Sub­jek­te ih­res Schick­sals

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - LITERATUR 20 FEUILLETON - Cr­ab

Vor drei Jah­ren leg­te der His­to­ri­ker Phil­ipp Ther pünkt­lich zur Es­ka­la­ti­on der grie­chi­schen Staats­schul­den­kri­se mit sei­nem Buch „Die neue Ord­nung auf dem al­ten Kon­ti­nent“ei­ne Ge­schich­te des neo­li­be­ra­len Eu­ro­pa vor, für die er den Sach­buch­preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se er­hielt. Der nun er­schie­ne­ne Nach­fol­ger „Die Au­ßen­sei­ter“(Suhr­kamp Ver­lag) könn­te wie­der kaum bes­ser pas­sen: Das Buch ist ei­ne eben­so in­for­mier­te wie klu­ge Er­kun­dung der Ge­schich­te von Flucht und In­te­gra­ti­on in Eu­ro­pa seit dem En­de des 15. Jahr­hun­derts ge­wor­den. Traf man Ther auf der Buch­mes­se zum Ge­spräch, er­leb­te man ei­nen nach­denk­li­chen Au­tor, der gern ge­stand, dass na­tür­lich nicht er die Zeit­läuf­te vor­her­ge­se­hen ha­be, son­dern um­ge­kehrt die Zeit­läuf­te plötz­lich ei­nes sei­ner al­ten The­men hät­ten. An­ders hät­te er den Band auf kei­nen Fall so zü­gig ab­fas­sen kön­nen. Die Ei­ne-Mil­li­on-Eu­ro-Fra­ge, was denn aus der Ge­schich­te zu ler­nen sei für die In­te­gra­ti­on der gut 1,3 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge, die seit 2015 nach Deutsch­land ge­kom­men sind, be­ant­wor­tet er eben­so la­ko­nisch. Man kön­ne aus der Ge­schich­te nicht ir­gend­et­was di­rekt ler­nen. Sie sei eher ei­ne Art Wis­sens­re­ser­voir, das die „po­li­ti­sche Fan­ta­sie“an­re­gen soll­te. In die­sem Sin­ne dür­fe man sich aus der Ge­schich­te des ver­gan­ge­nen hal­ben Jahr­tau­sends viel­leicht ein­fach erst mal die schlich­te Tat­sa­che zu Her­zen neh­men, dass auf­fäl­lig ist, dass die In­te­gra­ti­on von Ge­flüch­te­ten im­mer dann am bes­ten ge­lang, wenn die Ob­rig­keit oder spä­ter der Staat wirk­lich in­ves­tier­te – und sehr, sehr ge­dul­dig war. Un­er­läss­lich sei zu­dem, dass man nicht be­quem von oben her­ab Hu­ma­ni­ta­ris­mus und Not­hil­fe hul­di­ge, son­dern die Flücht­lin­ge „als Sub­jek­te ih­res Schick­sals“be­grei­fe.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.