„Straf­lo­sig­keit ist kei­ne Op­ti­on“

Die Prä­si­den­tin des Welt­straf­ge­richts über Sy­ri­ens Macht­ha­ber As­sad und die schwie­ri­ge Ver­fol­gung von De­s­po­ten

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - In­ter­view: ro­nen stein­ke

SZ: Frau Fernán­dez, war­um kann der sy­ri­sche Dik­ta­tor Ba­schar al-As­sad seit sechs Jah­ren mor­den und Gräu­el ver­üben, oh­ne Stra­fe fürch­ten zu müs­sen? War­um sind selbst die Er­mitt­lun­gen zum Gift­gas-Ein­satz letzt­lich nur für die Schub­la­de?

Sil­via Fernán­dez de Gur­men­di: Es ist sehr, sehr frus­trie­rend. Aber ich wür­de hin­zu­fü­gen: Es ist nicht die in­ter­na­tio­na­le Jus­tiz in Den Haag, wel­che die Au­gen ver­schließt vor den Ver­bre­chen in Sy­ri­en. Es ist die ge­sam­te in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft.

Wie mei­nen Sie das?

Es wä­re not­wen­dig, dass der UN-Si­cher­heits­rat uns Ju­ris­ten au­to­ri­siert, ge­gen die Ver­ant­wort­li­chen in Sy­ri­en zu er­mit­teln. Das ge­schieht trotz al­ler Ap­pel­le nicht. So ha­ben wir kei­ne Hand­ha­be.

wie­der los­sa­gen zu wol­len. Man ha­be es satt, dass im­mer nur Afri­ka­ner an­ge­klagt wür­den.

Das war zwi­schen­zeit­lich ein Pro­blem, ist aber ge­löst. Zwei die­ser Staa­ten ha­ben ih­re Mei­nung wie­der ge­än­dert. Ugan­da hat so­gar ei­nen Kan­di­da­ten für ei­nen Rich­ter­pos­ten am Ge­richts­hof no­mi­niert. Das zeigt, dass sie eher ver­su­chen wol­len, das Ge­richt von in­nen zu ver­än­dern.

Ist Ihr Ver­spre­chen von Ge­rech­tig­keit je­mals ein­lös­bar?

Un­ser hei­kels­tes Pro­blem ist ein­fach zu be­schrei­ben. Die Ver­bre­chen, von de­nen wir spre­chen, ha­ben rie­si­ge Aus­ma­ße. Meist be­tref­fen sie vie­le Tä­ter und Tau­sen­de Op­fer. Die in­ter­na­tio­na­le Jus­tiz hin­ge­gen ist klein. Es ist un­ver­meid­lich, dass sie se­lek­tiv her­an­geht. Ob es uns ge­fällt oder nicht: Wir müs­sen aus­wäh­len, wo­mit wir uns be­fas­sen und wo­mit nicht. Dar­über müs­sen wir of­fen spre­chen. Im Pro­zess ge­gen den kon­go­le­si­schen Mi­li­zen­füh­rer Tho­mas Lu­b­an­ga, dem ers­ten Pro­zess, den wir am Ge­richts­hof führ­ten, ent­schied sich die Staats­an­walt­schaft aus prag­ma­ti­schen Grün­den, den Be­schul­dig­ten nur we­gen ei­nes ein­zi­gen Ver­bre­chens an­zu­kla­gen, der Ver­skla­vung von Kin­dern als Kin­der­sol­da­ten. Vie­le Men­schen kri­ti­sier­ten dies. Denn es gab noch vie­le an­de­re Vor­wür­fe ge­gen ihn.

War das der fal­sche Weg?

Dar­aus hat man ge­lernt. Bei un­se­rem ak­tu­el­len Pro­zess ge­gen den ugan­di­schen Mi­li­zen­füh­rer Do­mi­nic Ong­wen, der üb­ri­gens sei­ner­seits als Kind zum Kin­der­sol­da­ten ge­macht wur­de, hat die Staats­an­walt­schaft ih­re ur­sprüng­li­che An­kla­ge er­wei­tert auf 70 An­kla­ge­punk­te, dar­un­ter Mord, Fol­ter, Ver­ge­wal­ti­gung, se­xu­el­le Ver­skla­vung und Plün­de­rung. So zeich­net die An­kla­ge ein voll­stän­di­ge­res Bild die­ses Bür­ger­kriegs. Trotz­dem muss uns klar sein: Die Jus­tiz kann sich nur mit ei­nem klei­nen Aus­schnitt der Wirk­lich­keit be­fas­sen.

