Im Auf­bruch

Mit der Ar­beits­markt­re­form steht und fällt die Re­gie­rung Ma­cron. Aus­ge­rech­net die ehe­ma­li­ge Per­so­nal­che­fin von Da­no­ne soll sie als Mi­nis­te­rin durch­set­zen. Die­se Wo­che wird zei­gen, wie re­form­fä­hig Frank­reich ist

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WIRTSCHAFT - Von leo klimm

Paris – Über dem Kopf von Mu­ri­el Pé­ni­caud hängt ein mäch­ti­ger Kron­leuch­ter. Die Wän­de ih­res Bü­ros im Stadt­pa­lais Hô­tel du Châ­te­let sind mit gol­de­nem Stuck und gro­ßen Spie­geln ver­ziert. Al­les wirkt wie al­tes – man könn­te sa­gen: er­starr­tes – Frank­reich, und es wä­re ein Leich­tes, die Ar­beits­mi­nis­te­rin mit ih­rer kon­ser­va­ti­ven Pa­ri­ser Ele­ganz hier gleich mit ein­zu­sor­tie­ren. Aber das wä­re ein Feh­ler.

Pé­ni­caud ar­bei­tet mit Feu­erei­fer an dem, was sie und Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron ganz un­be­schei­den die „Trans­for­ma­ti­on“ih­res Lan­des nen­nen – die Ver­wand­lung in ein neu­es, dy­na­mi­sches Frank­reich. Die Ku­lis­se des An­ci­en Ré­gime soll sie dar­an nicht hin­dern. Auch sonst nichts. „Leu­te, die am liebs­ten gar nichts än­dern wol­len, sind nicht mei­ne bes­ten Freun­de“, sagt die Mi­nis­te­rin. „Aber in der Be­völ­ke­rung ist der Wunsch nach Er­neue­rung stär­ker als die Re­form­ver­wei­ge­rung.“

Die­se Wo­che be­schließt die Re­gie­rung Ver­ord­nun­gen zur Fle­xi­bi­li­sie­rung des Ar­beits­markts, die Pé­ni­caud vor­ge­legt hat. Vier Mo­na­te nach der Prä­si­den­ten­wahl soll das der Be­ginn der Ver­wand­lung sein. Im Herbst und Winter star­tet Pé­ni­caud fünf wei­te­re Re­for­men, um Ma­crons Ver­spre­chen ein­zu­lö­sen, Frank­reichs Wirt­schaft wett­be­werbs­fä­hi­ger zu ma­chen und die ho­he Ar­beits­lo­sen­quo­te von 9,5 Pro­zent bis 2022 auf sie­ben Pro­zent zu drü­cken.

Pé­ni­caud, 62 Jah­re, Ex-Per­so­nal­vor­stand beim Le­bens­mit­tel­kon­zern Da­no­ne und Neu-Po­li­ti­ke­rin, ist die der­zeit wich­tigs­te Mi­nis­te­rin des jun­gen Prä­si­den­ten. Die zen­tra­le – und um­kämpf­te – Fi­gur, die ihn zum Er­folg tra­gen soll. Sie soll schaf­fen, woran so vie­le Re­gie­run­gen zu­vor ge­schei­tert sind: das ver­meint­lich un­re­for­mier­ba­re Frank­reich zu re­for­mie­ren. Mög­lichst oh­ne gro­ße Streiks und Blo­cka­den.

Im Kern geht es dar­um, Frank­reich ei­ne an­de­re, li­be­ra­le­re Wirt­schafts- und So­zi­al­ord­nung zu ver­pas­sen, weil die ge­gen­wär­ti­ge hoch ent­wi­ckelt ist, aber ge­ra­de den Schwächs­ten we­nig hilft. „Die Trans­for­ma­ti­on be­deu­tet die Re­form des ge­sam­ten So­zi­al­mo­dells“, sagt Pé­ni­caud im Ge­spräch mit deut­schen Jour­na­lis­ten. Bri­san­te Wor­te, die sie be­schwingt aus­spricht. Sie ist be­kannt für un­er­schüt­ter­li­che Fröh­lich­keit.

Die Lo­cke­rung des Ar­beits­rechts, das man­che Fir­ma bis­her an­geb­lich von Neu­ein­stel­lun­gen ab­hielt, kann sie als er­le­digt ab­ha­ken. Für Un­ter­neh­men sind Ab­fin­dun­gen nach Kün­di­gun­gen jetzt be­re­chen­ba­rer und sie be­kom­men mehr Spiel­räu­me, et­wa bei der Ar­beits­zeit. Als Nächs­tes nimmt sich Pé­ni­caud die Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung vor, die auf Selb­stän­di­ge aus­ge­wei­tet und an­ders fi­nan­ziert wer­den soll. Das Ar­beits­lo­sen­geld sei „kein Ta­bu“, sagt sie; al­le Ve­rän­de­run­gen wol­le sie aber ge­mein­sam mit den So­zi­al­part­nern er­ar­bei­ten. Auch die Aus- und Wei­ter­bil­dung möch­te sie um­krem­peln, weil das Sys­tem Ju­gend­li­che und Ge­ring­qua­li­fi­zier­te nicht vor Ar­beits­lo­sig­keit be­wahrt. Und dann ist auch noch ei­ne Ren­ten­re­form ge­plant.

