Zu viel für Trump

Der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent pflegt ei­ne per­sön­li­che Ab­nei­gung ge­gen das Atom­ab­kom­men mit Iran und will es kip­pen. Sei­ne Be­ra­ter se­hen das ganz an­ders – und ha­ben ei­nen Mit­tel­weg er­son­nen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK 9 - Von paul-an­ton krü­ger und hu­bert wet­zel

Kairo/Washington – Do­nald Trump hasst das Atom­ab­kom­men mit Iran. Dar­in sind sich al­le ei­nig, die in der An­ge­le­gen­heit mit dem Prä­si­den­ten zu tun ha­ben. „Ver­mut­lich hat er den Text nie ge­le­sen und kennt auch die De­tails nicht“, sagt ein Be­ob­ach­ter in Washington. „Aber er hält es trotz­dem für das schlech­tes­te Ab­kom­men al­ler Zei­ten, schon al­lein des­we­gen, weil er es nicht selbst aus­ge­han­delt hat.“

Die­se per­sön­li­che Ab­nei­gung Trumps ge­gen das Ab­kom­men ist gut do­ku­men­tiert. Erst vor ei­ni­gen Wo­chen be­zeich­ne­te der Prä­si­dent die Ver­ein­ba­rung – die ein Gut­teil der di­plo­ma­ti­schen Welt für ei­ne Meis­ter­leis­tung hält – in sei­ner Re­de von den UN als „Pein­lich­keit“. Doch was Trump dem Ver­neh­men nach be­son­ders är­ger­te, ist we­ni­ger der In­halt; son­dern die für ihn un­an­ge­neh­me Pflicht, dem Kon­gress trotz­dem al­le drei Mo­na­te be­schei­ni­gen zu müs­sen, dass Teheran sich an das Ab­kom­men hält und des­sen Fort­be­stand im In­ter­es­se der USA liegt. Die­se in ei­nem ame­ri­ka­ni­sche Ge­setz vor­ge­schrie­be­ne vier­tel­jähr­li­che „Zer­ti­fi­zie­rung“– ein Gü­te­sie­gel für ei­nen Ver­trag, den er ver­ach­tet – war zu viel für Trump. Im Som­mer soll er des­we­gen ei­nen re­gel­rech­ten Schrei­an­fall be­kom­men ha­ben.

Wich­ti­ge Mit­ar­bei­ter des Prä­si­den­ten wie Au­ßen­mi­nis­ter Rex Til­ler­son, Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ja­mes Mat­tis und Si­cher­heits­be­ra­ter H.R. McMas­ter se­hen das Ab­kom­men hin­ge­gen dif­fe­ren­zier­ter. Sie räu­men ein, dass es Schwach­stel­len hat. Aber sie wol­len es nicht er­satz­los kip­pen, wie Trump es im Wahl­kampf im­mer wie­der an­ge­kün­digt hat. Ih­re Lo­gik: Es ist bes­ser, Irans Atom­pro­gramm we­nigs­tens zu brem­sen. Zu­dem wä­re das Zer­würf­nis mit Eu­ro­pa er­heb­lich, soll­ten die USA das Ab­kom­men kün­di­gen und ih­re ge­lo­cker­ten Sank­tio­nen ge­gen Iran wie­der ver­hän­gen.

