Die Jus­tiz ist nie un­po­li­tisch

Ju­ra­stu­den­ten sol­len über NS-Un­recht ler­nen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - SCHULE UND HOCHSCHULE -

Wer in Deutsch­land Rechts­wis­sen­schaft stu­diert, der lernt, zu wel­chen geis­ti­gen Hö­hen es die Säu­len­hei­li­gen der Dis­zi­plin ge­trie­ben ha­ben: Kant und He­gel, die Phi­lo­so­phen des deut­schen Idea­lis­mus, Sa­vi­gny und Ot­to May­er, die Vor­den­ker rechts­staat­li­cher Ver­wal­tung, an sol­chen klin­gen­den Na­men führt kein Weg vor­bei. Wohl aber an: Ro­land Freis­ler, Ot­to Thier­ack, Hans Frank. Je­nen Ju­ris­ten, die un­ter Ver­wen­dung teils des­sel­ben ju­ris­tisch-lo­gi­schen Hand­werks­zeugs die Men­schen im NS-Re­gime in Ab­grün­de hin­ab­schleif­ten, als Blut­rich­ter und als Ideo­lo­gen, be­geg­nen deut­schen Stu­den­ten höchs­tens mal kurz oder gar nicht.

Ist das ak­zep­ta­bel, darf das so blei­ben? Dar­über dis­ku­tiert seit ei­ni­gen Mo­na­ten ei­ne Grup­pe von Jus­tiz­ver­tre­tern und Pro­fes­so­ren, die sich im Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um in Ber­lin tref­fen, un­ter ih­nen Ver­tre­ter al­ler Jus­tiz­prü­fungs­äm­ter aus 16 Bun­des­län­dern. Nun liegt aus die­sem Kreis erst­mals ein Ge­setz­ent­wurf vor, der zeigt, wie es künf­tig an­ders lau­fen könn­te. Dem­nach wür­den rechts­wis­sen­schaft­li­che Fa­kul­tä­ten künf­tig auch zum „deut­schen Jus­ti­z­un­recht des 20. Jahr­hun­derts“zwin­gend Vor­le­sun­gen an­bie­ten müs­sen; ei­ne ent­spre­chen­de For­mu­lie­rung wür­de ins Deut­sche Rich­ter­ge­setz ein­ge­fügt, das den Zu­gang zum Staats­ex­amen re­gelt.

Wie ge­schichts­los darf man Recht leh­ren, wie viel Re­fle­xi­on der po­li­ti­schen Ver­ant­wor­tung ist Pflicht? Erst im Zu­ge ei­ner neu­en Ent­wick­lung, näm­lich der wis­sen­schaft­li­chen Au­f­ar­bei­tung der NS-Ver­gan­gen­heit und braun ge­färb­ten Bon­ner An­fangs­jah­re des Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums durch den His­to­ri­ker Man­fred Gör­te­maker und den Straf­recht­ler Chris­toph Saf­fer­ling („Die Ak­te Ro­sen­burg“, 2016 bei C. H. Beck), ist über­haupt wie­der Be­we­gung in die al­te Dis­kus­si­on ge­kom­men. Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) hat das The­ma zwar nicht selbst an­ge­sto­ßen, son­dern von sei­ner Vor­gän­ge­rin ge­erbt. Aber er hat es dann mit Ver­ve vor­an­ge­trie­ben. In ei­nem Gast­bei­trag für die Frank­fur­ter Rund­schau (FR) kri­ti­sier­te er jüngst die gel­ten­de Fas­sung des Rich­ter­ge­set­zes, wo­nach nur die „ge­schicht­li­chen Grund­la­gen“des Rechts Lehr­stoff sind, als zu

Für Letz­te­res plä­dier­te beim jüngs­ten Tref­fen der Ex­per­ten­grup­pe im Mi­nis­te­ri­um am ver­gan­ge­nen Di­ens­tag Frank Bleck­mann von der eher li­be­ra­len Neu­en Rich­ter­ver­ei­ni­gung. An­statt den Stu­den­ten nur ein An­ge­bot zu ma­chen, soll­ten die Fa­kul­tä­ten von ih­nen ei­nen „Schein“zum The­ma ver­lan­gen. Hin­ter die­ser Po­si­ti­on steht auch der Bun­des­ver­band Rechts­wis­sen­schaft­li­cher Fach­schaf­ten. Die Rechts­wis­sen­schaft­le­rin Le­na Fol­jan­ty, die am Frank­fur­ter Max-Planck-In­sti­tut für eu­ro­päi­sche Rechts­ge­schich­te forscht, pflich­te­te ihm bei, mach­te aber auch ei­nen zu­sätz­li­chen Vor­schlag. An­statt nur eng auf das 20. Jahr­hun­dert in Deutsch­land zu bli­cken, die ju­ris­tisch be­män­tel­ten Gräu­el der Na­zis so­wie mög­li­cher­wei­se auch das Pa­ra­gra­fen-Un­recht im SED-Staat, soll­ten Stu­den­ten glo­ba­ler über die „Rol­le des Rechts in Un­rechts­staa­ten“ler­nen.

Die Le­gen­de von den neu­tra­len Ju­ris­ten im Drit­ten Reich ist in­zwi­schen viel­fach wi­der­legt

Die Le­gen­de, wo­nach Ju­ris­ten im Drit­ten Reich im Gro­ßen und Gan­zen neu­tral ge­blie­ben sei­en, als nüch­tern-ideo­lo­gie­fer­ne Tech­ni­ker des Rechts, die den Na­ziHerr­schern ge­nau­so gu­te Die­ner wa­ren wie hin­ter­her der De­mo­kra­tie, ist in­zwi­schen viel­fach wi­der­legt. Recht ist nie un­po­li­tisch. Die Jus­tiz steht nie teil­nahms­los am Ran­de, wenn ein Re­gime sich ge­gen Men­schen­rech­te wen­det. Ei­ne der ers­ten Maß­nah­men der NS-Ge­setz­ge­bung 1933 war es, die Bin­dung deut­scher Straf­ge­rich­te an fest­ge­schrie­be­ne Pa­ra­gra­fen zu lo­ckern: Statt des eher­nen, die Bür­ger schüt­zen­den Grund­sat­zes „Kei­ne Stra­fe oh­ne Ge­setz“stand nun in Pa­ra­graf 1 des Reichs­straf­ge­setz­buchs, dass auch le­ga­le Ver­hal­tens­wei­sen zu be­stra­fen sei­en, so­fern der „Grund­ge­dan­ke ei­nes Straf­ge­set­zes“so­wie das „ge­sun­de Volks­emp­fin­den“dies er­for­der­ten. Dar­über zu spot­ten, war ge­fähr­lich. Man­che ta­ten es trotz­dem und brach­ten das neue NS-Straf­recht wie folgt auf den Punkt: „§ 1. Wer et­was un­ter­nimmt oder un­ter­lässt, wird be­straft. § 2. Die Stra­fe rich­tet sich nach dem ge­sun­den Volks­emp­fin­den.

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