Weit ver­zweigt

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - BUCH ZWEI -

Len­ja Mo­ser kommt am En­de ei­nes lan­gen Ta­ges zur Welt, sechs Mi­nu­ten vor Mit­ter­nacht, sie ist 53 Zen­ti­me­ter groß und 3320 Gramm schwer, am Köpf­chen hat sie ei­nen dunk­len Schopf. Die El­tern hei­ßen Pe­tra Mo­ser & Da­ni­el Ni­co­lai, ver­bun­den durch ein Et-Zei­chen, ge­nau so steht es in der Ge­burts­an­zei­ge, die kurz nach die­sem 29. Mai 2009 in ei­ner Zei­tung er­scheint. Len­ja freue sich auf ei­ne bun­te Fa­mi­lie, heißt es da, dar­un­ter steht ein Zi­tat des Phi­lo­so­phen Paul Watz­la­wick: „In der Wahl sei­ner El­tern kann man nicht vor­sich­tig ge­nug sein!“

Pe­tra, da­mals 40, und Da­ni­el, 45, eint zu die­sem Zeit­punkt nichts au­ßer dem Ba­by. Kei­ne Be­zie­hung zu­ein­an­der, kei­ne Lie­be für­ein­an­der. Sie ha­ben kei­ne ge­mein­sa­me Woh­nung, füh­ren kein ge­mein­sa­mes Kon­to. Das ers­te Mal be­geg­net wa­ren sie ein­an­der erst im Jahr da­vor. Der Ort, an dem sie sich ge­trof­fen hat­ten, heißt www.sperm­as­pen­der.de.

Es gibt kaum Fra­gen im Le­ben, die fol­gen­rei­cher sind: Möch­te ich ein Kind? Pe­tra und Da­ni­el hat­ten für sich ei­ne Ant­wort dar­auf ge­fun­den – aber eben je­der für sich. Of­fen blieb die Fra­ge, die kaum we­ni­ger wich­tig er­scheint als die nach dem ob: mit wem? In den Be­zie­hun­gen, die sie führ­ten, war kein Nach­wuchs zu er­war­ten. Pe­tra ist les­bisch, Da­ni­el schwul.

Ein son­ni­ger Tag im Ju­li 2009, im Gar­ten vor ei­nem un­auf­fäl­li­gen zwei­stö­cki­gen Haus in Og­gers­heim, ei­nem Stadt­teil von Lud­wigs­ha­fen. Len­ja liegt links von Pe­tra in ei­ner Kin­der­wip­pe. Sie trägt ei­nen ge­streif­ten Stramp­ler und wei­ße Söck­chen; auf dem ro­sa Schnul­ler ist ei­ne Ti­ger­en­te ab­ge­bil­det. Hin­ter ihr wach­sen die Blu­men in kun­dig ge­ord­ne­ter Wild­heit, auf dem Tisch steht ge­sun­der Ku­chen.

Rechts von Pe­tra sitzt ih­re Freun­din, Ri­ta. Die bei­den hat­ten ein­an­der im Selbst­ver­tei­di­gungs­kurs ken­nen­ge­lernt. Ri­ta hat sich in die jün­ge­re Frau ver­liebt und ih­ren Mann ver­las­sen. Im Gar­ten er­zählt sie nun viel aus­führ­li­cher und emo­tio­na­ler als Pe­tra, ih­re Lo­cken wa­ckeln dann im­mer.

Wie an­de­re Men­schen, von de­nen hier er­zählt wird, heißt auch Ri­ta in Wirk­lich­keit an­ders. Kei­ne Fa­mi­lie ist wie die an­de­re, je­de ist auf ih­re Art kom­pli­ziert, je­der Be­tei­lig­te hat sei­ne ganz ei­ge­ne Sicht auf die Wahr­heit, und so will oder soll nicht je­der mit aufs Por­trät. Be­zie­hun­gen ver­än­dern sich, man ver­liebt sich, ent­liebt sich, ver­lässt, wird ver­las­sen, zu­mal in ei­nem Zei­t­raum von acht Jah­ren, die zwi­schen den ers­ten und den jüngs­ten Be­su­chen bei der Fa­mi­lie lie­gen, in Og­gers­heim, Frank­furt, Spey­er und schließ­lich Ams­ter­dam.

Pe­tra, in Ge­müt und Fri­sur ru­hi­ger als Ri­ta, ist auf dem Pa­pier Bio­lo­gin und Er­leb­nis­päd­ago­gin. Aber ei­gent­lich baut sie Spiel­plät­ze. Sie bohrt und häm­mert und schraubt, auf dass Kin­der dort klet­tern und hüp­fen und gr­a­ben. Sie hat­te in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im­mer stär­ker ge­spürt, dass sie sich küm­mern muss­te, woll­te sie ir­gend­wann ein ei­ge­nes Kind dort drau­ßen spie­len se­hen.

