Men­schen­recht auf El­tern

Wie jun­ge Sy­rer ver­su­chen, Va­ter und Mut­ter hier­her zu ho­len – und trotz der Schlupf­lö­cher schei­tern

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 6 POLITIK - Von bernd kast­ner

Als die Spra­che auf sei­ne El­tern kommt, ver­lässt Ja­cob den Con­tai­ner. Er er­trägt es nicht, wenn die Er­wach­se­nen über Ma­ma und Pa­pa und die Schwes­ter spre­chen. Es macht ihn so trau­rig, weil die drei so weit weg sind. Ja­cob geht nach drau­ßen zum Spie­len. Ihm ist nicht be­wusst, dass er ei­ner von de­nen ist, über die ge­ra­de so vie­le Po­li­ti­ker re­den. Und die­se wis­sen nicht, dass sie auch über das Le­ben von Ja­cob dis­ku­tie­ren. Der Jun­ge ist aus Sy­ri­en nach Deutsch­land ge­flo­hen, er war­tet auf sei­ne El­tern und Schwes­ter. Ja­cob weiß nicht, wel­ches deut­sche Ge­setz das Wie­der­se­hen ver­hin­dert, aber er weiß, dass er schon sehr lan­ge war­tet. Zwei Jah­re sind ei­ne Ewig­keit für ei­nen Acht­jäh­ri­gen.

Deutsch­land dis­ku­tiert wie­der ein­mal, wel­che hier an­er­kann­ten Flücht­lin­ge ih­re An­ge­hö­ri­gen nach­ho­len dür­fen. Ja­cobs Fa­mi­lie ist aus­ge­schlos­sen, ei­gent­lich, denn Ja­cobs Asyl­ge­such ist et­was zu spät ent­schie­den wor­den, we­ni­ge Wo­chen nach dem Stich­tag. Seit März 2016 dür­fen sub­si­di­är Ge­schütz­te ih­re Fa­mi­li­en nicht mehr nach­ho­len, das trifft vor al­lem je­ne, die aus dem Bür­ger­krieg ge­flo­hen sind. Al­lein, da ist noch die­ses ei­ne Schlupf­loch. Si­grun Krau­se, Rechts­an­wäl­tin: „Der Schutz der Fa­mi­lie ist ein Grund­recht. Dass der Nach­zug zu sub­si­di­är Ge­schütz­ten aus­ge­setzt ist, dass Kin­der jah­re­lang oh­ne El­tern le­ben müs­sen, ver­letzt die­ses Recht.“

Ei­ne Con­tai­ner­sied­lung ganz am Ran­de von Ber­lin ist jetzt Ja­cobs Zu­hau­se. Dort wohnt der Jun­ge, der in Wahr­heit an­ders heißt, mit sei­ner Tan­te und sei­nem On­kel, die bei­den sind Ge­schwis­ter. Sei­ne El­tern le­ben noch in Sy­ri­en. 2015 ha­ben ihn Tan­te und On­kel mit auf die Flucht ge­nom­men, übers Meer, wei­ter via Bal­kan. 2013 war der Va­ter von ei­ner Bom­be schwer ver­letzt wor­den, sie traf ihn, als er ge­ra­de in ei­nen Bus stei­gen woll­te. Ja­cobs Va­ter ist seit­her von der Lun­ge an ab­wärts ge­lähmt, in Sy­ri­en kön­nen ihm die Ärz­te nicht hel­fen. Er selbst hät­te es nicht ge­schafft zu flie­hen.

Ja­cobs Fa­mi­lie durf­te bis­her nicht nach Deutsch­land nach­kom­men, weil die gro­ße Ko­ali­ti­on das Asyl­pa­ket II be­schlos­sen hat: Fa­mi­li­en­nach­zug aus­ge­setzt für sub­si­di­är Ge­schütz­te, zwei Jah­re lang. CDU und CSU wol­len, dass das auch nach März 2018 so bleibt, die Grü­nen wol­len das Ge­gen­teil. Das birgt Zünd­stoff für die Ge­sprä­che über ei­ne Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on.

