Eros als Er­zie­her

„Ba­by­lon Ber­lin“, Ori­gi­nal­fas­sung: In ih­rer Ge­burts­stadt wird Jeanne Mammen ge­fei­ert – nicht nur mit den be­kann­ten Bil­dern

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 18 FEUILLETON -

Jah­re in Ber­lin ver­bracht. Jeanne Mammen war in der Stadt so­gar ge­bo­ren wor­den. Trotz­dem wird sie im Al­ter zu Pro­to­koll ge­ben, in „de­struk­ti­ver Op­po­si­ti­on“zu ihr zu le­ben, sich mit ihr „nie­mals ver­söhnt“zu ha­ben, sie „heu­te noch scheuß­lich“zu fin­den: „Wenn ich auf den Ku’damm ge­he, muss ich kot­zen. Die gan­ze Art der Leu­te ist mir fremd.“

Das ist auf den ers­ten Blick viel­leicht ein et­was über­ra­schen­des State­ment für je­man­den, der 1920 auf dem Kur­fürs­ten­damm 29 ei­ne Ate­lier­woh­nung be­zo­gen und für den Rest des Le­bens nicht wie­der ver­las­sen hat­te. Und das ist viel­leicht auch ein biss­chen bit­ter für al­le, die sich ihr Ber­lin der Zwan­zi­ger am liebs­ten so aus­ma­len wie die be­rühm­ten Aqua­rel­le von Jeanne Mammen aus je­nen Jah­ren, al­so im Zwei­fel mit Frau­en, die mit Frau­en tan­zen. Und un­term Hüt­chen kur­ze Haa­re tra­gen. Und mut­maß­lich eher lan­ge auf den Zäh­nen. Wenn man al­ler­dings in Be­tracht zieht, was da­vor und da­nach ge­schah, ist es schon we­ni­ger über­ra­schend. Die Ber­li­ni­sche Ga­le­rie bie­tet jetzt mit der gro­ßen Re­tro­spek­ti­ve „Jeanne Mammen – Die Be­ob­ach­te­rin“end­lich wie­der ein­mal die Ge­le­gen­heit da­zu.

Aber auch da ist es dann wie­der so, dass auf den ers­ten Blick vor al­lem die von ko­ket­tie­ren­den und kei­fen­den Groß­stadt­exis­ten­zen be­völ­ker­ten Aqua­rel­le aus den Zwan­zi­ger­jah­ren am ori­gi­nells­ten wir­ken, wäh­rend bei den spä­te­ren Ge­mäl­den fast im­mer zu­erst ins Au­ge sticht, wel­chem an­de­ren Künst­ler sie ver­pflich­tet sind: Da malt Mammen sich ih­re ei­ge­nen Pi­cas­sos, dort Ma­tis­se und so wei­ter. In den Fünf­zi­gern ist so­gar ein Mammen’scher Jack­son Pol­lock da­bei, ein „All over“in Drip­pin­gTech­nik. Aber das ist, wie ge­sagt, ein ers­ter Blick, und es ist ei­ner, un­ter dem Mammen wohl selbst schon litt, weil be­reits in der Nach­kriegs­zeit das In­ter­es­se an ih­ren ge­brauchs­gra­fi­schen Ar­bei­ten, wie sie es sel­ber nann­te, im­mer grö­ßer war als an dem, was sie als ih­re Kunst be­trach­te­te.

