Das Ab­kom­men, das kei­nes ist

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK 9 -

Nach 13 Jah­ren Atom­streit und fast zehn­jäh­ri­gen Ver­hand­lun­gen war es am 14. Ju­li 2015 in Wien so­weit: Die so­ge­nann­te P5+1-Grup­pe (die Ve­to-Mäch­te im UN-Si­cher­heits­rat Chi­na, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en, Russ­land und USA so­wie die in dem Fall di­plo­ma­tisch en­ga­gier­te Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land) ei­nig­ten sich mit der Is­la­mi­schen Re­pu­blik Iran auf ein Ab­kom­men: Iran ak­zep­tier­te be­fris­tet Be­schrän­kun­gen für sein Atom­pro­gramm und dau­er­haft stren­ge Kon­trol­len durch die In­ter­na­tio­na­le Atom­ener­gie­be­hör­de (IAEA). Im Ge­gen­zug ver­spra­chen die Ver­trags­part­ner, Sank­tio­nen ge­gen Iran zu lo­ckern und Wirt­schafts­hil­fen in Hö­he von sie­ben Mil­li­ar­den Dol­lar zu ge­wäh­ren.

Die in dem Ab­kom­men ver­ein­bar­te mehr­stu­fi­ge Be­schrän­kung der Uran­an­rei­che­rung soll­te bis zu 25 Jah­re dau­ern und durch die IAEA kon­trol­liert wer­den. Iran ver­pflich­te­te sich, nur noch 300 Ki­lo an­ge­rei­cher­tes Uran vor­zu­hal­ten, zum Zeit­punkt der Un­ter­zeich­nung ver­füg­te das Land über 10 000 Ki­lo­gramm, die teil­wei­se be­reits auf 20 Pro­zent an­ge­rei­chert wa­ren. Iran ver­pflich­te­te sich, den Stoff nur noch auf 3,67 Pro­zent an­zu­rei­chern, was für die Ener­gie­er­zeu­gung in Kraft­wer­ken aus­rei­chend ist. Um zu ga­ran­tie­ren, dass Iran nicht in kur­zer Zeit Uran auf die für den Bau ei­ner Bom­be be­nö­tig­ten 90 Pro­zent an­rei­chert, muss­te das Land zwei Drit­tel sei­ner 19 000 in­stal­lier­ten Zen­tri­fu­gen ab­bau­en.

Dar­über hin­aus ver­ein­bar­ten die Ver­trags­part­ner, dass der in Bau be­find­li­che Schwer­was­ser­re­ak­tor Arak so mo­di­fi­ziert wird, dass er kein waf­fen­fä­hi­ges Plu­to­ni­um pro­du­zie­ren kann. Die un­ter ei­nem Berg ver­bun­ker­te An­rei­che­rungs­an­la­ge Fordo darf fort­an nur noch als For­schungs­zen­trum die­nen. Le­dig­lich in der An­la­ge Na­tans soll­te wei­ter Uran an­ge­rei­chert wer­den dür­fen.

Im Ge­gen­zug ver­pflich­te­ten sich die Un­ter­zeich­ner, die Wirt­schafts­sank­tio­nen ge­gen Iran aus­zu­set­zen – bei Ver­stö­ßen kön­nen sie aber um­ge­hend wie­der in Kraft ge­setzt wer­den. Zu­nächst be­ste­hen blei­ben soll­te je­doch das von den UN ver­häng­te Waf­fen­em­bar­go: Die Ein- und Aus­fuhr von Rüs­tung soll­te Iran bis 2020 un­ter­sagt blei­ben, der Ver­kauf von Tech­nik, die Iran zum Ra­ke­ten­bau nut­zen könn­te, bis 2023.

Um die Ei­ni­gung nicht dem US-Se­nat vor­le­gen zu müs­sen, wo ei­ne kaum zu er­rei­chen­de Zwei-Drit­tel-Mehr­heit zur Ra­ti­fi­zie­rung not­wen­dig ge­we­sen wä­re, wur­de der mehr als 150 Sei­ten um­fas­sen­de Text auf Wunsch des da­ma­li­gen US-Prä­si­den­ten Ba­rack Oba­ma nicht mit dem Be­griff „Ab­kom­men“über­schrie­ben. Er ist da­mit kein in­ter­na­tio­na­ler Ver­trag, die wich­tigs­ten In­hal­te sind aber in Re­so­lu­tio­nen des UN-Si­cher­heits­ra­tes ver­an­kert.

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