Ko­ali­ti­on der lie­bens­wer­ten Feind­schaft

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FORUM & LESERBRIEFE -

„Vor­bei die Zeit der war­men Wor­te“vom 27. Ok­to­ber und „Dschun­gel­camp der Po­li­tik“vom 21./22. Ok­to­ber:

Für Ar­bei­ter nichts zu bie­ten

Was He­ri­bert Prantl in „Dschun­gel­camp der Po­li­tik“als „fünf­te Jah­res­zeit der De­mo­kra­tie“be­zeich­net, ist in Bre­men der „Bre­mer Frei­markt“. An­sons­ten hat die „Ja­mai­ka“-Ko­ali­ti­on für die nor­ma­len Ar­beit­neh­mer/in­nen nichts zu bie­ten. So­zia­le Ge­rech­tig­keit? Was ist das denn? Woh­nungs­not der Hartz-IV-ler/in­nen, weil seit Jahr­zehn­ten nicht ge­nug preis­wer­te und vor al­lem klei­ne So­zi­al­woh­nun­gen ge­baut wur­den – in­ter­es­sie­ren sich die „Ja­mai­ka­ner“eher nicht da­für. Zum The­ma „Ja­mai­ka“-Ko­ali­ti­on aus CDU/CSU, FDP und Grü­nen in Ber­lin kann das Bun­des­land Bre­men auf Er­fah­run­gen der ers­ten „Am­pel“-Ko­ali­ti­on aus SPD, FDP und Grü­nen 1991 ver­wei­sen, die 1995 durch vor­zei­ti­ge Neu­wah­len zur Bre­mi­schen Bür­ger­schaft im Streit zu En­de ging. Glei­ches kön­nen wir si­cher­lich auch im Ber­li­ner Bun­des­tag er­war­ten. Denn wer sich wie die FDP und die Grü­nen in „lie­bens­wer­ter Feind­schaft“ge­gen­über­steht, dem traut man/Frau al­les zu. Der zeit­ge­schicht­li­chen Ord­nung hal­ber sei noch ver­merkt, dass die FDP 1995 für zwölf Jah­re nicht mehr in Frak­ti­ons­stär­ke im Bre­mer Land­tag (Bür­ger­schaft) ver­tre­ten war. Ein in­ter­es­san­ter zeit­ge­schicht­li­cher Aspekt, der zum Nach­den­ken an­re­gen soll­te. Klaus Jür­gen Le­win, Bre­men

Dümm­li­cher Be­griff

Nicht erst seit der Bun­des­tags­wahl, aber seit­her je­den Tag und das mehr­mals in al­len Me­di­en, wird uns der al­ber­ne, ja kin­di­sche Be­griff von der „Ja­mai­ka“-Ko­ali­ti­on auf­ge­tischt. Die gan­ze An­ge­le­gen­heit der Re­gie­rungs­bil­dung – es geht ja schließ­lich um die Zu­kunft Deutsch­lands – ist viel zu ernst und soll­te nicht mit der­ar­tig dümm­li­chen Wor­ten ver­bun­den wer­den. Die po­li­tisch In­ter­es­sier­ten wis­sen näm­lich mitt­ler­wei­le, wel­che Par­tei­en mit­ein­an­der ver­han­deln und even­tu­ell dann auch re­gie­ren. Ich den­ke mit Grau­en an die nächs­ten vier Jah­re, wenn je­den Tag von der „Ja­mai­ka“-Ko­ali­ti­on ge­schwa­felt wird.

Udo Acker, Gra­fing

Zä­hes Rin­gen für die Ga­le­rie

Als Wäh­ler reibt man sich doch eher ver­wun­dert die Au­gen, wenn Par­tei­en, die vor der Wahl nicht un­ter­schied­li­cher sein konn­ten, nun ei­nen ge­mein­sa­men Wer­te­ka­non de­fi­nie­ren. Da­bei wird doch nur der An­schein von „Ver­hand­lun­gen“er­weckt, zä­hes Rin­gen für die Ga­le­rie be­trie­ben, hier und da ei­ne „ro­te Li­nie“mar­kiert, die im Zwei­fel mal eben über­schrit­ten wird we­gen der nor­ma­ti­ven Kraft des Fak­ti­schen, vor­her Un­ver­ein­ba­res zum ge­mein­sa­men Pro­jekt er­ho­ben. Kon­ver­genz­theo­rie in der Par­tei­en­land­schaft, da brau­chen wir ei­gent­lich kei­ne fünf, sechs, sie­ben Par­tei­en mehr, wenn al­les nach der Wahl dem Fe­tisch Kon­sens/Kom­pro­miss ge­op­fert wird.

