Au­gen zu und durch

Der CDU steht bei der Land­tags­wahl in Nie­der­sach­sen die nächs­te Er­nüch­te­rung be­vor. Um­so mehr sti­li­siert Kanz­le­rin Mer­kel ei­ne Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on im Bund zur po­li­ti­schen Ver­hei­ßung

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - VORDERSEITE - Von ni­co fried und chris­toph hick­mann

Wenn die­ser Ta­ge Christ­de­mo­kra­ten über die noch zu bas­teln­de Ko­ali­ti­on mit FDP und Grü­nen schwär­men, drängt sich die Fra­ge auf, war­um es Ja­mai­ka in Deutsch­land nicht schon viel frü­her gab. Nach der Wahl 2005 zum Bei­spiel. Die Kanz­le­rin phi­lo­so­phier­te jüngst, „un­ge­wohn­te Kon­stel­la­tio­nen“bö­ten die Chan­ce, „bis­her schein­bar un­lös­ba­re Pro­ble­me“an­zu­ge­hen. Und Jens Spahn, der­zeit wich­tigs­ter An­ti­po­de Mer­kels in der christ­de­mo­kra­ti­schen Füh­rung, wähnt in der Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on ei­ne „Chan­ce zum Auf­bruch“.

Das po­li­ti­sche Idyll, das hier vor dem geis­ti­gen Au­ge des Be­ob­ach­ters ent­ste­hen soll, ist der Ver­such der CDU, das er­nüch­tern­de Bild des 32,9-Pro­zent-Er­geb­nis­ses bei der Bun­des­tags­wahl ver­blas­sen zu las­sen. Doch der Ein­druck ist falsch, dass Mer­kel nur des­halb ein vier­tes Mal für die Kanz­ler­schaft kan­di­dier­te, weil sie un­be­dingt ein­mal mit FDP und Grü­nen ko­alie­ren woll­te. Rich­tig ist viel­mehr, dass Ja­mai­ka nach dem Ver­zicht der SPD auf ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on die ein­zig rea­lis­ti­sche Op­ti­on für Mer­kels Macht­er­halt ist.

Ja­mai­ka wird auch zu ei­ner Ver­hei­ßung sti­li­siert, da­mit die Bun­des-CDU mög­lichst rasch über ei­ne wei­te­re Ent­täu­schung hin­weg­kom­men kann, die ihr am Sonn­tag bei der Land­tags­wahl in Nie­der­sach­sen be­vor­steht. Die jüngs­ten Um­fra­gen si­gna­li­sie­ren, dass dem christ­de­mo­kra­ti­schen Spit­zen­kan­di­da­ten Bernd Al­t­hus­mann ein schon fast si­cher ge­glaub­ter Sieg durch die Lap­pen ge­hen und der So­zi­al­de­mo­krat Ste­phan Weil Mi­nis­ter­prä­si­dent in Hannover blei­ben wird.

Was die CDU in Ber­lin in die­sem Fall gar nicht ge­brau­chen könn­te, sind Schuld­zu­wei­sun­gen an die Adres­se der Kanz­le­rin. An­lass da­für bö­te zum Bei­spiel Mer­kels ein­sa­me Freu­de über den Wahl­sieg am 24. Sep­tem­ber. Ih­re Zuf­rie­den­heit ir­ri­tier­te man­che Christ­de­mo­kra­ten, die der Stim­men­ein­bruch um rund acht Pro­zent­punk­te eher nach­denk­lich ge­macht hat­te. In Ber­lin wird Mer­kel zwar am Mon­tag vor­aus­sicht­lich ih­ren Stan­dard­satz prä­sen­tie­ren, wo­nach die CDU ge­mein­sam ge­win­ne und ge­mein­sam ver­lie­re. Trotz­dem wird die Par­tei­spit­ze ge­nü­gend Ka­nä­le fin­den, um die Ver­ant­wor­tung im Fal­le ei­ner Nie­der­la­ge bei ei­nem blass ge­blie­be­nen Spit­zen­kan­di­da­ten in Hannover ab­zu­la­den.

