Neue Par­tei­en, al­te Ge­sich­ter

Nach der Wahl steht Is­land vor schwie­ri­ger Re­gie­rungs­bil­dung

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Sil­ke bi­gal­ke

Stock­holm – Beim letz­ten Mal ha­ben sie län­ger als zwei Mo­na­te ge­braucht, um in Is­land ei­ne Re­gie­rung zu bil­den – die dann kaum neun Mo­na­te ge­hal­ten hat. Nach der Wahl am Sams­tag könn­te es er­neut schwie­rig wer­den, ei­ne sta­bi­le Mehr­heit zu fin­den. Das Wah­l­er­geb­nis lässt of­fen, wer bes­se­re Chan­cen hat: der kon­ser­va­ti­ve Pre­mier­mi­nis­ter Bjar­ni Be­ne­diktsson oder Op­po­si­ti­ons­füh­re­rin Ka­trin Ja­kobs­dot­tir, die ein Mit­te-links-Bünd­nis an­strebt.

Es heißt, die Is­län­der hät­ten ih­re Re­gie­rung ab­ge­straft. Das ist rich­tig, weil al­le Re­gie­rungs­par­tei­en Stimmen ver­lo­ren ha­ben. Doch die­se Ko­ali­ti­on war ei­ne un­ge­wöhn­li­che: Bjar­ni Be­ne­diktsson wur­de Pre­mier, ob­wohl er vom Skan­dal um die Pa­na­ma Pa­pers an­ge­schla­gen war. Er re­gier­te mit der Re­form­par­tei, die sich zu­vor von sei­ner Par­tei ab­ge­spal­ten hat­te. Und er re­gier­te mit der Par­tei „Hel­le Zu­kunft“, die einst Geg­ner sei­ner Re­gie­rung ge­we­sen war. Der Skan­dal um Be­ne­diktssons Va­ter, der sich für ei­nen Se­xu­al­straf­tä­ter ein­ge­setzt hat­te, war nur der letz­te Trop­fen in ein vol­les Fass. Die Par­tei „Hel­le Zu­kunft“ver­ließ die Ko­ali­ti­on und ver­lässt nun auch das Par­la­ment: Am Sams­tag schaff­te sie es nicht über die Fünf-Pro­zent-Hür­de.

Der skan­dal­ge­schüt­tel­te Pre­mier kam glimpf­lich da­von, die Su­che nach Part­nern wird kom­pli­ziert

Pre­mier Bjar­ni Be­ne­diktsson kam glimpf­lich da­von. Mit­ten im Wahl­kampf kam her­aus, dass er wäh­rend der Fi­nanz­kri­se mehr Kon­takt zur Glit­nir-Bank hat­te, als be­kannt ge­we­sen war, und dass er und sei­ne Fa­mi­lie vor dem Crash gro­ße Sum­men aus ei­nem Fonds der Bank ab­zo­gen hat­ten. Sei­ne Par­tei hat fünf Sit­ze ver­lo­ren, bleibt mit 16 Ab­ge­ord­ne­ten je­doch stärks­te Frak­ti­on. Ob Be­ne­diktsson Pre­mier blei­ben kann, kommt auf mög­li­che Part­ner an.

Denn auch sei­ne Ge­gen­kan­di­da­tin Ka­trin Ja­kobs­dot­tir hat mit der Wunsch­ko­ali­ti­on aus ih­rer Links-Grü­nen Be­we­gung, den So­zi­al­de­mo­kra­ten und den Pi­ra­ten kei­ne Mehr­heit er­reicht. Die drei Par­tei­en kom­men auf 24 der er­for­der­li­chen 32 Sit­ze. Al­lein die Pi­ra­ten ha­ben vier ih­rer zehn Man­da­te ver­lo­ren, weil sie kaum noch als Pro­test-Par­tei wahr­nehm­bar wa­ren. Zu­dem sind drei der acht Par­tei­en im Par­la­ment jün­ger als die Pi­ra­ten – so wech­sel­haft ist der­zeit die is­län­di­sche Po­li­tik.

Das Par­la­ment hat nun mehr Frak­tio­nen als je zu­vor, doch hin­ter zwei der neu­en Par­tei­en ste­cken al­te Kräf­te. Vor ei­nem Mo­nat grün­de­te der frü­he­re Pre­mier­mi­nis­ter Sig­mun­dur Da­víð Gunn­laugs­son, der 2016 we­gen ei­ner Brief­kas­ten­fir­ma zu­rück­tre­ten muss­te, die Zen­trums­par­tei und er­hielt knapp 11 Pro­zent der Stimmen. Mit der Neu­grün­dung spal­te­te er die Fort­schritts­par­tei, der er zu­vor an­ge­hör­te, wie sich 2016 schon die Un­ab­hän­gig­keits­par­tei von Be­ne­diktsson ge­spal­ten hat­te. Aus den bei­den al­ten kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en, die Is­land die meis­te Zeit re­giert ha­ben, sind so vier ge­wor­den. Wür­den sie sich zu­sam­men­rau­fen, hät­ten sie ei­ne Mehr­heit – und al­les wä­re fast so wie im­mer.

Op­po­si­ti­ons­füh­re­rin Ka­trin Ja­kobs­dot­tir da­ge­gen hofft, dass sich die Fort­schritts­par­tei oh­ne ih­ren Skan­dal be­haf­te­ten Chef Gunn­laugs­son dem Mit­te-links-Bünd­nis an­schließt. Zu­vor muss der is­län­di­sche Prä­si­dent Guð­ni Jóhan­nes­son ent­schei­den, wem er nun den Auf­trag gibt, ei­ne Re­gie­rung zu bil­den – oder es zu zu­min­dest zu ver­su­chen.

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