Fluch der Ka­ri­bik

Seit Hur­ri­kan „Ir­ma“über Bar­bu­da hin­weg­ge­fegt ist, gibt es dort nichts mehr au­ßer ein paar aus­ge­mer­gel­ten Hun­den. Die Men­schen wur­den vor­über­ge­hend auf die Nach­bar­in­sel ver­frach­tet – und träu­men trot­zig von der Zu­kunft

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - DIE SEITE DREI 3 - Von bo­ris herr­mann

Wo die Pal­men Ko­kos­nüs­se tra­gen, das Was­ser tür­kis­far­ben schim­mert und der Sand in der Son­ne wie Zu­cker glänzt, dort liegt für vie­le Men­schen das Pa­ra­dies. Die In­sel Bar­bu­da, 160 Qua­drat­ki­lo­me­ter Land zwi­schen Ka­ri­bik und At­lan­tik, kommt dem sehr na­he. Al­ler­dings nur auf Fo­tos, die äl­ter sind als fünf Wo­chen. In der Nacht des 6. Sep­tem­bers zog der Hur­ri­kan Ir­ma über Bar­bu­da hin­weg. Wie es jetzt aus­sieht? Das Pa­ra­dies nach ei­nem Atom­krieg.

An ei­nem wol­ken­frei­en Vor­mit­tag An­fang Ok­to­ber wagt sich Ken­dra Bea­zer, 24, zum ers­ten Mal zu­rück nach Hau­se. Er hat ei­nen Wischmopp da­bei, ei­nen Ka­nis­ter Trink­was­ser, Tro­cken­fleisch und Do­senerb­sen. Ei­nen Tag und ei­ne Nacht will er blei­ben, „ein biss­chen auf­räu­men“, dann will er wie­der zu­rück auf die Nach­bar­in­sel An­ti­gua, an der das Au­ge von Ir­ma knapp vor­bei­ge­wir­belt war. Als das Mo­tor­boot am Steg von Co­d­ring­ton an­legt, der ein­zi­gen Sied­lung von Bar­bu­da, wird er von ei­nem Ru­del win­seln­der Hun­de um­ringt. Man­che sind ab­ge­ma­gert, aber es hat nicht den An­schein, als hät­ten sie es auf Bea­zers Es­sens­vor­rä­te ab­ge­se­hen. „Das sind Haus­tie­re, sie seh­nen sich nach Ge­sell­schaft.“

Bar­bu­da ist seit mehr als ei­nem Mo­nat men­schen­leer. Am Tag nach dem Sturm wur­de die ge­sam­te In­sel eva­ku­iert, 1800 Men­schen, 424 Fa­mi­li­en. Sie le­ben jetzt in An­ti­gua, in Not­un­ter­künf­ten oder bei Ver­wand­ten. Zu­rück in Bar­bu­da blie­ben nur die Tie­re. Pfer­de, Esel, Schwei­ne, Hüh­ner, Kat­zen, Hun­de. Sie ren­nen her­um, her­ren­los in der Apo­ka­lyp­se.

„Oh Lord“, sagt Ken­dra Bea­zer, „das ist wie bei ‚The Wal­king De­ad‘, nur oh­ne Schau­spie­ler.“

Der Hur­ri­kan hat ei­nen drei­ach­si­gen Lkw um­ge­bla­sen. Die Bäu­me, die noch ste­hen, sind nackt, oh­ne ein Blatt. In man­chen hängt Well­blech, wie La­met­ta. An ei­ner Stra­ßen­ecke lie­gen Bret­ter und Bal­ken. Das war ein­mal das Le­bens­mit­tel­ge­schäft. Der Hau­fen ne­ben­an: die Bä­cke­rei. Von „Vala­rie’s Sto­re“, der Mo­de­bou­tique, steht nur noch die Front. Das Haus, in dem Bea­zers Nach­barn leb­ten, ist ver­schwun­den. Ge­mes­sen da­ran hat er Glück ge­habt. Bei ihm feh­len nur die Schei­ben und ein Stück vom Dach. Die Tür steht of­fen, drin­nen lie­gen Kis­sen, Klei­der, Bü­cher, Fla­schen, Nu­del­pa­ckun­gen und Fo­tos im Dreck. In der Kü­che krei­sen Flie­gen um ei­ne gro­ße Por­ti­on Pfer­de­kot.