„Das ist wie ein Ru­bik’s Cu­be“, sagt Pé­ni­caud – wie ei­ner die­ser knif­fe­li­gen Zau­ber­wür­fel, de­ren Flä­chen man nach Far­ben ord­nen muss. „Ei­ne Re­form al­lein reicht nicht aus. Um Er­folg zu ha­ben, müs­sen wir den Wür­fel in­ner­halb von 18 Mo­na­ten lö­sen.“Sie sagt, sie sei gut in Ru­bik’s Cu­be.

Pé­ni­caud und Ma­cron ha­ben es ei­lig. Wo­mög­lich wol­len sie das Land auch über­rum­peln. Gar nicht erst ris­kie­ren, dass sich mit der Zeit un­über­wind­ba­re Wi­der­stän­de auf­bau­en. Um­fra­gen zu­fol­ge miss­bil­li­gen die meis­ten Fran­zo­sen schon das fle­xi­ble­re Ar­beits­recht. „Wir tun ge­nau, was vor der Wahl an­ge­kün­digt wur­de“, sagt Pé­ni­caud trot­zig.

Ist Frank­reich wirk­lich be­reit? Zu­mal, wenn die­se Li­be­ra­li­sie­rung auch noch von ei­ner ver­mö­gen­den Frau un­ter­nom­men wird, de­ren Geg­ner ihr gleich zwei Fi­nanz­skan­da­le an­hän­gen wol­len?

Im Som­mer wur­de Pé­ni­caud von ra­di­ka­len Lin­ken und Rech­ten als skru­pel­lo­se Hi­re-and-fi­re-Ka­pi­ta­lis­tin hin­ge­stellt. Sie be­haup­te­ten, Pé­ni­caud ha­be als Per­so­nal­vor­stand den Wert ih­rer Da­no­ne-Ak­ti­en um ei­ne Mil­li­on Eu­ro ge­stei­gert, in­dem sie 900 Stel­len strich. Das war et­was kon­stru­iert, weil der Ver­kauf der Ak­ti­en und der Stel­len­ab­bau zeit­lich weit aus­ein­an­der­la­gen.

In ei­ner an­de­ren Sa­che aber wird so­gar er­mit­telt. We­gen des Ver­dachts auf „Günst­lings­wirt­schaft“: 2016 – da lei­te­te Pé­ni­caud Frank­reichs Agen­tur für Stand­ort­wer­bung – or­ga­ni­sier­te sie auf der Elek­tro­nik­mes­se von Las Ve­gas ei­nen Emp­fang für den da­ma­li­gen Wirt­schafts­mi­nis­ter Ma­cron. Ihr wird vor­ge­wor­fen, den Auf­trag über 300 000 Eu­ro oh­ne Aus­schrei­bung an ei­ne Event­fir­ma ver­ge­ben zu ha­ben. Sie räumt Feh­ler ein, be­ruft sich aber dar­auf, die Über­prü­fung des Vor­gangs selbst ver­an­lasst zu ha­ben. „Ich bin in die­ser An­ge­le­gen­heit sehr ent­spannt“, sagt sie. Und lä­chelt. Doch soll­te die Staats­an­walt­schaft An­kla­ge er­he­ben, wird sie ih­ren Pos­ten räu­men müs­sen. Es wä­re ein har­ter Rück­schlag. Vor al­lem für Ma­cron.

Von den Ge­werk­schaf­ten hat Pé­ni­caud nichts zu be­fürch­ten, bis­her je­den­falls. Das ver­dankt sie just ih­rem Vor­le­ben als Per­so­nal­ma­na­ge­rin ei­nes Kon­zerns. „Ich ken­ne mich aus in der Ma­te­rie und ich ken­ne mei­ne Ver­hand­lungs­part­ner schon“, sagt sie. „Das schafft Ver­trau­en.“In der Tat: Die Ge­werk­schafts­bos­se zol­len ihr öf­fent­lich Re­spekt. Die meis­ten sa­hen es ihr so­gar nach, als sie ei­nen Mann vom Ar­beit­ge­ber­ver­band Me­def zu ih­rem St­abs­chef mach­te. Bei der Ar­beits­re­form stell­te sich al­lein die kom­mu­nis­tisch ge­präg­te CGT ge­gen Pé­ni­caud. Die ge­mä­ßig­ten Ge­werk­schaf­ten zog sie da­ge­gen mit klei­nen Zu­ge­ständ­nis­sen ge­schickt auf ih­re Sei­te.

