WAHL IN ÖS­TER­REICH

Seit ei­nem Jahr­zehnt re­gie­ren gro­ße Ko­ali­tio­nen un­ter Füh­rung der So­zi­al­de­mo­kra­ten das Land. Nun spricht al­les für ei­nen Rechts­ruck. Das dürf­te viel mit ei­nem Mann zu tun ha­ben – und mit sei­nem The­ma

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 2 THEMA DER WOCHE - Von peter münch

Sport­li­che Ti­tel be­deu­ten viel in Ös­ter­reich, als Ski-Olym­pia­sie­ger oder For­mel-1-Cham­pi­on zum Bei­spiel bleibt man auf ewig un­ver­ges­sen. Spit­zen­po­li­ti­ker ver­schwin­den schon eher in der Ver­sen­kung. Nun aber darf sich die ge­sam­te po­li­ti­sche Klas­se und ei­gent­lich auch die gan­ze Na­ti­on mit ei­nem kol­lek­ti­ven Ti­tel schmü­cken: Ös­ter­reich ist Wahl­kampf-Welt­meis­ter.

Denn so lan­ge hat noch kei­ner durch­ge­hal­ten. Wenn an die­sem Sonn­tag die 183 Ab­ge­ord­ne­ten des neu­en Par­la­ments ge­wählt wer­den, dann liegt ein Dau­er­wahl­kampf von mehr als an­dert­halb Jah­ren hin­ter dem Land. Erst wur­de seit April 2016 ein Prä­si­dent ge­sucht; mit Stich­wahl und Wie­der­ho­lung zog sich das hin bis zum Jah­res­en­de. Und dann be­gann nach ei­ner kur­zen Halb­zeit­pau­se als­bald der Auf­ga­lopp zur Na­tio­nal­rats­wahl. Kräf­te­zeh­rend ist das oh­ne Zwei­fel. Doch wie es sich für ei­nen wah­ren Welt­meis­ter ge­hört, sind kaum Er­mü­dungs­er­schei­nun­gen zu er­ken­nen. Ge­kämpft wird bis zur letz­ten Mi­nu­te. Denn tat­säch­lich ist die­ser ös­ter­rei­chi­sche Wahl­kampf so span­nend wie sel­ten – aber lei­der auch so schmut­zig wie nie. „Die­sen Wahl­kampf hät­ten wir uns spa­ren kön­nen“: die Spit­zen­kan­di­da­ten (von links nach rechts) Heinz-Chris­ti­an Stra­che (FPÖ), Chris­ti­an Kern (SPÖ) und Sebastian Kurz (ÖVP) vor ih­rer Fern­seh­de­bat­te am Don­ners­tag­abend in Wien. nied­ri­ge­re Mie­ten und hö­he­re Ren­ten, die Ein­füh­rung ei­ner Erb­schaft- und Ma­schi­nen­steu­er. Den Bür­gern wird ei­ne Ent­las­tung von 4,4 Mil­li­ar­den Eu­ro jähr­lich in Aus­sicht ge­stellt, was se­riö­ser klingt als die Ver­spre­chun­gen von Volks­par­tei und FPÖ mit drei­mal hö­he­ren Ent­las­tun­gen. Zu­dem kann Kern auf Wachs­tum und sin­ken­de Ar­beits­lo­sen­zah­len ver­wei­sen – ei­gent­lich ei­ne gu­te Aus­gangs­po­si­ti­on, Kanz­ler­bo­nus in­klu­si­ve.

Den­noch ta­ten sich die So­zi­al­de­mo­kra­ten von Be­ginn an enorm schwer. Denn ein an­de­res The­ma hat in die­sem Wahl­kampf al­les über­strahlt: die Flücht­lings­po­li­tik, ver­knüpft mit dem Kampf ge­gen den po­li­ti­schen Is­lam. Frü­her war das al­lein die Do­mä­ne der rechts­las­ti­gen FPÖ, die mit Slo­gans wie „Da­ham statt Is­lam“po­la­ri­sier­te. Dann aber ent­deck­te Sebastian Kurz die­ses Su­jet für sich und prä­sen­tier­te die grim­mi­ge For­de­rung nach Mi­gran­ten­ab­wehr in freund­li­che­rer Ver­pa­ckung. Egal, ob über Bil­dung oder die So­zi­al­sys­te­me ge­re­det wur­de: Kurz bog im­mer gleich nach rechts ab und lan­de­te beim Flücht­lings­the­ma. Die Schlie­ßung der Bal­kan­rou­te stell­te er als sein Ver­dienst her­aus. Die Mit­tel­meer­rou­te nahm er als nächs­tes ins Vi­sier.

