Licht und Schat­ten

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FORUM & LESERBRIEFE -

„Stück­werk ist gut“vom 13. Ok­to­ber:

Stolz auf das Er­reich­te

Nicht zum ers­ten Mal be­ein­druckt mich die Ab­ge­wo­gen­heit und Prä­zi­si­on ei­ner Stel­lung­nah­me des vor­ma­li­gen Ge­ne­ral­se­kre­tärs des Deut­schen Ca­ri­tas­ver­ban­des, Ge­org Cre­mer. Ent­ge­gen ei­ner ver­brei­te­ten Stim­mungs­ma­che hat es mit den Agen­da-Re­for­men kei­nen So­zi­al­staats­ab­bau in Deutsch­land ge­ge­ben, son­dern ei­nen Um­bau, mit viel Licht, aber auch ei­ni­gen Schat­ten­sei­ten. Die Ent­wick­lung zu ei­ner im­mer stär­ker aus­ge­präg­ten Un­gleich­heit der Se­kun­där­ein­kom­men wur­de aus­ge­rech­net mit den Agen­da-Re­for­men in Deutsch­land ge­stoppt. Man kann sich mit dem Maß an Un­gleich­heit nicht zu­frie­den­ge­ben, aber man soll­te dar­auf hin­wei­sen, dass die Agen­da-Re­for­men da­für kei­ne Ver­ant­wor­tung tra­gen und dass ei­ne Bil­dungs­po­li­tik im­mer wei­ter­ge­hen­der Aka­de­mi­sie­rung kein Ge­gen­mit­tel dar­stel­len kann.

„Wir müs­sen über Ge­rech­tig­keit und so­zia­le Si­che­rung in ei­ner Wei­se spre­chen, die auch an­er­kennt, was er­reicht wur­de“, schreibt Cre­mer. Das ist der Punkt: Ei­ne po­li­ti­sche Rhe­to­rik, in der un­ter­geht, dass die Stär­ke der deut­schen Öko­no­mie und der ro­bus­te So­zi­al­staat Le­bens­be­din­gun­gen er­mög­licht, die weit bes­ser sind, als in fast al­len ent­wi­ckel­ten Öko­no­mi­en: Nied­rigs­te Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit der Welt, Hal­bie­rung der Ge­samt­ar­beits­lo­sig­keit und der Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit in zehn Jah­ren, Sa­nie­rung öf­fent­li­cher Haus­hal­te, Auf­stieg vom kran­ken Mann Eu­ro­pas zum Sta­bi­li­täts­an­ker etc. – al­les kein Grund sich zu­rück­zu­leh­nen, aber Grund, sich der po­pu­lis­ti­schen Rhe­to­rik ent­ge­gen­zu­stel­len. Erst der Stolz auf das Er­reich­te kann Kraft ge­ben, die Her­aus­for­de­run­gen der Zu­kunft zu be­wäl­ti­gen: Di­gi­ta­li­sie­rung, In­te­gra­ti­on, ei­ne Neu­kon­struk­ti­on Eu­ro­pas und ei­ne so­li­da­ri­sche Welt­po­li­tik.

Prof. Ju­li­an Ni­da-Rü­me­lin, Mün­chen

Staats­mi­nis­ter a.D.

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