Te­enage Sym­pho­ny

In Chi­na ist die Klas­si­sche Mu­sik Eu­ro­pas ei­ne Ju­gend­kul­tur. Die Wur­zeln der Be­geis­te­rung für Orches­ter, So­lis­ten und Opern lie­gen aus­ge­rech­net in der Zeit der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON 19 - Von harald eg­ge­brecht

Mo­zart in Zhuh­ai: Si­cher, es geht wäh­rend der Auf­füh­run­gen un­ge­mein un­ru­hig in der Hal­le zu, und an­fangs fühlt man sich als al­ter eu­ro­päi­scher Ha­se, der hier als Ju­ror fun­gie­ren soll, mehr als ir­ri­tiert: Da wird oh­ne En­de ge­filmt und ge­knipst mit den un­ent­behr­li­chen Han­dys, Kin­der lau­fen ge­duckt durch die Rei­hen, aber auch Er­wach­se­ne hu­schen auf der Su­che nach der bes­ten Sicht oder ei­nem bes­se­ren Platz um­her. Ge­ra­schel, Ge­tu­schel und Flüs­tern sind nicht zu über­hö­ren. Doch nach ei­ner kur­zen Ge­wöh­nungs­pha­se merkt man, dass die jun­gen Leu­te auf ih­re Art sehr wohl bei der Sa­che sind, nur ist ih­re Auf­merk­sam­keit an­ders struk­tu­riert, we­ni­ger in un­se­ren Hör­kon­ven­tio­nen er­starrt. Sie neh­men ak­tiv teil und ih­re Bei­falls­be­geis­te­rung ist über­zeu­gend und herz­lich.

Den ge­fürch­te­ten „grau­en Tep­pich“eu­ro­päi­scher Kon­zert­hal­len gibt es hier nicht

Zhuh­ai al­so: Ha­to heißt das Un­ge­heu­er, des­sen Spu­ren un­über­seh­bar sind in der süd­chi­ne­si­schen Ha­fen­stadt. Ha­to, der stärks­te Taifun seit et­wa acht­zig Jah­ren, fiel En­de Au­gust über Hong­kong, Ma­cau und Zhuh­ai mit Wind­ge­schwin­dig­kei­ten von über 200 km/h her. Der Ha­fen wur­de so ver­heert, dass die Fäh­ren von Hong­kong die Stadt nicht mehr an­lau­fen konn­ten. Auch Pal­men und Bü­sche rund um das Neu­bau­quar­tier Hua­fa Place se­hen noch 14 Ta­ge nach dem Sturm mehr als mit­ge­nom­men aus.

Das än­dert sich rasch wäh­rend der fol­gen­den zwei Wo­chen des In­ter­na­tio­na­len 2. Zhuh­ai Mo­zart-Wett­be­werbs für jun­ge Mu­si­ker in den Fä­chern Kla­vier und Vio­li­ne. Täg­lich rü­cken qua­si Re­gi­men­ter von Gärt­nern und Gärt­ne­rin­nen an, jä­ten, rei­ßen aus, ar­bei­ten den Bo­den durch und pflan­zen neu, so­dass ziem­lich bald wie­der der Ein­druck von ge­die­ge­ner Gar­ten­pracht rund um die im­po­nie­ren­den Bau­ten vor­herrscht. Die Ar­chi­tek­tur in die­sem in den letz­ten Jah­ren hoch­ge­zo­ge­nen und wei­ter wach­sen­den neu­en Stadt­teil will spek­ta­ku­lär sein: Der glä­ser­ne Zhuh­ai To­wer schießt 300 Me­ter in die Hö­he, das rie­si­ge Kon­fe­renz- und Aus­stel­lungs-Cen­ter birgt un­ter den vie­len Räu­men zwei präch­ti­ge Kon­zert­sä­le ver­schie­de­ner Grö­ße und je­weils gu­ter Akus­tik.

Den An­spruch in­ter­na­tio­na­len Stan­dards un­ter­strei­chen die chi­ne­si­schen Or­ga­ni­sa­to­ren selbst­be­wusst. Der Wett­be­werb fin­det nicht nur in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Mo­zar­te­um in Salz­burg statt, von den acht bzw. sie­ben Ju­ro­ren stam­men fünf aus Eu­ro­pa und Ame­ri­ka. In den drei Run­den stel­len die jun­gen Chi­ne­sen mehr als acht­zig Pro­zent der Kan­di­da­ten, glän­zend aus­ge­bil­det und bes­tens vor­be­rei­tet. Was ei­nen als Ju­ror be­son­ders be­ein­druckt, ist die Selbst­ver­ständ­lich­keit im Um­gang mit der eu­ro­päi­schen, al­so west­li­chen Mu­sik.

