Wie ei­ne Rei­se zum Mond

Das Aben­teu­er ei­ner neu­en Le­nin-Bio­gra­fie und wei­te­re Ein­drü­cke vom rus­si­schen, ukrai­ni­schen und pol­ni­schen Mes­se­stand: Die Mit­te liegt im­mer noch ost­wärts

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - LITERATUR 20 FEUILLETON - Von jens bis­ky

Es ist nicht gleich­gül­tig, wer ei­nen am Mes­se­stand be­grüßt. Je­der kön­ne sich er­in­nern, wie of­fi­zi­el­le De­le­ga­tio­nen aus der Ukrai­ne oder aus Russ­land be­schaf­fen wa­ren, sag­te der ukrai­ni­sche His­to­ri­ker Ja­roslaw Hrytsak wäh­rend ei­ner Dis­kus­si­on auf der Buch­mes­se. Meist ga­ben in den De­le­ga­tio­nen ge­setz­te Her­ren hö­he­ren Al­ters den Ton an. In die­sem Jahr aber be­ste­he das ukrai­ni­sche Team über­wie­gend aus jun­gen, klu­gen Frau­en.

Dass die Mit­te ost­wärts lie­ge, hat der His­to­ri­ker Karl Schlö­gel den Eu­ro­pä­ern vor Jah­ren zu­ge­ru­fen. Dass die west­eu­ro­päi­schen Staa­ten im Au­gen­blick vor al­lem mit sich selbst be­schäf­tigt zu sein schei­nen, ist ein Grund mehr, zu den in­ter­na­tio­na­len Ver­la­gen in Hal­le fünf zu ge­hen, zu ei­ni­gen Stän­den ost­eu­ro­päi­scher Län­der. Am rus­si­schen Stand wird na­tür­lich auch ein Buch Wla­di­mir Pu­tins prä­sen­tiert, aber nicht al­lein die­ses. Be­son­ders in­ter­es­sant war die Vor­stel­lung ei­ner neu­en Le­nin-Bio­gra­fie. Als der Ver­lag ihn frag­te, ob er die Len­in­Bio­gra­fie schrei­ben wol­le, ha­be er sich, sag­te Da­nil­kin ge­fühlt, als ha­be man ihm ei­ne Rei­se zum Mond an­ge­bo­ten. Das muss­te er ma­chen. Die Rei­se scheint ge­glückt zu sein, De­nil­kins „Le­nin“wur­de in der Ka­te­go­rie Pro­sa als Buch des Jah­res aus­ge­zeich­net.

Lenins Le­ben sei auch ein gu­ter Ro­man­stoff, mit Aben­teu­er-Su­jets, In­tri­gen, Ge­heim­nis­sen. Da­nil­kin hat ei­nen Er­zäh­ler er­fun­den, der sei­nem Hel­den an die wech­seln­den Or­te sei­nes Le­bens folgt, ihn auf aus­ge­dehn­ten Wan­de­run­gen be­glei­tet, ihm wi­der­spricht, mit ihm ha­dert, ihn ver­ste­hen will. Was das Be­mer­kens­wer­te, das Her­aus­ra­gen­de an Le­nin sei? Zum ei­nen ha­be er es ver­stan­den, die Un­ru­hen und Kon­flik­te des Jah­res 1917 in sei­ne Re­vo­lu­ti­on zu über­füh­ren. Zum an­de­ren, so Da­nil­kin, hät­te der un­vor­stell­bar bru­ta­le Bür­ger­krieg oh­ne Le­nin wohl län­ger ge­dau­ert. Er ha­be das blu­ti­ge Cha­os ein­ge­dämmt. Ob­wohl es Tau­sen­de Bü­cher über Le­nin gibt, wür­de man die­se neue Bio­gra­fie gern le­sen, auch wenn man Da­nil­kin nicht glau­ben mag, dass Lenins Im­pe­ria­lis­mus-Theo­rie zum Ver­ständ­nis un­se­rer Ge­gen­wart et­was bei­trägt.

Ein Stell­dich­ein von Ge­walt, Ele­ganz, Las­ter – im neu­en Buch von Sz­c­ze­pan Twar­doch

Be­stimmt gibt es weiß-ro­te Pi­rog­gen, al­so ein Na­tio­nal­ge­richt in Na­tio­nal­far­ben, höhn­ten pol­ni­sche Freun­de vor dem Emp­fang am pol­ni­schen Stand. Da die na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung Pa­trio­tis­mus und Na­tio­nal­stolz för­dern will, ist die Kul­tur zu ei­nem Kampf­feld ge­wor­den. Das trifft vor al­lem die von öf­fent­li­chem Geld ab­hän­gi­gen Thea­ter. Pi­rog­gen gab es nicht auf dem Emp­fang, aber sor­gen­vol­le Ge­sich­ter. Bea­ta Sta­sińs­ka, Ver­le­ge­rin und Li­te­ra­tur­agen­tin, sorgt sich vor al­lem um den kri­sen­ge­schüt­tel­ten Buch­markt. Es gibt in Po­len kei­ne Buch­preis­bin­dung, da­her Ra­batt­schlach­ten und ei­nen rui­nö­sen Preis­krieg. Die für den wich­ti­gen Li­te­ra­tur­preis Ni­ke no­mi­nier­ten Ti­tel wer­den auch in Su­per­märk­ten ver­kauft, Buch­hand­lun­gen und un­ab­hän­gi­ge Ver­la­ge kämp­fen an vie­len Fron­ten ums öko­no­mi­sche Über­le­ben. Bel­le­tris­tik hat es be­son­ders schwer. Es bräuch­te den po­li­ti­schen Wil­len, das zu än­dern. Aber vom „so­ge­nann­ten Kul­tur­mi­nis­ter“Piotr Gliń­ski sei Hil­fe nicht zu er­war­ten. Statt­des­sen wer­de die pol­ni­sche Kul­tur re­du­ziert, ho­mo­ge­ni­siert, ob­wohl sie sich aus vie­len ver­schie­de­nen Qu­el­len speis­te. Mul­ti­kul­ti, so Sta­sińs­ka, ist doch kei­ne Er­fin­dung des 20. Jahr­hun­derts.

Dank der un­ab­hän­gi­gen Ver­la­ge ist am Stand In­ter­es­san­tes zu ent­de­cken: ein Kin­der­buch et­wa, das – üp­pig il­lus­triert – die Ge­schich­te Dan­zigs aus der Per­spek­ti­ve des klei­nen Gün­ter Grass er­zählt. Oder der neue Ro­man „Król“von Sz­c­ze­pan Twar­doch, der be­reits in „Mor­phin“und „Drach“Ge­schich­te, Ge­wiss­hei­ten und Stim­men durch­ein­an­der­ge­wir­belt hat. Nun er­zählt er ei­ne Gangs­ter­ge­schich­te aus dem War­schau der Drei­ßi­ger­jah­re. Un­ter dem Ti­tel „Der Bo­xer“soll es im Ja­nu­ar auf Deutsch er­schei­nen. Ein Stell­dich­ein von Ge­walt, Ele­ganz und Las­ter ist ver­spro­chen.

FO­TO: RE­GI­NA SCHMEKEN

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