„Zer­stö­re­risch“

Gun­ter Ge­bau­er über Be­cker

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 12 PANORAMA - In­ter­view: ge­rald kleff­mann

SZ: Herr Ge­bau­er, wie se­hen Sie als So­zio­lo­ge den Fall Bo­ris Be­cker?

Gun­ter Ge­bau­er: Es han­delt sich um die klas­si­sche Hel­den­ge­schich­te. Mit 17 Jah­ren wur­de Be­cker in ei­ne Hel­den­hül­le ge­steckt. Er wur­de aus ei­nem nor­ma­len Le­bens­ab­schnitt raus­ge­schnit­ten. Ab die­sem Mo­ment gal­ten nor­ma­le Moral­ge­set­ze für ihn nicht mehr.

Wie mei­nen Sie das?

Bei Hel­den­fi­gu­ren wird al­les Ne­ga­ti­ve aus­ge­blen­det. Die­se Nach­sicht re­flek­tiert auf den Sport­ler. Das ließ sich auch am Fall Be­cken­bau­er ver­fol­gen, der als Hei­li­ger galt. Bei den Be­trof­fe­nen kann die­se Be­hand­lung zu ei­nem Ge­fühl der Un­ver­wund­bar­keit wach­sen. Dass sie sich un­an­tast­bar füh­len. Gren­zen aus­rei­zen. Lan­ge schützt die Hül­le. Aber ir­gend­wann kippt die öf­fent­li­che Wahr­neh­mung.

Wann?

Der Sport­ler Be­cker wur­de für sei­ne Ei­gen­schaf­ten be­wun­dert, Mut, Ri­si­ko­lust, Kalt­blü­tig­keit. Es war mit­rei­ßend, wenn er mit dem Rü­cken zur Wand stand und zu­rück­kam. Nur: Die Ei­gen­schaf­ten, die im Sport funk­tio­nie­ren, wer­den oft im pri­va­ten Le­ben nicht mehr ge­schätzt. Zu viel Ri­si­ko wird als ver­ant­wor­tungs­los emp­fun­den. Je mehr An­griffs­flä­che je­mand bie­tet, des­to wahr­schein­li­cher ist, dass die Lie­be um­schlägt. Die Öf­fent­lich­keit will den Hel­den nicht zer­stört se­hen. Dann ist hier der Tä­ter auch Op­fer?

Der Fall ist viel­schich­tig. Es wä­re bil­lig, ihn nur als Tä­ter zu se­hen. Be­cker ist zwi­schen vie­len Schub­la­den ein­ge­klemmt. Na­tür­lich ist er der Haupt­ver­ant­wort­li­che. Er hat sich maß­los Geld ge­lie­hen, Ver­ein­ba­run­gen ge­bro­chen, sich of­fen­bar über­nom­men mit Ge­schäf­ten. An­de­rer­seits: An­geb­li­che Be­kann­te oder Freun­de ha­ben ihm im­mer wie­der Geld ge­ge­ben, Ab­hän­gig­kei­ten ge­schaf­fen und Beckers Ver­hal­ten erst recht ge­för­dert. Das war ei­ne zer­stö­re­ri­sche Wech­sel­wir­kung. Wenn die Öf­fent­lich­keit emp­fin­det, dass in der Hel­den­hül­le ei­ne Schrumpf­fi­gur nur noch steckt, zer­brö­selt die Hül­le. Über den Fall wird groß be­rich­tet. Ist das ge­recht­fer­tigt – oder sind Beckers Schul­den sei­ne Pri­vat­sa­che?

Die Su­che nach per­sön­lichs­ten De­tails ist ei­ner­seits ei­ne Zu­mu­tung. An­de­rer­seits hat sich Be­cker oft in­sze­niert und viel preis­ge­ge­ben. Wer sich auf das Spiel ein­lässt, muss da­mit rech­nen, dass man sich spä­ter nicht dar­auf be­ru­fen kann, man ha­be die­se Öf­fent­lich­keit nie ge­wollt. Gleich­wohl ist klar: Die Öf­fent­lich­keit er­götzt sich auch am Hel­den­fall. Und das ist ei­ne mie­se, klein­bür­ger­li­che At­ti­tü­de.

73, ist ei­ner der re­nom­mier­tes­ten deut­schen Wis­sen­schaft­ler für Phi­lo­so­phie und Sport­so­zio­lo­gie.

Er ist Pro­fes­sor an der FU Ber­lin. Den Weg Beckers ver­folgt er seit des­sen Wim­ble­don-Sieg 1985.

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