Ja­cob hat sei­ne ers­ten 15 Mo­na­te in Deutsch­land in ei­ner Turn­hal­le in Kö­pe­nick ver­bracht, mit Hun­der­ten an­de­ren Flücht­lin­gen, die Schlan­gen vor dem Klo wa­ren sehr lang. Er ist das Kind ei­ner christ­li­chen Fa­mi­lie, fast al­le an­de­ren wa­ren Mus­li­me. Das sei nicht ein­fach für ihn ge­we­sen, er­zählt die Tan­te, er ha­be kaum je­man­den zum Spie­len ge­fun­den.

Jetzt zählt sei­ne Fa­mi­lie auf Si­grun Krau­se. Die Rechts­an­wäl­tin hat mit zwei Kol­le­gin­nen den Men­schen­rechts­ver­ein Ju­men ge­grün­det, die Ab­kür­zung steht für „Ju­ris­ti­sche Men­schen­rechts­ar­beit in Deutsch­land“. Mit stra­te­gi­scher Pro­zess­füh­rung will Ju­men Struk­tu­ren än­dern, in die­sem Fall den ent­schei­den­den Pa­ra­graf im Asyl­pa­ket II kip­pen. Die Ak­ti­vis­tin­nen wäh­len be­stimm­te Fäl­le aus, um sie durch die In­stan­zen bis zum Ver­fas­sungs­ge­richt oder dem Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­ge­richts­hof zu kla­gen, acht be­ar­bei­ten sie der­zeit. Sie hal­ten die Aus­set­zung des Fa­mi­li­en­nach­zugs für ver­fas­sungs- und men­schen­rechts­wid­rig, und das wol­len sie mög­lichst bald in Karls­ru­he oder Straß­burg be­stä­tigt be­kom­men.

Jetzt ver­sucht Krau­se erst ein­mal, Ja­cobs El­tern doch noch nach Deutsch­land durch das ver­blie­be­ne Schlupf­loch zu ho­len. Im Auf­ent­halts­ge­setz steht, dass ein Vi­sum „aus völ­ker­recht­li­chen oder drin­gen­den hu­ma­ni­tä­ren Grün­den“er­teilt wer­den kann. Der Weg zu ei­nem „hu­ma­ni­tä­ren Vi­sum“aber kos­tet viel Zeit und Ner­ven. Seit März geht Ja­cobs Fa­mi­lie die­sen Weg.

Für Vi­sa ist das Aus­wär­ti­ge Amt zu­stän­dig. Zu­nächst ist ein An­trag auf Vor­prü­fung in Ber­lin zu stel­len. Fällt die­ser po­si­tiv aus, be­kom­men die in Sy­ri­en zu­rück­ge­blie­be­nen Fa­mi­li­en­mit­glie­der ei­nen Son­der­ter­min in ei­ner deut­schen Ver­tre­tung. Oh­ne Son­der­ter­min wä­re die War­te­zeit mit­un­ter sehr lan­ge: Zwölf Mo­na­te in Beirut, zehn in Am­man, sechs in An­ka­ra. Ja­cobs Fa­mi­lie reist nach Beirut, wird in­ter­viewt; als sie auf dem Rück­weg sind, fällt je­man­dem in der Bot­schaft auf, dass man wich­ti­ge Fra­gen ver­ges­sen ha­be, es folgt ein zwei­tes In­ter­view, jetzt te­le­fo­nisch. „Ich wa­ge nicht zu den­ken, dass es mit dem Vi­sum nicht klap­pen wird“, gibt der Va­ter zu Pro­to­koll. „Ich ha­be Angst, dass ich mei­nen Sohn nicht mehr se­he. Mei­ne Ehe­frau weint täg­lich und ver­misst un­se­ren Sohn. In Sy­ri­en kann ich nichts mehr ma­chen. Ich wer­de wie ein Gestor­be­ner be­han­delt.“

