Für ein Al­ter in Wür­de

Das Ren­ten­ni­veau muss auf 50 Pro­zent stei­gen. Mit ei­nem po­li­ti­schen Kurs­wech­sel ist das zu schaf­fen.

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WIRTSCHAFT - Von An­ne­lie Bun­ten­bach

Kein aku­ter Hand­lungs­be­darf bei der Ren­te? Das kann nie­mand ernst­haft glau­ben – auch die­je­ni­gen nicht, die das in ihr Wahl­pro­gramm ge­schrie­ben ha­ben. Wei­ter so heißt: fort­ge­setz­ter schlei­chen­der Wert­ver­lust der ge­setz­li­chen Ren­te, fi­nan­zi­el­ler Rück­zug der Ar­beit­ge­ber und Pri­va­ti­sie­rung der Al­ters­si­che­rung.

Für vie­le Men­schen be­deu­tet das in Zu­kunft so­zia­len Ab­stieg im Al­ter oder so­gar Al­ters­ar­mut. Ein Sach­zwang ist das nicht. Die Al­ter­na­ti­ve – für die sich die Ge­werk­schaf­ten stark­ma­chen – heißt Kurs­wech­sel zur Stär­kung der ge­setz­li­chen Ren­te, mit ei­nem sta­bi­len, hö­he­ren Ren­ten­ni­veau, ei­ner pa­ri­tä­ti­schen Kos­ten­be­tei­li­gung der Ar­beit­ge­ber und ei­ner Ren­te, die für ein Le­ben in Wür­de reicht.

Wenn das Ren­ten­ni­veau sinkt, steigt das Ar­muts­ri­si­ko im Al­ter, weil mehr Bei­trags­jah­re nö­tig sind, um ei­ne be­stimm­te Ren­ten­hö­he zu er­rei­chen. Bei nied­ri­gem Lohn oder we­ni­gen Bei­trags­jah­ren wird es im­mer schwie­ri­ger, mit der Ren­te über­haupt über dem Ni­veau der Grund­si­che­rung zu lan­den. Bei ei­nem hö­he­ren Ren­ten­ni­veau ist das deut­lich leich­ter. Da­bei re­den wir nicht vom no­mi­nel­len Ren­ten­zahl­be­trag, denn der wird so si­cher stei­gen, wie frü­her die Ku­gel Eis 20 Pfen­nig ge­kos­tet hat. Ent­schei­dend ist, ob die Ren­ten mit den Löh­nen wach­sen. Seit der Ge­set­zes­än­de­rung 2001 ist das nicht mehr der Fall, im Ge­gen­teil.

Gu­te Löh­ne sind das A und O, im Ar­beits­le­ben und auch spä­ter für die Ren­te, am bes­ten mit gu­ten Ta­rif­ver­trä­gen und so­zia­ler Ab­si­che­rung. Aber an­ge­sichts der nach wie vor tie­fen Spal­tung am Ar­beits­markt liegt noch ei­ne an­stren­gen­de Auf­hol­jagd vor uns, wenn wir das Ziel gu­ter Ar­beit er­rei­chen wol­len. Dar­an soll­ten sich auch al­le po­li­ti­schen Par­tei­en be­tei­li­gen. Wer statt­des­sen in dem Land mit dem größ­ten Nied­rig­lohn­be­reich We­st­eu­ro­pas, in dem je­der Fünf­te ar­bei­ten muss, die al­te und falsche Be­haup­tung wie­der aus­gräbt, so­zi­al sei, was Ar­beit schafft, ist ent­we­der öko­no­mi­scher An­alpha­bet oder trifft be­wusst die Ent­schei­dung für den Rück­weg in die so­zi­al­po­li­ti­sche Bar­ba­rei. Das ist mei­len­weit vom Ver­spre­chen der so­zia­len Markt­wirt­schaft ent­fernt, dass je­de und je­der von sei­ner Ar­beit le­ben kann und so­zi­al ab­ge­si­chert ist – bei Krank­heit, Ar­beits­lo­sig­keit – und eben auch im Al­ter.

Des­halb wol­len wir Re­for­men am Ar­beits­markt und bei der Ren­te. Es gilt, das Ren­ten­ni­veau auf dem heu­ti­gen Stand von 48 Pro­zent zu sta­bi­li­sie­ren und im wei­te­ren Schritt wie­der an­zu­he­ben, et­wa auf 50 Pro­zent. Nur so kön­nen wir für die Zu­kunft ei­ne gu­te, aus­kömm­li­che Ren­te für al­le si­chern. Nach un­se­ren Be­rech­nun­gen wür­de der Bei­trags­satz über 30 Jah­re lang­sam auf et­wa 25 Pro­zent stei­gen. Das sind rund 1,5 Pro­zent­punk­te mehr als oh­ne­hin pro­gnos­ti­ziert. Rie­sen­groß wä­re aber der Un­ter­schied in den Leis­tun­gen: Wer heu­te En­de 30 ist und in den 2040er-Jah­ren in Ren­te geht, könn­te mit rund 250 Eu­ro mehr Ren­te im Mo­nat rech­nen (in heu­ti­gen Wer­ten).

