SPRACHLABOR

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 16 FORUM & LESERBRIEFE NÖTIGE GRENZEN ÜBERBLICK - Her­mann un­ter­stö­ger

DASS MÜNCHEN auf Eng­lisch Mu­nich heißt, auf Chi­ne­sisch Mùníhēi und auf Bai­risch Min­ga, ist in Ord­nung; eben­so we­nig ist es zu kri­ti­sie­ren, wenn wir statt Ro­ma Rom sa­gen, statt Mo­skwa Mos­kau und statt Bei­jing Pe­king. Bei Orts­na­men aus den vor­mals deut­schen Ost­ge­bie­ten ist die Sa­che nicht so ein­fach. Aus Re­spekt vor den Fak­ten soll­te man nicht mehr Al­len­stein oder Ge­or­gen­berg sa­gen, son­dern Olsz­tyn oder Mi­as­tecz­ko Śląs­kie, aber die pol­ni­schen Na­men sind nun mal we­nig ge­läu­fig und über­dies schwer aus­zu­spre­chen. Bres­lau heißt heu­te Wro­cław, und man fährt gut da­mit, wenn man es in Tex­ten mit bei­den Na­men an­führt: Wro­cław (Bres­lau) oder um­ge­kehrt. Bei uns fand sich fol­gen­de Ver­si­on: „Wro­cław, hier­zu­lan­de be­kannt als Bres­lau.“Le­ser W. fand das ähn­lich be­scheu­ert, als schrie­be man: „Lis­boa, hier­zu­lan­de be­kannt als Lis­s­a­bon.“In der Tat ha­ben die hier­zu­lan­de-Flos­keln et­was leicht Ko­mi­sches an sich, be­son­ders wenn sie den Sach­ver­halt um­dre­hen oder zu­min­dest ver­zer­ren. Wer bei­spiels­wei­se sagt, der „Song of Joy“sei hier­zu­lan­de be­kannt als „Freu­de, schö­ner Göt­ter­fun­ken“, un­ter­schlägt, dass „Freu­de, schö­ner Göt­ter­fun­ken“den „Song of Joy“erst her­vor­ge­bracht hat.

KORREKTES ZI­TIE­REN hat sei­ne Gren­ze dort, wo der Zi­tier­te sich ver­has­pelt. Der Speer­wer­fer Jo­han­nes Vet­ter wur­de so zi­tiert: „Ich woll­te aus Sach­sen weg, mei­nes Erach­tens nach wur­de ich mei­nes Ta­l­ents und mei­ner Leis­tung ent­spre­chend nicht ge­nug ge­för­dert.“Un­ser Le­ser H., selbst ein Sprach­meis­ter, fand schon das über­flüs­si­ge nach und den fal­schen Ge­ni­tiv bei ent­spre­chend pein­lich, aber bei der Fra­ge der För­de­rung platz­te ihm dann doch der Kra­gen: Die Stel­lung von nicht nach ent­spre­chend hei­ße, dass die man­geln­de För­de­rung Vet­ters Ta­lent und Leis­tung ent­spre­che. Das Zi­tat war bei uns zu al­lem Über­fluss durch „führ­te er fort“(an­stel­le von „fuhr er fort“) ge­teilt wor­den, ein Lap­sus, der nach H.s An­sicht „die­ses Nest an Feh­lern“bis zum Rand ge­füllt hat.

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