Je­des Jahr wü­ten hier Stür­me. Aber kei­ner er­in­nert sich an so hef­ti­ge wie in die­sem Jahr

Ken­dra Bea­zer ist ge­kom­men, um sein El­tern­haus so schnell wie mög­lich wie­der be­wohn­bar zu ma­chen. Er lebt al­lei­ne hier. Sei­ne Mut­ter ist mit den drei Ge­schwis­tern schon vor Jah­ren nach En­g­land aus­ge­wan­dert. Der Va­ter wohnt in An­ti­gua, wo es mehr Tou­ris­ten und mehr Jobs gibt. Ken­dra Bea­zer ist Lo­kal­po­li­ti­ker. An­fang des Jah­res wur­de er in die neun­köp­fi­ge Rats­ver­samm­lung von Bar­bu­da ge­wählt, als jüngs­ter Ab­ge­ord­ne­ter in der Ge­schich­te der In­sel. Des­halb will er blei­ben. Aus Lie­be zur Hei­mat, aus Pflicht­ge­fühl. Er sagt, er glau­be an die Zu­kunft von Bar­bu­da.

Die Zu­kunft? „Die Zu­kunft ist übe­r­all un­ge­wiss“, sagt Bea­zer. Wenn es aber noch ei­nes kon­kre­ten Be­wei­ses da­für be­durf­te, dass der Kli­ma­wan­del kein Pro­blem der Zu­kunft ist, son­dern der Ge­gen­wart, dann ist der Schutt, der ein­mal der Ort Co­d­ring­ton war, ge­nau dies. Bar­bu­da liegt am nörd­li­chen En­de der Klei­nen An­til­len, den „In­seln über dem Win­de“. Aus­ge­rech­net. Je­des Jahr wü­ten hier Tro­pen­stür­me, aber kei­ner kann sich er­in­nern, dass sie je mit ei­ner sol­chen Fre­quenz und Zer­stö­rungs­kraft wie 2017 über die In­seln tob­ten.

Wird das Pa­ra­dies al­so bald un­be­wohn­bar sein? Die Fra­ge stellt sich jetzt übe­r­all in der Ka­ri­bik. Ku­ba lei­det, Pu­er­to Ri­co liegt in Trüm­mern, ge­nau wie Saint-Mar­tin, St. John und Tor­to­la. Do­mi­ni­ca ist ein ein­zi­ges Ka­ta­stro­phen­ge­biet, Bar­bu­da ent­völ­kert. Wer nicht von Ir­ma er­wischt wur­de, wen Jo­sé und Ma­ria ver­schont ha­ben, der ist viel­leicht nächs­tes Jahr dran, wie auch im­mer sie die Stür­me der Sai­son dann tau­fen wer­den.

Ken­dra Bea­zer steht in den Trüm­mern sei­nes Hau­ses und sagt: „Der Kli­ma­wan­del be­droht die gan­ze Mensch­heit. Nie­mand kann da­vor weg­ren­nen.“

Vor sei­ner Haus­tür hat er ein al­tes Wahl­pla­kat aus Hart­plas­tik im Matsch ge­fun­den: „Ar­thur Nibbs – Re­a­dy to Re­build“, steht da. Bea­zer schau­felt da­mit jetzt die Pfer­de­schei­ße nach drau­ßen. Er ist ein kräf­ti­ger Mann mit der Sta­tur ei­nes Bo­dy­buil­ders, er geht zu­rück in die Kü­che und fängt an zu wei­nen. „Was ma­che ich hier? Was soll das brin­gen?“

Es gibt auf der In­sel im­mer noch kei­nen Strom, kein Was­ser und vor al­lem: kein Auf­räum­kom­man­do, kei­nen er­kenn­ba­ren Fort­schritt. Bar­bu­da sieht auch im Ok­to­ber noch aus, als wä­re Ir­ma erst ges­tern durch­ge­zo­gen. „Die Re­gie­rung hat die Leu­te ab­trans­por­tiert und dann ein­fach al­les lie­gen­las­sen“, sagt Bea­zer. Die Re­gie­rung sitzt drü­ben in An­ti­gua. Und die Ge­schich­te über die­se Na­tur­ka­ta­stro­phe ist auch die Ge­schich­te ei­ner oh­ne­hin brü­chi­gen Na­ti­on, die vom Hur­ri­kan und sei­nen Nach­we­hen so durch­ein­an­der­ge­wir­belt wur­de, dass sie zu zer­fal­len droht.