Die jetzt ge­fun­de­ne Lö­sung ist ein kunst­voll kon­stru­ier­ter Mecha­nis­mus, um ei­nen Mit­tel­weg zu fin­den – um, wenn man so will, das Ab­kom­men zwar po­li­tisch zu ver­dam­men, oh­ne es aber recht­lich auf­zu­ge­ben. Sie er­laubt Trump ei­ner­seits, die Zer­ti­fi­zie­rung zu ver­wei­gern. Das hat an­de­rer­seits je­doch kei­ner­lei ju­ris­ti­sche Kon­se­quen­zen, zu­min­dest vor­läu­fig. Denn der Prä­si­dent for­dert vom Kon­gress nicht, die Sank­tio­nen wie­der in Kraft zu set­zen. Statt­des­sen soll das US-Par­la­ment zu­nächst ein neu­es Ge­setz schrei­ben, in dem be­stimm­te Be­din­gun­gen for­mu­liert sind, ro­te Li­ni­en ge­wis­ser­ma­ßen. Erst wenn Iran ge­gen die­se ver­stößt, sol­len die Sank­tio­nen wie­der ver­hängt wer­den. Auf die­se Wei­se will Washington den Druck auf Teheran er­hö­hen, oh­ne das Atom­ab­kom­men rund­weg zu kün­di­gen. Ein ira­ni­scher Sol­dat geht an ei­nem Wand­ge­mäl­de vor­bei, das den Obers­ten Füh­rer Irans, Aja­tol­lah Ali Cha­men­ei (links), und den ver­stor­be­nen Aja­tol­lah Ru­hol­lah Chomei­ni (rechts) zeigt.

Wie die­se ro­ten Li­ni­en ge­nau aus­se­hen könn­ten, ver­riet Til­ler­son nicht, als er in der Nacht zu Frei­tag Jour­na­lis­ten über die Kern­ele­men­te von Trumps Re­de in­for­mier­te. Nur so viel: Sie könn­ten so­wohl das Nu­kle­ar­pro­gramm be­tref­fen als auch die an­hal­ten­den Tests bal­lis­ti­scher Ra­ke­ten, die auch die Eu­ro­pä­er als Pro­vo­ka­ti­on emp­fin­den. Über­dies könn­te Trump ge­mein­sam mit dem Kon­gress ver­su­chen, die Lauf­zeit­be­gren­zun­gen des Ab­kom­mens aus­zu­he­beln. Das neue Ge­setz müs­se ja – an­ders als das Atom­ab­kom­men selbst – kei­ne Ablauf­da­ten ent­hal­ten, sin­nier­te Til­ler­son. Ei­ne mög­li­che ro­te Li­nie in die­sem Sin­ne wä­re es, wenn Iran nach Ein­schät­zung der USGe­heim­diens­te sein Atom­pro­gramm nach Ablauf der im Ab­kom­men vor­ge­se­hen Frist wie­der so weit hoch­fährt, dass das Land bin­nen ei­nes Jah­res Nu­kle­ar­waf­fen bau­en könn­te. Das könn­te dann neue USSank­tio­nen aus­lö­sen. Ei­ne sol­che Re­gel kä­me frei­lich ei­nem nach­träg­li­chen, ein­sei­ti­gen Ein­griff in das Ab­kom­men gleich.

Ent­schei­dend ist nach An­sicht von Di­plo­ma­ten nun, wie de­tail­liert – und vor al­lem wie hart – der Kon­gress die neu­en Be­din­gun­gen an Iran for­mu­liert. Je schär­fer sie aus­fal­len, des­to grö­ßer ist die Ge­fahr, dass Teheran da­ge­gen ver­stößt – und das Atom­ab­kom­men doch noch kippt. Das gilt vor al­lem dann, wenn in dem Ge­setz Be­schrän­kun­gen für das ira­ni­sche Ra­ke­ten­pro­gramm fest­ge­legt wer­den, die nicht vom Atom­ab­kom­men ge­deckt sind.

Un­klar ist auch, wie in Teheran die Re­vo­lu­ti­ons­gar­den dar­auf re­agie­ren, wenn Trump neue Sank­tio­nen ge­gen füh­ren­de Köp­fe der Eli­te­trup­pe ver­hängt oder ge­gen Fir­men, die nach An­sicht der US-Ge­heim­diens­te Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen wie die His­bol­lah un­ter­stüt­zen oder die Schii­ten-Mi­li­zen in Irak. Die Re­vo­lu­ti­ons­gar­den sind es auch, die Ra­ke­ten tes­ten – und die so von sich aus die La­ge es­ka­lie­ren könn­ten. Im Si­cher­heits­ap­pa­rat in Teheran gibt es vie­le, die das Ab­kom­men gern plat­zen se­hen wür­den. Da­mit wä­re Prä­si­dent Has­san Ro­ha­ni, ihr po­li­ti­scher Geg­ner, schon zu Be­ginn sei­ner zwei­ten Amts­zeit er­le­digt.

