Er­doğans Ra­che

Tür­ki­schen Aka­de­mi­kern in Deutsch­land droht Mas­sen­an­kla­ge we­gen Ter­ror­ver­dachts

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - G. heil, r. pin­kert, r. stein­ke

– Je mehr Re­gie­rungs­kri­ti­ker aus der Tür­kei Zuflucht in Deutsch­land fin­den, des­to mehr wird die Bun­des­re­pu­blik zum Schau­platz von de­ren Ver­fol­gung. Nun kün­digt sich ei­ne Wel­le neu­er Straf­ver­fah­ren an. Be­trof­fen sind tür­ki­sche Aka­de­mi­ker, die in Deutsch­land le­ben. Die Staats­an­walt­schaft in der Tür­kei will nach In­for­ma­tio­nen von Süd­deut­scher Zei­tung, NDR und WDR in Deutsch­land le­ben­de tür­ki­sche Wis­sen­schaft­ler und In­tel­lek­tu­el­le we­gen „Pro­pa­gan­da für ei­ne Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on“an­kla­gen. Nach An­ga­ben von Be­trof­fe­nen sind es et­wa 100 Per­so­nen.

Die Aka­de­mi­ker ge­hö­ren zu den ins­ge­samt 1128 Un­ter­zeich­nern ei­nes of­fe­nen Briefs an die tür­ki­sche Re­gie­rung, mit dem sie sich ge­gen die tür­ki­sche Po­li­tik in den Kur­den­ge­bie­ten wand­ten. Zu ih­nen zäh­len et­wa der So­zio­lo­ge Muz­af­fer Ka­ya, der heu­te mit Un­ter­stüt­zung ei­nes Sti­pen­di­en­pro­gramms an der TU Ber­lin lehrt, so­wie die Rechts­wis­sen­schaft­le­rin Zeynep Kıvıl­cım, die seit Sep­tem­ber Fel­low des Wis­sen­schafts­kol­legs in Ber­lin ist und Lehr­auf­trä­ge an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät und der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen hat.

Der of­fe­ne Brief an die tür­ki­sche Re­gie­rung war An­fang 2016 als „Frie­dens­ap­pell“in der Tür­kei ver­öf­fent­licht wor­den. Da­rin hat­ten die Un­ter­zeich­ner das har­te Vor­ge­hen der tür­ki­schen Si­cher­heits­kräf­te in kur­di­schen Sied­lungs­ge­bie­ten En­de 2015 als „Ver­nich­tungs- und Ver­trei­bungs­po­li­tik“be­zeich­net. „Wir, die Aka­de­mi­ker und Wis­sen­schaft­ler die­ses Lan­des, wer­den an die­sem Ver­bre­chen nicht teil­ha­ben!“, schrie­ben sie.

Der tür­ki­sche Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­doğan hat­te die Un­ter­zeich­ner dar­auf­hin im Fern­se­hen als Sym­pa­thi­san­ten kur­di­scher Ter­ro­ris­ten dar­ge­stellt. Vie­le von ih­nen hat­ten ih­re Stel­len an Uni­ver­si­tä­ten ver­lo­ren, so auch Zeynep Kıvıl­cım. Der So­zio­lo­ge Muz­af­fer Ka­ya war als ei­ner der Initia­to­ren des „Ap­pells“knapp sechs Wo­chen lang in­haf­tiert wor­den. An­schlie­ßend ging er nach Deutsch­land.

Nun fol­gen die An­kla­gen. Nach An­ga­ben von Be­trof­fe­nen ha­ben min­des­tens fünf der nach Deutsch­land Ge­flo­he­nen die An­kla­ge be­reits in den ver­gan­ge­nen Ta­gen er­hal­ten. Die üb­ri­gen Un­ter­zeich­ner soll­ten sich eben­falls dar­auf ein­stel­len, ließ die Staats­an­walt­schaft An­wäl­te wis­sen. Man ver­schi­cke lau­fend wei­te­re der stets wort­glei­chen An­kla­ge­schrif­ten. In der Tür­kei sol­len be­reits mehr als 100 der ins­ge­samt 1128 Un­ter­zeich­ner sol­che er­hal­ten ha­ben.