Die ehe­ma­li­gen bri­ti­schen Ko­lo­ni­en An­ti­gua und Bar­bu­da wur­den 1981 in die Un­ab­hän­gig­keit ent­las­sen, ge­gen den Wil­len der Bar­bu­da­ner. Sie wä­ren lie­ber bei der Kro­ne ge­blie­ben. Fast al­le sind Nach­fah­ren ehe­ma­li­ger Skla­ven, die hier im 17. und 18. Jahr­hun­dert zur Zu­cker­rohr­ern­te ein­ge­setzt wur­den. Vom En­de der Skla­ve­rei 1834 bis zur Un­ab­hän­gig­keit, sa­gen vie­le, hät­ten sie ih­re Ru­he ge­habt. Seit­her füh­len sie sich von den An­ti­gua­nern un­ter­jocht.

Zwei In­seln im Ab­stand von 29 See­mei­len, rings­her­um un­end­lich viel Was­ser, als Frem­der denkt man: So groß kön­nen die Un­ter­schie­de ei­gent­lich nicht sein. Tat­säch­lich tren­nen An­ti­gua und Bar­bu­da Wel­ten. Und Wel­t­an­schau­un­gen.

An­ti­gua hat rund 80 000 Ein­woh­ner und gut 45 000 Au­tos, meist Neu­wa­gen aus Ja­pan. Mor­gens und nach­mit­tags steht die hal­be In­sel im Stau. Die Tou­ris­ten kom­men auf Kreuz­fahrt­schif­fen, und wenn sie mit ih­ren rot­ge­brann­ten Na­sen von Bord ge­hen, fal­len sie prak­tisch di­rekt ins „King’s Ca­si­no“hin­ein: ei­ne fens­ter­lo­se Spiel­höl­le von der Grö­ße ei­ner Sport­hal­le mit 24-St­un­den-Be­trieb an den Rou­let­teTi­schen und den ein­ar­mi­gen Ban­di­ten. Die Ha­fen­pro­me­na­de „He­ri­ta­ge Qu­ay“ist ei­ne Du­ty-free-Zo­ne für Spi­ri­tuo­sen und Ju­we­len. Da­hin­ter liegt das Ban­ken- und Brief­kas­ten­fir­men­vier­tel, da­hin­ter die Fast­food­ket­ten­mei­le. Au­ßer­halb des Haupt­or­tes Saint John’s wur­de die Küs­te rings her­um mit Res­sorts und Fin­cas be­baut. Pa­ra­die­sisch ist es hier nicht zu­letzt für Steu­er­spa­rer.

Die Be­woh­ner Bar­bu­das da­ge­gen le­ben seit Ge­ne­ra­tio­nen vom Speer­fi­schen und vom Hum­mer­fang. Ein paar auch vom Tou­ris­mus. Es gab auf der In­sel nur fünf Ho­tels, von de­nen drei schon vor dem Hur­ri­kan ver­fal­len wa­ren. Was Bar­bu­da be­son­ders macht, viel­leicht ein­zig­ar­tig, ist sein Land­recht. Der Bo­den ge­hört al­len Be­woh­nern. Je­der kann bau­en und an­bau­en, wo er will. Es gibt kein Pri­vat­ei­gen­tum, kei­ne Ban­ken, kein Bur­ger King, kei­ne Po­st­adres­sen. Wenn ein Brief an­kam, rief der Post­ler Joy­ce Lynn Web­ber beim Emp­fän­ger an: „Komm vor­bei, Post für dich.“

Die An­ti­gua­ner läs­tern ger­ne: „Die da drü­ben sind nicht ein­mal ver­si­chert.“Die Bar­bu­da­ner fra­gen dann: „Wo­zu Ver­si­che­run­gen? Wir hel­fen uns ge­gen­sei­tig.“Aber jetzt fürch­ten sie um ih­ren Le­bens­stil. Nicht nur we­gen Ir­ma, son­dern vor al­lem we­gen der Art, wie die Re­gie­rung in Saint John’s auf Ir­ma re­agiert.

