Zug 37

Gip­fel­tref­fen zwi­schen Künst­lern und Wis­sen­schaft­lern: Hans Ul­rich Obrist lud zum Dis­kurs-Ma­ra­thon über Schön­heit und Ge­fah­ren der künst­li­chen In­tel­li­genz

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Von an­dri­an kreye

Es ist gar nicht so ver­kehrt, in den „Mär­chen aus 1001 Nacht“nach Er­kennt­nis­sen über die künst­li­che In­tel­li­genz zu su­chen. Der Schrift­stel­ler Adam Thirl­well und die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Ma­ri­na War­ner, der­zeit Prä­si­den­tin der Roy­al So­cie­ty of Li­te­ra­tu­re, ta­ten das ver­gan­ge­ne Wo­che im gro­ßen Saal des Lon­do­ner Rat­hau­ses. In der mäch­ti­gen Spi­ral­kup­pel mit Blick auf Them­se und To­wer Bridge tra­fen sich ein paar Dut­zend Wis­sen­schaft­ler, In­ge­nieu­re, Künst­ler und Schrift­stel­ler, um nach schlüs­si­gen Bil­dern für die künst­li­che In­tel­li­genz zu su­chen.

Da sa­ßen die bei­den al­so im ar­chi­tek­to­nisch hoch­wer­tig glei­ßen­den Herbst­licht und mach­ten sich öf­fent­lich Ge­dan­ken dar­über, ob der mor­gen­län­di­sche Mär­chen­geist Dschinn, die­ser dienst­ba­re Wun­sch­er­fül­ler aus rauch­lo­sem Feu­er, nicht das per­fek­te Sinn­bild für je­ne di­gi­ta­len Kräf­te sei, die der­zeit übe­r­all ent­fes­selt wer­den. Nicht nur könn­te man das di­gi­ta­le Lo­dern als zeit­ge­nös­si­sches Bild für das rauch­freie Feu­er se­hen, es stellt sich auch die Fra­ge nach der Be­herrsch­bar­keit die­ses ei­gent­lich auf­müp­fi­gen Fla­schen­geis­tes. Wer ihn aus sei­ner gott­ge­woll­ten Ge­fan­gen­schaft be­freit, ahnt erst ein­mal nicht, was Dschinns Zau­ber­kräf­te al­les an­rich­ten könn­ten.

Der An­satz ist ge­ra­de des­we­gen so rich­tig, weil die zwei­te Ära der di­gi­ta­len Tech­no­lo­gi­en, die ge­ra­de in ei­ne drit­te mün­det (oh­ne zu En­de zu ge­hen, aber die­se Par­al­lel­ent­wick­lun­gen ma­chen es ja auch ge­ra­de so kom­pli­ziert) durch zwei so ein­fa­che wie schlüs­si­ge Me­ta­phern be­greif­bar wur­de, die bei­de aus der Welt der Li­te­ra­tur stamm­ten. In die­ser zwei­ten Ära ver­knüpf­ten sich die Re­chen­ma­schi­nen zu ei­nem welt­wei­ten Netz, in dem sich Ge­dan­ken und In­for­ma­tio­nen frei oder in Bah­nen be­we­gen. Was heu­te selbst­ver­ständ­lich ist, war vor 25 Jah­ren noch ei­ne ge­wal­ti­ge ge­dank­li­che Über­for­de­rung.

Die ei­ne Me­ta­pher, mit der das be­greif­bar wur­de, war der Cy­ber­space, das ky­ber­ne­ti­sche Uni­ver­sum. Das hat­te sich der Schrift­stel­ler Wil­li­am Gib­son 1982 im letz­ten Band sei­ner „Neu­ro­man­cer“-Tri­lo­gie aus­ge­dacht, ei­ner li­te­ra­ri­schen Wei­ter­füh­rung der Ge­dan­ken, die sich der Ma­the­ma­ti­ker No­bert Wie­ner ge­macht hat­te.