Die Bot­schaft ent­schei­det zü­gig – und po­si­tiv. Was der Fa­mi­lie wi­der­fah­ren ist, sei als „sin­gu­lä­res Ein­zel­schick­sal“zu wer­ten, die Vor­aus­set­zung für ei­ne „hu­ma­ni­tä­re Auf­nah­me“. Das reicht aber noch lan­ge nicht, nun ist die Aus­län­der­be­hör­de am Zug, in Ja­cobs Fall die in Ber­lin. Zwi­schen­durch je­doch ge­hen die „Form­blattan­trä­ge“ver­lo­ren, auf dem Weg von ei­nem Amt zum nächs­ten, das Pro­ze­de­re stockt. Im Sep­tem­ber dann be­für­wor­tet auch die Aus­län­der­be­hör­de die Auf­nah­me, aber auch das ge­nügt noch nicht: Nun muss das ärzt­li­che At­test des Va­ters ge­prüft wer­den, in der Bot­schaft in Beirut. Das Aus­län­der­amt wie­der­um prüft, ob es nicht je­man­den gibt, der für den Un­ter­halt von Ja­cobs Fa­mi­lie bürgt, dann wür­de sie auf der Grund­la­ge ei­nes an­de­ren Pa­ra­gra­fen ein­rei­sen. Nein, es gibt nie­man­den, schreibt die An­wäl­tin Krau­se – und war­tet wei­ter auf die Prü­fung des At­tes­tes. Wenn, dann ist es die schwe­re Ver­let­zung des Va­ters, die den Aus­schlag für das Vi­sum gibt, so will es das Ge­setz. Die Qu­al des Kin­des und der El­tern ob der Tren­nung? Eher Ne­ben­sa­che.

Wo­che um Wo­che ver­geht, oh­ne dass man ei­ner Be­hör­de ei­nen Vor­wurf ma­chen könn­te. Schon für Er­wach­se­ne ist die Un­ge­wiss­heit kräf­te­zeh­rend, für ei­nen Acht­jäh­ri­gen ist sie kaum aus­zu­hal­ten. Die Tan­te er­zählt, am Tisch in ih­rem Con­tai­ner sit­zend, dass der Jun­ge die Er­klä­run­gen der Er­wach­se­nen für das War­ten nicht mehr glau­be: „Ich weiß, ihr lügt“, ha­be er ge­sagt, „aber ich hof­fe, sie kom­men trotz­dem.“

So al­so funk­tio­niert Pa­ra­graf 22 im Auf­ent­halts­ge­setz, der den Be­für­wor­tern des Nach­zug-Stopps ein wich­ti­ges Ar­gu­ment ist: In Här­te­fäl­len, sa­gen sie, sei es doch im­mer noch mög­lich, Fa­mi­li­en zu ver­ei­nen. Das stimmt in der Theo­rie, doch prak­tisch spielt dies kei­ne Rol­le. Bis Au­gust 2017 wur­den erst 23 hu­ma­ni­tä­re Vi­sa ver­ge­ben.

Das Haupt­ar­gu­ment für das Aus­set­zen des Nach­zugs lau­tet, dass Deutsch­land nicht über­las­tet wer­den dür­fe. Die Ge­gen­sei­te Schon sechs Jah­re her, aber im­mer noch gül­tig: De­mons­tran­ten in Istan­bul zeig­ten, wel­chem Herr­scher sie ent­kom­men sind, ih­re An­ge­hö­ri­gen aber im­mer noch aus­ge­setzt sind.

wie­der­um, und da­zu ge­hö­ren das Deut­sche In­sti­tut für Men­schen­rech­te und die bei­den christ­li­chen Kir­chen, kri­ti­siert den Nach­zug-Stopp scharf. Sie ar­gu­men­tiert ethisch, christ­lich, vor al­lem aber ju­ris­tisch: Der Schutz der Fa­mi­lie sei im Grund­ge­setz, in der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und der UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on fest­ge­schrie­ben. Da­ran müs­se sich Deutsch­land hal­ten. Klar, sagt die an­de­re Sei­te, dar­aus las­se sich aber nicht das ge­ne­rel­le Recht auf ei­nen Fa­mi­li­en­nach­zug ab­lei­ten.

