Raus aus dem So­li

Die FDP drängt, wäh­rend Uni­on und Grü­ne zö­gern – doch am En­de könn­te der So­li­da­ri­täts­zu­schlag auch un­ab­hän­gig von den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen ver­schwin­den

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - VORDERSEITE - Von cers­tin gam­melin

(SZ) Wie wir al­le wis­sen, macht die Di­gi­ta­li­sie­rung die­se Welt zu ei­nem bes­se­ren Ort. Des­halb ha­ben sich die Ja­mai­ka-Un­ter­händ­ler – auch wenn sie sonst klin­gen, als mu­te ih­nen das Schick­sal frucht­lo­se Ge­sprä­che mit kaum zu­rech­nungs­fä­hi­gen Ei­fe­rern zu – im­mer­hin in der Ab­sicht an­ge­nä­hert, die Re­pu­blik vom tie­fen Ra­ben­grund im Spes­sart bis in die von Wöl­fen durch­streif­ten Dör­fer Ost­bran­den­burgs in die di­gi­ta­le Zu­kunft zu füh­ren. Es gibt ja in der Tat noch Re­gio­nen, in de­nen man nicht je­der­zeit für Whats­app-Nach­rich­ten, SMS, Mails, An­ru­fe und Face­book-Mit­tei­lun­gen des Ar­beit­ge­bers oder der Mut­ter er­reich­bar ist. Und dies, ob­wohl die­se drin­gend zum sieb­ten Mal fra­gen möch­te, ob der Sohn die zu­künf­ti­ge Ehe­frau wirk­lich mit der ge­bo­te­nen Sorg­falt aus­ge­wählt ha­be.

Doch wie ein lau­ern­der Schat­ten liegt Ge­fahr über der schö­nen neu­en Welt. Die­se Ge­fahr trägt vie­le Na­men, hier nennt sie sich PIN, dort PUK, mal förm­lich Pass­wort, ein an­der­mal kum­pel­haft Co­de. Je­der­zeit aber kann sie den Men­schen in die Höl­le ei­nes netz­lo­sen Pre­ka­ri­ats sto­ßen. Ges­tern noch zeig­te er der Low-Per­for­mer-Ab­tei­lung per Rund­mail, wer Herr im Bü­ro ist, schrieb nach dem vier­ten Pils ei­nen klei­nen an­ony­men Hass­kom­men­tar fürs On­li­ne-Fo­rum und hielt sich per Bo­rus­si­aNews-Alert auf dem Lau­fen­den, war­um so et­was Dum­mes wie das 1:5 zu Hau­se nie wie­der vor­kom­men wird. Er ge­hör­te da­zu. Dann aber er­wacht der Mensch ei­nes Mor­gens, schal­tet wie im­mer per Fin­ger­ab­druckerken­nung als ers­tes das Sch­lau­te­le­fon ein, doch was ist das? Es be­fiehlt ihm, zu­nächst sei­nen Zif­fern­code ein­zu­ge­ben. Das hat es doch noch nie ge­tan. Aber Smart­pho­nes dis­ku­tie­ren nicht, sie be­stim­men. Erst neu­lich hat die­ses Ge­rät ei­nen neu­en Co­de ge­for­dert, an den sich der Be­sit­zer aber ein­fach nicht er­in­nern kann.

