Blaue Ne­bel

Die Far­ben des Cham­pa­gners

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WISSEN -

wenn über­haupt dann höchs­tens die­je­ni­gen in die Tat um­set­zen, de­nen Kli­ma­schutz tat­säch­lich ein wich­ti­ges An­lie­gen ist. Das könn­te zur Fol­ge ha­ben, dass noch we­ni­ger Kin­der zu mün­di­gen Kli­ma­schüt­zern er­zo­gen wür­den.

„We­ni­ger Kin­der we­gen des Kli­mas zu be­kom­men, kann nicht die Lö­sung sein“, sagt die Um­welt­psy­cho­lo­gin Kat­ha­ri­na Bey­erl vom In­sti­tut für trans­for­ma­ti­ve Nach­hal­tig­keits­for­schung (IASS). „Viel wich­ti­ger wä­re es, un­se­ren Le­bens­stil um­zu­stel­len und da­mit auch un­se­ren Kin­dern zu er­mög­li­chen, das Le­ben auf die­sem Pla­ne­ten zu ge­nie­ßen und auch selbst Kin­der und En­kel ha­ben zu kön­nen.“Ihr Kol­le­ge Oli­ver Putz von IASS fin­det es zu­dem ethisch frag­wür­dig, Kin­der als „CO2-Pro­du­zen­ten zu ver­mes­sen“. Ein Kind we­ni­ger zu ha­ben spart laut der Stu­die 58,6 Ton­nen CO2 im Jahr. „Ich möch­te nicht, dass ein Preis­schild an mei­nen Sohn ge­hängt wird“, sagt der Theo­lo­ge und Bio­lo­ge.

Wy­nes und Ni­cho­las re­la­ti­vie­ren ih­re Emp­feh­lung in­des selbst ein we­nig: Wür­den die Emis­sio­nen in Zu­kunft ge­senkt, wür­den auch die ei­nes wei­te­ren Kin­des be­trächt­lich fal­len, hal­ten sie fest. Mit an­de­ren Wor­ten: Es geht we­ni­ger dar­um, we­ni­ger Kin­der zu krie­gen, als die Kin­der in ei­ner Ge­sell­schaft zu be­kom­men, in der sie kaum noch Koh­len­stoff aus­sto­ßen.

Und in die­ser Hin­sicht ist tat­säch­lich noch viel Luft nach oben, ge­ra­de was den Le­bens­stil be­trifft. War­um er­wäh­nen das die Ver­fas­ser von Schul­bü­chern und Re­gie­rungs­pa­pie­ren so sel­ten? Mög­li­cher­wei­se kon­zen­trie­ren sie sich be­wusst auf das, was we­nig be­wirkt, sich aber da­für ein­fach und re­gel­mä­ßig um­set­zen lässt. Ganz nach der Fuß-in-der-Tür-Tech­nik: Wer im Klei­nen an­ge­fan­gen hat, sich kli­ma­freund­lich zu ver­hal­ten, könn­te das ir­gend­wann auch da ma­chen, wo es an­fängt weh­zu­tun.

Al­ler­dings, so die Au­to­ren, ha­be die For­schung ge­zeigt, dass die Er­mu­ti­gung zu klei­nen Schrit­ten nur zu wei­te­ren klei­nen Schrit­ten füh­re. Wo­mög­lich liegt ge­ra­de der Bun­des­re­gie­rung auch gar nicht so sehr an Auf­klä­rung. Wür­de sie – oder die Kul­tus­mi­nis­ter – die Bür­ger da­zu auf­ru­fen, auf Au­to oder Fleisch zu ver­zich­ten, fie­le sie der Au­to-, Fleisch- und Fut­ter­mit­tel­in­dus­trie in den Rü­cken, die Mil­lio­nen Ar­beits­plät­ze bie­tet.

Hin­zu kommt: Wer mag schon da­für wer­ben, auf Fleisch zu ver­zich­ten? Für ih­re For­de­rung nach ei­nem Veg­gie-Day in Kan­ti­nen wur­den selbst die Grü­nen übel be­schimpft. Be­schei­den­heit passt nicht zu den Frei­heits­ver­spre­chen des neo­li­be­ra­len Zeit­geists. „Wir le­ben in ei­ner Be­wusst­seins­bla­se, in der es scheint, als hät­ten wir das Pro­blem längst im Griff“, sagt der Kli­maethi­ker Bern­ward Ge­sang von der Uni­ver­si­tät Mann­heim. „Die Be­reit­schaft zum Kli­ma­schutz ist groß, sie ten­diert aber zu null, wenn es dar­um geht, da­für wirk­lich et­was auf­zu­ge­ben oder in den Geld­beu­tel grei­fen zu müs­sen.“

