Oft ko­piert, we­nig er­reicht

Buch­la­den und Le­se­kreis: Di­gi­ta­le Hö­he­punk­te der Mes­se

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - LITERATUR 20 FEUILLETON - Nf­re

Un­ter Di­gi­ta­li­sie­rung wird in den meis­ten Fäl­len Ko­pie­ren ver­stan­den. Tex­te al­ler Art, die heu­te noch im­mer als ers­tes und vor al­lem auf Pa­pier ge­druckt er­schei­nen, wer­den in die bis­her eta­blier­ten di­gi­ta­len For­men des E-Books und der Web­site über­tra­gen so dar­ge­stellt, als wä­ren sie ge­druckt wor­den: schwarz auf weiß, von oben nach un­ten scroll­bar, wie ei­ne Schrift­rol­le. Da­für gibt es gu­te Grün­de, aber die­se Nä­he zum Ko­pie­ren zeigt auch, dass die di­gi­ta­le Um­set­zung von In­hal­ten fast im­mer se­kun­där ge­dacht wird, aus­ge­hend von ei­nem be­druck­ten Blatt Pa­pier. Un­ter Di­gi­ta­li­sie­rung ver­steht der Li­te­ra­tur­be­trieb vor al­lem den Nach­bau der ver­trau­ten Welt mit den Baustei­nen 0 und 1.

Vie­le Star­tups mi­schen ein­fach be­kann­te Er­folgs­re­zep­te

Das be­stä­ti­gen die an­geb­li­chen di­gi­ta­len High­lights, die bei ei­nem Rund­gang über die Buch­mes­se vor­ge­stellt wur­den. Da gibt es die So­ci­al-Me­dia-Platt­form Lit­ni­ty, ei­ne Art Face­book für Bü­cher­le­ser, die dort ih­re Re­zen­sio­nen und li­te­ra­ri­schen Vor­lie­ben hoch­la­den sol­len, um von ei­nem Al­go­rith­mus ei­ne per­so­na­li­sier­te Emp­feh­lungs­lis­te aus­ge­spuckt zu be­kom­men. Ir­gend­wann soll man dort auch Bü­cher kau­fen kön­nen. Die­se Mi­schung aus Buch­la­den, Le­se­kreis und Face­book klingt nach ei­ner hüb­schen Idee. Ge­nau die­ses Kon­zept ver­folgt aber schon seit vie­len Jah­ren der In­ter­net­händ­ler Ama­zon mit sei­nen sehr vie­len und sehr ak­ti­ven Re­zen­sen­ten. Die wer­den kaum zu Lit­ni­ty um­zie­hen – und da­ran zeigt sich ei­nes der Pro­ble­me, die fast al­le auf der Buch­mes­se vor­ge­stell­ten di­gi­ta­len Kon­zep­te ha­ben: Die Star­tups, die dort ih­re Ide­en be­wer­ben, mi­schen ein­fach be­kann­te Er­folgs­re­zep­te und in den we­nigs­ten Fäl­len wird klar, war­um sie nun bes­ser sein sol­len als die eta­blier­ten Ori­gi­na­le. Ganz neue For­men bie­tet fast nie­mand, aber es gibt ei­ni­ge zag­haf­te An­sät­ze.

So ver­sucht die Platt­form Sgrol.io ganz kon­se­quent das bei Mu­sik und Fern­se­hen ge­ra­de sehr er­folg­rei­che Kon­zept des Strea­m­ings auf E-Books an­zu­wen­den. Sgrol.io funk­tio­niert, ähn­lich wie Net­flix, und das in je­dem Brow­ser. Man kann al­so sein Buch auf je­dem in­ter­net­fä­hi­gen Ge­rät je­der­zeit wei­ter­le­sen. Das E-Book wird aber – eben wie ein ge­stream­tes Vi­deo – nie ganz her­un­ter­ge­la­den. Das soll dem Pro­blem der Pi­ra­te­rie vor­beu­gen, da­für kann es aber sein, dass bei kei­nem oder schlech­tem In­ter­ne­t­emp­fang das Buch nicht mehr wei­ter­ge­le­sen wer­den kann. Ein Pro­blem, das In­ter­net­nut­zern mit Tex­ten bis­her er­spart ge­blie­ben ist.

Wer liest zu wel­cher Uhr­zeit wel­che Tex­te und bis zu wel­cher Stel­le?

Auch Sgrol.io möch­te na­tür­lich Da­ten über das Nut­zungs­ver­hal­ten der Le­ser er­he­ben. Wer liest zu wel­cher Uhr­zeit wel­che Tex­te und bis zu wel­cher Stel­le? Wo blät­tern Le­ser mehr­mals hin, wo hö­ren sie auf zu le­sen? Dass die­se Da­ten über die tat­säch­li­che Be­zie­hung ei­nes Le­sers zum Text – der ihn zum Bei­spiel in ei­nem ge­druck­ten Buch mög­li­cher­wei­se ganz an­ders le­sen wür­de – nur mit Ein­schrän­kun­gen Aus­kunft ge­ben, hat man bei Sgrol.io schon er­kannt. Kon­stan­tin Die­ner von der Mut­ter­fir­ma Co­see wünscht sich des­halb ei­ge­ne In­hal­te für die Platt­form, zum Bei­spiel Kurz­ge­schich­ten mit ge­nau der von den meis­ten Nut­zern ge­wünsch­ten Län­ge. Wo die­se In­hal­te her­kom­men sol­len, ist noch nicht klar, aber der An­satz, Tex­te als In­hal­te in di­gi­ta­ler Form so von Grund auf neu zu den­ken, geht wei­ter als vie­le Kon­zep­te der Kon­kur­renz. Zum Pro­blem für Sgrol.io könn­te nur wer­den, dass der E-Book-Markt schon seit ei­ni­gen Jah­re sta­gniert und seit kur­zem so­gar schrumpft. Die Le­ser grei­fen lie­ber zum Ori­gi­nal, statt zur di­gi­ta­len Ko­pie, die doch bis jetzt nur das Ab­bild ei­nes rich­ti­gen Bu­ches ist.

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