Schon am Mitt­woch be­gin­nen dann die Son­die­run­gen der Uni­on mit Grü­nen und FDP. Die ge­ball­te Auf­merk­sam­keit der po­li­ti­schen Be­ob­ach­ter wird Nie­der­sach­sen als­bald in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten las­sen. Und mitt­ler­wei­le kann die CDU so­gar dar­auf ver­wei­sen, dass sie Vol­kes Wil­le um­setzt: 57 Pro­zent der Deut­schen fin­den ein Ja­mai­ka-Bünd­nis mitt­ler­wei­le gut.

Fast mehr Be­deu­tung hat Nie­der­sach­sen für die SPD. Be­reits vier Wahl­nie­der­la­gen muss­te Par­tei­chef Mar­tin Schulz 2017 kom­men­tie­ren, erst drei in den Bun­des­län­dern und vor drei Wo­chen dann sei­ne ei­ge­ne, den Ab­sturz auf 20,5 Pro­zent im Bund. Soll­te die SPD in Hannover vorn lie­gen, wä­re es der ers­te Sieg, den Schulz in sei­ner noch kur­zen Amts­zeit als Par­tei­vor­sit­zen­der ver­kün­den könn­te – und wo­mög­lich sei­ne Ret­tung.

Denn längst nicht al­le an der Par­tei­spit­ze sind glück­lich dar­über, dass Schulz als Par­tei­chef wei­ter­ma­chen will. Bis zur Nie­der­sach­sen-Wahl, da wa­ren sich Un­ter­stüt­zer wie Wi­der­sa­cher ei­nig, soll­te der Frie­den ge­wahrt blei­ben, um den Wahl­kampf nicht zu stö­ren. Soll­te nun Schulz am Sonn­tag­abend ei­nen Sieg fei­ern, hät­ten es sei­ne Geg­ner al­ler­dings noch schwe­rer als oh­ne­hin, den Vor­sit­zen­den an­zu­grei­fen – zu­mal Mi­nis­ter­prä­si­dent Weil sich wie­der­holt hin­ter Schulz ge­stellt hat.

Auf der Su­che nach mög­li­chen Al­ter­na­ti­ven für Schulz fällt oh­ne­hin im­mer nur ein Na­me, der von Ham­burgs Ers­tem Bür­ger­meis­ter Olaf Scholz. Ei­ne an­de­re Aspi­ran­tin, Meck­len­burg-Vor­pom­merns Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Ma­nue­la Schwe­sig, hat be­reits ab­ge­winkt – für dies­mal je­den­falls. Sie kann war­ten. Scholz wie­der­um kann ei­gent­lich nicht mehr war­ten, ist aber po­li­tisch nach den G-20-Kra­wal­len noch an­ge­schla­gen, scheut seit je­her po­li­ti­sche Ri­si­ken und sieht sich ei­ner zu­min­dest nach au­ßen hin brei­ten Pha­lanx ge­gen­über: Ne­ben Nie­der­sach­sen si­gna­li­sie­ren auch die Ge­nos­sen aus Nord­rhein­West­fa­len, dass Schulz blei­ben soll. Scholz hat al­so wo­mög­lich ein paar Ide­en, was in und mit der SPD pas­sie­ren müss­te – aber einst­wei­len nicht ge­nü­gend Trup­pen auf sei­ner Sei­te.

Blei­ben noch zwei Va­ri­an­ten: Ers­tens, Schulz zieht von selbst zu­rück. Ge­nos­sen, die ihn zu­letzt er­lebt ha­ben, be­rich­ten aber, er wir­ke ziem­lich ent­schlos­sen. Zwei­tens, die Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on kommt nicht zu­stan­de. Im Fal­le vor­ge­zo­ge­ner Neu­wah­len gin­ge es plötz­lich nicht mehr nur um den Vor­sitz der SPD, son­dern auch um die Kanz­ler­kan­di­da­tur. Dass Schulz noch ein­mal an­tritt, ist eher zwei­fel­haft.

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