Vie­le den­ken, dass ein Mensch al­lein oh­ne­hin nichts aus­rich­ten kann

Oft er­for­dert es tat­säch­lich gro­ße Dis­zi­plin oder ei­ni­gen Auf­wand, den Rat­schlä­gen zu fol­gen: Wer im Re­stau­rant ve­ge­ta­risch es­sen will, muss sich zu­wei­len mit Bei­la­gen zu­frie­den ge­ben, wer aufs Au­to ver­zich­ten möch­te, kann kaum ein­sam auf dem Land woh­nen blei­ben, wer we­ni­ger flie­gen will, muss sich bei den Ur­laubs­zie­len ein­schrän­ken oder viel Zeit im Zug ver­brin­gen. Vie­le den­ken zu­dem, dass ein Mensch al­lein oh­ne­hin nichts aus­rich­ten kann – „Ra­tio­na­li­tä­ten­fal­le“nen­nen das Psy­cho­lo­gen.

Gibt es ei­nen Aus­weg aus dem Di­lem­ma? Wy­nes und Ni­cho­las se­hen die größ­te Chan­ce, bei Ju­gend­li­chen an­zu­set­zen. Die fan­gen erst an, ih­ren Le­bens­stil zu de­fi­nie­ren und Rou­ti­nen aus­zu­bil­den – und sei­en des­halb eher be­reit, auf Au­to oder Fleisch zu ver­zich­ten. Und sich mög­li­cher­wei­se über ei­nen ge­sün­de­ren Le­bens­stil zu de­fi­nie­ren. Ge­ra­de des­we­gen sei es fa­tal, wenn Schul­bü­cher die Zu­sam­men­hän­ge der Welt ver­klä­ren. Wer Cham­pa­gner­kor­ken knal­len lässt, kann Zeu­ge ei­nes ver­blüf­fen­den Far­ben­spiels wer­den: Nach dem Plopp bil­det sich weiß­grau­er Ne­bel über der Fla­schen­öff­nung oder gar blau­er Ne­bel im Fla­schen­hals. Die Ur­sa­che da­für ent­schlüs­sel­ten nun Wis­sen­schaft­ler aus Reims, der Haupt­stadt der Cham­pa­gne. Ih­re Ana­ly­se in der Fach­zeit­schrift Sci­en­ti­fic Re­ports of­fen­bart, dass ab­hän­gig von der Fla­schen­tem­pe­ra­tur mal Was­ser­tröpf­chen zu Eis und mal Koh­len­di­oxid zu Tro­cken­eis ge­frie­ren. Wa­ren die Cham­pa­gner­fla­schen auf sechs Grad ge­kühlt, bil­de­te sich ein grau­wei­ßer Ne­bel über der Öff­nung. Grund da­für war die star­ke Ab­küh­lung des Gas­ge­mischs aus Luft, Was­ser­dampf und Koh­len­di­oxid auf et­wa mi­nus 78 Grad Cel­si­us, die bei dem plötz­li­chen Druck­ab­fall beim Ent­wei­chen des Kor­kens auf­trat. Die­se Küh­lung durch die so­ge­nann­te adia­ba­ti­sche Ex­pan­si­on ließ Was­ser­tröpf­chen zu klei­nen Eis­kris­tal­len ge­frie­ren. Sie streu­ten dif­fus das ein­fal­len­de Licht, so­dass weiß­graue Schwa­den sicht­bar wur­den (Mie-Streu­ung). Bei 20 Grad war­men Fla­schen konn­ten die For­scher blaue Schwa­den im Fla­schen­hals be­ob­ach­ten. Die Ur­sa­che: In der war­men Fla­sche herrsch­te ein deut­lich hö­he­rer Aus­gangs­druck des ein­ge­schlos­se­nen Koh­len­di­oxids als in der stark ge­kühl­ten Fla­sche. Da nun ein hö­he­rer Druck beim Öff­nen plötz­lich auf Norm­al­druck der Um­ge­bung ab­sack­te, war auch der Küh­lef­fekt grö­ßer. Das Gas­ge­misch kühl­te sich auf mi­nus 90 Grad Cel­si­us ab: Kalt ge­nug, um das Koh­len­di­oxid im Fla­schen­hals zu Tro­cken­eis ge­frie­ren zu las­sen. Die­se Kris­tal­le streu­ten den blau­en An­teil im Licht­spek­trum und blaue Schwa­den wur­den sicht­bar (Rayl­eigh-Streu­ung).

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