Sei­ne Welt ist längst vol­ler Kenn­wör­ter, vol­ler 14-stel­li­ger Buch­sta­ben­kom­bi­na­tio­nen plus Zah­len und Son­der­zei­chen, die in im­mer ra­sche­rer Fol­ge zu wech­seln sind. Soll­te die Kanz­le­rin auch nur ei­nes da­von ver­ges­sen, das Land wä­re auf der Stel­le un­re­gier­bar. Schreck­li­che Schick­sa­le sind über­lie­fert: So gab be­reits in di­gi­ta­len Früh­zei­ten ein Re­dak­teur die PIN sei­nes Han­dys ein, die plötz­lich falsch war, ob­wohl er sie übe­r­all im Bü­ro auf klei­nen Zet­teln no­tiert hat­te. Nach meh­re­ren Ver­su­chen for­der­te das Ge­rät hä­misch die PUK, die er auf kom­ple­xen Um­we­gen in Er­fah­rung brach­te und drei­mal ein­gab. Doch falsch, falsch, falsch. Nun ver­wei­ger­te das Han­dy je­de wei­te­re Mit­ar­beit. Der Kol­le­gin am nächs­ten Schreib­tisch er­ging es eben­so. Sie hat­ten ih­re bau­glei­chen Mo­bil­te­le­fo­ne ver­se­hent­lich ver­tauscht. Das letz­te Le­bens­zei­chen des Re­dak­teurs war ei­ne Post­kar­te aus Bran­den­burg. Er wol­le dort wan­dern, bis ihm PIN und PUK wie­der in den Sinn kä­men. Dann ver­lor sich sei­ne Spur. Was im­mer ge­schah: Die di­gi­ta­le Zu­kunft fin­det oh­ne ihn statt. Ber­lin – Für man­che ist der So­li bloß ei­ne Zahl auf der Ge­halts­ab­rech­nung, für an­de­re der Be­weis deutsch-deut­scher Un­gleich­heit. Er wur­de ein­ge­führt, ab­ge­schafft, wie­der ein­ge­führt, und jetzt hängt die nächs­te Re­gie­rung von ihm, prä­zi­ser for­mu­liert: von sei­nem En­de, ab. Chris­ti­an Lind­ner will die FDP nur in ein schwarz-grün-gel­bes Bünd­nis füh­ren, wenn ver­ein­bart wird, den So­li er­satz­los zu strei­chen. Der FDPChef will im Vie­rer­bünd­nis mit CDU, CSU und Grü­nen schaf­fen, wor­an seit 26 Jah­ren je­de Bun­des­re­gie­rung ge­schei­tert ist.

Der So­li: Das ist ei­ne mehr als zwei Jahr­zehn­te lan­ge Ge­schich­te voll ge­bro­che­ner Ver­spre­chen und ent­täusch­ter Hoff­nun­gen, sie ist eng ver­bun­den mit dem Auf­bau Ost. Der So­li­da­ri­täts­zu­schlag bringt dem Bun­des­haus­halt jähr­lich rund 20 Mil­li­ar­den Eu­ro ein, das sind et­wa sie­ben Pro­zent al­ler Steu­er­ein­nah­men. Da­mit kann der Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter der­zeit so gut wie al­le Aus­ga­ben we­gen der Flücht­lin­ge be­zah­len. Auf den So­li zu ver­zich­ten, hie­ße, ein gro­ßes Loch in den Haus­halt zu rei­ßen, oh­ne dass der Bund we­ni­ger Auf­ga­ben zu fi­nan­zie­ren hät­te. Der Staat braucht das Geld al­so. Je­den­falls bis­her.

Als der Bun­des­tag die Son­der­ab­ga­be ein­führ­te, 1991, kurz nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung und in der Zeit des Irak-Krie­ges, dach­ten die Ab­ge­ord­ne­ten an ei­ne vor­über­ge­hen­de Be­las­tung. Kurt Bie­den­kopf war da­mals ers­ter Mi­nis­ter­prä­si­dent des Frei­staa­tes Sach­sen und er­in­nert sich noch gut dar­an, wie auf­grund des zwei­ten Golf­kriegs ein Zu­schlag be­schlos­sen wur­de: „Der Staat brauch­te mehr Geld, um so­li­da­risch han­deln zu kön­nen.“Deutsch­land be­tei­lig­te sich nicht mit Sol­da­ten am Krieg, wohl aber an den Kos­ten. Die „So­li­da­ri­tät“blieb na­mens­ge­bend, als die Mil­li­ar­den­be­las­tun­gen durch die Wie­der­ver­ei­ni­gung als Ar­gu­ment nach­ge­scho­ben wur­den – und die Ab­ga­be sich ver­ste­tig­te.

Heu­te ist der So­li ei­ne Son­der­ab­ga­be, die der Staat auf Ein­kom­men-, Ka­pi­tal­er­tragund Kör­per­schaft­steu­er er­hebt, sie be­trägt 5,5 Pro­zent da­von. Je­der, der Steu­ern zahlt, muss ran, West­deut­sche müs­sen den So­li ge­nau­so zah­len wie Ost­deut­sche. Zäh hält sich die An­nah­me, dass das Auf­kom­men aus dem So­li kom­plett für den Auf­bau des Os­tens ver­wen­det wer­den müs­se, al­so zweck­ge­bun­den sei. Ist es aber nicht. Der Bund muss nicht nach­wei­sen, wo­für er das Geld aus­gibt. Auch oh­ne So­li müss­te er den So­li­dar­pakt II er­fül­len, in dem er sich ver­pflich­tet, die Ost-Län­der bis 2019 zu un­ter­stüt­zen (Gra­fik).

