Die Lu­the­rin

„Ver­gnügt, er­löst, be­freit“: Nach fünf Jah­ren en­det Mar­got Käß­manns Zeit als Bot­schaf­te­rin des Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­ums

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Von mat­thi­as dro­bin­ski

Ber­lin – Jetzt gilt es frisch zu sein, die Stim­me freund­lich zu fär­ben und die Sät­ze kurz zu hal­ten. Ein ne­bel­trü­ber Ber­li­ner Ok­to­ber­mor­gen mit der Aus­strah­lung ei­nes To­ten­sonn­tags wa­bert vorm Bü­ro­fens­ter, doch da ist die­se su­per­mun­te­re Ra­dio-Mo­de­ra­to­rin am Te­le­fon, die den Leu­ten da drau­ßen ein biss­chen was über Mar­tin Lu­ther und die­ses Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um ver­mit­teln will, drei Mi­nu­ten hat sie Zeit.

„Hal­lo, Frau Käß­mann!“Hal­lo. Was be­son­ders ist an die­sem Fest? Dass es nicht na­tio­na­lis­tisch und an­ti-ka­tho­lisch ge­fei­ert wird wie frü­her, son­dern ge­mein­sam mit al­len Chris­ten aus al­ler Welt. Und Lu­ther? Die deut­sche Spra­che hat er ge­prägt, Wör­ter wie „Lü­cken­bü­ßer“oder „Geiz­hals“er­fun­den. Soll­te es den frei­en Re­for­ma­ti­ons­tag nicht je­des Jahr ge­ben? Ja, es ist wich­tig zu wis­sen, was die Wur­zeln und Tra­di­tio­nen ei­nes Lan­des sind. Aber geht das nicht un­ter, wenn al­le Hal­lo­ween fei­ern, was doch viel mo­der­ner ist? Mar­got Käß­mann ver­dreht die Au­gen. „Was soll am Geis­ter­glau­ben mo­dern sein?“, fragt sie zu­rück. Lu­ther ha­be den Men­schen die Angst vor Geis­tern neh­men wol­len.

Fünf Jah­re lang war das die Auf­ga­be von Mar­got Käß­mann, der Re­for­ma­ti­ons­jahrsBot­schaf­te­rin der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land (EKD): Mar­tin Lu­thers Bot­schaft in ei­ne Welt über­set­zen, der die­ser Lu­ther fern ist, sein Kampf ge­gen den Ablass fremd, sei­ne Höl­len­angst un­ver­ständ­lich. Sie soll ein Er­eig­nis von vor 500 Jah­ren ins Heu­te über­set­zen, und zwar so, dass die His­to­ri­ker nicht auf­schrei­en, die Ra­dio­mo­de­ra­to­rin zu­frie­den ist und die Tra­di­ti­ons­lu­the­ra­ner auch. Ei­ne gro­ße Auf­ga­be. Sie hat Käß­mann auf ei­ne klei­ne neu­see­län­di­sche In­sel an der Da­tums­gren­ze ge­führt, wo sie das Re­for­ma­ti­ons­jahr 2017 be­grüß­te, in die USA, nach Chi­na, Ban­gla­desch, fast über­all­hin, wo ein paar Lu­the­ra­ner le­ben, die zum Ju­bel­jahr Be­such aus der Hei­mat der Re­for­ma­ti­on wünsch­ten, auch wenn man­cher Pas­tor oder Bi­schof schluck­te, dass da ei­ne Frau kam, noch da­zu ei­ne, die mal Bi­schö­fin war.

Vor ein paar Ta­gen war sie auf Mallor­ca und pre­dig­te in der voll be­setz­ten Ka­the­dra­le von Pal­ma

Vor ein paar Ta­gen ist sie noch ein­mal auf Mallor­ca ge­we­sen, hat in der voll be­setz­ten Ka­the­dra­le von Pal­ma ge­pre­digt, die deut­sche Ge­mein­de ge­trof­fen. Sie hat per­sön­lich und oh­ne Kir­chen­funk­tio­närs­ge­schwur­bel ge­re­det und aus ih­rem Buch vor­ge­le­sen: „Sor­ge dich nicht, See­le“. Sor­ge dich nicht, See­le – das ist der Ton, den ih­re Fans so lie­ben und der ih­re Kri­ti­ker nervt, die über die „Käß­man­ni­sie­rung“der evan­ge­li­schen Kir­che grum­meln. Dar­über kann sie la­chen; we­ni­ger über die se­xis­ti­schen, is­lam- und aus­län­der­feind­li­chen Brie­fe, die sie er­rei­chen.