Re­tro­spek­ti­ven wer­den ver­an­stal­tet, um so et­was nach Mög­lich­keit zu kor­ri­gie­ren; und wenn man das Le­ben die­ser Frau als Pas­se­par­tout für ih­re Bil­der nimmt, dann wird aus dem, was zu­erst epi­go­nal er­scheint, et­was ge­ra­de­zu Kon­zep­tu­el­les, näm­lich ein Akt des Wi­der­stands ge­gen den Ort, wo die­ses Le­ben zum größ­ten Teil statt­fand. Denn dass Mammen 1890 in Ber­lin zur Welt ge­kom­men war, mach­te sie noch nicht zwin­gend zur Ber­li­ne­rin, und dass sie dort auch nicht auf den Na­men Jeanne ge­tauft wur­de, son­dern auf So­ge­nann­te Klas­se­frau­en um 1928. Ti­tel: „Sie re­prä­sen­tiert (Fa­schings­sze­ne)“. Ger­trud Jo­han­na Loui­se, das muss­te eben­falls kein Ur­teil fürs Le­ben sein. Es war statt­des­sen Paris, wo sie auf­wuchs, ge­prägt wur­de und Kunst stu­dier­te (ihr Va­ter hat­te dort ei­ne In­dus­trie­be­tei­li­gung), und es war Brüs­sel, wo sie vom sü­ßen Gift des Sym­bo­lis­mus nasch­te, kurz be­vor die­se Welt ab 1914 zu­sam­men­ge­schos­sen wur­de. Ber­lin war nur die Stadt, in der die Mam­mens dann bei Kriegs­aus­bruch ins Exil ge­hen muss­ten: eher Frem­de als Hei­mat. Die­se Her­kunft macht dann auch künst­le­risch den Un­ter­schied zu den Groß­stadt­sze­nen bei Grosz und Dix aus. Mammen kam nicht von ei­nem zäh­ne­flet­schen­den Ex­pres­sio­nis­mus her und kne­te­te auch nicht ganz so kalt­blü­tig in den Ge­sich­tern ih­rer Zeit­ge­nos­sen her­um wie die bei­den ma­len­den Bo­xer aus Deutsch­land. Ih­re Bil­der sind tat­säch­lich viel­mehr die ei­ner dis­tan­ziert da­bei­sit­zen­den Be­ob­ach­te­rin: schon scho­nungs­los und nichts be­schö­ni­gend, aber eben auch mit et­was, das man warm­her­zi­ges In­ter­es­se nen­nen könn­te und kri­ti­sche Sym­pa­thie. Und manch­mal auch mit ei­ner Spur Mora­lis­mus.

In­so­fern ist es kein Wun­der, sie ir­gend­wann für die­sel­be Zeit­schrift ar­bei­ten zu se­hen wie Erich Käst­ner, näm­lich den Uhu, wo die Tex­te kar­rie­ris­ti­sche Fo­to­mo­del­le pro­ble­ma­ti­sie­ren und die Bil­der ge­nau sol­che zei­gen. Von die­ser Art kri­ti­scher Af­fir­ma­ti­on lebt der Ber­lin-in-denZwan­zi­gern-My­thos ei­gent­lich schon im­mer. Ak­tu­ells­te Neu­auf­la­ge: die deut­sche Fern­seh­se­rie „Ba­by­lon Ber­lin“. An­ge­nehm ist da­her, dass die­se Re­tro­spek­ti­ve über­haupt nicht erst da­nach fragt, in­wie­weit Jeanne Mammen mit ih­ren tan­zen­den Frau­en­paa­ren die ei­ge­ne se­xu­el­le Ori­en­tie­rung il­lus­triert ha­be. Das war bei frü­he­ren Mammen-Re­vi­vals schon mal an­ders, auch wenn ihr Ver­trau­ter, der Dich­ter Lothar Klün­ner, ir­gend­wann ein­mal klar­ge­stellt hat, Mammen sei „im Se­xu­el­len tro­cken bis dort­hin­aus“ge­we­sen, sie ha­be viel­mehr „den päd­ago­gi­schen Eros“ ge­fei­ert. Das hat auch et­was Be­frei­en­des: Man muss schließ­lich nicht ho­mo­se­xu­ell sein, um Ho­mo­se­xu­el­len­lo­ka­le zu be­grü­ßen. Es ist eher ei­ne Hal­tungs­fra­ge, und die Hal­tung der Jeanne Mammen wird deut­lich, wo sie sich an der Sei­te des kom­mu­nis­ti­schen Bild­hau­ers Hans Uhl­mann erst ge­gen die Na­zis en­ga­giert und dann aus Pro­test künst­le­risch ihr Exil in der Mo­der­ne Frank­reichs sucht. Dort blieb sie auch bis zu ih­rem Tod 1976, nur oh­ne am Ku’damm aus­zu­zie­hen.

1999 wur­de die Pas­sa­ge an der S-Bahn nach ihr be­nannt. Im­mer­hin be­ginnt die am Re­stau­rant Brel und en­det mit dem Nacht­lo­kal Gains­bourg, in dem es manch­mal auch ganz schön ba­by­lo­nisch zu­geht. Nach al­lem, was man über Jeanne Mammen weiß, wür­de sie zwar me­ckern, aber viel­leicht nur mil­de.

Ber­li­ni­sche Ga­le­rie bis 15. Ja­nu­ar. Der Ka­ta­log kos­tet 45 Eu­ro.

FO­TO: JEANNE MAMMEN, VG BILD-KUNST, BONN 2017

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.