MIT SI­MO­NE MENNE

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WIRTSCHAFT - Interview: eli­sa­beth dos­tert und andrea rexer

Auf dem Schreib­tisch von Si­mo­ne Menne, 56, steht noch der Bul­le. Die klei­ne Skulp­tur hat sie von der Luft­han­sa mit­ge­bracht, wo sie bis Som­mer 2016 Fi­nanz­vor­stand war. Ih­ren neu­en Job beim Phar­ma­kon­zern Bo­eh­rin­ger In­gel­heim, ei­nem Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men, fin­det sie noch span­nen­der.

SZ:

Frau Menne, ma­len Sie im­mer noch Vö­gel oder mitt­ler­wei­le Heil­pflan­zen?

Si­mo­ne Menne: Ich ma­le nicht nur Vö­gel, son­dern al­le Tie­re. Das Mo­tiv hat­te nichts mit mei­nem Job bei der Luft­han­sa zu tun. Schnä­bel sind ein­fach zu ma­len, Hun­de­und Kat­zen­na­sen ex­trem schwie­rig. Was ich ma­le, ist pu­rer Kitsch. Die Bil­der dür­fen nur mei­ne El­tern auf­hän­gen.

Ha­ben Sie jetzt als Fi­nanz­vor­stand bei Bo­eh­rin­ger In­gel­heim mehr Zeit als frü­her bei der bör­sen­no­tier­ten Luft­han­sa?

Ich ha­be we­ni­ger Zeit. Ich ler­ne ge­ra­de ein ganz neu­es Ge­biet ken­nen, die Phar­ma­in­dus­trie. Das for­dert mich. Ich will ver­ste­hen, wie For­schung funk­tio­niert, wie die Pro­duk­ti­on und Dis­tri­bu­ti­on läuft.

Sind Me­di­ka­men­te span­nen­der als Flug­zeu­ge?

Viel span­nen­der. Das hät­te ich gar nicht ge­dacht. Neu­lich ha­ben wir im Auf­sichts­rat von BMW, in dem ich sit­ze, dar­über ge­spro­chen, was ei­gent­lich at­trak­ti­ver ist, Au­tos oder Flug­zeu­ge, und was man sich auf den Schreib­tisch stellt, wenn man für Bo­eh­rin­ger In­gel­heim ar­bei­tet. Ei­nen Re­spi­mat?

Auf Ih­rem Tisch steht ein In­ha­la­tor!

Nein, na­tür­lich nicht. Ich will da­mit nur sa­gen, in der di­rek­ten Wir­kung sind Phar­ma­pro­duk­te nicht so se­xy wie Au­tos. Aber die Phar­ma­in­dus­trie hat ei­ne ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung. Me­di­ka­men­te be­wir­ken Gu­tes, und es steckt un­glaub­lich viel For­schung drin. Wenn man ei­nem For­scher zu­hört, wie er ein be­stimm­tes Mo­le­kül an­grei­fen will, das ist sehr span­nend. For­schung ist Kunst.

Der Phar­ma­in­dus­trie wird nach­ge­sagt, dass sie auf Kos­ten von Pa­ti­en­ten Ge­win­ne macht. Ha­ben Sie vor Ih­rem Wech­sel über das schlech­te Image nach­ge­dacht?

Nicht be­wusst. Aber ich ha­be ei­ne kla­re Hal­tung da­zu: Je­mand muss Me­di­ka­men­te ent­wi­ckeln und her­stel­len. Ja, die Phar­ma­in­dus­trie ver­dient Geld mit Krank­hei­ten. Aber man ver­hin­dert, er­leich­tert oder heilt auch Krank­hei­ten der Pa­ti­en­ten. Die Al­ter­na­ti­ve wä­re, kei­nen me­di­zi­ni­schen Fort­schritt mehr zu ge­ne­rie­ren oder For­schung und Me­di­ka­men­te über Steu­ern zu fi­nan­zie­ren.

Aber wie viel darf man dar­an ver­die­nen?