Der ers­te Mensch aus An­ti­gua, der Bar­bu­da nach dem Sturm be­trat, war Gas­ton Brow­ne, 50, der Pre­mier­mi­nis­ter. Er ließ sich mit dem He­li­ko­pter rü­ber­flie­gen, am Nach­mit­tag des 6. Sep­tem­ber. Zehn St­un­den war die Nach­bar­in­sel da schon von jeg­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Au­ßen­welt ab­ge­schnit­ten. Weil An­ti­gua glimpf­lich da­von­ge­kom­men war, ging Brow­ne da­von aus, dass ab­ge­se­hen von Te­le­fon und In­ter­net auch in Bar­bu­da al­les okay sein wür­de, es sind ja nur ein paar See­mei­len. Sei­ne Pres­se­stel­le hat­te be­reits ei­ne Mel­dung vor­be­rei­tet: „An­ti­gua und Bar­bu­da über­ste­hen Hur­ri­kan Ir­ma oh­ne grö­ße­re Schä­den.“Brow­ne woll­te sich aber noch vor Ort ein Bild von der La­ge ma­chen. Als sein Hub­schrau­ber in Co­d­ring­ton auf­setz­te, trau­te er sei­nen Au­gen nicht. Der Hur­ri­kan hat­te die Land­zun­ge der La­gu­ne durch­trennt, die In­sel zer­teilt. Am Abend schrie­ben sei­ne Pres­se­leu­te ei­ne neue Mel­dung: „Bar­bu­da zu 95 Pro­zent zer­stört.“

Brow­ne ord­ne­te die so­for­ti­ge Eva­ku­ie­rung an. Vie­le Bar­bu­da­ner wi­der­setz­ten sich der An­wei­sung, sie muss­ten zum Teil mit Ge­walt ab­trans­por­tiert wer­den. Der Pre­mier meint, dass er da­für gu­te Grün­de hat­te: Ers­tens die Ge­fahr von Cho­le­ra, die ge­sam­te In­sel ha­be knö­chel­tief un­ter Was­ser ge­stan­den, und übe­r­all la­gen Tier­ka­da­ver. Zwei­tens war mit Jo­sé schon der nächs­te Hur­ri­kan un­ter­wegs. „Al­les an­de­re als ei­ne Räu­mungs­or­der wä­re un­ver­ant­wort­lich ge­we­sen“, sagt Brow­ne. Es hät­te schon ge­nü­gend Wun­der ge­braucht da­für, dass bei die­ser Ka­ta­stro­phe nur ein Mensch ge­stor­ben sei. Ein zwei­jäh­ri­ger Jun­ge, der im ei­ge­nen Haus er­trank.

So­weit sieht Ken­dra Bea­zer das noch ein. Er fragt sich aber: „War­um durf­ten wir nicht zu­rück, als Jo­sé vor­bei war? Es ist doch un­se­re In­sel, und wir wol­len sie wie­der in Ord­nung brin­gen.“All­mäh­lich hat er den Ver­dacht, dass dies po­li­tisch gar nicht ge­wünscht ist. Die Re­gie­rung in An­ti­gua su­che seit Lan­gem ei­ne Ge­le­gen­heit, um Bar­bu­da zu kom­mer­zia­li­sie­ren. „Ir­ma ist die per­fek­te Ge­le­gen­heit da­für. Und Brow­ne will sie sich nicht ent­ge­hen las­sen.“

Die Vor­wür­fe sind auch schon zum Pre­mier­mi­nis­ter durch­ge­drun­gen. Sein La­chen hallt durch die neo­klas­si­zis­ti­sche Kup­pel, die sei­nen Schreib­tisch über­spannt. Brow­ne sagt: „Man­che Bar­bu­da­ner ha­ben mir schon zu­ge­ru­fen: Pha­raoh, let my peop­le go! Das ist so be­scheu­ert, dass ich dar­auf nicht ant­wor­te.“

In An­ti­gua und Bar­bu­da sind sie ge­ra­de recht aus­ge­las­tet mit der Streit­fra­ge: Wie wol­len wir le­ben? Und viel­leicht ist das auch ei­ne Stra­te­gie, um nicht ver­rückt zu wer­den in die­sem klei­nen Land mit­ten im Ken­dra Bea­zer ist der jüngs­te Ab­ge­ord­ne­te auf Bar­bu­da – des­halb durf­te er die zer­stör­te In­sel jetzt be­sich­ti­gen. Sein Kom­men­tar: „Oh Lord“. gro­ßen Was­ser. Denn die drin­gends­te Fra­ge lau­tet ja: Wie lan­ge kön­nen wir hier über­haupt noch le­ben?

