In der Hit­ze der Nacht

Nach dem Er­folg ih­rer Youtube-Se­rie „Die Re­kru­ten“will die Bun­des­wehr mit ei­ner Do­ku aus Ma­li Be­wer­ber an­lo­cken. Be­reits vor dem Start gibt es Kri­tik

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 6 POLITIK - Chris­toph hick­mann

Ber­lin – Die Sa­che geht gleich mal gut los. Lan­dung in Gao, Ma­li, die Sol­da­ten stei­gen aus dem Flug­zeug, und der „Schweiß fließt“, wie Haupt­feld­we­bel Peter la­pi­dar fest­stellt. Es folgt die Be­grü­ßung im Camp: „Herz­lich will­kom­men in Gao“, sagt der Sol­dat, der die Ka­me­ra­den aus Deutsch­land in Emp­fang nimmt. „Es ist al­les nicht so schlimm, wie man’s hört. Es ist schlim­mer.“Kur­ze Pau­se, Zu­satz: „Und heu­te ist es kühl.“Nur 44 Grad Cel­si­us.

Zu se­hen sind die­se Sze­nen in Fol­ge 2 („Die An­kunft in Gao“) ei­ner neu­en Youtube-Se­rie, mit der die Bun­des­wehr von Mon­tag an Ein­bli­cke in den All­tag der Trup­pe ge­währt – und na­tür­lich vor al­lem po­ten­zi­el­le Be­wer­ber an­lo­cken will. Die Bun­des­wehr soll in den nächs­ten Jah­ren wach­sen, auf ei­ne Ziel­grö­ße von fast 200 000 Sol­da­ten, doch sie be­fin­det sich in har­ter Kon­kur­renz zur Wirt­schaft, aber auch zum sons­ti­gen öf­fent­li­chen Di­enst, et­wa zur Po­li­zei – und das an­ge­sichts klei­ner wer­den­der Jahr­gän­ge. Da muss die Trup­pe, zu­mal nach dem Weg­fall der Wehr­pflicht, neue We­ge ge­hen.

Sie hat da­mit be­reits vor ei­ni­ger Zeit an­ge­fan­gen, et­wa mit der Youtube-Se­rie „Die Re­kru­ten“, die jun­ge Sol­da­ten in der Gr­und­aus­bil­dung be­glei­te­te und sich mit et­wa 270 000 Abon­nen­ten, mil­lio­nen­fa­chen Klicks und di­ver­sen Prei­sen zum Über­ra­schungs­er­folg ent­wi­ckel­te. Laut Bun­des­wehr gin­gen wäh­rend der Aus­strah­lung 21 Pro­zent mehr Be­wer­bun­gen für die Lauf­bah­nen der Mann­schaf­ten und Un­ter­of­fi­zie­re ein als im ver­gleich­ba­ren Vor­jah­res­zeit­raum. Nun al­so die Nach­fol­ge-Se­rie: „Ma­li“. Bis An­fang De­zem­ber sol­len et­wa 40 Fol­gen zwi­schen fünf und zehn Mi­nu­ten bei Youtube ein­ge­stellt wer­den. Von der Vor­be­rei­tung und Ver­ab­schie­dung in Deutsch­land bis zur Nach­be­rei­tung zu­rück in der Hei­mat wer­den acht Prot­ago­nis­ten durch ih­ren Ein­satz im Rah­men der UN-Mis­si­on „Mi­nus­ma“be­glei­tet, den der­zeit wohl ge­fähr­lichs­ten der Trup­pe. Er­gän­zend schickt ein so­ge­nann­ter Chat­bot, ein au­to­ma­ti­sier­tes Dia­log­sys­tem, den Fans der Se­rie täg­lich Nach­rich­ten, Vi­de­os oder Bil­der. Nicht Youtube, son­dern re­al li­fe: ein Bun­des­wehr­sol­dat (li.) in Ma­li.

