Ka­the­dra­le für Orches­ter

Der ge­plan­te Bau ist ein ge­lun­ge­ner Kom­pro­miss zwi­schen ar­chi­tek­to­ni­schem und mu­si­ka­li­schem An­spruch

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - THEMA DES TAGES - Von gott­fried knapp

Ein Schiff wird kom­men. Man könn­te auch sa­gen: Ei­ne Ka­the­dra­le wächst in den Him­mel hin­auf, ein rie­si­ges Glas­zelt wird über ein Re­gal ge­zo­gen, oder: Auf ei­nem lee­ren Platz wird ein mehr­ge­schos­si­ger Spei­cher er­rich­tet, vi­el­leicht auch nur ein Ge­wächs­haus oder ei­ne Scheu­ne. Der As­so­zia­tio­nen sind vie­le an­ge­sichts der ers­ten Bil­der von je­nem Ge­bäu­de, das in Mün­chen in ab­seh­ba­rer Zeit als Kon­zert­haus auf dem ehe­ma­li­gen In­dus­trie­ge­län­de hin­ter dem Ost­bahn­hof ge­baut wer­den soll.

Der Ge­win­ner des ers­ten Prei­ses bei die­sem Wett­be­werb für das seit 15 Jah­ren er­sehn­te Mu­sik­zen­trum– das ver­gleichs­wei­se jun­ge Ar­chi­tek­ten­team Cu­kro­wicz Nach­baur aus Bre­genz, das in den letz­ten Jah­ren auch in Mün­chen bei meh­re­ren Wett­be­wer­ben für In­sti­tuts­bau­ten er­folg­reich war – hat bei der Su­che nach ei­ner ein­präg­sa­men Au­ßen­form für das Mu­sik­haus im Werks­vier­tel ei­nen be­ein­dru­cken­den Kom­pro­miss ge­fun­den. Ihr Ge­bäu­de wird bei der Fach­welt un­ter­schied­li­che As­so­zia­tio­nen aus­lö­sen – und bei der Be­völ­ke­rung mög­li­cher­wei­se ei­ne Wel­le von Spitz­na­men.

Tat­säch­lich pas­sen al­le na­he­lie­gen­den Be­zeich­nun­gen wie Kir­che, Spei­cher, Ge­wächs­haus oder Zelt et­wa gleich gut oder gleich schlecht zu dem Ge­häu­se, das zwei Kon­zert­sä­le al­ler­höchs­ten An­spruchs, reich­lich Pro­be- und Auf­ent­halts­räu­me für Mu­si­ker, meh­re­re Sä­le für päd­ago­gi­sche Pro­gram­me, gas­tro­no­mi­sche Be­trie­be und Lä­den ent­hal­ten soll. Das neue Kon­zert­haus wird al­so end­lich all das bie­ten, was nach dem Krieg beim Bau des Her­ku­les­saals in der Re­si­denz und dann in den frü­hen Acht­zi­gern beim Bau der Kon­zert­sä­le im Ga­s­teig noch nicht ver­langt wur­de, ja als Wunsch noch kaum be­kannt war, heu­te aber zu den Gr­und­vor­aus­set­zun­gen al­ler Kon­zert­häu­ser ge­hört.

An Mu­sik wird man beim Be­trach­ten des künf­ti­gen Hau­ses al­so nicht un­be­dingt er­in­nert. Aber man ist auch nicht ent­setzt, wenn man er­fährt, dass in die­sem ka­the­dra­len­ar­tig ho­hen und lan­gen Bau mit den walmd­ach­ar­tig leicht ab­ge­schräg­ten Gie­bel­fron­ten die gro­ßen Orches­ter und die bes­ten Kam­mer­mu­si­k­en­sem­bles der Welt gas­tie­ren sol­len. Man muss den Sie­ger­ent­wurf nur mit den bei­den Ent­wür­fen ver­glei­chen, die von der Ju­ry auf die Plät­ze zwei

Da­vid Chip­per­field hat sich wie­der ein­mal bei der An­ti­ke be­dient

und drei ge­ho­ben wur­den, um zu er­ken­nen, wie gut der von den Vor­arl­ber­gern vor­ge­schla­ge­ne ge­schlos­se­ne und glä­ser­ne Schrein sei­nem kul­tu­rel­len An­spruch ge­recht wird. Bei Nacht wird der Bau zum le­ben­dig sich ver­än­dern­den Leucht­kör­per, der mit sei­nen 45 Me­tern Hö­he weit in die Um­ge­bung hin­aus strahlt.

Den zwei­ten Preis hat die von Jörg Fried­rich ge­lei­te­te PFP Pla­nungs Gm­bH in Ham­burg ge­won­nen. Die Ham­bur­ger ha­ben die bei­den Kon­zert­sä­le mit ih­ren da­zu­ge­hö­ren­den Ne­ben­räu­men als Ku­ben so in ei­nem of­fe­nen Stahl­ge­stell über den rest­li­chen Sä­len auf­ge­hängt, dass die Funk­tio­nen räum­lich deut­lich von­ein­an­der ge­trennt sind. Das sieht kon­struk­ti­vis­tisch kühn aus, ist in sei­ner of­fe­nen, raum­ver­schlin­gen­den Struk­tur aber al­len­falls aus der bau­lich ex­trem he­te­ro­ge­nen Werks­um­ge­bung her­aus zu ver­ste­hen. Dass das Münch­ner Mu­sik­pu­bli­kum in die­sen hän­gen­den Ku­ben die er­hoff­ten gro­ßen Mo­men­te er­le­ben wird, die ihm nach Mei­nung der Neu­bauBe­trei­ber bis­lang ver­sagt ge­blie­ben sind, ist schwer vor­stell­bar.

