Mei­ne Stadt, mein Saal

Vie­le Phil­har­mo­ni­en wer­den aus Image­grün­den ge­baut

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - THEMA DES TAGES - Rein­hard j. brem­beck

son­dern um­run­den es so, dass der un­te­re Rang bei gro­ßen Chor-und Orches­ter­kon­zer­ten von den Chö­ren mit­be­nutzt wer­den kann.

Von den Foy­ers aus sind die Rän­ge und das Par­kett, das sich vom vier­ten zum drit­ten Ge­schoss hin­ab­senkt, auf­fäl­lig be­quem zu er­rei­chen. Doch den Tru­bel, der auf den Roll­trep­pen, in den Lif­ten und un­ten im Foy­er, wo al­le We­ge zu­sam­men­lau­fen, aus­bre­chen wird, wenn die Kon­zer­te in bei­den Sä­len gleich­zei­tig en­den oder gar Feu­er­alarm aus­bricht, möch­te man sich lie­ber nicht vor­stel­len.

Man kann dem Münch­ner Kon­zert­haus­pro­jekt nach dem Wett­be­werb al­so mit ei­ni­ger Zu­ver­sicht ent­ge­gen­se­hen. Doch die Zwei­fel, ob es sinn­voll ist, ein Haus, das die Münch­ner Mu­sik­kul­tur auf ein neu­es Ni­veau he­ben soll, auf pri­va­tem Grund zu er­rich­ten, und die Skep­sis, ob der nur über en­ge Tun­nel er­reich­ba­re, al­so psy­cho­lo­gisch wei­ter­hin bru­tal von der Stadt ab­ge­häng­te Ort im Bau­er­war­tungs­land wirk­lich der bes­te ist, der in Mün­chen zu fin­den war, blei­ben auch nach dem Wett­be­werb be­ste­hen. Man muss nur ein­mal le­sen, wie sich die jet­zi­gen Be­trei­ber des Werks­vier­tels auf Bau­zäu­nen die Zu­kunft ih­res Quar­tiers vor­stel­len. Dort steht in frag­wür­di­ger Groß- und Klein­schrei­bung: „Jung, le­cker, Nacht­le­ben, Sport, oran­ge, Fa­mi­lie, Fei­er­abend­bier, Un­ter­hal­tung, Bier, Wein, Kon­zert­haus, ver­wei­len, Raum“. Die­se Fra­ge muss er­laubt sein: Braucht Mün­chen tat­säch­lich solch ein Vier­tel? Was ver­bin­det das Dorf Blai­bach im Baye­ri­schen Wald mit der Mil­lio­nen­me­tro­po­le Pa­ris? Be­vor der Le­ser lan­ge her­um­rät­selt, sei die Ant­wort schnell ver­ra­ten: In bei­den Or­ten wur­de vor et­wa drei Jah­ren ein neu­er Kon­zert­saal er­öff­net. Jetzt pil­gern Klas­sik­freun­de aus Mün­chen re­gel­mä­ßig nach Blai­bach, und die Pa­ri­ser freu­en sich, end­lich ei­nen akus­tisch halb­wegs brauch­ba­ren Saal ihr ei­gen zu nen­nen, in dem man – das war in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt bis­her un­mög­lich – die U-Bahn dar­un­ter nicht rum­peln hört.

Wo­hin man der­zeit blickt, fast übe­r­all wer­den seit Jah­ren neue Kon­zert­sä­le ge­baut: Ko­pen­ha­gen, To­kio, Kat­to­witz, Sankt Pe­ters­burg, Lah­ti, Dal­las, Shang­hai. Al­lein in Deutsch­land wur­den in den letz­ten zwölf Mo­na­ten vier Neu­bau­ten er­öff­net, in Bochum, Ham­burg, Ber­lin und Dres­den. Es ist fast un­mög­lich, ei­ne Stadt oh­ne zu fin­den. Da­bei spielt es kei­ne Rol­le, ob ei­ne Stadt schon ei­nen oder zwei Kon­zert­sä­le hat oder – wie Mün­chen – so­gar über­aus­ge­stat­tet ist.

