sie sich an die­ser Ideo­lo­gi­sie­rung ab. Im April 1971 ti­tel­te die Zeit „Das Fach in Dau­er­kri­se“. Auch als Heim­bö­ckel sich an der Uni­ver­si­tät Duis­burg ein­schrieb, gab es Kri­tik: Die FAZ klag­te im März 1987 über „Das Elend des Kri­sen­ge­re­des“. Zum Ver­stum­men kam das Ge­re­de nicht. „Sind Ger­ma­nis­tik und Kri­se nicht ein und das­sel­be?“frag­te im März 1997 die Zeit.

Heim­bö­ckel wur­de mit ei­ner Ar­beit über Wal­ter Ra­then­au pro­mo­viert, ha­bi­li­tier­te sich zur Sprach­kri­tik bei Hein­rich von Kleist, lehr­te in Duis­burg und Re­gens­burg. Der­zeit un­ter­rich­tet er Li­te­ra­tur und In­ter­kul­tu­ra­li­tät an der Uni­ver­si­tät in Lu­xem­burg. Die Kri­tik an sei­nem Fach hört Heim­bö­ckel er noch im­mer.

„Die Ger­ma­nis­tik steckt in ei­ner Le­gi­ti­ma­ti­ons­spi­ra­le“, sagt er, „die wirk­lich wich­ti­gen The­men wer­den da­bei nicht an­ge­spro­chen.“Nicht von au­ßen. Aber auch nicht von in­nen. Das Fach ist da­mit be­schäf­tigt, sich selbst zu le­gi­ti­mie­ren. Da­bei ge­be es Re­de­be­darf.

80 000 Stu­die­ren­de sind ein­ge­schrie­ben. Sie ist die be­lieb­tes­te Geis­tes­wis­sen­schaft

80 000 jun­ge Män­ner und Frau­en sind der­zeit ein­ge­schrie­ben, die Ger­ma­nis­tik ist das mit Ab­stand be­lieb­tes­te geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Fach an deut­schen Hoch­schu­len. So zu tun, als wür­den die Stu­den­ten al­le nicht mehr le­sen, könn­ten nicht mehr schrei­ben und hiel­ten Schil­ler für ei­nen Kom­po­nis­ten – das grei­fe zu kurz.

Weit­rei­chen­der und re­le­van­ter ist für ihn die Fra­ge, wel­che Re­for­men zu den vie­len Ein­schrei­bun­gen ge­führt ha­ben. Da ist die Um­stel­lung von G 9 auf G 8. Da ist Bo­lo­gna. Und da sind in Fol­ge Stu­den­ten, die durch ihr Stu­di­um rau­schen, ECTS-Punk­te sam­meln und kei­ne Zeit mehr ha­ben, ei­ne kri­ti­sche und pro­duk­ti­ve Dis­tanz zu ent­wi­ckeln. Die sich viel­leicht nicht mehr fra­gen, was es 1787 be­deu­tet hat, dass Schil­ler sei­nen Mar­quis von Po­sa zum Kö­nig sa­gen lässt: „Ge­ben Sie Ge­dan­ken­frei­heit“. Oder was Ge­dan­ken­frei­heit heu­te be­deu­tet.

Weit­rei­chend und re­le­vant ist für Heim­bö­ckel au­ßer­dem die Fra­ge, wie die Ger­ma­nis­tik mit den Re­for­men und ih­ren Fol­gen um­ge­hen kann. Ein Nu­me­rus Clau­sus? Tests zu Be­ginn? Heim­bö­ckel sagt: nein. Er schlägt statt­des­sen vor, die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Gym­na­si­en und Uni­ver­si­tä­ten zu ver­bes­sern, die Hoch­schuld­i­dak­tik auf­zu­wer­ten, die Ten­denz zur Ver­schu­lung rück­gän­gig zu ma­chen. Nicht die Quan­ti­tät der Prü­fun­gen sei ent­schei­dend, son­dern die Qua­li­tät der Aus­bil­dung – ei­gent­lich ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, aber auch die ge­hö­re aus­buch­sta­biert. Dann wer­de die Ger­ma­nis­tik auch kein Fach mehr sein, dem der Ruf vor­aus­eilt, man kön­ne es „eben mal“stu­die­ren.