In der An­kla­ge­schrift heißt es, der „so­ge­nann­te Frie­dens-Auf­ruf“von An­fang 2016 tra­ge „den Cha­rak­ter der of­fe­nen Pro­pa­gan­da für die Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on PKK“. Der Vor­wurf be­zieht sich al­lein auf die Pu­bli­ka­ti­on, nicht auf Ge­walt oder an­de­re De­lik­te. Der zu­stän­di­ge Ober­staats­an­walt in Istan­bul wirft den Un­ter­zeich­nern vor, sie hät­ten be­ab­sich­tigt, den tür­ki­schen Staat durch ih­re Wor­te als „il­le­gi­ti­me, zer­stö­ren­de Kraft“dar­zu­stel­len so­wie Ge­walt durch die PKK zu le­gi­ti­mie­ren. Nach tür­ki­schem Recht dro­hen für Ter­ror-Pro­pa­gan­da bis zu sie­ben­ein­halb Jah­re Haft.

Bei Ter­ror-Vor­wür­fen aus An­ka­ra herrscht an deut­schen Ge­rich­ten er­höh­te Skep­sis

Ei­ne Aus­lie­fe­rung an die Tür­kei droht den Be­trof­fe­nen wohl nicht. Falls die Tür­kei dar­um er­sucht, ent­schei­det in Deutsch­land das ört­lich zu­stän­di­ge Ober­lan­des­ge­richt. Dort ist man aber sehr vor­sich­tig ge­wor­den. Bei Ter­ror-Vor­wür­fen aus der Tür­kei herrscht er­höh­te Skep­sis, seit­dem die tür­ki­sche Re­gie­rung da­mit an­geb­li­che Un­ter­stüt­zer der Gü­len-Be­we­gung in gro­ßer Zahl ver­folgt. Au­ßer­dem gel­ten die Haft­be­din­gun­gen in der Tür­kei seit dem Putsch­ver­such am 15. Ju­li 2016 und der dar­auf fol­gen­den Re­pres­si­ons­wel­le vie­ler­orts als pro­ble­ma­tisch. Zu­letzt ha­ben Rich­ter in Köln, Ber­lin und Mün­chen des­halb un­ter Hin­weis auf die eu­ro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on fest­ge­stellt, dass man nicht in die Tür­kei aus­lie­fern kön­ne.

Prak­tisch droht den in Deutsch­land le­ben­den Wis­sen­schaft­lern al­so zu­nächst, dass sie von der Tür­kei in­ter­na­tio­nal zur Fahn­dung aus­ge­schrie­ben wer­den. Von die­sem Zeit­punkt an könn­ten sie nicht mehr ge­fahr­los ver­rei­sen. Ei­ne Ver­ur­tei­lung in Ab­we­sen­heit ist nach tür­ki­schem Recht zwar auch mög­lich, in der Pra­xis aber wei­ter­hin sel­ten.

Am 5. De­zem­ber soll in Istan­bul der ers­te Pro­zess ge­gen ei­nen der 1128 Un­ter­zeich­ner des „Frie­dens­ap­pells“be­gin­nen, sagt ein mit den Ver­fah­ren ver­trau­ter An­walt – ge­gen ei­nen Aka­de­mi­ker, der in der Tür­kei ge­blie­ben ist. Die Staats­an­walt­schaft setzt auf se­pa­ra­te Ver­fah­ren. Je­der Be­schul­dig­te soll ein­zeln vor Ge­richt kom­men. Dass sich die­se An­kla­gen auch ge­gen in Deutsch­land le­ben­de Wis­sen­schaft­ler rich­ten, könn­te das deutsch-tür­ki­sche Ver­hält­nis, das sich gera­de durch die Frei­las­sung des Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten Pe­ter Steudt­ner zu ent­span­nen schien, er­neut be­las­ten.

FO­TO: OLI­VER BERG/DPA

Geg­ner von Prä­si­dent Er­doğan – hier ei­ne De­mons­tra­ti­on in Köln – ge­ra­ten auch in Deutsch­land im­mer stär­ker ins Vi­sier der tür­ki­schen Be­hör­den.

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