Ein ge­gen­sei­ti­ges Hoch­schau­keln der Hard­li­ner in Teheran und Washington ist die größ­te Be­fürch­tung der Eu­ro­pä­er. Denn sie wol­len die Atom­ver­ein­ba­rung um je­den Preis er­hal­ten. „Wir ge­ra­ten hier auf ei­ne rut­schi­ge Bahn“, sagt ein Be­tei­lig­ter. Die Eu­ro­pä­er ha­ben der Re­gie­rung und dem Kon­gress mit­ge­teilt, dass sie sich ge­gen die USA stel­len wer­den, wenn Trump das Ab­kom­men kün­digt. Zu­gleich bo­ten sie ein ge­mein­sa­men Vor­ge­hen an, wenn es un­an­ge­tas­tet bleibt. Schwie­rig wird es für sie, wenn die Din­ge es­ka­lie­ren und sie sich für ei­ne Sei­te ent­schei­den müs­sen. Der An­satz des Prä­si­den­ten ist, die Schwä­chen des Ab­kom­mens aus­zu­bü­geln; wenn das nicht ge­lingt, kön­nen die USA es im­mer noch ver­las­sen. Aber sie wer­den hö­ren, dass er nicht son­der­lich op­ti­mis­tisch ist.“ Kurs ge­gen­über Iran, bis hin zu An­grif­fen auf die Atom­an­la­gen. Das ist kei­ne gu­te Grund­la­ge, um Trump und die Iran-Fal­ken im Kon­gress im Zaum zu hal­ten. Zu­mal sich ei­ner der wich­tigs­ten po­ten­zi­el­len Ver­bün­de­ten der Eu­ro­pä­er, der re­pu­bli­ka­ni­sche Se­na­tor Bob Cor­ker, jüngst öf­fent­lich mit Trump über­wor­fen hat.

Die Eu­ro­pä­er ma­chen seit Wo­chen Lob­by­ar­beit im Kon­gress, um den Se­nat da­zu zu be­we­gen, das Ab­kom­men zu er­hal­ten. Sie kön­nen sich zwar nicht vor­stel­len, die Ver­ein­ba­rung nach­zu­ver­han­deln, wie es Trump und ei­ni­ge Se­na­to­ren viel­leicht wol­len – auch weil Iran da­zu nicht be­reit ist. An­ders sä­he es aus, soll­te es zu Ge­sprä­chen über das Ra­ke­ten­pro­gramm kom­men. Ein neu­er Ver­hand­lungs­pro­zess mit Iran über zu­sätz­li­che Ver­ein­ba­run­gen? Da wür­de die EU mit­ma­chen, wenn der Se­nat be­reit ist, die For­de­run­gen nicht zu über­trei­ben.

Pro­ble­ma­tisch der Zeit­druck. Trump will, dass der Kon­gress das neue Ge­setz bin­nen 90 Ta­gen be­schließt. Ein Teil der No­vel­le wä­re es un­ter an­de­rem, dass die Klau­sel ge­stri­chen wird, die Trump zu der von ihm so ge­hass­ten Zer­ti­fi­zie­rung ver­pflich­tet. Die Re­pu­bli­ka­ner hat­ten das einst durch­ge­setzt, um Oba­ma da­mit zu pie­sa­cken. „Wenn das weg­fällt, könn­te für Trump das The­ma weit­ge­hend er­le­digt sein“, mut­maßt ein hoch­ran­gi­ger Di­plo­mat aus Eu­ro­pa. Aber dann könn­te es schon zu spät sein.

US-Au­ßen­mi­nis­ter Rex Til­ler­son

FO­TO: AFP

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