Wir kön­nen die Prei­se nicht frei set­zen. Da re­den vie­le mit: die Re­gu­lie­rungs­be­hör­den, die Kran­ken­kas­sen, die Händ­ler. Fai­re Mar­gen ver­dient man nur, wenn man als Ers­ter auf dem Markt ist. Ein sol­ches Pa­tent muss dann nicht nur die ei­ge­nen Kos­ten her­ein­ho­len, son­dern auch die zu­künf­ti­gen Pro­duk­te, die noch in der Ent­wick­lung sind, zwi­schen­fi­nan­zie­ren oder ei­nen Ri­si­ko­auf­schlag für ge­schei­ter­te Me­di­ka­men­ten­ent­wick­lun­gen be­rück­sich­ti­gen.

Kom­men neue Me­di­ka­men­te künf­tig schnel­ler und preis­wer­ter auf den Markt, weil die For­scher über leis­tungs­fä­hi­ge Rech­ner und Al­go­rith­men gro­ße Da­ten­men­gen bes­ser nut­zen kön­nen?

Ich hof­fe. Es gibt Al­go­rith­men, mit­tels de­rer man be­rech­nen kann, wel­ches phar­ma­zeu­ti­sche Mo­le­kül viel­leicht zu wel­cher Krank­heit passt. Da­durch er­spart man sich teu­re La­bor­ver­su­che.

In den USA wer­den für Start-ups gi­gan­ti­sche Sum­men be­zahlt. Wie kann ein Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men da mit­hal­ten?

Es stimmt, da wer­den teils ab­sur­de Prei­se be­zahlt. Teu­re Über­nah­men kön­nen ganz schnell zu ho­hen Wert­be­rich­ti­gun­gen füh­ren, wenn aus dem Me­di­ka­ment doch nichts wird. Wir ge­hen ei­nen an­de­ren Weg. Un­se­re di­gi­ta­le Stra­te­gie ruht auf drei Säu­len. Wir stär­ken die ei­ge­ne For­schung, wir bau­en mit BI-X ein ei­ge­nes di­gi­ta­les Lab auf, das dis­rup­ti­ve Tech­no­lo­gi­en und Ge­schäfts­mo­del­le ent­wi­ckeln soll, und wir ar­bei­ten mit Start-ups zu­sam­men in Form von Part­ner­schaf­ten oder über Be­tei­li­gun­gen un­se­res Ven­ture Funds. Be­son­ders span­nend fin­de ich, was un­se­re Spar­te Tier­ge­sund­heit macht.

Was denn?

Die Ver­net­zung von Tier­hal­ter, Tier­arzt und Tier­phar­ma­ka. Der Da­ten­aus­tausch ist da auch nicht so re­gu­liert …

… weil Tie­re kei­ne Per­sön­lich­keits­rech­te gel­tend ma­chen.

Es gibt vie­le Men­schen, die be­reit sind, ih­rer Kat­ze ei­nen Chip ein­zu­set­zen, da­mit sie ge­sün­der und län­ger lebt.

Wie ge­hen Sie mit Ih­ren Ge­sund­heits­da­ten um, tra­gen Sie Fit­ness-Tra­cker?

Nein, aber vie­le Men­schen bei Bo­eh­rin­ger In­gel­heim tun das. Vie­le Mit­ar­bei­ter sind sehr ge­sund­heits­be­wusst. Es wird auch of­fe­ner über Krank­hei­ten ge­re­det. Krank­heit ist kein Ta­bu wie in an­de­ren Kon­zer­nen. Und die ge­hen ge­wiss nicht leicht­sin­nig mit ih­ren Da­ten um. Sie hof­fen, dass ih­re Da­ten ih­nen selbst oder an­de­ren hel­fen.

Sind die Deut­schen zu ängst­lich, wenn es um ih­re Da­ten geht?

Was heißt zu ängst­lich? Die ei­ne Fra­ge ist doch, möch­te ich für mich wis­sen, dass es in mei­nem Ge­nom ei­ne ge­ne­ti­sche Ab­wei­chung gibt, die dar­auf hin­deu­tet, dass ich ir­gend­wann mal am Grau­en Star, an Brust­krebs oder Dia­be­tes er­kran­ke? Die an­de­re Fra­ge ist, ge­be ich mei­ne Da­ten an­ony­mi­siert in ei­ne Da­ten­bank, da­mit For­scher auf Ba­sis der rie­si­gen Da­ten­men­gen schnel­ler und ziel­ge­nau­er Me­di­ka­men­te ent­wi­ckeln kön­nen? Die Deut­schen sind vor­sich­ti­ger als an­de­re Na­tio­nen. Ich stam­me aus ei­ner Ge­ne­ra­ti­on, die ge­gen die Volks­zäh­lung de­mons­triert hat. Vor­sicht kann den Fort­schritt brem­sen.