Ei­ner der ers­ten Haft­be­feh­le des Straf­ge­richts­hofs er­ging ge­gen den su­da­ne­si­schen Dik­ta­tor Omar al-Ba­schir we­gen Be­tei­li­gung an Ver­bre­chen ge­gen die Men­sch­lich­keit, Völ­ker­mord und Kriegs­ver­bre­chen in Dar­fur. Das ist acht Jah­re her – und Ba­schir reist im­mer noch als Prä­si­dent durch die Welt. Ein Sym­bol für die Unan­tast­bar­keit der Mäch­ti­gen.

Be­den­ken Sie: Vor drei­ßig Jah­ren wä­re ein Herr Ba­schir über­haupt nichts Be­son­de­res ge­we­sen. Da­mals war die­se Straf­lo­sig­keit nor­mal. Heu­te fällt Herr Ba­schir Ih­nen auf – auch des­halb, weil sei­ne Straf­lo­sig­keit von vie­len als Skan­dal an­ge­pran­gert wird, vor al­lem von uns in Den Haag. Das zeigt ei­nen Be­wusst­seins­wan­del in der in­ter­na­tio­na­len Po­li­tik. Das ist na­tür­lich kei­ne Ar­beit, bei der man am Mon­tag et­was an­stößt und am Frei­tag die Er­geb­nis­se sieht. Aber die­ser Wan­del ist un­über­seh­bar im Gang.

Die EU um­warb Herrn Ba­schir zu­letzt so­gar als Part­ner bei der Flücht­lings­ab­wehr. Hat die Po­li­tik Sie ver­ges­sen?

Zwi­schen Po­li­tik und Recht herrscht im­mer Span­nung. Wenn Macht­in­ter­es­sen dem Recht ent­ge­gen­ste­hen, ver­liert in der Ab­wä­gung oft das Recht. Aber die Din­ge sind in Be­we­gung. Das Recht ge­winnt lang­sam an Ge­wicht.

Schreckt man Fa­na­ti­ker und Dik­ta­to­ren über­haupt ab mit Stra­fen?

Skep­sis ist zu­läs­sig. Wir ha­ben vor drei­ßig Jah­ren be­gon­nen mit der heu­ti­gen in­ter­na­tio­na­len Straf­jus­tiz in Den Haag, zu­nächst für das ehe­ma­li­ge Ju­go­sla­wi­en und Ruan­da. Gräu­el ge­gen Zi­vi­lis­ten sind seit­her nicht zu­rück­ge­gan­gen. Im Ge­gen­teil. Die ge­walt­sa­men Kon­flik­te wer­den im­mer un­über­sicht­li­cher – asym­me­trisch, hy­brid, in­ner­staat­lich. Des­to mehr lei­den Zi­vi­lis­ten. Aber ei­ne Sa­che ha­ben wir in je­dem Fall er­reicht in den drei­ßig Jah­ren. Heu­te herrscht ei­ne Er­war­tung, dass sich für schwers­te Gräu­el je­mand wird ver­ant­wor­ten müs­sen – selbst wenn der Ver­ant­wort­li­che ein ho­hes Amt be­klei­det hat. Und es wächst die Ein­sicht, dass dies für ei­nen nach­hal­ti­gen Frie­den auch not­wen­dig ist. Völ­li­ge Straf­lo­sig­keit ist kei­ne Op­ti­on mehr, wenn über die Bei­le­gung ei­nes Kon­flikts ver­han­delt wird. Auch in Sy­ri­en.

FO­TO: SAMEER AL-DOUMY/AFP

Grü­nes Licht statt ro­te Li­ni­en: Ein Kran­ken­haus­mit­ar­bei­ter in Da­mas­kus zeigt So­li­da­ri­tät mit den Op­fern ei­nes mut­maß­li­chen Gift­gas­an­griffs.

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