Auch beim in­ter­na­tio­na­len Kul­tur­tem­pel­bau­meis­ter Da­vid Chip­per­field kann man die Qua­li­tä­ten, die sei­nen Ent­wurf auf den drit­ten Platz ge­ho­ben, aber nicht hö­her ge­bracht ha­ben, ge­nau be­nen­nen. Sei­nem klas­si­schen Ide­al ge­mäß hat er wie­der et­was An­ti­kes her­bei­zi­tiert: Er schlägt ei­ne lang­ge­streck­te Stu­fen­py­ra­mi­de vor, de­ren vier Eta­gen ein­heit­lich mit ei­nem Ras­ter aus schma­len Stüt­zen ver­klei­det und un­ter­ein­an­der durch ei­nen an­stei­gen­den Ram­pen­weg, der spi­ral­för­mig bis zur Spit­ze hin­auf­steigt, ver­bun­den sind. Die­se me­so­po­ta­mi­sche Zik­ku­rat hät­te im Quar­tier

Die Roll­trep­pen wer­den wie ein das Haus er­schlie­ßen­des Sche­ren­git­ter aus­se­hen

zwi­schen den auf­ge­putz­ten ehe­ma­li­gen Knö­del- und Pü­ree­fa­bri­ken frag­los Ein­druck ge­macht, doch da Chip­per­field die an­stei­gen­de Be­we­gung sei­ner Au­ßen­spi­ra­le drin­nen im Gro­ßen Kon­zert­saal in den vier Rän­gen nach­klin­gen las­sen will – sie sol­len eben­falls spi­ral­för­mig in ei­ner Auf­wärts­be­we­gung um das Po­di­um und das Par­kett her­um­lau­fen –, hat er sei­nen Ent­wurf in die Sphä­re der Uto­pi­en ver­bannt.

Al­le am Kon­zert­saal­pro­jekt In­ter­es­sier­ten und Be­tei­lig­ten kön­nen al­so mit dem ers­ten Preis sehr zu­frie­den sein. Das Bü­ro Cu­kro­wicz Nach­baur hat vor al­lem die Wün­sche der Mu­si­ker und Kon­zert­ver­an­stal­ter auf idea­le Wei­se er­füllt. Das gan­ze hin­te­re Drit­tel des lang­ge­streck­ten sie­ben­ge­schos­si­gen Baus ist für Pro­be­räu­me, Stimm­zim­mer, Künst­ler­gar­de­ro­ben, Bü­ros und Kan­ti­ne re­ser­viert. Al­le öf­fent­lich zu­gäng­li­chen Räu­me wer­den von der Ein­gangs­front aus er­schlos­sen. Das Erd­ge­schoss, das als So­ckel für den rie­si­gen Glas­sturz wohl et­was zu nied­rig ge­ra­ten ist, soll sich mit Lä­den und ei­nem Ca­fé in die Um­ge­bung hin­aus öff­nen.

Nach Durch­schrei­ten der Por­ta­le be­tre­ten die Be­su­cher das Foy­er, das die ge­sam­te Brei­te ein­nimmt und sich hin­ter der dop­pel­ten Glas­fas­sa­de bis hin­auf zum sechs­ten Ober­ge­schoss er­streckt. Von al­len Eta­gen des Foy­ers aus ha­ben die Be­su­cher al­so Aus­blick auf den Platz und die um­ge­ben­den Bau­ten. Ver­bun­den sind die Stock­wer­ke durch je zwei im Zen­trum an­ge­brach­te Roll­trep­pen. Die über­ein­an­der­lie­gen­den, sich kreu­zen­den Roll­trep­pen wer­den vom Platz aus al­so wie ein das Haus er­schlie­ßen­des Sche­ren­git­ter aus­se­hen.

Ob­wohl Cu­kro­wicz Nach­baur ih­ren glä­ser­nen Dom nach oben schma­ler wer­den las­sen, ha­ben sie den Gro­ßen Kon­zert­saal nach oben un­ter das Dach ver­legt. Der Klei­ne Saal, ei­ne längs­recht­ecki­ge Schuh­schach­tel, die 600 Sitz­plät­ze fasst, ist im Erd­ge­schoss von der Nord­sei­te her zu­gäng­lich und soll mit Hub­po­di­en und Tech­nik­de­cke für die un­ter­schied­lichs­ten Ver­an­stal­tungs­for­men aus­ge­stat­tet wer­den.

Beim Gro­ßen Saal für 1800 Be­su­cher ha­ben sich die Ar­chi­tek­ten auf ei­nen Kom­pro­miss zwi­schen den Gr­und­for­men Schuh­schach­tel und Wein­berg ge­ei­nigt. Die­se Über­gangs­form wird die Ar­beit der Akus­ti­ker deut­lich er­leich­tern. Der lang ge­streck­te Saal mit sei­nen ab­ge­run­de­ten Ecken wei­tet sich zum Po­di­um hin nur ge­ring­fü­gig. Die drei an den Längs­wän­den ent­lang­lau­fen­den Rän­ge en­den nicht vor dem Po­di­um,

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