Wür­den Sie Ihr Ge­nom scree­nen las­sen, um zu er­fah­ren, woran Sie viel­leicht mal er­kran­ken?

Nein. Ich wä­re aber be­reit, mei­ne Da­ten an­ony­mi­siert zur Ver­fü­gung zu stel­len, um auf Ba­sis gro­ßer Da­ten­men­gen zum Bei­spiel früh­zei­tig die nächs­ten Re­sis­ten­zen ge­gen An­ti­bio­ti­ka ab­schät­zen zu kön­nen. Ich ge­be Ih­nen noch ein Bei­spiel.

Ja bit­te.

Ei­ne äl­te­re Be­kann­te von mir hat ei­ne Dia­gno­se für ei­ne un­heil­ba­re Erb­krank­heit er­hal­ten. Die Pa­ti­en­ten lei­den un­ter Be­we­gungs­und Ver­hal­tens­stö­run­gen, sie führt zu Alz­hei­mer. Nor­ma­ler­wei­se bricht die Krank­heit viel frü­her aus. Jetzt wis­sen das al­le, auch ih­re En­kel­kin­der. Hilft die­se Dia­gno­se jetzt oder macht sie eher kir­re? Mir hilft das über­haupt nicht, ich will nicht al­les wis­sen. Wenn man den Fa­den wei­ter­spinnt, muss man sich fra­gen, wann die Me­di­zin in der La­ge ist, Gen-Ein­grif­fe zu ma­chen – dann wä­re die­se Krank­heit heil­bar. An­ge­sichts sol­cher The­men sa­ge ich mei­nen Leu­ten im­mer, dass das, was sie als „dis­rup­tiv“be­zeich­nen – al­so Apps für das Smart­pho­ne und so wei­ter –, gar nicht so um­wäl­zend ist. Wirk­lich dis­rup­tiv ist es, wenn Gen-Ein­grif­fe Me­di­ka­men­te über­flüs­sig ma­chen.

Sie wa­ren vor­her bei ei­nem bör­sen­no­tier­ten Kon­zern, ar­bei­ten jetzt bei ei­nem Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men. Was ist an­ders?

Der Job ist nicht ge­müt­li­cher, falls Sie das mei­nen. Wir müs­sen zwar nicht je­des Vier­tel­jahr den Ak­tio­nä­ren vor­rech­nen, was ih­re Ak­ti­en wert sind, aber wir müs­sen stän­dig be­wei­sen, dass die Pi­pe­line für neue Me­di­ka­men­te gut ge­füllt ist. Die Fra­gen der Fa­mi­li­en­ge­sell­schaf­ter sind ge­nau­so boh­rend wie die von Ak­tio­närs­ver­tre­tern.

Weil es um de­ren ei­ge­nes Geld geht?

Ja, na­tür­lich. Und das ist auch das Po­si­ti­ve: Ich sit­ze lie­ber Men­schen ge­gen­über, die en­ga­giert sind.

Was war die hei­kels­te Fra­ge, die Ih­nen im Be­wer­bungs­pro­zess ge­stellt wur­de?

War­um ich da über­haupt sit­ze, da doch in der Zei­tung stand, dass ich CEO bei ei­nem bör­sen­ge­lis­te­ten Un­ter­neh­men wer­den woll­te.

Woll­ten Sie nicht bei der Luft­han­sa Vor­stands­che­fin wer­den?

Das stand ja nicht mehr zur De­bat­te, nach­dem Cars­ten Sp­ohr Vor­stands­chef wur­de. Ich hab das Interview da­mals ge­ge­ben, um der ar­ro­gan­ten Aus­sa­ge ei­nes be­kann­ten Per­so­nal­be­ra­ters zu wi­der­spre­chen, der sag­te, er ken­ne kei­ne Frau, die in den nächs­ten zehn Jah­ren Che­fin von ei­nem Dax-Un­ter­neh­men wer­den kann.