Selbst Re­kord­kos­ten wer­den durch die in­ter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit ge­recht­fer­tigt

War­um aber wol­len al­le Städ­te ei­nen Kon­zert­saal? Nun, weil man da­mit fast im­mer über­re­gio­nal gro­ße Auf­merk­sam­keit er­re­gen kann. Das hat manch­mal sei­nen Preis. Die Elb­phil­har­mo­nie in Ham­burg hat fast 900 Mil­lio­nen Eu­ro ge­kos­tet, der Bau in Pa­ris 381 Mil­lio­nen. Das sind aber durch Miss­ma­nage­ment er­ziel­te Spit­zen­sum­men. Dass es sehr viel bil­li­ger geht, hat Bochum mit 38 Mil­lio­nen ge­zeigt.

Aber selbst ein Re­kord­preis wie in Ham­burg recht­fer­tigt sich durch die in­ter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit. In der Elb­phil­har­mo­nie wur­den seit der Er­öff­nung im Ja­nu­ar be­reits vier Mil­lio­nen Be­su­cher ge­zählt. Das von dem Ar­chi­tek­ten­bü­ro Her­zog & De Meu­ron ent­wor­fe­ne spek­ta­ku­lä­re Ge­bäu­de ist längst das Wahr­zei­chen der Stadt. Und vor al­lem: Es ver­passt Ham­burg das Flair ei­ner ex­pe­ri­men­tier­freu­di­gen, in­no­va­ti­ven Me­tro­po­le. Das hät­te frü­her wo­mög­lich nicht je­der so­fort mit Ham­burg as­so­zi­iert.

Um die­sen gi­gan­ti­schen Wer­be­ef­fekt zu er­rei­chen, braucht es al­ler­dings ein wirk­lich auf­se­hen­er­re­gen­des Ge­bäu­de. Kon­zert­saal-, Opern­haus- und Mu­se­ums­neu­bau­ten sind des­halb zum Spiel­feld von Star­ar­chi­tek­ten ge­wor­den, die hier ih­re kühns­ten Träu­me aus­le­ben kön­nen. Ih­re städ­ti­schen Auf­trag­ge­ber for­dern das ge­ra­de­zu. Je spek­ta­ku­lä­rer der Bau, des­to hö­her die Auf­merk­sam­keit. Das Opern­haus in Syd­ney und das Gug­gen­heim-Mu­se­um in Bil­bao sind die frü­hes­ten und er­folg­reichs­ten Bei­spie­le für die­se Eye­cat­cherS­tadt­po­li­tik.

Ein Kon­zert­haus hat ge­gen­über ei­nem Mu­se­um oder ei­nem Opern­haus den gro­ßen Vor­teil, dass man für den Be­trieb we­der ei­ne mög­lichst hoch­wer­ti­ge Kunst­samm­lung braucht, noch ei­nen teu­ren Opern­be­trieb fi­nan­zie­ren muss. Die Be­triebs­kos­ten für ein Kon­zert­haus sind re­la­tiv nied­rig. Es braucht oft nur ei­nen fin­di­gen und gut ver­netz­ten In­ten­dan­ten, aber nicht un­be­dingt ein erst­klas­si­ges Orches­ter. Ham­burg ist das bes­te Bei­spiel da­für. In der Elb­phil­har­mo­nie tre­ten nur zwei ei­ge­ne Mit­tel­klas­se­or­ches­ter auf, de­ren De­fi­zi­te durch die schwie­ri­ge Akus­tik erst recht hör­bar wer­den. Aber al­lein um die bes­te Kunst geht es beim Kon­zert­saal­bau eben nicht. Oft zäh­len nur Aus­se­hen und Auf­merk­sam­keit. Die­ser Wett­lauf wird wei­ter­ge­hen.

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