Gas­ton Brow­ne ist ein ehe­ma­li­ger Ban­ker, der trotz sei­nes Schnäu­zers ei­nen se­riö­sen Ein­druck macht. Nach ei­ge­ner Er­zäh­lung kam er En­de der Neun­zi­ger eher zu­fäl­lig in die Po­li­tik, bis da­hin sei er nicht ein­mal wäh­len ge­gan­gen. 2014 wur­de er dann zum Re­gie­rungs­chef ge­wählt, und man nimmt ihm ab, dass dies sei­nen Blick auf die Welt ver­än­dert hat. „Als An­füh­rer die­ses Lan­des wird man au­to­ma­tisch zum Kämp­fer ge­gen den Kli­ma­wan­del.“

Ter­ror, Br­ex­it, Nord­ko­rea – das sind doch klei­ne Pro­ble­me im Ver­gleich zum Kli­ma­wan­del

Mit­te Sep­tem­ber hielt Brow­ne ei­ne Re­de vor der UN-Voll­ver­samm­lung, in der er da­ran er­in­ner­te, dass die Na­tio­nen der Ka­ri­bik ge­mein­sam we­ni­ger als 0,1 Pro­zent zum welt­wei­ten CO2-Aus­stoß bei­tra­gen. Er rief ins Mi­kro­fon: „Wir sind die kleins­ten Ver­schmut­zer, aber die größ­ten Op­fer.“Der Haupt­adres­sat die­ses Hil­fe­rufs hat ver­mut­lich nicht zu­ge­hört, des­halb möch­te Brow­ne noch ein­mal aus­drück­lich be­to­nen: „Der Bruch des US-Prä­si­den­ten mit dem Pa­ri­ser Kli­ma­ab­kom­men ist ei­ne der ver­ant­wor­tungs­lo­ses­ten Ent­schei­dun­gen in der Ge­schich­te der Mensch­heit.“

Der is­la­mis­ti­sche Ter­ro­ris­mus, die ato­ma­re An­ge­be­rei von Nord­ko­rea, der Br­ex­it – all das sind aus sei­ner Sicht klei­ne, lös­ba­re Pro­ble­me ver­gli­chen mit dem Tem­pe­ra­tur­an­stieg der Welt­mee­re, der ra­san­ten Glet­scher­schmel­ze, der un­um­kehr­ba­ren Zer­stö­rung des Pla­ne­ten. Trotz­dem, so Brow­ne, glau­ben im­mer noch ei­ni­ge, sich den Lu­xus leis­ten zu kön­nen, den Bei­trag des Men­schen zur glo­ba­len Er­wär­mung an­zu­zwei­feln. „Für uns ist das ei­ne Fra­ge von Le­ben und Tod. Wir kön­nen bei die­sem The­ma nicht di­plo­ma­tisch sein.“

In An­ti­gua und Bar­bu­da gibt es ent­we­der zu viel oder zu we­nig Was­ser. In der Hur­ri­kan-Sai­son wer­den die In­seln re­gel­mä­ßig über­schwemmt, da­zwi­schen ha­ben sie mit ex­tre­mer Tro­cken­heit zu kämp­fen. Das Land hängt zu 100 Pro­zent von Trink­was­ser aus Ent­sal­zungs­an­la­gen ab. Sechs Stück ste­hen zwi­schen den Hü­geln von An­ti­gua, die sieb­te wird ge­ra­de ge­baut. Auf den Post­kar­ten, die in den kli­ma­ti­sier­ten Res­sorts ver­kauft wer­den, sind die­se In­dus­trie­kom­ple­xe nicht zu se­hen. Das un­be­rühr­te Pa­ra­dies, hier le­ben sie von die­sem Traum. Die Wahr­heit wür­de Tou­ris­ten ab­schre­cken: Dass die Tro­pen­früch­te am Buf­fet oft aus Cos­ta Ri­ca im­por­tiert wer­den. Dass der Hum­mer zum Din­ner meist von Bar­bu­da­nern kommt, die es sich nicht leis­ten kön­nen, ihn selbst zu es­sen. Dass sich zwi­schen den Ent­sal­zungs­an­la­gen zwei Raf­fi­ne­ri­en be­fin­den, für den Treib­stoff, den Au­tos und Ge­ne­ra­to­ren schlu­cken.

