Nur nicht fad wer­den

Wie es Sebastian Kurz, der Au­ßen­mi­nis­ter und jun­ge Spit­zen­mann der Kon­ser­va­ti­ven, ge­schafft hat, die Ri­va­len von SPÖ und FPÖ un­se­ri­ös und lang­wei­lig wir­ken zu las­sen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 2 THEMA DER WOCHE -

Die Span­nung hat zwei Grün­de: Zum ei­nen geht es um Rich­tungs­ent­schei­dun­gen. Nach ei­nem Jahr­zehnt der gro­ßen Ko­ali­tio­nen un­ter SPÖ-Füh­rung spricht nun vie­les für ei­nen Rechts­ruck. Zum an­de­ren pral­len als mög­li­che Kanz­ler drei Kan­di­da­ten mit un­ver­wech­sel­ba­ren Pro­fi­len auf­ein­an­der. Da ist der so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Re­gie­rungs­chef Chris­ti­an Kern, 51, der erst vor gut 500 Ta­gen als Quer­ein­stei­ger aus der Wirt­schaft ins Amt ge­kom­men ist und mit sei­nen Ma­na­ger­qua­li­tä­ten viel fri­schen Wind ins Sys­tem ge­bracht hat. Den­noch konn­te sich Sebastian Kurz, der erst 31-jäh­ri­ge Au­ßen­mi­nis­ter und Her­aus­for­de­rer von der Volks­par­tei (ÖVP), mit sei­nem Ruf nach „Ve­rän­de­rung“in die Po­le-Po­si­ti­on bug­sie­ren. Vor al­lem half ihm sein ri­gi­der Kurs in der Flücht­lings­po­li­tik. Seit Mai liegt er in al­len Um­fra­gen weit vorn. Rechts von ihm ist der Platz eng ge­wor­den für Heinz-Chris­ti­an Stra­che, der seit zwölf Jah­ren an der Spit­ze der FPÖ steht. Sei­ne Re­ak­ti­on: Er prä­sen­tiert sich mit 48 Jah­ren fast schon al­ters­mil­de und pol­tert weit we­ni­ger als frü­her, um re­gie­rungs­taug­lich zu er­schei­nen. Das könn­te ihm min­des­tens ei­ne Rol­le als Kö­nigs­ma­cher ein­tra­gen.

Zum Fi­na­le hat­ten sich am Don­ners­tag­abend noch ein­mal al­le in der Are­na ver­sam­melt. Der ORF lud die Spit­zen­kan­di­da­ten der gro­ßen Drei plus Grü­nen-Che­fin Ul­ri­ke Lu­n­acek und Ne­os-Front­mann Mat­thi­as Strolz ins Stu­dio – und we­nigs­tens zum Schluss des Wahl­kampfs geht es nun über­ra­schend ge­sit­tet und ge­ord­net zu.

Der Ein­gangs­fra­ge zur po­li­ti­schen Kul­tur oder eher Un­kul­tur ent­ge­hen die Kan­di­da­ten trotz­dem nicht. Kanz­ler Kern darf sich nicht wun­dern, dass er der ers­te Adres­sat ist. Schließ­lich war es der von ihm en­ga­gier­te is­rae­li­sche Be­ra­ter Tal Sil­ber­stein, der viel Gift in die­sen Wahl­kampf brach­te. Mit zwei Fa­ke-Face­book-Sei­ten woll­te er dem Kon­kur­ren­ten Kurz scha­den. Der Schuss ging in­des nach hin­ten los, die Prak­ti­ken wur­den auf­ge­deckt.

Und dann kam die Schlamm­schlacht zwi­schen SPÖ und Volks­par­tei erst rich­tig in Schwung: Die So­zi­al­de­mo­kra­ten war­fen dem Geg­ner vor, ge­zielt ih­re Kam­pa­gne un­ter­wan­dert und po­ten­zi­el­len Über­läu­fern sechs­stel­li­ge Sum­men an­ge­bo­ten zu ha­ben. Ein Lü­gen­de­tek­tor wur­de be­müht, zahl­rei­che Ge­rich­te muss­ten sich mit der Sa­che be­schäf­ti­gen. Ver­bal war ein Tief­punkt er­reicht, als der mit ei­ner ei­ge­nen Lis­te an­tre­ten­de Ex-Grü­ne Peter Pilz for­der­te, Ös­ter­reich „Sil­ber­stein-frei“zu ma­chen und sich dann we­gen die­ser An­leh­nung an den an­ti­se­mi­ti­schen Jar­gon ent­schul­di­gen muss­te.

So ha­ben die Kan­di­da­ten den 6,4 Mil­lio­nen Wahl­be­rech­tig­ten viel zu­ge­mu­tet. We­nigs­tens zum Wahl­kampf-Fi­na­le kehrt nun ein bes­se­rer Stil ein. Im ab­schlie­ßen­den TV-Du­ell gibt Kanz­ler Kern un­um­wun­den zu: „Die­sen Wahl­kampf hät­ten wir uns spa­ren kön­nen.“Kurz fin­det, dass die Aus­ein­an­der­set­zung vie­le zu Recht an­ge­wi­dert ha­be. Und dann ver­su­chen die Kon­tra­hen­ten, tat­säch­lich noch ein­mal über In­hal­te zu strei­ten.

Ei­ne letz­te Chan­ce al­so für die So­zi­al­de­mo­kra­ten, ih­re Kern­the­men in den Vor­der­grund zu schie­ben: so­zia­le Ge­rech­tig­keit,

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