Ei­ne Frech­heit.

Ja, das war ei­ne Frech­heit. Des­we­gen hab ich ge­sagt, ich traue mir das zu. Mehr ha­be ich ja gar nicht ge­macht. Glau­ben Sie, dass ein männ­li­cher Vor­stand je­mals öf­fent­lich ge­sagt hät­te, nein, ich trau mir kei­nen Chef­pos­ten zu?

Ist Ehr­geiz bei Frau­en ein Man­ko und bei Män­nern ei­ne Aus­zeich­nung?

Ja. Da läuft viel un­ter­be­wusst. Wenn Sie den glei­chen Satz un­ter das Bild ei­ner Frau schrei­ben, kommt das an­ders an, als wenn das un­ter dem Bild ei­nes Man­nes steht.

Är­gert es Sie, dass bei Frau­en häu­fi­ger das Äu­ße­re the­ma­ti­siert wird als bei Män­nern in der glei­chen Po­si­ti­on?

Das macht mich eher trau­rig.

Aber Sie nut­zen es auch aus. Sie ha­ben mal be­wusst gel­be Pumps ge­tra­gen, bei an­de­rer Ge­le­gen­heit Snea­kers.

Stimmt, ich spie­le tat­säch­lich da­mit. Aber: Die Schu­he hat­ten ei­ne Bot­schaft. Die Turn­schu­he wa­ren ei­ne An­spie­lung auf den Daim­ler-Vor­stands­chef Herrn Zet­sche, der auf der glei­chen Büh­ne nach mir auf­trat. Und die gel­ben Pumps in Kom­bi­na­ti­on mit ei­nem blau­en Ko­s­tüm: Das kam bei den Luft­han­sa-Cr­ews schon gut an.

Da hät­te man Sie auch mit ei­ner Ste­war­dess ver­wech­seln kön­nen.

Ach, das pas­sier­te mir so­wie­so stän­dig. Wenn ich ge­sagt ha­be, dass ich für Luft­han­sa ar­bei­te, hieß es oft: „Ah, Ste­war­dess! Ken­nen Sie auch Frau Mül­ler?“Die Leu­te den­ken in Ste­reo­ty­pen.

Sie ha­ben auch mal ge­sagt, dass es 2017 ei­ne Frau als Dax-Vor­stands­che­fin ge­ben wird. Noch so ein Irr­tum.

Was heißt da, noch so ein Irr­tum? Ich trau mir ja nach wie vor zu, Vor­stands­chef zu wer­den, das war ja nicht falsch. Ich hat­te ge­hofft, dass wir in Deutsch­land wei­ter sind. Wir ha­ben ja ei­ne Men­ge gu­te Frau­en, aber lei­der kom­men sie im­mer noch nicht an die Top-Jobs. In den USA läuft das viel bes­ser.

Was ra­ten Sie jun­gen Frau­en, die am An­fang ih­rer Kar­rie­re ste­hen?

Sagt, was ihr er­rei­chen wollt! Und habt den Ehr­geiz, die­se Zie­le auch zu ver­fol­gen. Macht auch mal ei­nen dre­cki­gen Job! Da­mit mei­ne ich zum Bei­spiel ei­nen Li­ni­en­job, in dem man vie­le Men­schen füh­ren muss. Im Prin­zip wür­de ich Frau­en nichts an­de­res ra­ten als jun­gen Män­nern auch: Stellt euch breit auf, sam­melt vie­le Er­fah­run­gen, auch in un­ter­schied­li­chen Bran­chen.

Si­mo­ne Menne, 56, hat fast ihr gan­zes Be­rufs­le­ben in der Luft­fahrt ver­bracht, die meis­te Zeit bei der Luft­han­sa, zu­letzt als Fi­nanz­vor­stand. An­fang Sep­tem­ber 2016 wech­sel­te die Be­triebs­wir­tin in die Ge­schäfts­lei­tung von Bo­eh­rin­ger In­gel­heim. Der Kon­zern setz­te 2016 mit welt­weit 50 000 Be­schäf­tig­ten knapp 15,9 Mil­li­ar­den Eu­ro um.

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