Wir soll­ten uns da­vor hü­ten, der künst­li­chen In­tel­li­genz mensch­li­che Zü­ge an­zu­dich­ten

Die zwei­te Me­ta­pher, mit der sich die Men­schen im Netz zu­recht­fin­den konn­ten, war das Sur­fen. Die stammt von der Me­diä­vis­tin und Bi­b­lio­the­ka­rin Je­an Ar­mour Pol­ly aus der New Yor­ker In­dus­trie­stadt Sy­ra­cu­se. Sie ver­fass­te An­fang der Neun­zi­ger­jah­re als ei­ne der ers­ten Au­to­rin­nen Bü­cher und Es­says über den Ein­fluss des In­ter­nets auf Kin­der und Fa­mi­li­en. 1992 schrieb sie für ei­ne Fach­zeit­schrift ei­nen Text über die In­for­ma­ti­ons­su­che im Netz.

Da­mals, drei Jah­re vor der Ein­füh­rung des World Wi­de Web mit sei­nen ele­gan­ten Be­nut­zer­füh­run­gen und far­ben­fro­hen Ober­flä­chen, be­schrieb man die Be­nut­zung des In­ter­nets noch mit Ana­lo­gi­en wie Gr­a­ben, Wüh­len oder Na­vi­gie­ren, al­le­samt müh­sa­me Ver­fah­ren. Der ka­li­for­ni­sche Ju­gend­und Frei­zeit­gla­mour des Sur­fens traf die Eu­pho­rie der Auf­bruchs­stim­mung zu den neu­en Ufern des In­ter­nets schon sehr viel bes­ser.

Hans Ul­rich Obrist hat­te ein­ge­la­den, um die künst­li­che In­tel­li­genz aus den Ni­schen der tech­no­lo­gisch-wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­se ins Le­ben zu ho­len. Obrist ist der Schwei­zer Chef der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ries, den sie in der Fach­pres­se hin und wie­der als „Su­per­cu­ra­tor“be­ti­teln, was gar nicht so weit her­ge­holt ist, weil er mit sei­ner Ple­xi­glas-Bril­le und dem bunt ka­rier­ten Fla­nell­an­zug durch­aus in ei­nem Pixar-Film auf­tre­ten könn­te. Wo­bei man die­se co­mi­chel­den­haf­te Be­rufs­be­zeich­nung in­halt­lich durch­aus ernst neh­men kann. Des­we­gen funk­tio­nie­ren sei­ne „Ma­ra­thons“ Schrift­stel­ler und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler un­ter­such­ten in Lon­don Me­ta­phern des Di­gi­ta­len – wie das Sur­fen (oben). Der Künst­ler Ja­mes Brid­le zeig­te sein Vi­deo „Au­to­no­mous Trap“. oft so gut, die er all­jähr­lich in Lon­don zu ei­nem gro­ßen The­ma ver­an­stal­tet und da­zu je­des Mal sehr klu­ge Men­schen ein­lädt, die erst ein­mal noch kei­ner­lei Ver­bin­dung zu­ein­an­der ha­ben, dann aber zwölf St­un­den lang je­weils ein gro­ßes The­ma dis­kur­siv um­krei­sen. Und weil er nicht nur so ziem­lich die ge­sam­te Welt der zeit­ge­nös­si­schen Kunst in sei­nem Kurz­wahl­ver­zeich­nis hat, son­dern auch mit dem Wis­sen­schafts­im­pre­sa­rio John Brock­man und der hy­per­ver­netz­ten DLD-Grün­de­rin St­ef­fi Czer­ny be­freun­det ist, ha­ben die­se Ma­ra­thons in der Re­gel ei­ne Re­le­vanz, die weit über Kunst und Kul­tur hin­aus­geht.

Nun ka­men Adam Thirl­well und Ma­ri­na War­ner bei ih­rer Su­che nach ei­nem Bild für die künst­li­che In­tel­li­genz nicht weit. „Der Dschinn ist we­der Dä­mon noch En­gel“, sag­te War­ner, was man über so ziem­lich je­de Tech­no­lo­gie sa­gen könn­te. War­ners kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Ar­bei­ten dre­hen sich oft um die Me­ta­pher an sich. In ih­rem Buch „Phan­tas­ma­go­ria (Geist­vi­sio­nen, Me­ta­phern und Me­di­en)“hat sie schon vor Jah­ren Li­ni­en vom Früh­chris­ten­tum zur mo­der­nen Me­dien­tech­no­lo­gie ge­zo­gen. Aber sie warnt auch da­vor, Me­ta­phern mit Pro­phe­zei­un­gen zu ver­wech­seln – das sei ei­ne Ma­nie der Ge­gen­wart, die Hälf­te der Nach­rich­ten­sen­dun­gen be­ste­he in­zwi­schen aus Vor­aus­sa­gen.