Des­halb läuft für Mo­ham­med Hal­la die Zeit ab. Im Ja­nu­ar wird er voll­jäh­rig, dann ist der Fa­mi­li­en­nach­zug aus­ge­schlos­sen. Auch er (der tat­säch­lich an­ders heißt) war 2015 hier an­ge­kom­men. Ein Jahr hat­te es ge­dau­ert, bis sein Asyl­ver­fah­ren be­gann, auch er er­hielt sub­si­diä­ren Schutz. Auch er hat sich um ei­nen Son­der­ter­min für sei­ne Fa­mi­lie in ei­ner deut­schen Bot­schaft be­müht, ihm aber wur­de er ab­ge­lehnt, per Mail, oh­ne Be­grün­dung, aber mit dem Hin­weis: „Bit­te se­hen Sie von Rück­fra­gen ab.“Jetzt ist Kla­ge ge­gen das Aus­wär­ti­ge Amt

ein­ge­reicht, um sei­ner Fa­mi­lie die le­ga­le Ein­rei­se zu er­mög­li­chen.

Mo­ham­med Hal­la lebt in ei­ner be­treu­ten Wohn­ge­mein­schaft. In sei­nem Zim­mer zeigt er auf sei­nem PC-Bild­schirm ein Vi­deo, auf­ge­nom­men 2011 in ei­nem Vo­r­ort von Da­mas­kus. Man sieht ei­ne De­mons­tra­ti­on und hört ei­nen Mann ins Me­ga­fon spre­chen, Ghi­ath Ma­tar. Er führ­te fried­li­che De­mons­tra­tio­nen ge­gen das sy­ri­sche Re­gime an. Mit Blu­men in der Hand ging er auf Sol­da­ten und Po­li­zis­ten zu, er wur­de zum Sym­bol des ge­walt­frei­en Wi­der­stands. Die Bil­der gin­gen um die Welt, man nann­te ihn „Litt­le Gandhi“, dem Re­gime aber wur­de er ge­fähr­lich. Ma­tar wur­de ein­ge­sperrt und ge­fol­tert. Vier Ta­ge spä­ter über­gab man sei­ner Fa­mi­lie den Leich­nam. Im Vi­deo sieht man Ma­tars Kör­per, man sieht das Blut, er wur­de 26 Jah­re alt.

Ca­the­ri­ne Ash­ton, da­mals Au­ßen­be­auf­trag­te der EU, ver­ur­teil­te den Mord an Ma­tar: „Er wur­de ge­tö­tet we­gen sei­ner Ent­schlos­sen­heit, fried­lich ge­gen die bru­ta­le Un­ter­drü­ckung durch das sy­ri­sche Re­gime zu pro­tes­tie­ren. Un­ser Mit­ge­fühl gilt sei­ner Fa­mi­lie.“Ghi­ath Ma­tars Fa­mi­lie ist auch Mo­ham­med Hal­las Fa­mi­lie. Ma­tar war mit Hal­las Schwes­ter ver­hei­ra­tet. Sie war da­mals schwan­ger, der Va­ter hat den Sohn nicht mehr ge­se­hen. Nach dem Mord de­ser­tier­te Hal­las Bru­der aus der Ar­mee, spä­ter starb er bei ei­nem Bom­ben­an­griff. Mo­ham­meds El­tern und Schwes­ter hal­ten sich seit­her ver­steckt, sie fürch­ten die Ra­che des Re­gimes, wenn sie als An­ge­hö­ri­ge des Frie­dens­ak­ti­vis­ten iden­ti­fi­ziert wer­den. In Deutsch­land, bei ih­rem Sohn, bei ih­rem Bru­der, wä­ren sie in Si­cher­heit.

FO­TO: TOL­GA BOZOGLU, DPA

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