Aber noch viel­mehr über­rascht, dass es beim Ab­schluss­kon­zert im gro­ßen Thea­ter­saal, auf des­sen Büh­ne auch Opern auf­ge­führt wer­den kön­nen, im Pu­bli­kum nur so wim­melt von jun­gen El­tern mit ih­ren Kin­dern, Stu­den­ten und Te­enagern. Den ge­fürch­te­ten „grau­en Tep­pich“, der so ty­pisch und fast sprich­wört­lich für eu­ro­päi­sche und ame­ri­ka­ni­sche Kon­zert­hal­len ge­wor­den ist, al­so ein deut­lich äl­te­res Pu­bli­kum ge­gen­über im­mer jün­ger wer­den­den Mu­si­kern und So­lis­ten, den gibt es hier so gut wie nicht.

Schon 2012 wies der da­ma­li­ge Chef­di­ri­gent der Münch­ner Phil­har­mo­ni­ker, Lo­rin Maa­zel, auf die­sen Um­stand hin: „In Chi­na ist es an­ders, da ha­ben die Äl­te­ren kei­ne Ah­nung von Klas­si­scher Mu­sik, die Sä­le sind voll mit Drei­ßig jäh­ri­gen und jün­ge­ren, in Kin­der­gär­ten und Schu­len hö­ren und spie­len sie Klas­si­sche Mu­sik.“Und wei­ter:

Ka­ra­jan muss­te noch in Sport­hal­len gas­tie­ren, heu­te gibt es mo­der­ne Kon­zert­sä­le

„Was tue ich, was tun an­de­re Mu­si­ker? Wir fah­ren nach Asi­en, wo un­se­re Kul­tur ge­pflegt und ge­liebt wird.“Ähn­li­ches ha­ben in­zwi­schen vie­le ame­ri­ka­ni­sche und eu­ro­päi­sche Mu­si­ker be­stä­tigt. Das zei­gen auch die vie­len im­po­san­ten Kon­zert­hal­len, die in den letz­ten drei­ßig Jah­ren ent­stan­den sind und wei­ter ent­ste­hen. Muss­te Her­bert von Ka­ra­jan mit den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern 1979 noch in ei­ner gro­ßen Sport­hal­le an­tre­ten, war das Pu­bli­kum noch un­dis­zi­pli­niert, aß, trank und sprach, so­dass der Ma­e­s­tro fast ver­zwei­fel­te, so hal­ten in­zwi­schen neu ge­bau­te Kon­zert- und Opern­häu­ser und de­ren Sä­le al­len in­ter­na­tio­na­len Ver­glei­chen stand. Akus­tik­gu­rus wie der be­rühm­te Yas­u­hi­sa To­yo­ta oder die be­kann­te Münch­ner Akus­tik­fir­ma Mül­ler BBM trim­men die Sä­le auf bes­tes Hö­ren. Wer in der Bucht von Zhuh­ai dann die künst­lich auf­ge­schüt­te­te In­sel sieht, in der wie zwei über­di­men­sio­na­le, in den Sand ge­steck­te Ja­kobs­mu­scheln die zwei neu­en Opern­häu­ser den Blick fes­seln, der ahnt so­fort, mit wel­cher fi­nan­zi­el­len Wucht hier in Mu­sik und ih­ren Be­trieb in­ves­tiert wird.

Das Phä­no­men ei­nes so jun­gen, vi­ta­len, auch un­be­küm­mer­ten Au­di­to­ri­ums be­ginnt letzt­lich wohl mit dem En­de der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on 1976. Aber auch vor die­sem epo­cha­len Ein­schnitt hat­te es lan­ge schon die Be­schäf­ti­gung mit Klas­si­scher eu­ro­päi­scher Mu­sik ge­ge­ben. Das äl­tes­te chi­ne­si­sche Orches­ter, das Shang­hai Sym­pho­ny Orches­tra kann sei­ne Wur­zeln bis 1879 zu­rück­ver­fol­gen. In den Zwan­zi­ger­jah­ren war es der ita­lie­ni­sche Di­ri­gent Ma­rio Pa­ci, der das Orches­ter ent­wi­ckel­te und auch chi­ne­si­sche Kom­po­si­tio­nen an­reg­te. In den Fünf­zi­ger­jah­ren be­ein­druck­ten und be­ein­fluss­ten vor al­lem so­wje­ti­sche Mu­si­ker und ih­re Äs­t­he­tik die chi­ne­si­sche Be­schäf­ti­gung mit eu­ro­päi­scher Mu­sik und die Aus­bil­dung der Mu­si­ker maß­geb­lich.

