Der Pakt der Kö­ni­ge wa­ckelt

Bel­gi­en will Sau­di-Ara­bi­ens Ein­fluss auf die Mus­li­me im Land zu­rück­drän­gen – Re­gent Bau­dou­in hat­te dem Golf­staat einst freie Mis­si­ons­tä­tig­keit ge­währt

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 8 POLITIK - Thomas kirch­ner

Brüs­sel – An­ge­sichts der wei­ter be­ste­hen­den Ge­fahr durch is­la­mis­ti­sche Ter­ro­ris­ten ver­sucht Bel­gi­en, die Aus­übung des Is­lam im ei­ge­nen Land stär­ker zu kon­trol­lie­ren und vor al­lem den be­deu­ten­den Ein­fluss Sau­di-Ara­bi­ens auf die Mus­li­me im Land zu­rück­zu­drän­gen. Die par­la­men­ta­ri­sche Kom­mis­si­on, die die Brüs­se­ler An­schlä­ge von 2016 un­ter­sucht, emp­fahl in die­ser Wo­che, die Gro­ße Mo­schee der Haupt­stadt im Park du Cin­quan­te­n­ai­re nicht län­ger vom Kö­nig­reich am Golf fi­nan­zie­ren zu las­sen.

Zwar ha­be man kei­ne Be­wei­se, dass in Pre­dig­ten oder Ge­sprä­chen in der Mo­schee di­rekt zu Ge­walt auf­ge­ru­fen wer­de, heißt es im Be­richt der Kom­mis­si­on. Doch sei der Is­lam, der in der Mo­schee prak­ti­ziert wer­de, ein­deu­tig wah­ha­b­i­tisch-sala­fis­tisch. Er po­la­ri­sie­re, kön­ne ent­schei­dend zur ge­walt­tä­ti­gen Ra­di­ka­li­sie­rung bei­tra­gen und ste­he im Wi­der­spruch zur Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und zur bel­gi­schen Ver­fas­sung.

Ver­gan­ge­ne Wo­che hat­te die bel­gi­sche Re­gie­rung ver­kün­det, dass sie die Auf­ent­halts­er­laub­nis von Ab­del­ha­di Se­wif nicht ver­län­ge­re, des Imams der Mo­schee. Der Ägyp­ter sei ein ra­di­ka­ler Sala­fist, er stel­le ei­ne Ge­fahr für die Ge­sell­schaft und die na­tio­na­le Si­cher­heit dar, sag­te der Staats­se­kre­tär für Asyl und Mi­gra­ti­on, Theo Francken. „Je­der weiß, dass es ein Pro­blem gibt mit der Gro­ßen Mo­schee.“

Die Fi­nan­zie­rung der Mo­schee durch Sau­di-Ara­bi­en, ge­nau­er: durch die vom Kö­nig­reich kon­trol­lier­te Is­la­mi­sche Welt­li­ga ver­ein­bar­ten bei­de Län­der 1969 in ei­ner Kon­ven­ti­on. Die Kö­ni­ge Bau­dou­in und Fai­sal be­sie­gel­ten ein Tausch­ge­schäft. Sau­diA­ra­bi­en soll­te bil­li­ges Öl lie­fern und durf­te im Ge­gen­zug nach Be­lie­ben sei­ne wah­ha­b­i­ti­sche Das Ge­bäu­de der Gro­ßen Mo­schee Brüs­sels wur­de be­reits 1880 er­rich­tet – als Pa­vil­lon für die Welt­aus­stel­lung. Seit 1969 wird hier ge­be­tet. Staats­re­li­gi­on ver­brei­ten. Da­für er­hielt es im Park du Cin­quan­te­n­ai­re den ori­en­ta­li­schen Pa­vil­lon, der für die Welt­aus­stel­lung 1880 er­rich­tet wor­den war. Er wur­de zur größ­ten bel­gi­schen Mo­schee um­ge­baut, di­rekt ne­ben den eu­ro­päi­schen In­sti­tu­tio­nen. Sau­di-Ara­bi­en fi­nan­ziert auch vie­le an­de­re Mo­sche­en und Ima­me, es soll in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten Dut­zen­de Mil­li­ar­den Eu­ro für Mis­si­ons­ar­beit in Eu­ro­pa aus­ge­ge­ben ha­ben. Bel­gi­sche Po­li­ti­ker stö­ren sich da­ran seit Lan­gem. Ge­sche­hen ist we­nig, auch weil Sau­di-Ara­bi­en als gu­ter Kun­de der bel­gi­schen Waf­fen­in­dus­trie gilt.