War­um Ma­li, war­um der Fo­kus auf den Ein­satz? „Un­ter den­je­ni­gen po­ten­zi­el­len Be­wer­bern, die eher skep­tisch sind, sich bei der Bun­des­wehr zu be­wer­ben, liegt das vor al­lem am The­ma Aus­lands­ein­satz“, sagt Dirk Feld­haus, im Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um ver­ant­wort­lich für die Ar­beit­ge­ber­kom­mu­ni­ka­ti­on und Per­so­nal­wer­bung. „Es gibt hier ei­ne Art dif­fu­se Scheu da­vor, weil die al­ler­meis­ten nicht so ge­nau wis­sen, was da ei­gent­lich pas­siert.“Man wol­le „den Ein­satz zei­gen, wie er ist, al­so auch die Rou­ti­ne und den All­tag im Camp“. Schließ­lich kä­men die Ein­sät­ze me­di­al sonst nur dann vor, „wenn et­was pas­siert oder et­was nicht funk­tio­niert“.

Weil es bei der Bun­des­wehr al­ler­dings öf­ter mal vor­kommt, dass et­was nicht funk­tio­niert, kommt auch „Ma­li“nicht dar­um her­um – et­wa in Fol­ge 9: „Die Die­sel­kri­se“. Im Ju­ni war es, als im Camp Cas­tor der Sprit zur Nei­ge ging. Es muss­te ge­spart wer­den, die Kli­ma­an­la­gen wur­den ab­ge­schal­tet. In der Die­sel­kri­sen-Fol­ge ist ei­ner der Prot­ago­nis­ten zu se­hen, der nachts in der Hit­ze nicht schla­fen kann. Wie sich das an­füh­le? „Be­schis­sen. Hab’ noch nie in mei­nem Le­ben so ge­schwitzt.“

Wer­bung für die Bun­des­wehr wird stets be­son­ders kri­tisch be­äugt: Wird da der Ein­satz von Waf­fen­ge­walt ver­harm­lost oder gar ver­herr­licht? Im Fall der „Re­kru­ten“wand­ten Kri­ti­ker ein, die Bun­des­wehr wer­de als gro­ßer Aben­teu­er­spiel­platz dar­ge­stellt – aus­ge­blen­det wer­de hin­ge­gen, wo­rum es beim Sol­da­ten­be­ruf in letz­ter Kon­se­quenz nun ein­mal ge­he: im Ex­trem­fall das ei­ge­ne Le­ben aufs Spiel zu set­zen. Und be­reit zu sein, Men­schen zu tö­ten. Auch „Ma­li“ruft schon vor dem Start Kri­ti­ker auf den Plan: Die Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft mo­nier­te, der Trai­ler se­he aber­mals nach „Aben­teu­er­spiel­platz“aus. Au­ßen­po­li­ti­sche Hin­ter­grün­de fehl­ten.

Al­ler­dings wird die Bun­des­wehr es oh­ne­hin nie al­len recht ma­chen kön­nen. In Fol­ge 8 („Raus zum Schie­ßen“) wird ge­zeigt, wie die Sol­da­ten rou­ti­ne­mä­ßig mit ih­ren Waf­fen üben. Es wird Kri­ti­ker ge­ben, die das als Bal­le­rei-Ver­herr­li­chung an­grei­fen. Al­ler­dings ge­hört das Schie­ßen eben da­zu. Und hät­te man es weg­ge­las­sen, hät­te man sich aber­mals dem Vor­wurf der Weich­zeich­ne­rei aus­ge­setzt.

Ob es der Se­rie ge­lingt, ein au­then­ti­sches Bild des Ein­sat­zes zu ver­mit­teln und zu­gleich Be­wer­ber an­zu­lo­cken, wird man erst be­ur­tei­len kön­nen, wenn al­le Fol­gen ver­öf­fent­licht sind. In den we­ni­gen Fol­gen, wel­che die SZ vor­ab se­hen konn­te, wird von der Hit­ze bis zum Nach­talarm ein wohl recht rea­lis­ti­sches Bild ge­zeigt. Auch der töd­li­che Ab­sturz ei­nes Ti­ger-Hub­schrau­bers En­de Ju­li soll the­ma­ti­siert wer­den.

FO­TO: GETTY

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