SPU­REN­SU­CHE

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 18 FEUILLETON - Kia vah­l­and

Die Welt ver­än­dert sich stän­dig – nicht aber die gro­ßen Fra­gen, die Men­schen be­we­gen. Wir su­chen in al­ten Fil­men und Kunst­wer­ken nach wie­der­keh­ren­den Mo­ti­ven. Der Ma­ler Si­mo­ne Mar­ti­ni führt an ei­nem bi­bli­schen Bei­spiel vor, wie sich pu­ber­tä­re Selbst­fin­dung ei­ner Fa­mi­lie aus­nimmt in

Wenn Kin­der in die Pu­ber­tät kom­men, ist das nicht nur für sie selbst ei­ne Her­aus­for­de­rung. Auch vie­le El­tern kom­men nicht mehr mit. Das Mäd­chen, der Jun­ge scheint in sei­ner ei­ge­nen Welt zu le­ben, und die Peer Group ist nun al­le­mal wich­ti­ger als das, was Er­wach­se­ne mei­nen und füh­len. Die Sor­gen der El­tern sind nicht die der Ju­gend­li­chen, und so muss es auch sein, soll die Ab­gren­zung von Mut­ter und Va­ter ge­lin­gen. Er­wach­sen­wer­den braucht Rück­sichts­lo­sig­keit, den un­be­ding­ten Wil­len, ei­ge­ne Feh­ler zu ma­chen und sich so selbst zu er­fin­den.

In der Kunst sind die dar­aus re­sul­tie­ren­den Kon­flik­te nur sel­ten be­han­delt wor­den. Eher wird nach dem Ge­gen­teil ge­sucht. Be­son­ders Ma­ler des 19. Jahr­hun­derts be­schwö­ren ger­ne le­bens­fern das Idyll der im­mer ei­ni­gen Fa­mi­lie. Da­bei wuss­te es schon im 14. Jahr­hun­dert ein Künst­ler bes­ser, der noch an Hei­li­gen­schei­ne und Gold­grund glaub­te: der Sie­ne­se Si­mo­ne Mar­ti­ni in Avi­gnon.

Sein Bild des trot­zi­gen zwölf­jäh­ri­gen Je­sus von 1342 nährt sich aus ei­ner All­tags­er­fah­rung, die sich of­fen­sicht­lich im Lau­fe der Jahr­hun­der­te nicht gänz­lich ge­wan­delt hat. Der Jun­ge war mit Mut­ter und Stief­va­ter nach Jerusalem ge­pil­gert und blieb nach dem Got­tes­dienst im Tem­pel zu­rück, an­statt sich mit den an­de­ren Pil­gern auf den Heim­weg zu ma­chen. Ma­ria und Jo­sef müs­sen ihn su­chen, ge­ra­ten in Pa­nik und ma­chen dem Jun­gen Vor­wür­fe, als sie ihn end­lich bei den Schrift­ge­lehr­ten im Tem­pel fin­den. Si­mo­ne Mar­ti­nis Ge­mäl­de mit Ma­ria, Jo­sef und dem jun­gen Je­sus in der Wal­ker Art Gal­le­ry in Li­ver­pool.

„Kind, wie konn­test du uns das an­tun?“, klagt Ma­ria. So steht es je­den­falls, in Latein ge­schrie­ben, in dem Büch­lein, das Ma­ria auf die­sem Bild auf ih­ren Knien trägt. Jo­sef schließt sich ihr an, er packt Je­sus mah­nend an der Schul­ter. Den aber scheint das nicht zu rüh­ren, er ver­schränkt die Ar­me, sein Hei­li­gen­schein scheint vor Wut auf­zu­fla­ckern. Was hat der Mann sei­ner Mut­ter ihm schon zu sa­gen? Er war bei sei­nem rich­ti­gen Va­ter, im Tem­pel, und dies hat bei Mar­ti­ni nicht nur mit der Heilslo­gik zu tun, son­dern mehr noch mit pu­ber­tä­rer Selbst­er­mäch­ti­gung. Ob Patch­work-El­tern oder klas­si­sche Fa­mi­li­en: So viel ju­gend­li­chen Ei­gen­sinn müs­sen El­tern aus­hal­ten.

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Jeanne Mammen, 1890 – 1976.

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