Gas­ton Brow­ne ist fest ent­schlos­sen, beim Kli­ma­schutz mit gu­tem Bei­spiel vor­an­zu­ge­hen. Vor­erst viel­leicht noch nicht in An­ti­gua, dem wirt­schaft­li­chen Mo­tor des Lan­des, wohl aber in Bar­bu­da. In die­ser Hin­sicht sei die Zer­stö­rung auch ei­ne Chan­ce. „Wir wer­den ei­ne kom­plett kli­ma­neu­tra­le In­sel wie­der auf­bau­en.“

Die In­sel ge­hört al­len, so war das im­mer auf Bar­bu­da. Könn­te sein, dass sich das jetzt än­dert

Der Plan hat im­mer­hin schon ei­nen Slo­gan: „Let’s bring the 21st cen­tu­ry to Bar­bu­da.“Er be­inhal­tet sturm­si­che­re Ge­bäu­de, mehr Be­ton, we­ni­ger Holz, So­lar­zel­len auf al­len Dä­chern und vor al­lem: die Ab­schaf­fung des ver­al­te­ten Land­rechts. Brow­ne kann lan­ge Vor­trä­ge zur bri­ti­schen Ko­lo­ni­al­ge­schich­te hal­ten, er zi­tiert Ver­trä­ge und Ge­richts­ur­tei­le aus drei Jahr­hun­der­ten, aus de­nen für ihn klar her­vor­geht, dass die Bar­bu­da­ner ihr Land nicht ge­mein­sam be­sit­zen, son­dern nur ge­mein­sam be­set­zen. Aber weil er auf sei­ne Lands­leu­te und „ih­re spe­zi­el­len Sen­si­bi­li­tä­ten“Rück­sicht nimmt, hat er ei­nen, wie er fin­det, groß­zü­gi­gen Vor­schlag ge­macht: „Je­der Bar­bu­da­ner darf das Grund­stück, das er zu­letzt be­wohnt hat, für ei­nen US-Dol­lar kau­fen.“

Ken­dra Bea­zer sagt da­zu nur: „War­um sol­len wir für et­was be­zah­len, das uns schon seit Jahr­hun­der­ten ge­hört?“Ein mie­ser Trick sei das, um Pri­vat­ei­gen­tum ein­zu­füh­ren, den ers­ten Schritt zum To­tal­aus­ver­kauf. Of­fen­bar gibt es auch für die­sen Ort noch In­ter­es­sen­ten. Das Pa­ra­dies lockt bis zum letz­ten Tag.

Die ver­schwo­re­ne Ge­mein­schaft von Bar­bu­da hat sich bis­lang al­len Ver­su­chen wi­der­setzt, ih­re In­sel für In­ves­to­ren zu er­schlie­ßen. Um den Jahr­tau­send­wech­sel woll­te ein bri­ti­sches Un­ter­neh­men in ei­nem Na­tur­schutz­ge­biet ein Lu­xus­ho­tel er­rich­ten, die Bau­ma­te­ria­li­en wa­ren schon da. Dann ka­men Män­ner aus Co­d­ring­ton an­ge­fah­ren und war­fen al­les ins Meer. Die Bri­ten such­ten sich ei­ne an­de­re In­sel. Was Bea­zer als die „Ver­tei­di­gung un­se­res Li­fe­sty­les“be­zeich­net, nennt Pre­mier Brow­ne „selbst­ver­schul­de­te Rück­stän­dig­keit“.

„Brow­ne ist ein Lüg­ner, man darf ihm kein Wort glau­ben“, sagt Ge­or­ge Jef­fries, 64, bar­bu­da­ni­scher Fi­scher oh­ne Ar­beit. Am 6. Sep­tem­ber ist sein Boot zer­schellt, sein Haus hat er auch ver­lo­ren. Seit­her lebt er im größ­ten Not­auf­fang­la­ger von An­ti­gua, dem na­tio­na­len Cri­cket-Sta­di­on. Auf dem Ra­sen trai­niert an die­sem Nach­mit­tag die Aus­wahl der West In­dies für ihr nächs­tes Län­der­spiel, du­schen müs­sen die Pro­fis zu Hau­se. Im Ka­bi­nen­trakt woh­nen die Ob­dach­lo­sen von der Nach­bar­in­sel.