Oft be­ruft sie sich auf Da­no­ne-Grün­der An­toi­ne Ri­boud, für den wirt­schaft­li­cher Er­folg und so­zia­ler Fort­schritt zu­sam­men­ge­hör­ten. Bei dem Jo­ghurt­kon­zern hat Pé­ni­caud al­le 100 000 Mit­ar­bei­ter welt­weit mit ei­ner Kran­ken­ver­si­che­rung ver­sorgt – Jo­bab­bau hin oder her. Auch als Mi­nis­te­rin, so be­teu­ert sie, will sie Ri­bouds Leit­satz fol­gen. „Ich weiß, dass es viel schwie­ri­ger ist, ein Land zu ver­än­dern als ein Un­ter­neh­men“, sagt sie. Aber die Idee ist die glei­che: Ge­ben und Neh­men, Fle­xi­bi­li­tät und Schutz. Pé­ni­caud will Frank­reich von Pro­test- auf Dia­log­kul­tur um­po­len. Dass sie gern ver­gli­chen wird mit dem um­strit­te­nen deut­schen Re­for­mer Pe­ter Hartz, der auch mal Per­so­nal­chef bei ei­nem gro­ßen Kon­zern war, fin­det sie nicht ehr­rüh­rig.

Ener­gie­ge­la­den, aber kon­trol­liert. Freund­lich, aber be­stimmt. So ist sie. Man kann sich vor­stel­len, dass sie ei­ne ner­ven­star­ke Ver­hand­le­rin ist, die meist be­kommt, was sie will. Sie ist ja nicht nur stu­dier­te His­to­ri­ke­rin, son­dern auch Psy­cho­lo­gin. Und wenn sie ih­ren ei­ge­nen Stress ab­bau­en muss, geht sie raus in die Na­tur und fo­to­gra­fiert Vö­gel. Das ist ihr Hob­by. „Da braucht man Ge­duld – und darf den ent­schei­den­den Au­gen­blick nicht ver­pas­sen“, er­zählt Pé­ni­caud. In ih­rem Bü­ro hat sie zwei gro­ße Schwarz-Weiß-Bil­der von Vö­geln auf­ge­stellt, die sie ge­macht hat.

Sie kennt die­ses Bü­ro ei­gent­lich schon lang. In den Neun­zi­gern hat­te sie als Per­so­nal­ex­per­tin den Sprung in das Team der da­ma­li­gen so­zia­lis­ti­schen Ar­beits­mi­nis­te­rin Mar­ti­ne Au­bry ge­schafft. Au­bry be­scher­te Frank­reich die 35-St­un­den-Wo­che – Pé­ni­caud macht sie nun en pas­sant zu Ma­ku­la­tur. „Man sagt, dass ich sie aus­ge­bil­det ha­be. Aber ich fin­de sie ziem­lich miss­ge­bil­det“, ätzt Au­bry über ih­re Amts­nach­fol­ge­rin. Pé­ni­caud sagt, so et­was tref­fe sie nicht.

Sie hat ge­fähr­li­che­re Geg­ner als ih­re ExMen­to­rin: Ver­gan­ge­ne Wo­che gin­gen lan­des­weit 223 000 Men­schen auf die Stra­ße, die­se Wo­che fol­gen neue De­mos. All­mäh­lich schwillt der Pro­test ge­gen Pé­ni­caud an. „Wir wei­chen nicht zu­rück“, sagt sie. Sie müs­se sich nichts mehr be­wei­sen. Ha­be nichts zu ver­lie­ren. We­der De­mos noch ver­meint­li­che Skan­da­le sol­len sie auf­hal­ten – bei der „Ver­wand­lung Frank­reichs“.

„Wir tun ge­nau, was vor der Wahl an­ge­kün­digt wur­de“, sagt die Po­li­ti­ke­rin trot­zig

FO­TO: JE­AN-PAUL PELISSIER/REU­TERS

Ei­ne von vie­len De­mons­tra­tio­nen in Frank­reich: Stahl­ar­bei­ter pro­tes­tie­ren in Mar­seil­le ge­gen die Ar­beits­markt­re­form.

FO­TO: AFP

Mu­ri­el Pé­ni­caud, 62,ist seit Mai Ar­beits­mi­nis­te­rin. Zu­vor war sie für ver­schie­de­ne Kon­zer­ne tä­tig, so für Da­no­ne.

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