Wü­te­rich mit Wäch­ter­rat

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 4 MEINUNG - Von ste­fan kor­ne­li­us

Es braucht kei­nen Mas­ter-Ab­schluss in In­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen, um die Be­deu­tung des Nu­kle­arab­kom­mens mit Iran zu schät­zen. Das Atom­pro­gramm hat die Welt vie­le Jah­re lang in Atem ge­hal­ten, ein Mi­li­tär­schlag et­wa durch Is­ra­el war ei­ni­ge Zeit mehr als wahr­schein­lich, ei­ne Atom­macht Iran hät­te die Re­gi­on ins Cha­os ge­stürzt und nu­klea­re Nach­ah­mer von Ri­ad bis Istan­bul pro­vo­ziert. Gut al­so, dass es den Ver­trag gibt.

Das Ab­kom­men hat aber nicht nur zur Be­frie­dung der Re­gi­on und zur Zäh­mung Te­he­rans bei­ge­tra­gen. Im Ge­gen­teil. Die plötz­li­che Hin­wen­dung der USA zu Iran, die Hoff­nung auf ei­ne ex­plo­die­ren­de Wirt­schafts­leis­tung und der schwin­den­de po­li­ti­sche Druck ha­ben in Iran neue Be­gehr­lich­kei­ten ge­weckt – und in der Re­gi­on al­te Sor­gen ver­stärkt. Irans Ein­fluss in Sy­ri­en, die un­ge­brems­te Un­ter­stüt­zung der an­ti-is­rae­li­schen His­bol­lah, die Prä­senz im je­me­ni­ti­schen Bür­ger­krieg und am En­de gar neue Tests mit bal­lis­ti­schen Ra­ke­ten sind Be­leg fri­scher Am­bi­tio­nen. Ei­ne Glei­chung mit Iran ist nie sta­bil, Va­ria­blen än­dern sich stän­dig.

Sind all dies Grün­de für die zor­ni­ge Auf­merk­sam­keit, die Prä­si­dent Do­nald Trump Iran schenkt? Na­tür­lich nicht. Trump selbst hat sei­ne Iran-Po­li­tik nie ver­nünf­tig be­grün­det. Nimmt man ihn beim Wort, dann han­delt er aus zwei Mo­ti­ven her­aus: Die Hin­ter­las­sen­schaft sei­nes Vor­gän­gers, und da­mit auch der Iran-Ver­trag als des­sen wich­tigs­tes di­plo­ma­ti­sches Er­be, muss zer­stört wer­den. Und: In ei­ner bi­nä­ren Welt­sicht ge­hör­te Iran im­mer zu den Bö­sen.

Was sich seit Trumps Amts­an­tritt mit Blick auf das Atom­ab­kom­men ab­ge­spielt hat, folg­te die­ser Lo­gik. Was der Prä­si­dent nun aber zur Zu­kunft die­ses Ab­kom­mens be­schlos­sen hat, ge­horcht ei­ner Über-Lo­gik, ei­ner di­plo­ma­ti­schen Me­ta-Ebe­ne, für de­ren voll­stän­di­ge Ent­schlüs­se­lung noch ein paar Mas­ter-Kur­se in In­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen nö­tig sein wer­den. Kurz ge­sagt, ist es dem ver­nunft­be­gab­ten Teil der Trump-Ad­mi­nis­tra­ti­on ge­glückt, so­wohl der Vul­gär-Au­ßen­po­li­tik des Prä­si­den­ten ge­recht zu wer­den, als auch das dif­fi­zi­le Spiel um Macht und Ein­fluss mit Iran klug fort­zu­füh­ren, oh­ne das Nuklearabkommen zu zer­stö­ren.

Das ist kom­pli­ziert, könn­te aber am En­de funk­tio­nie­ren. Der au­ßen­po­li­ti­sche Wäch­ter­rat um Trump lässt den Prä­si­den­ten wei­ter den Wü­te­rich spie­len, aber er hat ihm das Werk­zeug aus der Hand ge­nom­men: Die Auf­kün­di­gung des Ver­trags ob­liegt nun qua­si dem Se­nat, die au­ßen­po­li­ti­sche Macht ist vom Wei­ßen Haus ins Ka­pi­tol ge­wan­dert. Wa­shing­tons Mus­ke­tie­re für die Welt­po­li­tik – der Au­ßen- und der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter, der Si­cher­heits­be­ra­ter und der St­abs­chef – trau­en den 100 Se­na­to­ren of­fen­bar mehr als dem ei­nen Prä­si­den­ten.

Der Kampf um die Zu­kunft des Nu­kle­arab­kom­mens ist das bis­her bes­te Lehr­stück über Wir­ken und Wal­ten des ge­wal­ti­gen Wa­shing­to­ner Po­lit-Ap­pa­rats un­ter Trump. Nichts folgt ei­ner Stra­te­gie. Al­les ge­horcht den Im­pul­sen des Man­nes an der Spit­ze. Und die Mehr­heit selbst der ei­ge­nen Leu­te ist da­mit be­schäf­tigt, den Scha­den ab­zu­wen­den oder zu mi­ni­mie­ren, den Trump an­rich­tet.

Im Fal­le Irans ist die Glei­chung nun noch ein­mal ge­schüt­telt wor­den. Die Ri­si­ken sind hoch: Wird der Se­nat ver­nünf­tig blei­ben und Teheran kei­ne un­über­wind­ba­ren Hür­den bau­en? Wel­ches La­ger im he­te­ro­ge­nen Iran wird Pro­fit schla­gen wol­len von der neu­en (Schein-)Kon­fron­ta­ti­on? Wie lan­ge kön­nen Wa­shing­tons Ver­bün­de­te, ge­ra­de in Eu­ro­pa, die Scha­ra­de mit­ma­chen? Trump wird die Fra­gen nicht be­ant­wor­ten. Er sorgt für im­mer neue.

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