Heu­te ist es eher ein Grau­brot­tag im Le­ben der Re­for­ma­ti­ons­bot­schaf­te­rin: sie­ben In­ter­views und ei­ne Po­di­ums­dis­kus­si­on am Abend. Der Re­for­ma­ti­ons­tag 2017 steht an, die Takt­zahl der sich wie­der­ho­len­den Sät­ze steigt. Kurz nach elf Uhr ist es, wenn sie jetzt nichts isst, wird das vor heu­te Abend nichts mehr. Schnell die Ja­cke übers rost­brau­ne Etuikleid und vom Gen­dar­men­markt, wo sie ihr Bü­ro hat, zu Fuß ins Ca­fé Ein­stein. Zeit für ei­ne Bi­lanz.

Noch ein­mal und mit neu­em Er­schre­cken hat sie Lu­thers an­ti­se­mi­ti­sche Schrif­ten ge­le­sen

Als 2011 die Re­for­ma­ti­ons­de­ka­de noch jung war und un­be­kannt im Land, dach­ten sie bei der EKD: Die­ses Ju­bi­lä­um braucht ein Ge­sicht. Und es gab ja ein Ge­sicht, je­man­den der nach tie­fer Kri­se ei­ne ad­äqua­te Be­schäf­ti­gung brauch­te: Mar­got Käß­mann. Im No­vem­ber 2009 war die Bi­schö­fin von Han­no­ver Rats­vor­sit­zen­de der Evan­ge­li­schen Kir­che ge­wor­den, die ers­te Frau an der Spit­ze des deut­schen Pro­tes­tan­tis­mus, Mut­ter von vier Kin­dern, die öf­fent­lich über ih­re Le­bens­kri­sen re­de­te, die Brust­krebs­er­kran­kung, die Schei­dung. Ei­ne Re­vo­lu­ti­on schien sich da an­zu­bah­nen. Doch dann kam die Al­ko­hol­fahrt, auf der sie die Po­li­zei er­wisch­te, der Rück­tritt, ei­ne Aus­zeit. Nun schien die Zeit ge­kom­men, die pro­mi­nen­te Kir­chen­frau zu re­inte­grie­ren. Die Stel­le der Re­for­ma­ti­ons­bot­schaf­te­rin wur­de ge­schaf­fen, mit Se­kre­tä­rin, As­sis­ten­tin, ei­nem klei­nen Bü­ro am En­de des Gan­ges in der Ber­li­ner Ver­tre­tung der in Han­no­ver re­si­die­ren­den EKD.

Sie ha­be ge­zö­gert, das An­ge­bot an­zu­neh­men, sagt sie. Es gab ge­gen­sei­ti­ge Ver­let­zun­gen und Ent­täu­schun­gen, und lo­cker hät­te sie als Pro­fes­so­rin, Au­to­rin, Vor­trags­rei­sen­de le­ben kön­nen. Mar­got Käß­mann ließ sich ein­bin­den, doch die gro­ße Lie­be wur­de es nicht mehr zwi­schen den Spit­zen der EKD und ih­rer Lu­ther­bot­schaf­te­rin; sprach man in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mit den ver­schie­de­nen Be­tei­lig­ten jen­seits der of­fi­zi­el­len State­ments of­fen­bar­te sich eher ein Ne­ben­ein­an­der: Je­der ar­bei­te­te auf sei­ne Wei­se fürs gro­ße Ju­bi­lä­um.

Es sei ei­ne gu­te und rich­ti­ge Ent­schei­dung ge­we­sen, sagt sie nun im Ca­fé Ein­stein, „es war ei­ne Ar­beit in gro­ßer Frei­heit und mit vie­len Be­geg­nun­gen.“Und sie ha­be da­zu bei­tra­gen wol­len, dass die­ses Re­for­ma­ti­ons­fest an­ders ge­fei­ert wür­de als frü­he­re Lu­ther-Ju­bi­lä­en. Sie las noch ein­mal und mit neu­em Er­schre­cken die an­ti­se­mi­ti­schen Schrif­ten Lu­thers und schau­dernd die deutsch­na­tio­na­len Elo­gen des His­to­ri­kers Hein­rich von Treitsch­ke: „Nur deut­sches Blut kann Lu­ther be­grei­fen.“Mit Freu­de ent­deck­te sie da­ge­gen in Lu­thers Brie­fen den sen­si­blen Seel­sor­ger und Va­ter, der für sei­ne Kin­der das Weih­nachts­lied „Vom Him­mel hoch, da komm’ ich her“dich­te­te. Die­sen men­schen­freund­li­chen Lu­ther woll­te sie ver­mit­teln und sei­ne Er­kennt­nis, dass Got­tes Gna­de al­len gel­te, auch dem Flücht­ling, den Kran­ken und Al­ten – oh­ne die Ab­grün­de zu ver­schwei­gen. In Hong­kong zum Bei­spiel sei das auf Un­ver­ständ­nis ge­sto­ßen: Dass ei­ner ab­grün­dig und groß­ar­tig zugleich sein kann, Sün­der und Ge­rech­ter in ei­nem, sei vie­len Chi­ne­sen un­vor­stell­bar.