Ei­ne stär­ke­re Aus­ein­an­der­set­zung mit der Bil­dungs­po­li­tik ist für ihn das ei­ne. Das an­de­re ist die ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Re­le­vanz des Fa­ches. Wie wir­ken Wör­ter? Wie­so ist es pro­ble­ma­tisch, wenn in der Zei­tung „Flücht­lings­wel­le“steht, als kä­men die Men­schen mit der Wucht ei­ner Na­tur­ka­ta­stro­phe? Das sind Fra­gen der Zeit. Es sind auch Fra­gen des Sprach­ge­brauchs. Die Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on, die ge­ra­de statt­fin­det, die den Fun­da­men­ta­lis­mus er­mög­licht – al­les schon da­ge­we­sen, es muss nur je­mand nach­le­sen. Und ja, na­tür­lich gibt es Ger­ma­nis­ten, die das wis­sen, die Ant­wor­ten ge­ben oder es zu­min­dest ver­su­chen. Aber ge­mes­sen an der Grö­ße des Fa­ches sei­en es we­ni­ge. „Es ist an der Zeit, dass wir uns wie­der em­pö­ren.“

Heim­bö­ckel hat sich nicht nur über das neu­er­li­che Kri­sen­ge­re­de ge­är­gert und dar­über, dass es not­wen­di­ge Fra­gen über­la­gert. Son­dern auch dar­über, dass im­mer von „der Ger­ma­nis­tik“die Re­de ist, als ge­be es das ei­ne Fach. Schon deut­sche Uni­ver­si­tä­ten un­ter­schei­den zwi­schen Neue­rer Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft, Sprach­wis­sen­schaft und Me­diä­vis­tik, al­so der Li­te­ra­tur und Spra­che des Mit­tel­al­ters. Zwi­schen Pro­fes­so­ren, Dok­to­ren, Dok­to­ran­den. Und die kön­nen ein­zeln über­for­dert sein, aber nicht als Kol­lek­tiv. Zum ei­nen.

In In­di­en und Chi­na boomt das Fach, in Frank­reich und Dä­ne­mark geht es stark zu­rück

Zum an­de­ren, sagt Heim­bö­ckel, ist das Kri­sen­ge­re­de über die Ger­ma­nis­tik im­mer auch ei­ne Ve­ren­gung, weil es al­len vor­an die Kol­le­gen meint, die im deutsch­spra­chi­gen Raum leh­ren und for­schen. Der Rest wird als „Aus­lands­ger­ma­nis­tik“ab­ge­tan und zu ei­ner Ger­ma­nis­tik zwei­ter Klas­se her­ab­ge­stuft, sagt er. Da­bei ver­die­nen ge­ra­de die Kol­le­gen ei­nen Blick.

In In­di­en und Chi­na boomt das Fach, über­haupt in Län­dern, die nach Wes­ten schau­en. Da le­ben Men­schen, die Deutsch ler­nen, um erst das Land und sei­ne Kul­tur zu ver­ste­hen und dann an sei­ne Wirt­schaft an­schlie­ßen zu kön­nen. Für den Mo­ment er­freu­lich. Aber: „Wenn Deutsch­land sei­ne öko­no­mi­sche Vor­macht­stel­lung ein­büßt, wird auch die Nach­fra­ge nach Deutsch un­aus­weich­lich sin­ken“, sagt Heim­bö­ckel. In Frank­reich und Dä­ne­mark et­wa ist sie schon ge­sun­ken, die Zahl der Stu­den­ten ge­he seit Jah­ren zu­rück, das Fach wer­de kaum noch ge­lehrt. Aber auch hier: we­nig Auf­merk­sam­keit, von au­ßen, zu we­nig Auf­merk­sam­keit aber auch aus dem Fach her­aus. Weil Kol­le­gen be­fan­gen sind. Weil sie sich nicht in­ter­es­sie­ren. Weil sie um sich selbst krei­sen und um das Kri­sen­ge­re­de. Wie fa­tal.

Die Po­li­ti­sie­rung der Ger­ma­nis­tik, die ste­te Ver­bes­se­rung der Aus­bil­dung, die Her­aus­for­de­run­gen, mit de­nen die Kol­le­gen im Aus­land kämp­fen – dar­über müs­se tat­säch­lich ge­re­det wer­den.

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Ist die Ger­ma­nis­tik noch am Puls der Zeit? Um die Ak­tua­li­tät Fried­rich Schil­lers, hier ei­ne Ins­ze­nie­rung sei­nes Dra­mas „Ma­ria Stuart“, muss man sich wohl kei­ne Sor­gen ma­chen. Die Wis­sen­schaft, die sich um ihn und sei­nes­glei­chen dreht, steht je­doch in der Kri­tik.

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Per­ver­si­on des Rechts: Der NS-Volks­ge­richts­hof um sei­nen Prä­si­den­ten Ro­land Freis­ler (Mit­te) beim Pro­zess ge­gen die Hit­ler-At­ten­tä­ter vom 20. Ju­li 1944.

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