Kanz­ler Kern wird von ei­ge­nen Leu­ten als „Prin­zes­sin“ver­höhnt

Zwar wird in Ös­ter­reich be­reits seit 2016 die Auf­nah­me von Asyl­be­wer­bern bei 37 500 pro Jahr ge­de­ckelt. Kurz aber ver­spricht nun, „die Ober­gren­ze für il­le­ga­le Zu­wan­de­rung auf null“zu sen­ken. Die­se Sug­ges­ti­on hat gleich ei­nen sol­chen Sog er­zeugt, dass der So­zi­al­de­mo­krat Kern fast wort­gleich nach­leg­te. FPÖ-Chef Stra­che könn­te al­so gu­ter Din­ge sein, weil er sich mit sei­nem The­ma auf so brei­ter Front durch­ge­setzt hat – wenn er nicht be­fürch­ten müss­te, dass ihm da­mit auch die Wäh­ler ab­han­den kom­men. Am Schluss ist ihm nichts an­de­res üb­rig­ge­blei­ben, als neue Pla­ka­te zu dru­cken, auf de­nen er sich selbst als „Vor­den­ker“und die an­de­ren als „Spät­zün­der“prä­sen­tiert.

Doch nicht nur mit sei­nem The­ma hat Kurz die Kon­kur­renz über­rum­pelt, son­dern auch mit sei­nem Auf­tre­ten. Im Mai über­nahm er hand­streich­ar­tig die Volks­par­tei, ließ so­fort die Ko­ali­ti­on plat­zen und er­zwang die vor­ge­zo­ge­ne Neu­wahl. Die al­te ÖVP tritt da­bei als „Lis­te Sebastian Kurz – die neue Volks­par­tei“an. Mit teils schil­lern­den Quer­ein­stei­gern auf der Bun­des­und den Lan­des­lis­ten gibt sie sich den An­strich ei­ner Be­we­gung nach dem Vor­bild von Em­ma­nu­el Ma­crons En Mar­che in Frank­reich. Al­les wur­de ex­akt vor­aus­ge­plant und so pro­fes­sio­nell um­ge­setzt, dass selbst Kon­kur­rent Kern ein­räum­te: „Ja, die ÖVP hat das mar­ke­ting­mä­ßig toll ge­macht.“

Von sei­ner ei­ge­nen Par­tei kann er das wahr­lich nicht be­haup­ten. Die stol­per­te von ei­ner Pan­ne zur nächs­ten und zeig­te sich al­les an­de­re als ge­schlos­sen. Kaum war ver­daut, dass Kern von ei­ge­nen Leu­ten in Pa­pie­ren als „Prin­zes­sin“und Mann mit „Glas­kinn“ver­höhnt wur­de, kam die SPÖ in der Sil­ber­stein-Af­fä­re fast kom­plett un­ter die Rä­der.

Der an­ge­schla­ge­ne Kanz­ler setzt nun noch auf ein „star­kes Fi­nish“, wie er es for­mu­liert. FPÖ-Chef Stra­che hofft dar­auf, von der Schlamm­schlacht zwi­schen SPÖ und Volks­par­tei zu pro­fi­tie­ren. Und im La­ger von Sebastian Kurz geht es am Schluss al­lein noch dar­um, feh­ler­frei als Ers­ter ins Ziel zu ge­lan­gen. Da­nach folgt gleich der nächs­te Akt: Ei­ne Ko­ali­ti­on muss ge­schmie­det wer­den. Und wenn da­bei al­les glatt läuft, dann ha­ben die Ös­ter­rei­cher Aus­sicht auf im­mer­hin ei­nes: fünf Jah­re Wahl­kampf­pau­se.

FO­TO: RO­NALD ZAK/AP

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