Auf das Geld, das Lind­ner dem Steu­er­zah­ler nicht mehr ab­ver­lan­gen will, kann der Staat nach An­sicht von Bie­den­kopf al­ler­dings nicht oh­ne Wei­te­res ver­zich­ten. Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen soll­ten nicht mit par­tei­po­li­ti­schen Wun­sch­lis­ten be­gin­nen, sagt der CDU-Po­li­ti­ker. Es sei falsch, über den So­li zu re­den „statt über die gro­ßen Auf­ga­ben, die zu er­le­di­gen sind“, als da sei­en: Bil­dung, E-Mo­bi­li­tät, di­gi­ta­le In­fra­struk­tur, de­mo­gra­fi­scher Wan­del, Eu­ro­pa. Hin­zu kä­men die fi­nan­zi­el­len Ri­si­ken, die aus neu­er­li­chen Kri­sen an den Fi­nanz­märk­ten oder der Mi­gra­ti­on er­wach­sen könn­ten – und für die ei­ne Re­gie­rung vor­sor­gen muss.

Auch vie­le Ja­mai­ka-Un­ter­händ­ler bei Uni­on und Grü­nen sind skep­tisch. Die Grü­nen be­har­ren in den Son­die­rungs­ge­sprä­chen dar­auf, zu­erst staat­li­che In­ves­ti­tio­nen an­zu­kur­beln. Den So­li in der nächs­ten Le­gis­la­tur­pe­ri­ode voll­stän­dig ab­zu­schaf­fen, hält Jür­gen Trit­tin, der Fi­nanz­ex­per­te der Grü­nen, für „schlicht nicht fi­nan­zier­bar“. Die Uni­on kann sich mit der Idee an­freun­den, ei­ne Frei­gren­ze ein­zu­füh­ren, die bei 30 000 oder 50 000 Eu­ro brut­to lie­gen könn­te. Sie wür­de gut 50 bis 80 Pro­zent al­ler Steu­er­zah­ler vom So­li be­frei­en. Dem Staats­haus­halt wür­de nur et­wa die Hälf­te der Ein­nah­men feh­len, weil Spit­zen­ver­die­ner, die den größ­ten Teil ent­rich­ten, wei­ter zahl­ten. Für die FDP bie­tet ein sol­cher Kom­pro­miss die Mög­lich­keit, nicht wie­der als Ver­lie­rer da­zu­ste­hen.

Die Li­be­ra­len und der So­li, das war bis­her eher ei­ne Lei­dens­ge­schich­te. Die Par­tei war Ko­ali­ti­ons­part­ner, als die da­ma­li­ge Re­gie­rung un­ter Kanz­ler Hel­mut Kohl die Son­der­ab­ga­be be­schloss. Zwar lief der So­li im Jahr 1992 aus, aber zum Aus­gleich er­höh­te Kohl die Mehr­wert­steu­er. Weil dies nicht reich­te, ent­schied er nur Mo­na­te spä­ter trotz des Wi­der­stands der FDP, den So­li von 1995 an wie­der zu er­he­ben. Um das Über­le­ben des klei­nen Ko­ali­ti­ons­part­ners bei den Land­tags­wah­len 1996 nicht zu ge­fähr­den, wur­de an­ge­kün­digt, den Satz zu sen­ken. Zu­letzt schei­ter­te der eins­ti­ge FDPPar­tei­chef Phil­ipp Rös­ler im Jahr 2013 mit dem Ver­such, den So­li ab­zu­schaf­fen; die Uni­on war da­ge­gen.

Nun könn­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt helfen, die Steu­er­zah­ler vom So­li zu be­frei­en. Denn die Son­der­ab­ga­be ist – auch wenn sie nicht kom­plett zweck­ge­bun­den ver­wen­det wer­den muss – laut Grund­ge­setz den­noch be­son­ders zu be­grün­den. Da aber der So­li­dar­pakt II 2019 en­det, ent­fällt der Grund. Der Ju­rist Wolf­gang Schäu­b­le ver­such­te schon 2014 mit ei­nem Trick, ei­nem Ve­to aus Karls­ru­he vor­zu­beu­gen. Er woll­te die Ab­ga­be in die Ein­kom­men­steu­er in­te­grie­ren. Der So­li fie­le weg, ein Teil des Gel­des blie­be er­hal­ten. Er schei­ter­te an Horst See­ho­fer.

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