Wis­sen­schaft und Tech­nik sind ei­gent­lich ganz gut dar­in, den ei­ge­nen Ver­lauf vor­aus­zu­sa­gen. Wie sehr sie aber an ih­re ge­dank­li­chen Gren­zen sto­ßen, wenn es dar­um geht, die ge­sell­schaft­li­chen Fol­gen ih­rer ei­ge­nen In­no­va­tio­nen zu er­fas­sen, zeig­te der Ko­gni­ti­ons- und Ro­bo­tik­for­scher Mur­ray Sha­nahan. Der hat­te sich als Be­ra­ter für den wahr­schein­lich bes­ten Film über künst­li­che In­tel­li­genz der letz­ten Jah­re, Alex Gar­lands „Ex Ma­chi­na“, mit den phi­lo­so­phi­schen Fall­stri­cken der KI-De­bat­te aus­ein­an­der­ge­setzt.

Sha­nahan zeig­te ein Dia­gramm, in dem er das Be­wusst­sein des Men­schen in Re­la­ti­on zu nicht-mensch­li­chen Be­wusst­seins­for­men stell­te. Das Be­wusst­sein der Tie­re, der Pflan­zen, Gestei­ne, Pla­ne­ten. Man müs­se Lud­wig Witt­gen­stein zu Ra­te zie­hen, um exo­ti­sche For­men des Be­wusst­seins zu er­fas­sen, sag­te er. Der ha­be be­schrie­ben, wie man sich an­ge­sichts ei­nes neu­en We­sens­zu­stan­des selbst ver­än­dert. So müs­se man den Be­wusst­seins­zu­stand der künst­li­chen In­tel­li­genz eben in das oben ge­nann­te Sche­ma fü­gen und be­rück­sich­ti­gen, dass sich der Mensch und auch sei­ne be­wuss­te Spra­che da­mit ver­än­dern. „Wir sind in Ge­gen­wart ei­ner ge­wal­ti­gen Krea­tur.“

Ein Bei­spiel ha­be es schon ge­ge­ben. Beim weit­hin ana­ly­sier­ten Wett­kampf zwi­schen dem mensch­li­chen Go-Meis­ter Lee Se­dol und der KI-An­we­dung Al­pha-Go ha­be beim zwei­ten Spiel der 37. Zug der künst­li­chen In­tel­li­genz den Meis­ter buch­stäb­lich aus dem Stuhl ge­ris­sen. Das sei ein Zug von stra­te­gi­scher Schön­heit ge­we­sen, den kein mensch­li­cher Spie­ler je so voll­zo­gen hät­te. Und doch ent­schied er das Spiel für die KI. Des­we­gen sol­le man sich da­vor hü­ten, so Sha­nahan, der künst­li­chen In­tel­li­genz mensch­li­che Zü­ge an­zu­dich­ten. Das sei nur ein ver­zwei­fel­ter Ver­such, sich um die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Un­er­klär­li­chen zu drü­cken.

Auch der schwe­di­sche Öko­nom Carl Be­ne­dikt Frey von der Ox­ford Uni­ver­si­ty, füh­ren­der Ex­per­te für die Ve­rän­de­run­gen der Ar­beits­welt im di­gi­ta­len Zeit­al­ter, sah ei­ne neue Di­men­si­on der Ve­rän­de­rung. Auf die Fra­ge, ob künst­li­che In­tel­li­genz nicht le­dig­lich ei­ne ro­man­ti­sier­te Form der Au­to­ma­ti­sie­rung sei, sag­te er: „Auf kei­nen Fall. Ma­schi­nen, die von selbst ler­nen kön­nen, sind et­was voll­kom­men Neu­es.“