Wie viel von blu­mi­gen Wahl­ver­spre­chen zu hal­ten ist, hat Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel mal wie­der auf wun­der­ba­re Wei­se vor­ex­er­ziert mit dem Tür­kei­b­ei­tritts­ver­hand­lungs­ab­bruch­ver­spre­chen. Nach der Wahl? Sor­ry, geht doch nicht. Aber ich hab’ mich be­müht. Die­ses Schau­spiel, die­ses Win­dow-Dres­sing, das letzt­lich der Ver­tei­lung von Pos­ten ge­schul­det ist, wird die Po­li­tik­ver­dros­sen­heit wei­ter för­dern.

Man­fred Büh­ring, Flens­burg

Kein Grund zum Schei­tern

Der Vor­sit­zen­de der CSU-Lan­des­grup­pe, Alex­an­der Do­brindt, ver­kün­det laut je­dem, der es hö­ren oder nicht hö­ren will, dass es aus Sicht der CSU kei­ne schwarz­grün-gel­be Re­gie­rung ge­ben kön­ne, wenn in der Zu­wan­de­rungs­po­li­tik der zwi­schen den C-Par­tei­en aus­ge­han­del­te Wert von ma­xi­mal 200 000 nicht zwi­schen al­len vier Par­tei­en fest­ge­schrie­ben wür­de. Des­halb ist hier jetzt drin­gend die CDU ge­for­dert, ih­re wild­ge­wor­de­ne klei­ne „Schwes­ter“zu zü­geln. Was Ka­trin Gö­ring-Eckardt sagt, wird See­ho­fer & Co. eher re­la­tiv egal sein, aber Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel müss­te ih­nen sehr deut­lich ma­chen, dass ge­nau die Wor­te der Grü­nen rich­tig sind: Die Kom­pro­miss­for­mel wur­de ge­sucht, um mit ei­ner ge­mein­sa­men Po­si­ti­on in Son­die­rungs­ge­sprä­che und mög­li­che Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen zu ge­hen. Nicht in der Maß­ga­be, ge­nau das müs­se dann in ei­nem mög­li­chen Ko­ali­ti­ons­ver­trag von vier Par­tei­en ste­hen.

Die Ge­sprä­che dür­fen nicht we­gen die­ses Punk­tes en­den, wenn es mit FDP und Grü­nen auf ei­ne an­de­re aus­zu­han­deln­de Re­ge­lung hin­aus­lau­fen muss. Nur weil die CSU – die kleins­te der vier in der ak­tu­el­len Run­de – um ih­re ab­so­lu­te Mehr­heit in Bay­ern fürch­tet, nur weil sie meint, oh­ne die­se Ober­gren­ze da­ho­am Stimmen zu ver­lie­ren, darf der oh­ne­hin noch längst nicht si­che­re Er­folg der Ge­sprä­che für ganz Deutsch­land nicht aufs Spiel ge­setzt wer­den. Und des­halb muss die CDU, gern erst ein­mal bi­la­te­ral, wenn nö­tig dann aber auch öf­fent­lich, sehr deut­lich ma­chen: Mit uns gibt es kei­ne star­re Li­nie für den mit der CSU als Ver­hand­lungs­po­si­ti­on ver­ein­bar­ten Richt­wert, dar­an las­sen wir die Ge­sprä­che nicht schei­tern.

Fried­rich-Karl Bruhns, Mün­chen

FO­TO: DPA

Wo hakt’s? Micha­el Kell­ner (Bünd­nis 90/Die Grü­nen), Ni­co­la Beer (FDP), Pe­ter Tau­ber (CDU) und Andre­as Scheu­er (CSU) in ei­ner Ver­hand­lungs­pau­se vor der Par­la­men­ta­ri­schen Ge­sell­schaft in Ber­lin.

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