Jef­fries sagt, die Be­din­gun­gen sei­en hier er­staun­lich gut. Es ge­be täg­lich drei war­me Mahl­zei­ten, abends Thea­ter­vor­stel­lun­gen oder Ka­rao­ke, manch­mal so­gar Frei­bier. Die Kin­der aus Bar­bu­da könn­ten in An­ti­gua zur Schu­le ge­hen. Al­les wun­der­bar. Es ist aber nicht das, was er ei­gent­lich will. Er sagt: „Wir al­le wol­len nach Hau­se, aber sie las­sen uns nicht.“Es gibt im Mo­ment nur ei­ne Fähr­ver­bin­dung täg­lich, um an Bord zu kom­men, braucht man ei­ne Son­der­ge­neh­mi­gung der Re­gie­rung. Gu­te Chan­cen ha­ben Ka­ta­stro­phen­hel­fer, Tier­schüt­zer, Jour­na­lis­ten und Lo­kal­po­li­ti­ker wie Bea­zer. Schlech­te Chan­cen ha­ben ganz nor­ma­le Bar­bu­da­ner. Jef­fries schimpft: „Brow­ne und sei­ne Leu­te set­zen dar­auf, dass mög­lichst vie­le von uns in An­ti­gua Wur­zeln schla­gen. Um we­ni­ger Ge­gen­wehr zu ha­ben, wenn sie sich un­se­re In­sel un­ter den Na­gel rei­ßen.“

Der ein­zi­ge Hü­gel die­ser In­sel ist 42 Me­ter hoch, al­les rings her­um flach wie ein Rühr­ei. Wenn der Mee­res­spie­gel steigt, hat sich der Streit um Bar­bu­da eh er­le­digt. Dar­in sind sich bei­de Sei­ten ei­nig. Das Zer­würf­nis dreht sich dar­um, wie man den Count­down bis zum Un­ter­gang ge­stal­ten soll­te. Ei­ne Va­ri­an­te ist: Ver­drän­gung. Der Bar­bu­da­ner Ken­dra Bea­zer sagt: „Viel­leicht ha­ben wir noch ein paar Jah­re, viel­leicht ein paar Ge­ne­ra­tio­nen. Sol­len wir bis da­hin wie Flücht­lin­ge in ei­ner frem­den Welt le­ben?“Die an­de­re Va­ri­an­te ist: raus­ho­len, was geht, be­vor es zu spät ist. Pre­mier Brow­ne will auf Bar­bu­da ei­ne „Klas­se von Ei­gen­tü­mern“ent­wi­ckeln. Auf die Fra­ge, ob er selbst da­zu­ge­hö­ren möch­te, kein Wort. In den Ka­bi­nen vom Cri­cket-Sta­di­on aber wird er­zählt, Brow­nes Ehe­frau ha­be di­rekt am Ha­fen ein Stück Land ge­least, das sie ger­ne ver­kau­fen wür­de – na­tür­lich für deut­lich mehr als ei­nen Dol­lar. Der Kli­ma­wan­del die­ne den bei­den nur als Recht­fer­ti­gung für ih­re gie­ri­gen Plä­ne.

Ein Wir­bel­sturm hat in Bar­bu­da die Bäu­me ent­laubt, die Häu­ser ab­ge­deckt und die Haus­tie­re zu Wai­sen ge­macht. Kann es sein, dass die Re­gie­rung von ne­ben­an jetzt das Letz­te aus­ra­diert, was noch funk­tio­niert, die Ge­sell­schafts­form? Es gibt Leu­te, die sa­gen, es ist ei­ne Ka­ta­stro­phe in der Ka­ta­stro­phe.

Am Pier von Co­d­ring­ton sta­peln sich die Hilfs­pa­ke­te aus al­ler Welt. Jetzt feh­len nur noch Men­schen, de­nen da­mit ge­hol­fen wer­den kann. Ei­ni­ge der Kar­tons sind auf­ge­ris­sen. Falls die Be­woh­ner ir­gend­wann wie­der­kom­men, wer­den die Hun­de das meis­te schon ge­fres­sen ha­ben.

FO­TO: JO­SE JI­ME­NEZ TIRADO/GETTY

1800 Men­schen leb­ten bis zum 6. Sep­tem­ber auf Bar­bu­da. Dann kann der Sturm.

FO­TO: BOHE

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