Nun soll­te man auch die Gren­zen be­ach­ten, die der KI ak­tu­ell noch ge­setzt sind. Oder das, was die Münch­ner Künst­le­rin Hi­to Stey­erl als „KD“, als künst­li­che Dumm­heit, be­zeich­ne­te. Die­sen Aspekt brach­te am Nach­mit­tag des Ma­ra­thons dann eben die Kunst am bes­ten auf den Punkt. Der Lon­do­ner Künst­ler Ja­mes Brid­le zeig­te das Vi­deo sei­ner Per­for­mance „Au­to­no­mous Trap“(frei über­setzt: Selbst­fah­rer­fal­le). Da zeich­net er auf ei­nem Park­platz un­ter den Gip­feln des Par­nass ei­nen Krei­de­kreis, den er mit un­ter­bro­che­nen Li­ni­en um­zieht, so­dass sich Fahr­bahn­mar­kie­run­gen er­ge­ben, die es ei­nem selbst­fah­ren­den Au­to er­lau­ben, in den Kreis hin­ein-, aber nicht, aus ihm wie­der her­aus­zu­fah­ren. So rollt im Kurz­film dann auch ein Wa­gen in den Kreis, kommt zum Ste­hen, und bleibt. Schlich­ter Gag, kla­rer Punkt.

Bei al­len kul­tu­rel­len Um­krei­sun­gen der künst­li­chen In­tel­li­genz blieb beim Ma­ra­thon Zeit für Rea­li­tät. Am auf­schluss­reichs­ten war die Dis­kus­si­on, die John Brock­man mo­de­rier­te. Da traf der Che­mieNo­bel­preis­trä­ger und Prä­si­dent der Roy­al So­cie­ty, Ven­ki Ra­ma­krish­n­an, auf den Sky­pe-Grün­der Ja­an Tal­linn und den Di­rek­tor des Alan-Tu­ring-In­sti­tu­tes, And­rew Bla­ke.

Es gibt Netz­wer­ke aus KI und Big Da­ta, die um das Jahr 2011 zum Le­ben er­wacht sind

Brock­man be­gann das Ge­spräch mit der Be­ob­ach­tung, künst­li­che In­tel­li­genz sei das gro­ße The­ma un­se­rer Zeit, ei­ne Ge­schich­te, die 1956 be­gon­nen ha­be und uns noch lan­ge be­glei­ten wer­de. Ei­nig wa­ren sich die Dis­ku­tan­ten nicht. And­rew Bla­ke er­zähl­te von Netz­wer­ken, die im Zu­sam­men­spiel von KI und Big Da­ta um das Jahr 2011 her­um zum Le­ben er­wacht sei­en. Künst­li­che In­tel­li­genz sei ein un­fass­bar auf­re­gen­des in­tel­lek­tu­el­les Aben­teu­er. Man sol­le die Fort­schrit­te nicht mit Hor­ror­sze­na­ri­en schmä­lern.

Ven­ki Ra­ma­krish­n­an da­ge­gen er­in­ner­te da­ran, dass die ers­te in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on ja nicht nur Fort­schrit­te, son­dern vor al­lem rund hun­dert Jah­re – al­so drei Ge­ne­ra­tio­nen – enor­mer Ar­mut ge­bracht ha­be. Die Mensch­heit ha­be noch gar kei­ne Ah­nung, was die Fol­gen der Au­to­ma­ti­sie­rung geis­ti­ger Tä­tig­kei­ten mit sich brin­ge – und ob sie je auf­ho­len wer­de. Auch Ja­an Taa­linn, der ei­nen gu­ten Teil sei­nes Ver­mö­gens in die KI–For­schung steckt, warn­te: „Der Nie­der­gang der Atom­in­dus­trie war, dass sie die Ri­si­ken her­un­ter­spiel­te. Wenn wir die Un­wäg­bar­kei­ten der KI nicht jetzt an­ge­hen und bald in den Griff be­kom­men, kön­nen wir nur ver­lie­ren.“

Und nein, ein neu­es Schlag­wort er­fand an die­sem Tag kei­ner. Letzt­lich woll­te das auch nie­mand. So ver­mes­sen sind nur Po­li­ti­ker (er­in­nert sich noch je­mand an Al Go­res „In­for­ma­ti­on Su­per­high­way“?). Doch was da ver­gan­ge­ne Wo­che in Lon­don be­gann, war ei­ne ers­te Bün­de­lung von Ge­dan­ken, die Un­ver­ständ­li­ches um­krei­sen. Und die Er­fah­rung, dass Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, Li­te­ra­tur und Kunst für die Er­kennt­nis­ge­win­nung im­mer noch min­des­tens so gut auf­ge­stellt sind wie Wis­sen­schaft und Tech­nik.

FO­TOS: GETTY, JAMESBRIDLE.COM

FO­TO: DICKO CHAN / WARP

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