De­mons­tran­ten for­dern Ein­heit Spa­ni­ens

In Ma­drid und Barcelona be­kun­den Hun­der­tau­sen­de ih­re Un­ter­stüt­zung für die Zwangs­maß­nah­men Ma­drids. Sie drin­gen auf die Fest­nah­me des bis­he­ri­gen ka­ta­la­ni­schen Re­gio­nal­prä­si­den­ten Carles Pu­ig­de­mont

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Von tho­mas ur­ban

Ma­drid – Die Ver­tei­di­ger der Ein­heit des Kö­nig­reichs Spa­ni­ens ha­ben das Wo­che­n­en­de nach der Ab­set­zung der ka­ta­la­ni­schen Re­gio­nal­re­gie­rung durch Pre­mier­mi­nis­ter Ma­ria­no Ra­joy zu ei­ner Macht­de­mons­tra­ti­on ge­nutzt. In Barcelona be­kun­de­ten am Sonn­tag meh­re­re Hun­dert­tau­send De­mons­tran­ten mit spa­ni­schen und ka­ta­la­ni­schen Fah­nen ih­re Un­ter­stüt­zung für die Zwangs­maß­nah­men Ma­drids ge­gen die Re­gio­nal­re­gie­rung. Be­reits am Vor­tag wa­ren Zehn­tau­sen­de Un­ter­stüt­zer Ra­joys in Ma­drid auf die Stra­ße ge­gan­gen. Auf Spruch­bän­dern for­der­ten sie die Fest­nah­me des bis­he­ri­gen ka­ta­la­ni­schen Re­gio­nal­prä­si­den­ten Carles Pu­ig­de­mont, der am Frei­tag­abend die Un­ab­hän­gig­keit der In­dus­trie- und Tou­ris­mus­re­gi­on im Nord­os­ten Spa­ni­ens aus­ge­ru­fen hat­te. Wie er­war­tet gab post­wen­dend der Se­nat, das Ober­haus des spa­ni­schen Par­la­ments, Ra­joy grü­nes Licht für die Auf­he­bung der au­to­no­men Rech­te der Re­gi­on. Ar­ti­kel 155 der Ver­fas­sung ver­bie­tet die Ab­spal­tung ei­ner Re­gi­on. Die Re­gie­rungs­ge­schäf­te Ka­ta­lo­ni­ens führt kom­mis­sa­risch bis zu Neu­wah­len am 21. De­zem­ber sei­ne Stell­ver­tre­te­rin Sora­ya Sáenz de Santa­ma­ría.

Al­ler­dings er­klär­ten Pu­ig­de­mont und sein Ver­tre­ter Ori­ol Jun­queras, ih­re Ab­set­zung sei ein „Staats­streich“und recht­lich un­wirk­sam. Bei­de rie­fen die Be­völ­ke­rung Ka­ta­lo­ni­ens zu „pas­si­vem Wi­der­stand“ge­gen die An­ord­nun­gen aus Ma­drid auf, er­läu­ter­ten aber nicht, wel­che For­men die­ser Wi­der­stand an­neh­men könn­te. Jun­queras ließ in meh­re­ren In­ter­views of­fen, ob die von ihm ge­führ­ten Links­re­pu­bli­ka­ner (ERC) nicht doch bei den Wah­len am 21. De­zem­ber an­tre­ten wür­den. Da­mit wür­den fak­tisch die Zwangs­maß­nah­men Ma­drids an­er­kannt. Auch Pu­ig­de­mont ver­zich­te­te dar­auf, sei­ne An­hän­ger zur Blo­cka­de von Re­gie­rungs­ge­bäu­den auf­zu­for­dern, da­mit Kon­trol­leu­re aus Ma­drid sie nicht be­tre­ten kön­nen. Dies hat­ten von ihm Ab­ge­ord­ne­te der links­ra­di­ka­len „Kan­di­da­tur der Volks­ein­heit“(CUP) ge­for­dert, de­ren Frak­ti­on das Ka­bi­nett Pu­ig­de­mont bei sei­nem Se­zes­si­ons­kurs un­ter­stützt hat­te.

Ge­teil­ter Mei­nung sind die spa­ni­schen Me­di­en über die Er­nen­nung der Vi­ze­pre­mier­mi­nis­te­rin Sáenz de Santa­ma­ría zur obers­ten Kon­trol­leu­rin in Barcelona. Die Ver­trau­te Ra­joys war seit An­fang 2016 des­sen Kri­sen­ma­na­ge­rin für Ka­ta­lo­ni­en. Bis da­hin war sie Re­gie­rungs­spre­che­rin und hat für den öf­fent­lich­keits­scheu­en Re­gie­rungs­chef man­ches Re­de­du­ell im Par­la­ment ge­won­nen. Die nur 1,55 Me­ter gro­ße Po­li­ti­ke­rin, die aus al­tem kas­ti­li­schen Adel stammt, ist schlag­fer­tig und kann sehr scharf at­ta­ckie­ren. Sie steht für den Mo­der­ni­sie­rungs­kurs, den Ra­joy in der kon­ser­va­ti­ven Volks­par­tei (PP) durch­ge­setzt hat; zu ih­rer Amts­ein­füh­rung hat­te sie zum Ver­druss man­cher Par­tei­freun­de nicht auf die Bi­bel, son­dern auf die Ver­fas­sung ge­schwo­ren. Auch strei­tet sie im­mer wie­der ge­gen die Ma­cho-Tra­di­tio­nen in der spa­ni­schen Po­li­tik. Als sie nach der Ge­burt ih­res Soh­nes vor sechs Jah­ren auf den Mut­ter­schutz ver­zich­te­te, zog sie sich al­ler­dings den Zorn von Frau­en­recht­le­rin­nen zu.

