AUS DER RE­DAK­TI­ON

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FORUM & LESERBRIEFE BESSER RADIKAL - Von Frank­reich ler­nen

Der Markt ver­sagt

Der Ar­ti­kel von Lau­ra Weiß­mül­ler bringt vie­les auf den Punkt. Aber es geht noch wei­ter: Der Bo­den­markt ver­sagt sys­te­ma­tisch. Die meis­ten Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler le­gen den Man­tel des Schwei­gens hier­über, auch wenn sie an­sons­ten im­mer­fort be­to­nen, dass ein sol­ches Markt­ver­sa­gen dort ent­ste­hen muss, wo Nut­zen und Kos­ten aus­ein­an­der­fal­len. Da­bei wird der Bo­den­wert nicht durch den Grund­stücks­ei­gen­tü­mer, son­dern durch Leis­tun­gen der All­ge­mein­heit ge­schaf­fen – dies sind un­ter an­de­rem öf­fent­li­che In­fra­struk­tur und Pla­nung so­wie die durch die­se erst er­mög­lich­te Agglo­me­ra­ti­on von Fach­kräf­ten. Die Fi­nan­zie­rung die­ser öf­fent­li­chen Leis­tun­gen wird da­bei in ers­ter Li­nie der he­te­ro­ge­nen Grup­pe der Ar­beit­neh­mer und Ver­brau­cher über Be­steue­rung auf­ge­bür­det – wo­bei bei­de Grup­pen zu ei­nem gro­ßen Teil de­ckungs­gleich sind. Den Nut­zen aber hat ei­ne re­la­tiv klei­ne und gut or­ga­ni­sier­te Grup­pe von Bo­den­ei­gen­tü­mern, die ei­ne en­ge Ver­bin­dung zur Po­li­tik pflegt.

Da­bei liegt der wah­re, nach Grund­stücks­wer­ten ge­mes­se­ne Groß­grund­be­sitz heut­zu­ta­ge in den gro­ßen Städ­ten. Na­tür­lich gibt es auch vie­le Klein­ei­gen­tü­mer von Im­mo­bi­li­en, zu­meist in pe­ri­phe­ren La­gen. Die­sen hat aber bis­lang noch nie­mand laut vor­ge­rech­net, wie de­sas­trös auch ih­re Kos­ten-Nut­zen-Bi­lanz in die­sem Sys­tem aus­fällt. Ei­ne hö­he­re Be­steue­rung des Bo­den­wer­tes bei gleich­zei­ti­ger Rück­füh­rung vor al­lem der Steu­ern auf Ver­brauch und Ein­kom­men könn­te da­zu bei­tra­gen, Nut­zen und Kos­ten auf den Bo­den­märk­ten zu­sam­men­zu­füh­ren. So­wohl Ef­fi­zi­enz als auch Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit könn­ten so er­höht wie auch der Zu­gang zur knap­pen Res­sour­ce Flä­che ver­bes­sert wer­den. Über die Er­set­zung der ge­gen­wär­ti­gen Grund­steu­er durch ei­ne Bo­den­wert­steu­er hät­te die Po­li­tik im Rah­men der an­ste­hen­den Grund­steu­er­re­form die Chan­ce, ei­ne Wen­de in die­se Rich­tung ein­zu­schla­gen.