Die Kom­mis­si­on for­dert, dass bel­gi­sche Mus­li­me die Mo­schee kon­trol­lie­ren soll­ten

Kon­kre­te Vor­wür­fe et­wa zu frag­wür­di­gen Pre­dig­ten Se­wifs nann­te die Kom­mis­si­on nicht. Der bel­gi­sche Si­cher­heits­dienst warn­te je­doch vor zwei Jah­ren, in der Mo­schee wür­den Nicht-Sala­fis­ten aus­ge­grenzt, was Ra­di­ka­li­sie­rung be­för­dern kön­ne. Al­ler­dings die­nen Brüs­se­ler Mo­sche­en of­fen­bar kaum als Re­kru­tie­rungs­or­te für Ter­ro­ris­ten. „Die An­stif­tung zum Dschi­had und zur Ra­di­ka­li­sie­rung fin­det nun in be­grenz­ten und ge­schlos­se­nen Krei­sen und im In­ter­net statt“, sag­te Bel­gi­ens Jus­tiz­mi­nis­ter Ko­en Ge­ens. Der­zeit wür­den acht Mo­sche­en und 80 Per­so­nen we­gen Ver­dachts auf Sala­fis­mus über­wacht.

Die Ima­me der Brüs­se­ler Mo­sche­en wer­den in der Re­gel aus den nah­öst­li­chen Län­dern ent­sandt und spre­chen sel­ten ei­ne der Lan­des­spra­chen. Öf­fent­lich äu­ßern sie sich sel­ten und be­to­nen dann ih­re Fried­fer­tig­keit. Ent­spre­chend wies Ab­del­ha­di Se­wif Franckens Vor­wür­fe zu­rück: „Se­he ich et­wa aus wie ein Sala­fist? Ha­ben Sie je­mals ge­hört, dass ein Imam, der Be­zie­hun­gen zur Al-Az­har-Uni­ver­si­tät in Kairo hat, Sala­fist ge­wor­den sei?“Je­ne Uni­ver­si­tät, die ihn vor 13 Jah­ren nach Bel­gi­en ge­schickt ha­be, leh­re Zu­sam­men­le­ben und To­le­ranz. Die­se An­sicht ver­brei­te er. Auch die sau­di-ara­bi­sche Bot­schaft in Brüs­sel er­klär­te, das Land ha­be nie ei­ne ra­di­ka­le In­sti­tu­ti­on in Bel­gi­en fi­nan­ziert und ver­dam­me jeg­li­chen Ter­ro­ris­mus.

Ziel der Be­hör­den ist es, ei­ne Art „bel­gi­schen Is­lam“zu er­hal­ten, der mit den na­tio­na­len Ge­set­zen und Wert­vor­stel­lun­gen ver­ein­bar sein soll. In ih­rem Be­richt for­dern die Par­la­men­ta­ri­er die „Exe­ku­ti­ve der bel­gi­schen Mus­li­me“auf, die Lei­tung der gro­ßen Mo­schee zu über­neh­men. Dann könn­te sie of­fi­zi­ell an­er­kannt und vom Staat so­wie durch Bei­trä­ge Gläu­bi­ger fi­nan­ziert wer­den.

FO­TO: FRAN­COIS LENOIR/REU­TERS

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