Die Zeit drängt, der Plan im ARD-Hör­funk­stu­dio ist durch­ge­tak­tet: Hes­si­scher Rund­funk, Saar­län­di­scher Rund­funk, Süd­west­rund­funk, Nord­deut­scher Rund­funk, und dann geht’s zum ZDF. Beim HR darf sie sich Mu­sik wün­schen, der saar­län­di­sche Rund­funk fragt bis­sig, beim SWR wird es in­tel­lek­tu­ell, beim NDR lo­cker­flo­ckig. Käß­mann ant­wor­tet im je­weils ge­wünsch­ten Ton: Noch nie war es so öku­me­nisch, in­ter­na­tio­nal und selbst­kri­tisch, das Fest. Ir­gend­wann aber sind die Fra­ge­stel­ler beim Punkt: Wie war das in Wit­ten­berg, Frau Käß­mann? Mit den Lü­cken auf der Fest­wie­se beim Kir­chen­tag, der Lee­re zum Be­ginn der so ehr­gei­zig ge­plan­ten Welt­aus­stel­lung Re­for­ma­ti­on? Die Re­for­ma­ti­ons­bot­schaf­te­rin soll er­klä­ren, war­um das Fest da­heim doch nicht in der Brei­te beim Volk an­ge­kom­men ist. Wa­ren gar statt der of­fi­zi­ell ge­mel­de­ten 120 000 Men­schen nur 70 000 auf der Wit­ten­ber­ger Elb­wie­se? Kurz wirkt Käß­mann ge­reizt. Ja, zäh sei al­les los­ge­gan­gen, aber am En­de sei es rich­tig gut ge­we­sen bei der Welt­aus­stel­lung – und voll. Es hät­ten halt mehr die klei­nen, per­sön­li­chen For­men ge­wirkt, die Ge­sprä­che, Be­geg­nun­gen. Und ir­gend­wel­che Zah­len brau­che man doch, um zu pla­nen, oder?

Noch ei­ne hal­be St­un­de bis zur Po­di­ums­dis­kus­si­on. Wie­der wird es um den Er­trag des Jah­res ge­hen, Ge­sprächs­part­ner ist auch Olaf Zim­mer­mann, der Ge­schäfts­füh­rer des Deut­schen Kul­tur­rats; er wirft der evan­ge­li­schen Kir­che vor, das Ju­bi­lä­um zu sehr für die ei­ge­ne Pro­fi­lie­rung ge­nutzt und zu we­nig für die Zi­vil­ge­sell­schaft ge­öff­net zu ha­ben. Sie wird wie­der da­ge­gen­hal­ten: Noch nie war ein Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um so of­fen, in­ter­na­tio­nal selbst­kri­tisch. Ein müh­sa­mes Ge­schäft; deut­schen Re­si­den­ten in Mallor­ca Lu­ther na­he zu brin­gen ist be­deu­tend an­ge­neh­mer.

Bei Sub­way ist we­nig los, die Re­for­ma­ti­ons­bot­schaf­te­rin or­dert ein Sand­wich zum Mit­neh­men, ge­ges­sen wird im Bü­ro, das schon den Geist des Aus­räu­mens at­met. Mit­te De­zem­ber ist Schluss hier, Mar­got Käß­manns letz­ter Ar­beits­tag wird der 30. Ju­ni 2018 sein. Und dann? „Dann bin ich 60 – und dann ist Schluss.“Sie hat ein Haus auf Use­dom, dort, wo die In­sel nur ein schma­ler Land­strei­fen ist. Die Ren­ten­ab­schlä­ge neh­me sie in Kauf, es gibt vier En­kel, es lockt die Frei­heit, zu re­den und zu schrei­ben, was sie mag. „Ich war jetzt 35 Jah­re ei­ne öf­fent­li­che Per­son, sagt sie, „jetzt ist es gut“. Mar­got Käß­mann als öf­fent­li­che Per­son soll es dann nicht mehr ge­ben. Wie das sein wird, oh­ne Rei­sen, Vor­trä­ge, Me­dien­echo? Sie zi­tiert, wen sonst, Mar­tin Lu­ther: „ver­gnügt, er­löst, be­freit“.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.