Prof. Dirk Löhr, Tri­er

Welt­wei­ter Pakt

Welt­weit ächzt die Er­de un­ter ei­nem viel zu sorg­lo­sen Bo­den­kon­sum, ob nun der Flä­che oder der Kru­me, des Wal­des oder der Wie­se. Da­her soll­te ein welt­wei­ter Pakt ge­schlos­sen wer­den, der ei­nen dau­er­haf­ten Pri­vat­ver­kauf an na­tür­li­che oder ju­ris­ti­sche Per­so­nen un­ter­sagt. Flä­chen soll­ten al­len­falls ma­xi­mal 30 Jah­re mit Op­ti­on auf Ver­län­ge­rung ver­pach­tet wer­den dür­fen. Wie Luft und Was­ser soll­te der Bo­den als Ge­mein­be­sitz von al­len Le­be­we­sen und Pflan­zen auf der Er­de an­ge­se­hen wer­den. Auch hier sieht man wie­der, wie drin­gend die UN zu ei­ner ge­setz­ge­ben­den und par­la­men­ta­ri­schen In­sti­tu­ti­on auf­ge­wer­tet wer­den müs­sen: Bes­ser heu­te als mor­gen, denn das En­de un­se­rer Zu­kunft hat schon be­gon­nen. Dass das Chris­ten­tum die Vor­stel­lung ei­nes pri­va­ten Bo­den­kon­sums erst er­mög­licht hat („Ma­chet euch die Er­de un­ter­tan“) soll­te uns An­lass ge­ben, hier nach­zu­bes­sern und ein fried­li­che­res Ver­hält­nis zur Mut­ter Er­de zu ent­wi­ckeln. Nur wer die Er­de auch spi­ri­tu­ell als un­ver­letz­lich an­sieht, wird mehr Sorg­sam­keit im Um­gang mit Bo­den und Er­de ler­nen.

An­net­te Ah­me, Ber­lin → In „Smart­pho­nes auf Rä­dern“vom 15. Sep­tem­ber auf Sei­te 17 wur­de als Kauf­an­ge­bot für den Chip­her­stel­ler Qual­comm die Sum­me von 32,5 Mil­lio­nen Eu­ro ge­nannt. Tat­säch­lich sind es aber 32,5 Mil­li­ar­den Eu­ro.

→ In „Sturm­war­nung in Ba­den-Ba­den“vom 14. Sep­tem­ber auf Sei­te 27 hieß es, Bur­da-Vor­stand Phil­ipp Wel­te ha­be das Gros­so-Sys­tem als Sys­tem aus dem „letz­ten Jahr­tau­send“be­zeich­net. Tat­säch­lich nann­te er es ein Sys­tem aus dem „letz­ten Jahr­hun­dert“. Alex­an­der Men­den, SZ-Kul­turKor­re­spon­dent in Groß­bri­tan­ni­en, wird für sei­ne Ver­diens­te um die Wahr­neh­mung und Ver­mitt­lung bri­ti­scher Kul­tur mit dem Jour­na­lis­ten­preis des Deut­schen Ang­lis­ten­ver­ban­des aus­ge­zeich­net. Men­den ha­be mit sei­nen Ar­ti­keln, un­ter an­de­rem mit sei­ner „Br­ex­itKo­lum­ne“, die Er­eig­nis­se und Ku­rio­si­tä­ten in Groß­bri­tan­ni­en stets hu­mor­voll be­leuch­tet, heißt es in der Wür­di­gung. Ver­lie­hen wird der Preis beim kom­men­den Ang­lis­ten­tag in Re­gens­burg. „Selbst­jus­tiz von Pi­lo­ten“und „Air Ber­lin au­ßer Kon­trol­le“vom 13. Sep­tem­ber:

Det­lef Ess­lin­ger schreibt, dass die 200 strei­ken­den Pi­lo­ten von Air Ber­lin die Sit­ten ver­der­ben. Wil­de Streiks (oder ähn­li­che Kampf­for­men wie Be­set­zun­gen und Blo­cka­den) sind ei­gent­lich ty­pisch für Län­der, de­nen ei­ne Kul­tur des so­zia­len Dia­logs fehlt. Es sind For­men der Selbst­jus­tiz, wel­che hier bis­her ta­bu sind. Zu fra­gen ist, wer ei­gent­lich die Kul­tur des so­zia­len Dia­logs ver­dor­ben hat. War es nicht die Ka­pi­tal­sei­te, die durch Ta­rif­flucht aus dem Ta­rif­ver­bund der Ar­beit­ge­ber sich dem Gel­tungs­be­reich von Ta­rif­ver­trä­gen mas­sen­haft ent­zo­gen hat und ent­zieht? War es nicht ei­ne jahr­zehn­te­lan­ge Ar­beits­recht­spre­chung, die den Ge­werk­schaf­ten po­li­ti­sche Streiks ver­wehrt hat? Und ist es nicht so, dass ka­pi­ta­lis­ti­sche Lei­chen­fled­de­rer über 8000 Be­schäf­tig­te her­fal­len, um bei ih­rer „Schnäpp­chen­jä­ge­rei“die be­ste­hen­den Ta­rif­ver­trä­ge zu Las­ten der Be­schäf­tig­ten nicht zu über­neh­men, wie es bei ei­nem „Be­triebs­über­gang“der Fall wä­re?

