Es darf nicht weh­tun

Was kann je­der Ein­zel­ne tun, um das Kli­ma zu schüt­zen? Die meis­ten Emp­feh­lun­gen be­schrän­ken sich auf harm­lo­se Maß­nah­men, wie kür­zer zu du­schen und Ener­gie­spar­lam­pen zu ver­wen­den. Ech­te Ein­schnit­te zu for­dern, traut sich fast nie­mand

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WISSEN - Von ben­ja­min von bra­ckel

Vor ei­ni­gen Jah­ren stand der Ma­theund Na­tur­wis­sen­schafts­leh­rer Seth Wy­nes vor sei­ner High­school-Klas­se im ka­na­di­schen On­ta­rio, und sei­ne Schü­ler frag­ten ihn, was sie tun könn­ten, um das Kli­ma zu schüt­zen. Sie blät­ter­ten durch die Schul­bü­cher, fan­den aber vor al­lem Emp­feh­lun­gen, die sich auf Klei­nig­kei­ten be­schränk­ten. Müll re­cy­celn oder kür­zer du­schen zum Bei­spiel. Din­ge, die ei­nen ech­ten Un­ter­schied ma­chen, wie aufs Au­to zu ver­zich­ten oder we­ni­ger zu flie­gen, wur­den hin­ge­gen nicht er­wähnt. „Wir fan­den, die Lö­sun­gen in den Schul­bü­chern schie­nen wie los­ge­löst vom Aus­maß des Pro­blems“, sagt Wy­nes.

Nun hat sich Wy­nes, in­zwi­schen an der Uni­ver­si­tät Lund in Schwe­den, der Fra­ge sei­ner Schü­ler von einst wie­der an­ge­nom­men. Und über­prüf­te mit sei­ner Kol­le­gin Kim­ber­ly Ni­cho­las zehn ka­na­di­sche Schul­bü­cher aus sie­ben Pro­vin­zen. Die mehr als 200 Emp­feh­lun­gen, wel­che die Wis­sen­schaft­ler in den Bü­chern fan­den, hat­ten wie­der nur „mo­de­ra­te oder we­nig Aus­wir­kun­gen“, heißt es in ih­rer Stu­die, die kürz­lich im Fach­blatt En­vi­ron­men­tal Re­se­arch Let­ters er­schien.

Wer aufs Au­to ver­zich­tet, kei­ne Fern­rei­sen macht und kein Fleisch isst, be­wirkt wirk­lich et­was

Seth Wy­nes und Kim­ber­ly Ni­cho­las wer­te­ten nun auch Schul­bü­cher und Re­gie­rungs­pa­pie­re aus Aus­tra­li­en, den USA und Eu­ro­pa aus – und wie­der zeig­te sich die Schief­la­ge zwi­schen Emp­feh­lung und Wir­kung. Deutsch­land ist da kei­ne Aus­nah­me: Auf ih­rer In­ter­net­sei­te rät die Bun­des­re­gie­rung, die Raum­tem­pe­ra­tur um ein Grad Cel­si­us zu sen­ken, auf die Stand-by-Funk­tio­nen von Elek­tro­ge­rä­ten zu ver­zich­ten und Ener­gie­spar­lam­pen zu ver­wen­den. Wer nicht auf sein Au­to ver­zich­ten möch­te, soll­te we­nigs­tens „kur­ze Stre­cken“zu Fuß oder mit dem Fahr­rad zu­rück­ge­le­gen und „mög­lichst de­fen­siv“Au­to fah­ren.

Das sind je­doch al­les sehr be­schei­de­ne Maß­nah­men. Auf Grund­la­ge di­ver­ser wis­sen­schaft­li­cher Sze­na­ri­en er­stell­ten Wy­nes und Ni­cho­las ei­ne Rang­lis­te, wie je­der Ein­zel­ne in ei­nem In­dus­trie­land am bes­ten das Kli­ma schüt­zen kann. Am meis­ten wür­de es dem­nach hel­fen, ein Kind we­ni­ger zu be­kom­men – ein sehr um­strit­te­ner Rat­schlag. Da­nach fol­gen: aufs Au­to ver­zich­ten, we­ni­ger flie­gen, kein Fleisch es­sen.

Au­tos und Flug­zeu­ge schlu­cken viel Treib­stoff, Rin­der pro­du­zie­ren Methan und Lach­gas, für den An­bau von Fut­ter­mit­teln müs­sen oft Re­gen­wäl­der wei­chen. Wer re­gel­mä­ßig Fleisch isst und ei­nen Trans­at­lan­tik­flug pro Jahr un­ter­nimmt, stößt schon al­lein da­mit 2,4 Ton­nen Koh­len­di­oxid aus – ei­gent­lich soll­ten es schon 2050 nur noch rund zwei Ton­nen pro Er­den­bür­ger sein, wenn die Er­wär­mung auf we­ni­ger als zwei Grad be­grenzt wer­den soll. Doch nur zwei der zehn ka­na­di­schen Schul­bü­cher rie­ten, we­ni­ger zu flie­gen. Sel­ten er­wähnt wur­de auch die Mög­lich­keit, aufs Au­to zu ver­zich­ten oder sich ve­ge­ta­risch oder gar ve­gan zu er­näh­ren. Von we­ni­ger Kin­dern war schon gar nicht die Re­de.

Ju­gend­li­che, schrei­ben die For­scher in der Stu­die, „soll­ten über die Um­welt­fol­gen der Fa­mi­li­en­grö­ße in­for­miert wer­den, schließ­lich wer­den sie wahr­schein­lich se­xu­ell ak­tiv“. Aber sind El­tern wirk­lich ver­ant­wort­lich für die CO2-Emis­sio­nen ih­rer Kin­der? Es stimmt zwar: Im­mer mehr Men­schen stra­pa­zie­ren die Be­las­tungs­gren­zen der Er­de – ein Eu­ro­pä­er oder US-Ame­ri­ka­ner deut­lich mehr als ein Afri­ka­ner oder Süd­ame­ri­ka­ner. Aber die wohl­ha­ben­den In­dus­trie­län­der schrump­fen oh­ne­hin. Nir­gend­wo auf der Welt sind die Ge­bur­ten­ra­ten so nied­rig wie in Eu­ro­pa. Auch dürf­ten den Rat, we­ni­ger Kin­der zu be­kom­men,

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