In Barcelona hat­te man vor knapp zwei Jah­ren, als sie die Ka­ta­lo­ni­en-Be­auf­trag­te der spa­ni­schen Re­gie­rung wur­de, die Hoff­nung, dass es ihr ge­lin­gen könn­te, den Kon­flikt zu ent­schär­fen. Wäh­rend Ra­joy jeg­li­che Zu­ge­ständ­nis­se an Barcelona vor al­lem beim um­strit­te­nen re­gio­na­len Fi­nanz­aus­gleich ab­ge­lehnt hat­te, er­klär­te sie da­mals: „Es gibt vie­les, was wir be­rich­ti­gen müs­sen. Wir müs­sen mehr auf­ein­an­der hö­ren.“Doch dann fand sie kei­ne ge­mein­sa­me Spra­che mit der neu­en Re­gio­nal­re­gie­rung un­ter Pu­ig­de­mont; bei­de Sei­ten war­fen sich Stur­heit vor. Sora­ya Sáenz de Santa­ma­ría spar­te nicht mit schar­fen Wor­ten an die Adres­se Bar­ce­lo­nas, die dort wie­der­um als her­ab­set­zend und be­lei­di­gend emp­fun­den wur­den. In ei­ner ak­tu­el­len Dis­kus­si­on des ka­ta­la­ni­schen Sen­ders TV3 wa­ren sich die Teil­neh­mer ei­nig, dass sie „die fal­sches­te Per­son“auf die­sem Pos­ten sei, falls Ma­drid dar­an ge­le­gen sei, die La­ge zu ent­span­nen und Brü­cken zu bau­en. Falls aber Ra­joy mit Blick auf die Wah­len am 21. De­zem­ber die Ge­sell­schaft wei­ter po­la­ri­sie­ren möch­te, so sei sie rich­tig am Platz. Nach ei­ner Um­fra­ge im Auf­trag der kon­ser­va­ti­ven Ma­dri­der Ta­ges­zei­tung El Mun­do wür­den die drei Par­tei­en, die für die Un­ab­hän­gig­keit Ka­ta­lo­ni­ens ein­tre­ten, bei den Wah­len spür­ba­re Ein­bu­ßen hin­neh­men müs­sen. Hat­ten sie bei den Re­gio­nal­wah­len 2015 ge­mein­sam knapp 48 Pro­zent der Stimmen er­langt, so la­gen sie ver­gan­ge­ne Wo­che bei ei­ner Um­fra­ge le­dig­lich bei 42.

Die Ge­schäfts­welt Bar­ce­lo­nas war in kei­ner Wei­se an der gro­ßen Kon­fron­ta­ti­on in­ter­es­siert

Die Ver­tei­di­ger der Ein­heit Spa­ni­ens lä­gen leicht vorn. Die stärks­te Frak­ti­on wür­den al­ler­dings die von Jun­queras ge­führ­ten Links­re­pu­bli­ka­ner stel­len, ei­ne 130 Jah­re al­te Par­tei, die be­reits 1934 mit der Pro­kla­ma­ti­on der Re­pu­blik Ka­ta­lo­ni­en ge­schei­tert ist und wäh­rend der Fran­co-Dik­ta­tur ver­bo­ten war. Hin­ge­gen wür­de die Ka­ta­la­ni­sche Eu­ro­päi­sche De­mo­kra­ti­sche Par­tei (PDeCat), der Pu­ig­de­mont an­ge­hört, un­ter zehn Pro­zent blei­ben. In den Rei­hen der li­be­ral­kon­ser­va­ti­ven PDeCat, die sich auf die Ge­schäfts­welt in Barcelona stüt­zen kann, war in den ver­gan­ge­nen Wo­chen zu­neh­mend Kri­tik an Pu­ig­de­mont laut ge­wor­den; in Wirt­schafts­krei­sen war man in kei­ner Wei­se an der gro­ßen Kon­fron­ta­ti­on in­ter­es­siert, zu der der Kurs der Re­gio­nal­re­gie­rung ge­führt hat­te. Der ka­ta­la­ni­sche Un­ter­neh­mer­ver­band be­grüß­te am Wo­che­n­en­de die „Maß­nah­men zur Wie­der­her­stel­lung von Rechts­si­cher­heit“, die Ra­joy an­ge­kün­digt hat­te.

FO­TO: YVES HER­MAN/REU­TERS

Hun­dert­tau­sen­de Men­schen gin­gen am Sonn­tag in Barcelona mit spa­ni­scher und ka­ta­la­ni­scher Flag­ge für die Ein­heit Spa­ni­ens auf die Stra­ße.

FO­TO: AFP

Vi­ze-Pre­mier­mi­nis­te­rin Sora­ya Sáenz de Santa­ma­ría über­nimmt auf Wunsch von Mi­nis­ter­prä­si­dent Ma­ria­no Ra­joy die Amts­ge­schäf­te in der Re­gi­on bis zu den Neu­wah­len am 21. De­zem­ber.

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