Wir soll­ten froh sein, dass ei­ne Eli­te­grup­pe von Ar­beit­neh­mern sich nicht wie bis­her aus­schließ­lich um ih­re Pri­vi­le­gi­en küm­mert, son­dern hier ei­ne ein­sa­me Schlacht auch zu­guns­ten al­ler Be­schäf­tig­ten von Air Ber­lin schlägt, um die Öf­fent­lich­keit ge­gen den Skan­dal auf­zu­rüt­teln. Wer ge­gen Fa­b­rik­be­set­zun­gen und Blo­cka­den po­le­mi­siert, wen­det sich auch ge­gen üb­li­che Kampf­me­tho­den, die in Frank­reich in den nächs­ten Wo­chen und Mo­na­ten von den dor­ti­gen Ge­werk­schaf­ten ge­gen Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron ein­ge­setzt wer­den, um des­sen Ab­bau der So­zi­al­rech­te ent­spre­chend ih­rer „Kul­tur des so­zia­len Dia­logs“in Form der „di­rek­ten Ak­ti­on“zu be­kämp­fen. Von Frank­reich, dem Land der Re­vo­lu­ti­on, kann Deutsch­land noch ei­ni­ges ler­nen.

Dr. Gerd El­vers, Ober­hau­sen

Be­leg­schaft wird ver­schau­kelt

Air Ber­lin be­steht aus ge­leas­ten Flug­zeu­gen, Lan­de­rech­ten und ei­ner Be­leg­schaft. Die Rech­te der Ar­beit­neh­mer im Fal­le ei­nes Be­triebs­über­gan­ges nach Pa­ra­graf 613a BGB sol­len un­ter­lau­fen, ein So­zi­al­plan ver­wei­gert wer­den. Die Rech­te der Be­leg­schaft bei ei­nem Be­triebs­über­gang nach Pa­ra­graf 613a BGB könn­ten im In­sol­venz­fall vom Ge­setz­ge­ber ein­ge­schränkt wer­den, wie es im Bei­tritts­ge­biet ei­ne Zeit lang der Fall war. Dies of­fen zu gestal­ten, ver­mei­det die Bun­des­re­gie­rung, wäh­rend sie Schüt­zen­hil­fe da­zu leis­tet, den deut­schen Flug­markt zu­guns­ten der Luft­han­sa zu kon­so­li­die­ren. Der „wil­de Streik“der Pi­lo­ten mag vor­ge­se­he­nen Hand­lungs­struk­tu­ren wi­der­spre­chen – das Vor­ge­hen von Bun­des­re­gie­rung und Air Ber­lin eben­so.

Dr. Ste­phan Schle­gel, Esch­born Le­ser­brie­fe sind in kei­nem Fall Mei­nungs­äu­ße­run­gen der Re­dak­ti­on. Wir be­hal­ten uns vor, die Tex­te zu kür­zen.

Au­ßer­dem be­hal­ten wir uns vor, Le­ser­brie­fe auch in der di­gi­ta­len Aus­ga­be der Süd­deut­schen Zei­tung und bei Süd­deut­sche.de zu ver­öf­fent­li­chen. Bit­te ge­ben Sie im­mer Ih­ren vol­len Na­men, Ih­re Adres­se und – für Rück­fra­gen – auch Ih­re Te­le­fon­num­mer an.

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