Doch die Kul­tur­re­vo­lu­ti­on un­ter­brach bru­tal al­les, was ir­gend­wie mit west­li­chem Den­ken, Vor­stel­lun­gen und west­li­chen Küns­ten zu tun hat­te. Man zer­stör­te al­ler­dings auch die ei­ge­nen gro­ßen kul­tu­rel­len Wo­che­n­en­de in Zhuh­ai – das Opern­haus ist auf in­ter­na­tio­na­lem Stan­dard, ob­wohl die Stadt für chi­ne­si­sche Ver­hält­nis­se klein ist. Tra­di­tio­nen auf blu­ti­ge und grau­sa­me Wei­se. Als mit Ma­os Tod dann die­se ver­hee­ren­de Pha­se en­de­te, hat man sich um­so mehr auf das bis da­hin Ver­pön­te und Ver­bo­te­ne ge­wor­fen, auch und ge­ra­de auf die Mu­sik. Bei Li­te­ra­tur und bil­den­der Kunst ist das Miss­trau­en von Staats we­gen im­mer prä­sent, Mu­sik da­ge­gen er­scheint den Mäch­ti­gen da doch viel un­spe­zi­fi­scher und un­ge­fähr­li­cher.

So wird be­son­ders die­ser Kul­tur­sek­tor nun mas­siv ge­för­dert mit auf­re­gen­der Ar­chi­tek­tur und ei­nem in­halt­li­chen An­spruch, der den in­ter­na­tio­na­len Stan­dards ent­spre­chen soll und längst auch ent­spricht. Na­tür­lich hat der Welt­ruhm und das Spiel des Kla­vier­stars Lang Lang im gan­zen Land ei­ne Wel­le an­hal­ten­der Be­geis­te­rung aus­ge­löst, und zahl­lo­se El­tern las­sen ih­re Kin­der Kla­vier ler­nen in der Hoff­nung auf die gro­ße Kar­rie­re. Auch der Welter­folg des chi­ne­si­schen Kom­po­nis­ten Tan Dun wird in Chi­na bei­fäl­lig und stolz zur Kennt­nis ge­nom­men. Längst stu­die­ren jun­ge chi­ne­si­sche Mu­si­ker in Eu­ro­pa und in den USA, um­ge­kehrt leh­ren und un­ter­rich­ten west­li­che Mu­sik­pro­fes­so­ren an chi­ne­si­schen Hoch­schu­len und Uni­ver­si­tä­ten. Al­so muss sich nie­mand wun­dern über die Klas­se und Sou­ve­rä­ni­tät der jun­gen Mu­si­ker im Um­gang mit Bach, Mo­zart, Beet­ho­ven und an­de­ren. Doch hier und of­fen­bar auch im üb­ri­gen ost­asia­ti­schen Raum ent­spricht der Ju­gend der Prot­ago­nis­ten auf der Büh­ne auch die Ju­gend des Pu­bli­kums im Saal.

Üb­ri­gens war und ist es bei Auf­füh­run­gen der Pe­king-Oper, die bis zu fünf, sechs St­un­den dau­ern konn­ten und kön­nen, üb­lich, zwi­schen­drin hin­aus­zu­ge­hen, et­was zu trin­ken und zu es­sen und auch sich zu un­ter­hal­ten. So ähn­lich ging es einst in Eu­ro­pa auch in den Aka­de­mi­en von Mo­zart und an­de­ren zu. Das fest be­stimm­te Zu­hör­ri­tu­al in un­se­ren Brei­ten kam erst Mit­te des 19. Jahr­hun­derts auf in den Klubs und Ver­ei­nen von Ken­nern zur Pfle­ge des Streich­quar­tetts.

Der Mu­si­ken­thu­si­as­mus in Chi­na hat sei­ne un­über­hör­bar sport­li­che, ge­wis­ser­ma­ßen na­tio­na­l­olym­pi­sche Sei­te: Wenn ein chi­ne­si­scher Kan­di­dat ge­winnt, dröhnt der Bei­fall hef­ti­ger. Das ist je­doch bei hie­si­gen Wett­be­wer­ben nicht viel an­ders, wenn Lo­kal­ma­ta­do­ren zu den Sie­gern zäh­len. Als Eu­ro­pä­er ist man be­schämt und er­freut zu­gleich, es scheint kein En­de des Wachs­tums im Wahr­neh­men Klas­si­scher Mu­sik in Chi­na in Sicht, wenn man den ge­gen­sei­ti­gen En­thu­si­as­mus von jun­gen Mu­si­kern und So­lis­ten und ih­rem eben­falls so vi­ta­len jun­gen Pu­bli­kum er­lebt.

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