Zu dritt in ei­nem Haus­halt le­ben, das kann­te Pe­tra be­reits. Nicht nur, weil sie selbst ein Ein­zel­kind ist, son­dern auch, weil Ri­ta ei­ne Toch­ter aus ei­ner frü­he­ren Be­zie­hung mit in Pe­tras Haus ge­bracht hat­te: Li­sa. Es hat ei­ne Wei­le ge­dau­ert, bis Li­sa die Freun­din ih­rer Mut­ter ak­zep­tier­te. Zehn Jah­re wohn­te sie bei den zwei Frau­en. Nun war sie er­wach­sen und nach Ber­lin ge­zo­gen. Pe­tra woll­te ein ei­ge­nes Kind.

2009 kam sie auf die Welt, als Toch­ter ei­ner les­bi­schen Mut­ter und ei­nes schwu­len Va­ters

An die Ehe für al­le und da­mit an die rea­lis­ti­sche Mög­lich­keit, in Deutsch­land ein Kind zu ad­op­tie­ren, war da­mals noch nicht zu den­ken. Und selbst wenn: Sich den kon­ser­va­ti­ven Struk­tu­ren an­zu­pas­sen, dank­bar zu sein für die­ses Zu­ge­ständ­nis, das hät­te Pe­tra gar nicht ge­wollt. Sie zählt sich zu ei­ner Zwi­schen­ge­ne­ra­ti­on von Ho­mo­se­xu­el­len, die zwar nicht mehr strikt un­ter sich bleibt und per­ma­nent und übe­r­all für ih­re Rech­te kämpft, die sich aber auch noch nicht voll­kom­men vom Com­mu­ni­ty­Ge­dan­ken ver­ab­schie­det hat. Sie und Ri­ta, die oh­ne­hin Ehe-mü­de war, ha­ben sich auch nie ver­part­nern las­sen. „War­um wer­den nicht Re­ge­lun­gen für Fa­mi­li­en ge­trof­fen, oh­ne den Ehe-Fo­kus?“, sagt Pe­tra.

Acht Jah­re und vie­le De­bat­ten spä­ter, im Som­mer des Wahl­jah­res 2017, konn­te es der Po­li­tik auf ein­mal gar nicht schnell ge­nug ge­hen mit dem Ehe-Fo­kus. Ruck­zuck stimm­te die Mehr­heit im Bun­des­tag für das neue Ge­setz, es reg­ne­te bun­te Kon­fet­ti. Ho­mo­se­xu­el­le dür­fen seit dem 1. Ok­to­ber hei­ra­ten und eben Kin­der ad­op­tie­ren. Aber da­mit be­ginnt nicht die Zeit der Re­gen­bo­gen­fa­mi­li­en. Die gibt es längst.

Tau­sen­de Ho­mo­se­xu­el­le ha­ben wie Pe­tra und Da­ni­el in Deutsch­land Kin­der be­kom­men, of­fi­zi­el­le Zah­len gibt es nicht, was in der in­of­fi­zi­el­len Na­tur der Sa­che liegt. Schwu­le und Les­ben muss­ten stets un­ge­wöhn­li­che We­ge fin­den, um un­ge­wöhn­li­che Fa­mi­li­en zu grün­den. Doch nicht nur die­je­ni­gen, die kürz­lich im Bun­des­tag mit Nein stimm­ten, fra­gen sich: Wie viel Un­ge­wöhn­lich­keit ver­trägt ein Kind? Wie kom­pli­ziert kann die Su­che nach dem ein­fa­chen Fa­mi­li­en­glück sein? Mit wem Len­ja wie ver­wandt ist, und wie sich die­se Be­zie­hun­gen ver­än­dert ha­ben: Ein Stamm­baum 14 Am Strand in Por­tu­gal: Len­ja an Os­tern 2017. Sechs Ta­ge

Re­na­te: „Wir be­glei­ten Len­jas Auf­wach­sen seit ih­rer Ge­burt mit gro­ßer Freu­de, es ist ein gro­ßes Glück, so ei­ne En­ke­lin zu ha­ben.“Len­jas Oma hielt das Kind als ei­ne der Ers­ten im Arm. Elf Mo­na­te

Pe­tra: „Das war ei­ne der ers­ten Rei­sen ins Aus­land mit Len­ja, da sind wir in Jaaps al­ter Woh­nung in Ams­ter­dam ge­we­sen.“Jaap ist der Part­ner von Da­ni­el, dem Va­ter von Len­ja.

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