Wer be­haup­tet, so­zi­al sei, was Ar­beit schafft, ist öko­no­misch ein An­alpha­bet

Zur Fi­nan­zie­rung müss­ten au­ßer­dem die Bun­des­zu­schüs­se jähr­lich um rund zwei Mil­li­ar­den Eu­ro mehr stei­gen als bis­lang vor­ge­se­hen. Die so­ge­nann­te Müt­ter­ren­te (sie­ben Mil­li­ar­den pro Jahr) soll­te kom­plett aus Steu­er­mit­teln fi­nan­ziert, die Selb­stän­di­gen müss­ten schritt­wei­se in den Schutz der Ren­ten­ver­si­che­rung ein­be­zo­gen wer­den. Das al­les bei ei­ner deut­lich ver­bes­ser­ten Er­werbs­min­de­rungs­ren­te und oh­ne stei­gen­de Ren­ten­al­ters­gren­ze.

Ein sol­cher Kurs­wech­sel in der Ren­ten­po­li­tik ist mach­bar, da­für lie­gen durch­ge­rech­ne­te Fi­nan­zie­rungs­vor­schlä­ge auf dem Tisch. Trotz­dem wird man es nicht al­len recht ma­chen kön­nen. Die Be­geis­te­rung der Ar­beit­ge­ber wird sich in en­gen Gren­zen hal­ten.

Ein sin­ken­des Ren­ten­ni­veau senkt näm­lich nicht nur den Wert al­ler Ren­ten, son­dern auch den Bei­trags­satz zur ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung. Da­von pro­fi­tie­ren die Ar­beit­ge­ber, weil ih­re Kos­ten sin­ken. Aber für die Be­schäf­tig­ten stei­gen die Kos­ten. Sie müs­sen pri­vat vor­sor­gen, da­mit die Ren­te spä­ter nicht all­zu nied­rig aus­fällt – nur aus der ei­ge­nen Ta­sche und an ei­nem Ka­pi­tal­markt, des­sen Ri­si­ken spä­tes­tens seit dem Fi­nanz­markt­crash 2008/2009 je­der kennt. Und vier Pro­zent „ries­tern“reicht nicht, um die Lü­cke zu schlie­ßen, die in der ge­setz­li­chen Ren­te ge­ris­sen wor­den ist.

Noch schlech­ter dran ist, wer so we­nig ver­dient, dass er oder sie sich pri­va­te Vor­sor­ge über­haupt nicht leis­ten kann und se­hen­den Au­ges auf ei­ne viel zu schma­le Ren­te zu­steu­ert. Die Ver­fech­ter ei­nes sin­ken­den Ren­ten­ni­veaus nen­nen das ger­ne schön­fär­be­risch „Ei­gen­ver­ant­wor­tung“. Als sei­en ar­bei­ten­de Men­schen nicht für sich selbst ver­ant­wort­lich, bloß weil sie in die ge­setz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung ein­zah­len. Und als wür­den sich die­je­ni­gen, die zu we­nig ver­die­nen, vor Ver­ant­wor­tung drü­cken.

Un­zu­frie­den mit ei­nem ren­ten­po­li­ti­schen Kurs­wech­sel wä­ren vor­aus­sicht­lich auch je­ne Öko­no­men und Po­li­ti­ker, die seit Jah­ren, aus­ge­rech­net im Na­men der Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit, für mehr und schnel­le­re Kür­zun­gen der ge­setz­li­chen Ren­te plä­die­ren. Sie wol­len mehr Ka­pi­tal­markt und ein noch hö­he­res ge­setz­li­ches Ren­ten­ein­tritts­al­ter, vor­zugs­wei­se au­to­ma­tisch ge­kop­pelt an die stei­gen­de Lebenserwartung. Der schlei­chen­de An­stieg wür­de dann auch gleich un­an­ge­neh­me po­li­ti­sche Dis­kus­sio­nen un­ter­bin­den. Aber die Ent­schei­dung über das Ren­ten­ein­tritts­al­ter darf nicht ei­nem Au­to­ma­tis­mus über­ant­wor­tet wer­den, der Sta­tis­tik an die Stel­le po­li­ti­scher Gestal­tung setzt. Dass die all­ge­mei­ne Lebenserwartung steigt, ver­deckt näm­lich, dass der Ge­winn an Le­bens­jah­ren sehr un­ter­schied­lich ver­teilt ist. Wer ein har­tes Ar­beits­le­ben hat und we­nig ver­dient, hält im Job nicht so lan­ge durch und stirbt frü­her. Und zahlt die Ze­che – ganz au­to­ma­tisch.

Das Ren­ten­ein­tritts­al­ter zu er­hö­hen, ist nicht mal auf den ers­ten Blick ein gu­tes An­ge­bot an die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on. Wer 2050 in Ren­te geht, ist heu­te 30. Gin­ge es nach den selbst­er­nann­ten Kreuz­rit­tern der Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit, wür­de die­se Ge­ne­ra­ti­on län­ger ar­bei­ten, we­ni­ger Ren­te be­kom­men, hö­he­re Bei­trä­ge zah­len und zu­sätz­lich pri­vat vor­sor­gen müs­sen. Was für ein schlech­ter De­al! Von ei­nem Kurs­wech­sel zur Stär­kung der ge­setz­li­chen Ren­te pro­fi­tie­ren Rent­ner oder ren­ten­na­he Jahr­gän­ge am we­nigs­ten – von we­gen „Rent­ner­dik­ta­tur“!

Ein hö­he­res Ren­ten­ni­veau hilft ge­ra­de den Jun­gen, die heu­te viel­leicht kaum ei­nen Ge­dan­ken ans Al­ter ver­schwen­den. Wir den­ken dar­an, strei­ten da­für bis zum Wahl­tag und dar­über hin­aus – da­mit die Ren­te der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on spä­ter nicht un­ter der Gras­nar­be liegt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.